
Tastmodelle Grazer Sehenswürdigkeiten: des Uhrturms, der Oper, der Murinsel, des Kunst- und des Rathauses; seit 2000 im Rahmen des Projekts „Kultur begreifen“ des Behindertenpädagogen Kurt Hohensinner angefertigt. Die inklusiven Miniaturen machen das Stadtpanorama barrierefrei erfahrbar, indem Sehbehinderte den visuellen Charakter von Graz ertasten können. – Theresa Jahnen
1998 – Peter Weir (Regie), The Truman Show
Truman Burbank (Jim Carrey) weiß nicht, dass er die Hauptfigur in einer TV-Reality-Show ist und die Stadt, in der er seit seiner Geburt lebt, nur eine Kulisse unter einer riesigen Kuppel mit künstlichem Klima, bevölkert von Schauspielern und Statisten. Der Film kombiniert Motive des theatrum mundi mit Elementen klassischer All-Überwachungs-Dystopien. Bemerkenswerterweise weckt ein defekter Scheinwerfer, der von der Kuppel stürzt, bei Truman erste Zweifel an der Realität seiner Wirklichkeit. Das Panorama verrät sich als Medium. – Bernd Klöckener
1996 – Internet Archive

Noch in der utopischen Phase des Internets (fünf Jahre vor der Wikipedia) von Brewster Kahle gegründet, verspricht das gemeinnützige Projekt, die generische Transitorik der Onlinewelt zur omnitemporalen Allverfügbarkeit ihrer verschiedenen Stadien zu erweitern – was real nicht ganz, aber in beträchtlichen Teilen gelingt. Vor allem das Tool der Wayback Machine, eine Art Digital-Pendant zu H.G. Wells’ Time Machine, ermöglichst es, vergangene Zustände bzw. aktuell unzugänglich gewordene Inhalte zu erkunden. Ende 2023 sind über 839 Mrd. Websites archiviert. Daneben werden auch Filme, Bücher, Audios u. v. a. gesammelt und zugänglich gemacht, sofern das Copyright es zulässt. Angesichts der zunehmenden Oligarchisierung des Internets und der USA ist das in San Francisco ansässige Archiv um Spiegelungen seines Datenbestands (Ende 2021 ca. 200 Petabytes) außerhalb der USA bemüht – symbolträchtig vor allem in der neuen Bibliothek von Alexandria, aber auch in Kanada und in den Niederlanden. – Johannes Ullmaier
Weblinks:
1995 – Karl Gutzkow, Berlin – Panorama einer Residenzstadt
Von Wolfgang Rasch zusammengestellte Kompilation von journalistisch-zeitdiagnostischen Texten Gutzkows zum Berliner Leben (Schwerpunkte Literatur, Theater, Politik) aus den frühen 1830er bis 1870er-Jahren, die in der Summe ein Tableau der Stadt ergeben und dessen epochen-panoramatisches Roman-Kompendium Die Ritter vom Geiste faktual flankieren. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Gutzkow, Karl: Berlin – Panorama einer Residenzstadt, Berlin: Morgenbuch 1993
1995 – Valère Novarina, La Chair de l’homme [Das Fleisch des Menschen]
Im Klappentext zur Buchausgabe beschreibt der französische Autor, Maler und Regisseur sein 526 Seiten langes Theaterstück [dt. Das Fleisch des Menschen] wie folgt: „Amygdalus, das ist der Mandelbaum: der erste, der wieder erblüht, der erste wiedergeborene Baum. Aufgebaut auf 4 Rosetten: der Rose der Namen, der Rose der Philosophen, der Rose der Flüsse, der Rose der 8, öffnet das Buch sich auf ein Mahl, bei dem die Welt gegessen wird. Neunmal vernimmt man in ihm den Walzer der Eloquenz und neunmal den Untergangstango. Es teilt sich auf in 62 Szenen und lässt 3171 Figuren auftreten; es nennt Gott 429 Mal, vertritt, dass unser Fleisch die Sprache ist, beschreibt 88 Zirkusnummern, verwendet 2587 der 6912 Verben unserer Sprache und erkennt, dass der Messias das Wort ist. Im Mittelpunkt, unter einem Mandelbaum, das Unfehlbare Kind. Geschrieben vom 7. Dezember 1991 bis zum 9. November 1994 in Marseille, in Paris, in Krakau, in Moskau, in Barcelona, in Montpellier, in Bremen, in Rom, in Parma, in Poitiers, in Wien, in Remscheid, in Porto, in Salerno, in Budapest, in Herlin, in Trécout, in Loutro, in Agios Pavlos, in Phenix und in Besançon.“ (dt. v. LV). Der Stücktext ist symptomatisch für den demiurgischen Schreibansatz von Novarina, der in Abwandlung von Wittgenstein postuliert: „Worüber man nicht sprechen kann, das muss man sagen.“ Inspiriert von Rabelais betreibt er eine freie und kraftvolle Erweiterung des Französischen mit dem Ziel, ins bislang Undenkbare vorzustoßen. Charakteristisch dafür sind seine „Rosetten“, gewaltige Aufzählungen, in denen die Zeit stillzustehen scheint. So beginnt der Text gleich mit zwölf Seiten kurzer Attentum-Imperative („‚Seht‘ sagte Hans; ‚Seid aufmerksam‘ fügte Jakob hinzu [etc.]“), gefolgt von einer 16-seitigen Aufzählung der Figuren oder Gruppen, die das Bühnenpanorama sukzessiv bevölkern („Auf die kreisförmige Bühne treten Hans Mutist, Hans Maulwürfler, […] die Träumenichtskinder [etc.]“). Das weitere Geschehen, eine Art universales Abendmahl, sprengt alle Möglichkeiten eines Theaterabends und wirkt wie ein modernes Sprachpendant zu den Wimmelbildern von Bosch und Brueghel. Szene XXXV etwa zitiert eine Folge von 311 Gottesdefinitionen quer durch die Jahrhunderte, von diversesten Vertretern der drei Schriftreligionen wie auch von Agnostikern, Schriftstellern, Chansonniers oder ganz Unbekannten; eine Regieanweisung entfesselt den Auftritt von Trapezkünstlern und benennt 88 hochseilakrobatische Figuren, die das Zirzensische des Unternehmens unterstreichen. Die letzte „Rosette“ schließt den Text (in Anspielung auf Bibelpsalm 137) mit der Frage: „Am Ufer wievieler Ströme, Flüsse, Bäche habt Ihr Euch niedergesetzt und Eure Tränen fließen lassen?“ Beantwortet wird sie mit nahezu 2000 Flussnamen fast aller Sprachen und Regionen, in denen die Geschichte, Herkunft, Geografie und das Unbewusste aller dieser Tränenflüsse sedimentiert ist, ohne auserzählt zu werden. Nach Uraufführung einer Theaterbearbeitung durch den Autor selbst am 21. Juli 1995 wird das Stück im Herbst desselben Jahres in Paris im (1860 ursprünglich als Gemäldepanorama errichteten) Théâtre du Rond-Point und auf Tournee in Cavaillon, Cherbourg, Evreux, Remscheid, Münster, Stuttgart und Saarbrücken gezeigt. Die deutsche Übersetzung der 311 Gottesdefinitionen wird 2011 vom Bayerischen Rundfunk mit 107 Stimmen als Hörspiel gesendet und erscheint 2012 als Buch. – Leopold von Verschuer
Literatur / Quellen:
- Novarina, Valère: La Chair de l’homme, Paris: P.O.L. 1995
- Novarina, Valère: 311 Gottesdefinitionen >[=Kapitel XXV aus La Chair de l’homme], Berlin: Matthes & Seitz 2012
- Fröhlich, Constanze: Poetik der Fülle. Sprechen und Erinnern im Werk Valère Novarinas, Heidelberg: Winter 2014
Weblinks:
🖙 Radioportrait BR2 (2011)
🖙 Toledo-Übersetzerjournal (2022)
1993 – Ausstellung Sehsucht – Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts
In der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD in Bonn findet die bislang profundeste und reichhaltigste Einzelschau zur Geschichte und technischen Faktur panoramatischer Medien vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert statt. Der dazu erschienene Katalog ist bis heute das materialreichste Einzelkompendium zum Thema. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Plessen, Marie-Louise von/Giersch, Ulrich (Hgg.): Sehsucht. Das Panorama als Massenunterhaltung des 19. Jahrhunderts, Frankfurt am Main: Stroemfeld / Roter Stern 1993
1990 – Voyager-1-Foto der Erde: Pale Blue Dot (Carl Sagan)
Am 14. Februar 1990 macht die 1977 gestartete Weltraumsonde Voyager 1 auf Drängen des Astronomen Carl Sagan eine letzte Drehung zurück zur Erde. Aus einer Entfernung von mehr als 6 Milliarden Kilometern entsteht das bis heute aus der weitesten Entfernung aufgenommene Foto unseres Planeten. Darauf ist die Erde als winziger, blassblauer Lichtpunkt zu erkennen, beinahe verloren in den weiten Staubbahnen des Sonnenlichts.
Das Bild inspiriert Sagan später zu dem Buch Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space (1994). Darin reflektiert er über die Zerbrechlichkeit und Einzigartigkeit unserer Welt. Berühmt wurde seine Interpretation des Fotos: “We succeeded in taking that picture [from deep space], and, if you look at it, you see a dot. That’s here. That’s home. That’s us. On it, everyone you ever heard of, every human being who ever lived, lived out their lives.“ (Sagan, Pale Blue Dot, S. 6)
Pale Blue Dot ist eines der ikonischen Bild der Astronomie und der panoramatischen Verdichtung kosmischer Weite und irdischer Moralität: Der kaum wahrnehmbare Fleck macht augenfällig, wie klein die Erde im kosmischen Maßstab ist und wie groß die Verantwortung, die wir für diesen blassen blauen Punkt tragen. – Antonia Schindler (2026)
Literatur / Quellen:
- Sagan, Carl / Ann Druyan: Pale blue dot: A vision of the human future in space. New York: Ballantine books 2011.
Weblinks:
🖙 NASA
1990 – Hubble-Weltraumteleskop

Am 24. April 1990 transportiert ein Space Shuttle das 13,2 m lange und 11,1 t schwere Teleskop mit einem Durchmesser von 4,3 m in eine Umlaufbahn in 611 km Erddistanz. Da Großteleskope auf der Erde wegen der Erdatmosphäre in ihrer Bildqualität eingeschränkt sind und die Erdatmosphäre nur im optischen Bereich, in einigen schmalen Infrarotfenstern sowie in großen Teilen des Radiobereichs durchlässig ist, konkretisierte sich in der Astrophysik nach 1945 der Wunsch, Teleskope auch im Weltraum zu positionieren. Wurden die ersten, vor allem durch die Orbiting Astronomical Observatories der NASA seit den 1960er-Jahren entwickelten Satelliten- und Weltraumteleskope vorwiegend dazu eingesetzt, Objekte in Wellenbereichen zu beobachten, die nicht von der Erdoberfläche zugänglich sind, sollte das nach Edwin P. Hubble benannte Weltraumteleskop – ebenso wie sein Nachfolger, das James-Webb-Weltraumteleskop, ein gemeinsames Projekt der NASA, ESA und CSA – auch im optischen Bereich Bilder liefern. Die ersten Bilder des mit einem Spiegel von 2,4 m Durchmesser ausgestatteten Teleskops sind zunächst unscharf, weswegen über zweieinhalb Jahre hinweg ein System zur Korrektion des Spiegels entwickelt und schließlich eingebaut wird. Das Projekt Hubble Deep Field ermöglicht mittels extrem lang belichteter Aufnahmen einer Himmelsgegend die Beobachtung weit entfernter Galaxien. Seit Mitte der 1990er-Jahre bestimmen die Hubble-Aufnahmen, in zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Dokumentationen popularisiert, für fast drei Jahrzehnte den Bildstandard der weitesten menschlichen Blicke ins All. – Kaim Bozkurt
1988–1992 – Kindlers Neues Literatur Lexikon
Kindlers Neues Literaturlexikon (KNLL) ist eine Werkenzyklopädie der Literatur aller Länder, Genres und Epochen, die den im ➚ Kindlers Literatur Lexikon etablierten panoramatischen Anspruch einer Gesamtrepräsentation der Literaturgeschichte fortführt und methodisch sowie strukturell weiterentwickelt. In der unter Walter Jens neu konzipierten zweiten Version, die von 1988 bis 1992 erscheint, sind die Werke nicht länger einzeln alphabetisch aufgeführt. Stattdessen sind sie ihren jeweiligen Verfasserinnen bzw. Verfassern (in sich alphabetisch) gruppenweise zugeordnet, so dass die globale Alphabetanordnung nun nicht mehr durch die oft kaum bekannten originalsprachlichen Titel, sondern – intuitiver – durch die Namen der Autorinnen und Autoren bestimmt ist. Zudem wird der gegenüber der ersten Version des KLL signifikant erweiterte und aktualisierte Bestand an Einzeleinträgen durch umfangreiche Begleitessays kultur-, literatur- und ideengeschichtlich kontextualisiert und systematisiert. Das KNLL umfasst in toto 20 Bände, in denen 19.304 Werke von 9.072 Autorinnen und Autoren in 171 Sprachen behandelt werden.
Die Einträge zu den einzelnen Werken enthalten jeweils Inhaltsangaben und Hinweise zur Entstehungsgeschichte, bauen aber die Referate zu zentralen Interpretationsansätzen sowie die Einordnung des Textes in größere literaturhistorische Zusammenhänge tendenziell stark aus. Insgesamt verschiebt sich der Akzent so von der primär dokumentierenden Bestandsaufnahme des ersten KLL hin zu einer stärker analytischen und interpretativen Erschließung literarischer Texte. – Nico Keller (2026)
Literatur / Quellen:
- Jens, Walter (Hg.): Kindlers neues Literatur Lexikon. 20 Bde. München: Kindler 1988-1992.
Weblinks:
1987 – Die tödliche Doris, Die Gesamtheit allen Lebens und alles Darüberhinausgehende
1984 begonnenes Minifilm-Projekt, das die titelgebende All-Präsentations-Ankündigung ironisch-melancholisch unterläuft; zugleich Titel eines im selben Jahr erschienenen Künstlerbuches, das die Filmbilder als Gemäldeserie darbietet. – Johannes Ullmaier

