Truman Burbank (Jim Carrey) weiß nicht, dass er die Hauptfigur in einer TV-Reality-Show ist und die Stadt, in der er seit seiner Geburt lebt, nur eine Kulisse unter einer riesigen Kuppel mit künstlichem Klima, bevölkert von Schauspielern und Statisten. Der Film kombiniert Motive des theatrum mundi mit Elementen klassischer All-Überwachungs-Dystopien. Bemerkenswerterweise weckt ein defekter Scheinwerfer, der von der Kuppel stürzt, bei Truman erste Zweifel an der Realität seiner Wirklichkeit. Das Panorama verrät sich als Medium. – Bernd Klöckener
1995 – Orbis Pictus Revisited
Interaktive Amsterdamer Medieninstallation zu Comenius’ didaktischem Gesamtkompendium von 1658. – Johannes Ullmaier
Weblinks:
1993 – Ausstellung Sehsucht – Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts
In der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD in Bonn findet die bislang profundeste und reichhaltigste Einzelschau zur Geschichte und technischen Faktur panoramatischer Medien vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert statt. Der dazu erschienene Katalog ist bis heute das materialreichste Einzelkompendium zum Thema. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Plessen, Marie-Louise von/Giersch, Ulrich (Hgg.): Sehsucht. Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main: Stroemfeld / Roter Stern 1993
1990 – Voyager-1-Foto der Erde: Pale Blue Dot (Carl Sagan)
Am 14. Februar 1990 macht die 1977 gestartete Weltraumsonde Voyager 1 auf Drängen des Astronomen Carl Sagan eine letzte Drehung zurück zur Erde. Aus einer Entfernung von mehr als 6 Milliarden Kilometern entsteht das bis heute aus der weitesten Entfernung aufgenommene Foto unseres Planeten. Darauf ist die Erde als winziger, blassblauer Lichtpunkt zu erkennen, beinahe verloren in den weiten Staubbahnen des Sonnenlichts.
Das Bild inspiriert Sagan später zu dem Buch Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space (1994). Darin reflektiert er über die Zerbrechlichkeit und Einzigartigkeit unserer Welt. Berühmt wurde seine Interpretation des Fotos: “We succeeded in taking that picture [from deep space], and, if you look at it, you see a dot. That’s here. That’s home. That’s us. On it, everyone you ever heard of, every human being who ever lived, lived out their lives.“ (Sagan, Pale Blue Dot, S. 6)
Pale Blue Dot ist eines der ikonischen Bild der Astronomie und der panoramatischen Verdichtung kosmischer Weite und irdischer Moralität: Der kaum wahrnehmbare Fleck macht augenfällig, wie klein die Erde im kosmischen Maßstab ist und wie groß die Verantwortung, die wir für diesen blassen blauen Punkt tragen. – Antonia Schindler (2026)
Literatur / Quellen:
- Sagan, Carl / Ann Druyan: Pale blue dot: A vision of the human future in space. New York: Ballantine books 2011.
Weblinks:
🖙 NASA
1990 – Hubble-Weltraumteleskop

Am 24. April 1990 transportiert ein Space Shuttle das 13,2 m lange und 11,1 t schwere Teleskop mit einem Durchmesser von 4,3 m in eine Umlaufbahn in 611 km Erddistanz. Da Großteleskope auf der Erde wegen der Erdatmosphäre in ihrer Bildqualität eingeschränkt sind und die Erdatmosphäre nur im optischen Bereich, in einigen schmalen Infrarotfenstern sowie in großen Teilen des Radiobereichs durchlässig ist, konkretisierte sich in der Astrophysik nach 1945 der Wunsch, Teleskope auch im Weltraum zu positionieren. Wurden die ersten, vor allem durch die Orbiting Astronomical Observatories der NASA seit den 1960er-Jahren entwickelten Satelliten- und Weltraumteleskope vorwiegend dazu eingesetzt, Objekte in Wellenbereichen zu beobachten, die nicht von der Erdoberfläche zugänglich sind, sollte das nach Edwin P. Hubble benannte Weltraumteleskop – ebenso wie sein Nachfolger, das James-Webb-Weltraumteleskop, ein gemeinsames Projekt der NASA, ESA und CSA – auch im optischen Bereich Bilder liefern. Die ersten Bilder des mit einem Spiegel von 2,4 m Durchmesser ausgestatteten Teleskops sind zunächst unscharf, weswegen über zweieinhalb Jahre hinweg ein System zur Korrektion des Spiegels entwickelt und schließlich eingebaut wird. Das Projekt Hubble Deep Field ermöglicht mittels extrem lang belichteter Aufnahmen einer Himmelsgegend die Beobachtung weit entfernter Galaxien. Seit Mitte der 1990er-Jahre bestimmen die Hubble-Aufnahmen, in zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Dokumentationen popularisiert, für fast drei Jahrzehnte den Bildstandard der weitesten menschlichen Blicke ins All. – Kaim Bozkurt
1989 – World Wide Web
Der konkrete Anlass für die Entwicklung des World Wide Web ist ein praktisches und zunächst unscheinbares Problem: Am Forschungszentrum CERN in der Schweiz, einer internationalen Einrichtung für physikalische Grundlagenforschung, arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, haben jedoch Schwierigkeiten, Informationen und Dokumente effektiv zu teilen, da unterschiedliche Computersysteme und Datenformate genutzt werden. Aus diesem alltäglichen Problem entsteht die Idee eines universellen Informationssystems, das den einfachen Zugriff und Austausch von Wissen über Netzwerkgrenzen hinweg ermöglicht.
Die technischen und konzeptionellen Grundlagen für diese Idee reichen jedoch weit zurück. Bereits seit den 1960er-Jahren entsteht mit dem ARPANET ein Vorläufer des Internets, ein vom US-Verteidigungsministerium gefördertes Netzwerk, das zunächst der sicheren Kommunikation zwischen Forschungseinrichtungen dient. In den folgenden Jahrzehnten entstehen darauf aufbauend verschiedene Netzwerkdienste sowie Ideen zur Verknüpfung von Informationen (Hypertext-Konzepte), die später in das World Wide Web einfließen.
Vor diesem Hintergrund formuliert der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee 1989 am CERN seinen ersten Vorschlag („Information Management: A Proposal“), in dem er ein System aus Hypertext-Dokumenten beschreibt. In den darauffolgenden Jahren entwickelt er die zentralen Technologien des WWW: die Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language), das Übertragungsprotokoll HTTP sowie den ersten Webbrowser und Webserver. 1991 wird das World Wide Web erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Einen entscheidenden Schritt für seine weltweite Verbreitung stellt die Entscheidung des CERN dar, das System 1993 lizenzfrei zur Verfügung zu stellen. Mit der raschen Verbreitung grafischer Webbrowser ab Mitte der 1990er-Jahre (wie etwa Mosaic oder später Netscape Navigator) wird das World Wide Web schließlich auch für eine breite Öffentlichkeit zugänglich und entwickelt sich in kurzer Zeit zu einem zentralen Medium der globalen Informationsgesellschaft.
Das World Wide Web ist heute ein interaktives, frei zugängliches und kostenloses Informationssystem, das einen internationalen Austausch in der Kommunikation und von Dokumenten ermöglicht. Es wird häufig mit dem Internet gleichgesetzt, was jedoch fehlerhaft ist, da es nur einen von dessen Diensten bildet, zu denen unter anderem E-Mail, Dateitransfer oder Chat-Anwendungen zählen. Nach seiner raschen Einführung spannt sich das WWW über den gesamten Globus, wenn auch in sehr unterschiedlichen Dichten. Die einzelnen Sites sind durch Hyperlinks verknüpft und werden über Netzwerkprotokolle (HTTP oder HTTPS) übertragen. Webseiten enthalten Texte und werden zusätzlich häufig durch Bilder illustriert sowie mit Videos und Musikstücken ergänzt.
Mediengeschichtlich kann das WWW als das panoramatische Medium par excellence begriffen werden: Durch die Verknüpfung unzähliger Dokumente entsteht der Eindruck eines potenziell vollständigen Überblicks über Wissen und Welt. Zugleich ist dieser digitale Kosmos nicht grenzenlos, sondern strukturell begrenzt: Zugangsmöglichkeiten, technische Infrastruktur sowie algorithmische Auswahlprozesse bestimmen, welche Inhalte sichtbar sind. Dadurch entsteht kein vollständiges Gesamtbild, sondern ein gefilterter und perspektivisch geprägter Ausschnitt der Welt.
Ohne das World Wide Web gäbe es das Internet in seiner heutigen Form als global genutztes Massenmedium nicht. Es hat zu einem revolutionären Wandel in nahezu allen Lebensbereichen geführt. Die Art und Weise, wie, womit und wie intensiv kommuniziert wird, verändert sich drastisch. Es beeinflusst nicht nur das menschliche Kommunikationsverhalten, sondern auch die Mediennutzung stark und führt dazu, dass sich Geschäftsmodelle verändern oder neu entstehen. In seiner kulturellen Bedeutung wird das Internet früh mit der Erfindung des Postwesens (E-Mail) und des Buchdrucks verglichen und als bedeutender Fortschritt in der Geschichte der Menschheit betrachtet. Denn fast schlagartig dringen mit seiner Einführung große Mengen an Informationen, Nachrichten, Sprachen und Codes über ihre vormals regionalen Sphären hinaus – zugleich aber auch Manipulation und Sabotage, Lügen, Hass und Unsinn. Binnen Sekunden erreicht nun sowohl Konstruktives als auch Zersetzendes „die ganze Welt“. – Aileen Derstroff (2026)
Literatur / Quellen:
- Berners-Lee, Tim / Mark Fischetti: Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Webs über das grenzenlose Potential des Internets. München: Econ 1999
- Berners-Lee, Tim: This Is for Everyone. London: Macmillan 2025.
Weblinks:
1987 – Where’s Wally?
Kinderbuch-Serie des britischen Illustrators Martin Handford. Auf den großformatigen Wimmelbildern der Bände ist, inmitten hunderter Figuren, stets der Weltenbummler Wally (in anderen Ländern heißt er Waldo, Walter, Willy, Valli) abgebildet, zu erkennen an der Pudelmütze, schwarzen Brille und seinem weiß-rot gestreiften Shirt. – Bernd Klöckener
Weblinks:
1986 – David Hockney, Fotocollage The Grand Canyon Looking North II
Im September 1982 besucht der Maler David Hockney das Naturdenkmal des Grand Canyon. Von der dortigen Aussichtsplattform aus nimmt er den Blick nach Norden auf, indem er mit einer Pentax 100 unzählige einzelne Fotografien anfertigt. Hierfür dreht er sich mit der Kamera langsam, um die Aussicht im panoramatischen Format einzufangen. Das Ergebnis ist allerdings keine nahtlose Panoramalandschaftsfotografie, wie sie später mit jedem Smartphone anzufertigen ist. Vielmehr entwickelt Hockney die einzelnen Fotografien (nur Querformate), wählt aus und setzt diese 1986 als rasterförmige Collage zu einem ca. 110 × 322 cm großen Bild zusammen. Dieses zeigt also einerseits den großartigen Ausblick in überbreitem Format, deutlich aber auch den jeweils einzelnen (Kamera-)Blick mit je eigener Zeitlichkeit (an den Lichtverhältnissen erkennbar). Hockneys Fotocollage thematisiert einen Allerfassungsanspruch, der mit der Verwendung des vermeintlich hierfür besonders geeigneten Mediums der ‚objektiven‘ Fotografie unterstrichen wird. Durch deren unkonventionellen Gebrauch wird allerdings die Begrenztheit (oder Kontingenz) jeder medialen Allerfassung und Gesamtrepräsentation zugleich aufgelöst und ausgestellt. Das Werk gehört zur Gruppe der sogenannten ‚joiner‘. Zu Beginn der 1980er experimentiert Hockney mit dem Zusammenfügen mehrerer Fotografien zu einem Bild, wodurch er ein Bild aus verschiedenen Blickeinstellungen komponieren kann, welches den Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozess des Gegenstands in der Zeit nachvollziehbar bleiben lässt. Zu Beginn nutzt er hierfür auch die Polaroid-Technik. Teilweise haben diese ‚joiner‘ gebogene Formate oder fransen an den Rändern aus; sie suggerieren somit, dass das mit dem Auge erforschte Motiv hier genau die Ausdehnung erhält, die es braucht, um ‚richtig‘ im Sinne von ‚authentisch‘ oder ‚überzeugend‘ zu sein. – Clara Wörsdörfer
Literatur / Quellen:
- Hockney, David: Photographe, Paris: Centre Georges Pompidou 1982
Weblinks:
🖙 Schlagwörter: 360°, Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Draufblick, faktual, Fernblick, Foto, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, schematisch, Überbreite, visuell, Zugleichspräsentation
1985 – Katalog-Anthologie Alles und noch viel mehr
Tausendseitige Ausstellungs- und (Kunst-)Epochendokumentation mit sehr weitgespanntem Spektrum, das von „Bild + Text“ über „Song/Audio“ oder „Szene/Drama“ bis zu „Zeichen“ oder „Philosophie“ reicht. Alle Sektionen sind einem Buchstaben des Alphabets zugeordnet, wenngleich außer bei „V“ für „Video“ keine Übereinstimmung mit den Rubrikennamen herrscht. Auch läuft das Alphabet nicht wie gewohnt von A bis Z durchs Buch, sondern – quasi als Rundkette – von X bis Z und dann von A bis W. In der Präambel reflektiert der Herausgeber die Dialektik allumgreifender Bestrebungen: „Der Sinn von ALLES UND NOCH VIEL MEHR liegt darin, einmal das kreative Potential vereint zu zeigen […]. Es scheint mehr zu sein, als es tatsächlich ist, und ist plötzlich tatsächlich mehr. […] Bei ALLES UND NOCH VIEL MEHR handelt es sich um das VIEL MEHR, ein überschwängliches, systemsprengendes, luxuriöses Moment, wie in der anderen Richtung um das ETWAS, das WENIG oder gar das NICHTS, welches die zwanghaften Grenzen des ALLES überschreitet. Denn ALLES ist der Totalitarismus der Macht, der die zentralistische Lenkung perfektioniert und Einverleibungen durch klare Grenzziehung markiert. ALLES ist der Wahn der absoluten Kontrolle, des Gleichschritts und der Nivellierung des Heterogenen […], der Anspruch des reinen Wissens, das […] weder eine sinnvolle Selbstbeschreibung kennt noch den Flug der Gedanken, welche das VIEL MEHR charakterisieren.“ (Lischka (Hg.), Alles und noch viel mehr, S. 7). – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Lischka, Gerhard Johann (Hg.): Alles und noch viel mehr. Das poetische ABC, Bern: Bentelli 1985
Weblinks:
1984 – 360°-Filmsystem Swissorama
Zylindrisches 360°-Filmaufnahme- und -Projektionsverfahren, entwickelt von Ernst A. Heiniger und 1984 uraufgeführt im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. Es ermöglicht erstmals eine nahtlose Projektion auf eine zylindrische Leinwand und verwendet dafür eine spezielle Fischaugen-Linse an einer 65 mm Kamera, die bei der Aufnahme von einem Plexiglaszylinder umfasst und nach unten gerichtet wird. Durch den Einsatz von nur einer Kamera und einem Filmnegativ können die Aufnahmen direkt auf 70 mm umkopiert werden. Ein runder Frame mit schwarzem Zentrum wird anschließend bei der Vorführung von der Deckenmitte des kreisrunden Kinos durch einen Projektor mit einer identischen Fischaugen-Linse verzerrungsfrei und nahtlos auf die zylindrische Leinwand (60 × 5 m) projiziert. Der erste Film im Swissorama-Verfahren, Impressionen der Schweiz (CH 1984, R: E. A. Heiniger), zeigt bei einer Spiellänge von 20 min eine touristische Reise durch die Schweiz und wird von Musik über 6-Kanal-Stereoton begleitet. – Kaim Bozkurt
Literatur / Quellen:
- Piccolin, Lucas: „Rundumkinos. Vom Panorama zu 360°-Filmsystemen.“. In: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 78 (2007)
- Kiessling, Maren: „Domografie. Visuelle Narration im Fulldome“. In: CINEMA 63 (2018), S. 98–112, S. 98–112
