1983 – Valère Novarina, 2587 Figuren aus ‚Le Drame de la vie‘ [Das Drama des Lebens]


Am 5. und 6. Juli zeichnet der französische Autor und Maler Valère Novarina (* 1942 bei Genf) im achteckigen großen Saal des Saint-Nicolas-Turms in der französischen Stadt La Rochelle 24 h lang fast ohne Unterbrechung die 2587 Figuren seines Theaterstücks Le Drame de la vie [dt. Das Drama des Lebens]. Im Jahr darauf erscheint der Text als Buch. Die Bühnenfassung wird 1986 in der Regie des Autors beim Festival von Avignon uraufgeführt, wofür er auch selbst die Kulissen malt. Die szenische Anordnung seiner Zeichen-Performance hatte er bereits 1970 in seinem ersten Theatertext L’Atelier volant [dt. Die fliegende Werkstatt] beschrieben, in dem einer der drei Schauplätze die „Werkstatt“ ist: ein Erdgeschoss, als erste Etage ein horizontal gelegtes Wagenrad, mit Stegen zum Hinaufklettern. Im Saint-Nicolas-Turm stehen nun ein Tisch mit gläserner Tischplatte und ein Stuhl auf dem zentral an der Decke aufgehängten riesigen hölzernen Rad. Am frühen Morgen des 5. Juli erklettert es der Autor schwarz gekleidet in weißen Turnschuhen über ein Podest. Zugegen sind acht hell gekleidete Schauspieler, sechs „Aufhänger“ in weißen Latzhosen, die dunkel gekleidete Spielleiterin sowie der Turmwächter, der den Zugang verschließt. Der Künstler legt den Stapel weißer Papierbögen mit den Namen aller zu zeichnenden Figuren auf den transparenten Tisch, dazu dicke Rotstifte, schwarze Tusche, Zeichenfedern. In den Nischen des runden Außenstegs und im Treppenhaus beginnen die Schauspieler die 2587 Namen zu verlesen, die nach draußen übertragen und zeitgleich über den Radiosender France Culture gesendet werden, während Novarina konzentriert und schweigend, nur unter gelegentlichem Aufstampfen des Fußes, von unten sichtbar zeichnet. Die Spielleiterin sammelt die getrockneten Zeichnungen ein, die von den „Aufhängern“ rundum an den Wänden des kreisförmigen Raumes befestigt werden und sie so zunehmend bedecken. Mit einbrechender Dunkelheit erstrahlt ein Neonschriftzug mit der Zahl 2587 auf der Turmspitze. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages zeichnet Novarina „Adam“ auf das letzte Blatt. Die Zeichnungen werden in der Folge vielfach ausgestellt, etwa 1986 beim Festival von Avignon im „Theologischen Saal“ des Papstpalasts. Eine Auswahl von 100 Zeichnungen wird 1986 als Buch publiziert. Der Katalog der Ausstellung Théâtre des dessins in Barcelona 2010 dokumentiert die Performance mit Fotos und Abbildungen. 2023 erscheint unter dem Titel La Clef des langues [dt. Der Schlüssel der Namen] eine 507-seitige Druckfassung mit 663 Zeichnungen sowie allen Namensaufzählungen aus Novarinas Werken, gefolgt von 500 zitierten Gottesdefinitionen. Die letzte Seite zeigt ein Foto der Zeichenperformance im runden Turmsaal in La Rochelle. – Leopold von Verschuer

Literatur / Quellen:

  • Novarina, Valère: Le Drame de la vie, Paris: P.O.L. 1984
  • Novarina, Valère: 100/2587, einhundert Zeichnungen, Paris/Dijon: Beba/Le Consortium 1986
  • Novarina, Valère: Théâtre de dessins: 2587 personnages et 311 définitions de Dieu, Barcelona: Eumo Editorial / Arts santa Mònica 2010
  • Novarina, Valère: La Clef des langues, Paris: P.O.L. 2023

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 offizielle website Valère Novarina

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1982 – Videospielreihe, Microsoft Flighstimulator

Die Videospielreihe Microsoft Flightsimulator verspricht seit 1982, via Flugsimulation über den eigenen Heimcomputer möglichst realistisch an jeden Ort der Welt gelangen zu können. Die erste Version konnte lediglich acht Fluginstrumente und eine 2D Ebene darstellen. Demgegenüber benutzt der nunmehr zwölfte Ableger der Videospielreihe, der Microsoft Flight Simulator 2024, fortgeschrittene Methoden, um die gesamte Erde darzustellen. Zum einen setzt er per Algorithmus vorgefertigte Häuser, Straßen oder Bäume an jene Stellen in der digitalen Welt, wo sie auf der Onlinekarte von Bing zu finden sind. Zum anderen benutzt er bei größeren Städten Photogrammetrie (eine Technik, bei der durch die Analyse und Vermessung von Fotografien virtuelle 3D-Gebäude erstellt werden). Die höchste Stufe der Detailtreue lässt sich im Simulator jedoch dann finden, wenn Flughäfen oder Sehenswürdigkeiten per Hand (also nicht über einen Algorithmus) von einem Entwicklerteam digital nachgebaut wurden. Das Hauptentwicklerteam Asobo stattet den Simulator zusätzlich kontinuierlich mit „World Updates“ aus. Insgesamt beträgt die Größe dieser digitalen Welt über zwei Millionen Gigabyte. Um diese Datenmenge für einen Heimcomputer nutzbar zu machen, lädt der PC immer nur die Landschaften von einem Server herunter, die gerade in Reichweite des virtuellen Flugzeugs sind. Je nach Region schwankt der Detaillierungsgrad, sodass eine Person aus Wien sein/ihr Haus genau erkennen kann, wohingegen eine Person aus Damphu (Dorf im Buthan) im Flugsimulator nur auf ein generisches Haus trifft. Wer eine eigene Haustür hat, kann aber trotzdem davor landen, egal auf welchem Punkt der Erde – man muss nur das passende Luftfahrzeug wählen. – Till Bertram

Weblinks:

🖙 Offizielle Website

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1982 – Heimkino-Raumklang-Technik, Dolby Surround


Erste Vorstellung und Einführung eines – noch analogen – Mehrkanal-Raumklang-Tonsystems für den Heimbereich durch die Firma Dolby Laboratories. Eine Dolby-Surround-Anlage umfasst einen Verstärker mit Dekoder/Konverter und drei Lautsprecher für vorne links, vorne rechts sowie einen dritten „Center“-Lautsprecher, eben den Surround-Kanal, der ein über das HiFi-gewohnte Stereo-Panorama (dessen Datenmaterial hier als Ausgangssignal weiter zugrundeliegt) hinausgehendes 360°-Hörerlebnis gewährleisten soll. Seither mit Dolby Pro Logic (1987), Dolby Pro Logic II (2000) und zahlreichen weiteren Updates kontinuierlich fortentwickelt und der Mediendigitalisierung angepasst. – Kira Gass

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Dolby-Arten

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1981 – Cyclomedia

Cyclomedia ist ein niederländisches Unternehmen im Bereich geografischer Informationssysteme, das sich auf die systematische Erfassung realer Umgebungen mithilfe hochauflösender 360-Grad-Panoramabilder, sogenannte Cycloramas, spezialisiert.

Die Grundlage dieser Bildproduktion ist ein mobiles Kamerasystem, das auf Fahrzeugen montiert wird und sich entlang von Straßen bewegt. Während der Fahrt werden in regelmäßigen Abständen überlappende Rundumaufnahmen erzeugt, die eine lückenlose Erfassung des Straßenraums ermöglichen. Die einzelnen Panoramen werden anschließend in einer Datenbank gespeichert und miteinander verknüpft, sodass ein zusammenhängender, digital navigierbarer Raum entsteht. Gleichzeitig ist die Bildqualität so hoch und die geometrische Verortung so präzise, dass innerhalb der Aufnahmen Messungen vorgenommen und dreidimensionale Modelle erzeugt werden können.

Die Entwicklung dieser Technologie lässt sich bis in die 1980er-Jahre zurückverfolgen. Erste Forschungsarbeiten zur Panoramafotografie entstehen an der Technischen Universität Delft, wo der Prototyp eines entsprechenden Kamerasystems entwickelt wird. Im Folgenden wird die Technik weiter ausgebaut und in den 1990er-Jahren in kommerzielle Anwendungen überführt. Ein frühes Beispiel für ihre praktische Nutzung ist die vollständige fotografische Erfassung der Stadt Rotterdam Mitte der 1990er-Jahre. Seitdem werden die Systeme kontinuierlich weiterentwickelt, insbesondere im Hinblick auf digitale Bildverarbeitung, automatisierte Auswertung und die Integration zusätzlicher Kameratechnologien.

Ziel von Cyclomedia ist es, die physische Welt in detaillierte, verlässliche Datensätze zu überführen, die als Grundlage für Analyse, Planung und Entscheidungsprozesse dienen können. Die erfassten Bildräume werden deshalb nicht primär für eine allgemeine Öffentlichkeit bereitgestellt (wie später ➚ Google Earth und ➚ Google Street View), sondern vor allem von Institutionen, Verwaltungen oder Unternehmen genutzt. Die Panoramaaufnahmen dienen damit nicht nur der Darstellung, sondern vor allem der operativen Nutzung von Raum.

Die Nutzung dieser Daten ist eng an spezifische Anwendungsbereiche gebunden. Insbesondere öffentliche Verwaltungen greifen auf die Bilddaten zurück, um Infrastrukturen zu planen, zu überwachen und zu verwalten, etwa im Bereich von Straßen, Verkehrsführung oder städtischer Entwicklung. Darüber hinaus werden die Panoramen für die Kontrolle und Aktualisierung von Kartenmaterial eingesetzt sowie zur Erstellung dreidimensionaler Stadtmodelle und virtueller Umgebungen. Durch die hohe Genauigkeit der Aufnahmen sind auch photogrammetrische Messungen möglich, wodurch sich Objekte im Raum exakt verorten lassen.

Ein weiterer Anwendungsbereich liegt in der automatisierten Auswertung der Bilddaten, etwa bei der Erkennung von Verkehrszeichen oder anderen Infrastrukturelementen. Signifikant ist dieses Verfahren insofern, als es große und komplexe räumliche Zusammenhänge effizient erfassbar und vergleichbar macht.

Der panoramatische Charakter des Systems ergibt sich aus der Verbindung von Rundumsicht und serieller Organisation. Jeder einzelne Aufnahmeort bietet eine vollständige 360-Grad-Perspektive, während die Vielzahl der miteinander verknüpften Aufnahmen einen kontinuierlichen, durchquerbaren Raum erzeugt. Auf diese Weise entsteht der Eindruck eines umfassenden Überblicks, der nicht an ein einzelnes Bild gebunden ist, sondern sich aus der Gesamtheit der Daten ergibt.

Zugleich beruht dieser Überblick auf einer technisch erzeugten und strukturierten Form von Sichtbarkeit. Der erfasste Raum erscheint vollständig, ist jedoch auf diejenigen Bereiche beschränkt, die tatsächlich aufgenommen wurden. Auch die zeitliche Dimension spielt eine Rolle, da die Aufnahmen nur einen bestimmten Zustand der Wirklichkeit festhalten. Das so entstehende Panorama ist daher kein neutrales Abbild, sondern ein spezifisch produzierter Ausschnitt, der durch technische Verfahren und institutionelle Anforderungen geprägt ist. – Aileen Derstroff (2026)

Weblinks:

🖙 Cyclomedia Webseite
🖙 Wikipedia

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1980 – Fred Frith, The Entire Works of Henry Cow

Auf dem LP-Sampler Miniatures (A Sequence Of Fifty-One Tiny Masterpieces Edited By Morgan-Fisher), dessen Konzept darin besteht, allen Beteiligten je eine Minute Raum zu geben, ballt Fred Frith (unmittelbar nachdem David Beford Wagner’s Ring in One Minute abgehandelt hat) per collagierender Überschichtung sämtliche Stücke seiner langjährigen, doch zuvor aufgelösten Band Henry Cow auf engstem Raum zusammen. In den Liner Notes erläutert Kompilator Morgan-Fischer: „This is probably the densest piece on this LP. It contains a portion of every single track by Fred’s old band Henry Cow, assembled according to a strict mathematical system. Listen carefully, you can hear Dagmar Krause, Lindsay Cooper, Chris Cutler, Tim Hodginson, Geoff Leigh, Johnn Greaves, Anthony Moore, and Peter Blegvad.“ Einzelnes herauszuhören ist jedoch schwierig, weil in Friths Mikro-Pansonorama zwar ‚alles da‘, doch zwischen Maximalverdichtung und (Selbst-)Vernichtung so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Miniatures auf Discogs

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, begrenzte Allheit, Denkmal, faktual, fiktional, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Hörwerk, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, schematisch, Text, Unterhaltung, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

ca. 1980 – David Hockney, Joiners


In den 1980er Jahren erschafft der britische Maler und Fotograf David Hockney seine aus mehreren Bildern zusammengefügten Fotocollagen, die er Joiners nennt. Dafür benutzt er die nebeneinander liegenden Polaroid-Snaps und später auch 35-mm-Filmabzüge. Solche Collagen, die aus von verschiedenen Perspektiven aufgenommene Fotos eines Gegenstandes zusammengefügt sind und darin strukturelle Prallelen zum analytischen Kubismus in der Malerei zeigen, firmieren als fotografische Technik allgemein unter der Bezeichnung Panografie. Hockneys Motive sind häufig Landschaften, Räume oder auch Porträts. Mit seinen Joiners erforscht Hockney, wie das Sehen und das Wahrnehmen funktionieren. Außerdem möchte er einen anderen Zugang zur Perspektive und Komposition in der Fotografie finden. So hinterfragt etwa seine im Februar 1983 geschaffene Collage Walking In The Zen Garden At The Ryoanji Temple die westliche Sicht auf die fotografische Kunst. Das Bild entsteht aus mehreren einander überlappenden Fotos des japanischen Steingartens, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurden. Diese Technik, die er später weiterentwickelt, bricht die gewöhnliche Weise, ein Kunstwerk zu betrachten, und zieht den Rezipienten in das Bild hinein. Hockney selbst sagt dazu: „It was an attack on perspective — it was all about the spectator’s being in the picture, not outside it — an attack on the window idea, that Renaissance notion of the painting’s being as if slotted into a wall, which I’d always felt implied the wall and hence separation from the world.“ – Alina Keim / Sofya Sinelnikova

Weblinks:

🖙 The David Hockney Foundation
🖙 David Hockney, Wikipedia Englisch

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Foto, Gesamtprojektion, Immersion, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, schematisch, Zugleichspräsentation

1977 – Cosmic Zoom in Powers of 10

Der naturwissenschaftsdidaktische Kurzfilm Powers of 10 (USA 1977, R: C. Eames/R. Eames) bewegt sich in einem Zoom bis zu den Enden des Makro- und des Mikrokosmos. Die Kamera blickt von oben auf eine Picknickszene und entfernt sich auf vertikaler Achse in die Höhe. Eine Erzählstimme erklärt, dass das Herauszoomen in Zehnerpotenzen erfolgt (10 m, 100 m, 1000 m, schließlich zehn hoch 24 m). Die aufeinanderfolgenden Bilder führen von den Straßen Chicagos über den Kontinent, die Erde, das Sonnensystem und die Milchstraße bis in die dunkle, leere Weite des Universums. An diesem Wendepunkt angelangt, zoomt der Film rasch zurück an den Ausgangspunkt und beginnt dann in die Haut des Mannes einzutauchen, der auf der Picknickdecke schläft: durch das Gewebe und die Zellen bis zur subatomaren Ebene, wo die virtuelle Kamera die Zoomrichtung erneut ändert und zur Ausgangsszene zurückführt. Da sich der kontinuierliche Zoom über verschiedene ineinanderlaufende Bilder bewegt, ist die dargestellte Welt virtuell und kein realer Raum. So stellt der Film durch sein spielerisches und didaktisches Verfahren für das menschliche Auge unsichtbare Orte dar und ermöglicht eine sukzessiv verlaufende, panoramatische Wahrnehmung der Proportionen des Universums. – Johannes Noss

Literatur / Quellen:

  • Tollmann, Vera: Sicht von oben. „Powers of Ten“ und Bildpolitiken der Vertikalität, Leipzig: Spector Books 2023, S. 59–70

Weblinks:

🖙 YouTube

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Animation, Ästhetik, begrenzte Allheit, bildvisuell, Didaktik, faktual, Fernblick, Film, geordnet, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, schematisch, Unterhaltung, Wissenschaft

1977 – Magnetresonanztomografie


Magnetfeldbasiertes Bildgebungsverfahren zur Transparentmachung und Erfassung innerkörperlicher Strukturen, das im Unterschied zur Röntgentomografie keine Strahlenbelastung impliziert. Theoretische Grundlegung 1971 durch Paul C. Lauterbur. Die erste MRT-Aufnahme eines menschlichen Körpers gelingt 1977 dem Schotten Raymond Damadian. – Lea-Sophie Dettmann | Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Siemens-Homepage zur Entwicklungsgeschichte
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Diagramm, faktual, geordnet, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, schematisch, Technik, Überwachung, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1976 – Saul Steinberg, View of the World from 9th Avenue

Karikaturistische Parodie auf egozentrische Erdansichten: In der US- bzw. New-York-situierten Metropolen-Perspektive auf ‚die ganze Welt‘ erscheinen die 9th und 10th Avenue sehr groß, dahinter aber alles immer grotesker verkleinert und verkürzt, vergleichsweise ‚winzig‘ u. a. „China“, „Japan“ oder „Russia“. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Abbildung

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Didaktik, faktual, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, Panorama-Diskurs, Panoramabild, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zeichnung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1976 – Peter Handke, Notizbücher / Das Gewicht der Welt

Dass Autoren Einfälle, Beobachtungen und Formulierungen in mitgeführten Kladden festhalten, um sie in ihre Werke einzuarbeiten, ist nicht ungewöhnlich. Auch Peter Handke tut das früh. Um Mitte der 1970er-Jahre intensiviert und autonomisiert sich dieses Aufschreiben bei ihm jedoch zu einem tagtäglichen Mitschreiben der eigenen Welterfahrungsspur, was sich als perzeptive Einstellung fortan verstetigt und im einzelnen Notat verdichtet. Ab März 1976 begreift er diesen Schreibpfad selbst als genuines und zentrales Werk, „mein persönliches Epos“ (Handke, Das Gewicht der Welt, S. NB12, 44). Bis 2025 füllt es weit über zweihundert umfängliche Notizbücher. Im Juni 2024 werden die ersten 21 davon, die den Zeitraum von März 1976 bis November 1979 umfassen, als Online-Edition veröffentlicht. Im Weiteren sollen zunächst die folgenden 26 (1979–1986) der 75 bis zum Juli 1990 entstandenen Bucheinheiten jeweils sowohl in ihrer handschriftlichen Originalgestalt als auch transkribiert und kommentiert zugänglich werden, letztlich aber alle dieser (bis heute fortgeführten) Aufzeichnungen. Aus der Chronik der laufenden Berührung von umgebender und innerer Wirklichkeit, von Augen, Kopf und Körper, Hand, Stift, Blatt und Buch erwächst eine dichte „Reportage“ von Bewusstseins-Ereignissen aller Art (Handke, Das Gewicht der Welt, S. 6), in deren – am Anfang so privater wie am Ende weltweit öffentlicher – Form der Literaturnobelpreisträger von 2019 Das Gewicht der Welt erfährt. Unter letzterem Titel und dem Untertitel Ein Journal (November 1975 – März 1977) erscheint 1977 bereits ein erstes Buch, das diese Schreibpraxis publik macht und den Übergang vom Werknotizkompendium zum Weltregistraturmedium markiert. Neben autonomen Notaten und Alltagsprotokollen, etwa von einem Aufenthalt im Krankenhaus, enthält es zugleich Arbeitsjournal-Vermerke für die 1976 erschienene und im Jahr darauf verfilmte Erzählung Die linkshändige Frau. Spätere Journal-Buchpublikationen wie Die Geschichte des Bleistifts (1982), Phantasien der Wiederholung (1983), Am Felsfenster morgens (1998), Gestern unterwegs (2005), Ein Jahr aus der Nacht gesprochen (2010) und Vor der Baumschattenwand nachts (2016) gehören dem Notizsektor von vornherein zu und bilden in der Werkausgabe von 2018 folgerichtig eine eigene Sektion, der auch die anschließend noch erschienenen Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021 (Handke, Innere Dialoge) zuzuzählen wären. Zwar enthalten auch diese gedruckten Notizensammlungen weiterhin Werknotizen, allerdings nun eingebettet in den großen Strom. Dass sie weder in Material noch Form mit den zugrundeliegenden Notizbüchern identisch sind, zeigt sich eindrücklich im Abgleich mit der Printpublikation eines der Originalhefte (Handke, Die Zeit und die Räume) parallel zu deren Online-Präsentation. – Katharina Pektor / Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Handke, Peter: Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977), Salzburg: Residenz 1977
  • Handke, Peter: Journale. 3 Bde., Berlin: Suhrkamp 2018
  • Handke, Peter: Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021, Salzburg/Wien: Jung und Jung 2022
  • Handke, Peter: Die Zeit und die Räume. Notizbuch 24. April – 26. August 1978, Berlin: Suhrkamp 2022
  • Pektor, Katharina: „Leuchtende Fragmente. Über Peter Handkes Notizbücher und Journale“. In: „Das Wort sei gewagt“. Ein Symposium zum Werk von Peter Handke, hg. von Attila Bombitz und Katharina Pektor, Wien: Praesens 2019, S. 253–287

Weblinks:

🖙 Homepage Notizbuch-Edition
🖙 Homepage zu Peter Handke

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Ekphrasis, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation