1975 – Dieter Roth, Zeitschrift für Alles / Review for Everything / Tímarit fyrir Allt

Programmatisch heisst es in der ersten Nummer: „Review For Everything accepts and publishes everything that is submitted. Up to 4 pages from each contributor.“ Ohne Ansehen von Inhalt, Form, Sprache, Qualität oder Prominenz publiziert Dieter Roths Printorgan ab 1975 über zehn prallvolle Ausgaben hinweg (so gut wie) alles, was dort eingesandt wird – und liegt damit gemessen am Schnitt dessen, was zeitgleich oder später insgesamt an Zeitschriften erscheint, auf der Qualitätsskala weit oben. Nachdem die Nummer 10 (1987) schon zwei Teilbände braucht, wird selbst Roth – als wohl größter Copia-Künstler der Moderne – der Fülle nicht mehr Herr und muss die Zeitschrift einstellen. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Roth, Dieter (Hg.): Zeitschrift für Alles / Review for Everything / Tímarit fyrir Allt, Basel/Stuttgart: Dieter Roth Verlag/Edition Hansjörg Meyer 1975
Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, faktual, fiktional, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, schematisch, Skulptur, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1974 – Heinz Emigholz, Arrowplane

Der Film „stellt die Multiplikation eines Kameraschwenks mit sich selbst dar, angewandt auf drei Landschaften – Wiesenhügel, Stadt und Strand. Die Kamera ist während der Aufnahmen fest an einem Ort montiert. Der Schwenkwinkel beträgt in allen drei Teilen 180 Grad. Auf jedem dritten Grad liegt ein Einstellungspunkt für die Kamera. Fotografiert wurde nur von diesen, auf dem Stativ vorgegebenen Einstellungspunkten aus. Es wurden nur einfach belichtete Einzelbilder aufgenommen.“ Schon die aus Tausenden Einzelbildern zusammengesetzten Filme Schenec-Tady I– III (1972–1974), dem „Great Birnam Wood“ (Macbeth) gewidmet, wenden ein strikt panoramatisches Verfahren an, wobei der Filmemacher allerdings eher an (simultaner) Zeit- als an Raumrepräsentation interessiert ist. Auch Tide (1974) erfasst zur Darstellung von Ebbe und Flut einen „horizontalen Schwenkbereich von 180 Grad“. Er zeigt „eine Simulation zweier symmetrisch entgegengesetzter Schwenkbewegungen, die sich gleichzeitig im Nullpunkt treffen“. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Franke, Anselm (Hg.): Counter Gravity. Die Filme von Heinz Emigholz, Köln: König 2022, S. 14–29
Schlagwörter: Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, bildvisuell, faktual, Film, geordnet, Gesamtprojektion, geschlossen, Halbrundband, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, schematisch, Zentralblickpunkt

1974 – Quadrophonie, The Cosmic Jokers

Psychedelic-LP und zugleich (Quadro-)Seriendebüt einer Krautrock-All-Starband. Hier stellvertretend für das – in diesem Fall auch programmatisch als kosmische All-Entgrenzung gespiegelte – Streben nach Klangpanorama-(Wiedergabe-)Erweiterung über das seit Ende der 1960er-Jahre durchgesetzte Stereo-Format hinaus. Anknüpfend an jahrzehntelange Vorerkundungen in der Studiotechnik, in der Neuen Musik, bei Tonband-Veröffentlichungen sowie – auf das Vinylmedium bezogen – in der seit 1971 lancierten Quadrophonic-Serie der Plattenfirma CBS, propagiert der deutsche Underground-Pop-Impresario Rolf-Ulrich Kaiser die Quadrophonie als utopisch aufgeladenen Zukunftsstandard – bis dahin, dass er seinen Labelstar Klaus Schulze dazu drängt, sich in „Klaus Quadro Schulze“ umzubenennen, was dieser allerdings verweigert. Auch insgesamt erweist sich die – im Vinylmedium ohnehin nur in einer Pseudoform (SQ Quadro) realisierbare – Idee, per Mehrkanalaufzeichnung und -wiedergabe, d. h. durch Verteilung von vier Lautsprechern im Raum links und rechts jeweils vorn und hinten, eine allumfassende raum-akustische Repräsentation und damit ein vertieftes Immersionserlebnis zu gewährleisten, als impraktikabel. Denn obwohl Alben wie Pink Floyds – studiotechnisch für die Quadro-Wiedergabe produzierter – Langzeit-Bestseller The Dark Side of the Moon von 1973 prominent dazu einladen, setzen sich die dafür notwendigen Abspielgeräte aus Raum- und Kostengründen nicht breit durch. Nachfolgetechniken wie Dolby-Surround und 5.1. haben mehr Erfolg, vor allem als Teil gehobener Heimkino-Settings. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Discogs Cosmic Jokers
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, auditiv, begrenzte Allheit, Gesamtprojektion, geschlossen, Hörwerk, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, offen, Rahmenexpansion, Technik, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1974 – Hubert Fichte, Geschichte der Empfindlichkeit

Nach der Veröffentlichung des letzten seiner vier Romane über die eigene Kindheit und Jugend (Versuch über die Pubertät, 1974) erweitert der Autor seine Wahrnehmungs- und Schreibbewegung in mehreren großen Schritten zu einer weltausgreifenden Erkundung. Dafür setzt er auch in der eigenen Werkorganisation einen formalen Schnitt: Die neu konzipierte und dann bis zu seinem Tod im Jahr 1986 ausgearbeitete Geschichte der Empfindlichkeit ist ein über alle Gattungs- und Genregrenzen hinausweisendes, barockes, globales Megapoem, angelegt auf neunzehn Bände, von denen posthum siebzehn erschienen sind. Fichtes Versuch, Synkretismus, Bisexualität und Reisebewegung als zusammenhängende ästhetische Form und Praxis zu zeichnen, mündet in ein gigantisches ästhetisches Forschungsgeflecht, das sich quer über die Kontinente erstreckt und örtliche Gesten und Riten als meist subversive Überlebenspraxis einer vielerorts faszinierend kreativen und diversen, doch überall auch vom gewaltvollen Zusammenwirken von Kolonialismus, Patriachat und Kapitalismus geprägten Gesellschaft zusammensehen und im Kontext der sozialen Gefüge verorten will. Dabei verwendet Fichte ausgiebig das Stilmittel der Litanei, eine ursprünglich religiöse Aufzählungsroutine des Welt- und Gotteslobs, die hier oft die Funktion eines panoramatischen Umherzeigens erhält, immer verbunden mit der ästhetischen Figur des Kontrasts. Ausgangspunkt der einzelnen Bände sind – anfangs noch in Hamburg, dann aber über Portugal bis nach Afrika und Südamerika reichend – die unzähligen Reisebewegungen des Schriftstellers zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Fotografin Leonore Mau, die Fichtes Schriftgeschichte um ein – teils noch zu Fichtes Lebzeiten erschienenes – fotovisuelles Komplement (Petersilie, 1980; Xango, 1984; Psyche, 2006) erweitert. Auch die traditionellen Grenzen individueller bürgerlicher Autorschaft geraten so ins Fließen. Im selben Kosmos entstehen in Kooperation mit Peter Michel Ladiges (der selbst 20.000 Kartoffelkochrezepte aus der ganzen Welt gesammelt haben soll) zudem zahlreiche Werke für das Radio. – Kathrin Röggla

Literatur / Quellen:

  • Fichte, Hubert: Versuch über die Pubertät, Frankfurt a.M.: Fischer 1974
  • Fichte, Hubert: Die Geschichte der Empfindlichkeit, 17 Bde., Frankfurt a.M.: Fischer 1987
  • Mau, Leonore/Fichte, Hubert: Petersilie. Die afroamerikanischen Religionen IV. Santo Domingo, Venezuela, Miami, Grenada, Frankfurt a.M.: Fischer 1980
  • Fichte, Hubert/Mau, Leonore: Xango, Bd. I, Frankfurt a.M.: Fischer 1984
  • Mau, Leonore: Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika, Frankfurt a.M.: Fischer 2005
  • Mau, Leonore/Fichte, Hubert: Die Kinder Herodots. Ein Buch, Frankfurt a.M.: Fischer 2006
  • Fisch, Michael: Verwörterung der Welt. Über die Bedeutung des Reisens für Leben und Werk von Hubert Fichte. Orte – Zeiten – Begriffe, Aachen: Rimbaud 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Art-Bag-Beitrag

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, begrenzte Allheit, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, faktual, fiktional, Foto, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Hörwerk, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Speicher, symbolisch, Text, textuell

1974 – Jean-Marie Straub / Danièle Huillet, Moses und Aron

Der Panoramaschwenk ist ein in den Filmen von Straub und Huillet häufig angewandtes Stilmittel. Am Ende des ersten Aktes von Moses und Aron nach Arnold Schönberg folgt nach Moses’ Worten „Ich kann denken, aber nicht reden“ ein dreiminütiger Schwenk um fast 360 Grad, der die Natur über dem Amphitheater von Alba Fucense zeigt, in dem die Oper spielt. Darauf folgt eine zweiminütige fixe Einstellung auf Berge der Umgebung. Straub sagte, in Moses und Aron sei der „Schwenk stets mit der Idee des Volkes verbunden“. In diesem Fall könnte man in dem Generalschwenk auch einen Verweis auf die Idee von der Allheit Gottes vermuten. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Bontemps, Jacques/Bonitzer, Pascal/Daney, Serge: „Conversation avec J.M. Straub et D. Huillet (Moïse et Aron)“. In: Cahiers du cinéma 258/259 (1975), S. 6–24, S. 12 f.
Schlagwörter: 360°, Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, bildvisuell, Didaktik, Fernblick, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Hörwerk, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Naturpanorama, schematisch, symbolisch, Unterhaltung, Zentralblickpunkt

1972–1989 – Werner Tübke, Bauernkriegspanorama

Die Entstehung des Panoramabildes geht auf den 1972 von der SED-Sekretärin Edith Brandt formulierten Plan zurück, zum 450. Jahrestag des deutschen Bauernkriegs am Schlachtberg in Bad Frankenhausen (Thüringen) ein Panorama nach sowjetischem Vorbild, konkret: des Borodino-Panoramas, einzurichten. Dieses soll unter dem Titel Frühbürgerliche Revolution in Deutschland an das für die DDR-Ideologie wichtige Ereignis erinnern. Der Künstler Werner Tübke wird beauftragt und kann sich einige Freiheiten in der künstlerischen Gestaltung nehmen. Das riesige Rundgemälde im eigens hierfür errichteten Rundbau wird schließlich am 14. September 1989 eröffnet. Tübke weicht vom Panorama des 19. Jahrhunderts sowie vom sowjetischen Vorbild ab: Es gibt weder eine erhöhte Besucherplattform noch ein Faux Terrain, zudem wird kein spezifischer Moment der historischen Schlacht im Rundum- und Überblick gegeben. Stattdessen ist die wimmelbildartige, rund 3000 Figuren fassende Komposition mit mehreren Zonen an frühneuzeitliche Bildstrukturen angelehnt. Parallel- und Zentralperspektive werden kombiniert. So entsteht das Bild eines konfliktreichen Epochenumbruchs, welches mit seiner zyklischen Struktur zugleich die Idee einer Fortschrittsgeschichte infrage stellt. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Tübke, Werner: „Zur Arbeit am Panoramabild in Bad Frankenhausen (DDR)“. In: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 42 (1985), H. 4, S. 303–306
  • Tübke, Werner: Reformation – Revolution. Panorama Frankenhausen. Monumentalbild von Werner Tübke, Dresden: Verlag der Kunst 1988
  • Tübke, Werner: Bauernkrieg und Weltgericht. Das Frankenhausener Monumentalbild einer Wendezeit, Leipzig: E.A. Seeman 1995
  • Gillen, Eckhart: „‚One can and should present an artistic vision… of the end of the world‘: Werner Tübke’s Apokalpytic Panorama in Bad Frankenhausen and the End of the German Democratic Republic“. In: Getty Research Journal 3 (2011), S. 96–116.

Weblinks:

🖙 Virtueller Rundgang Panorama Bad Frankenhausen

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, geschlossen, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Panorama-Diskurs, Rundband, Rundbau, schematisch, symbolisch, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1972 – Chantal Akerman, La Chambre

Der Film besteht aus langsamen Rundschwenks durch das Zimmer einer jungen Frau – wobei die Kamera zweimal die Richtung wechselt – und mag in Verbindung gebracht werden mit Virginia Woolfs A Room of One’s Own (1929). – Stefan Ripplinger

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, 360°, Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, bildvisuell, faktual, fiktional, Film, Gesamtprojektion, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, schematisch, Zentralblickpunkt

1972 – Erdfoto Blue Marble


Vom Astronauten Harrison Smith aus der Apollo 17 am 7. Dezember 1972 aus dem All aufgenommenes Foto der Erde (offizielle Bezeichnung AS17-148-22727). Nicht das erste, aber das wirkungsreichste Realbild der gesamten Erde, ikonisch für deren Einheit, Schönheit, aber auch Fragilität; von der NASA später unter gleichem Namen zu größeren Serien ergänzt. – Luca Angelo Bindi | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Foto, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramaflug, Realpanoramatik, Technik, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1971 – Computertomografie


Nach Tierversuchen entsteht 1971 die erste CT-Aufnahme eines Menschen. Ab 1972 auf dem Markt, verbreitet sich das Bildgebungsverfahren zur Transparentmachung und Erfassung innerkörperlicher Strukturen, das im Unterschied zur Röntgentomografie keine störenden Überlagerungen zeigt, rasch vor allem in der medizinischen Diagnostik, aber auch in der Materialwissenschaft. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Diagramm, faktual, geordnet, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, schematisch, Technik, Überwachung, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1970 – Karlheinz Stockhausen, Kugelauditorium

Aus Golo Föllmers Erläuterungstext: „Für die Weltausstellung in Osaka im Jahr 1970 baute Deutschland nach künstlerischen Vorstellungen von Karlheinz Stockhausen und einem audiotechnischen Konzept des Elektronischen Studios der TU Berlin den weltweit ersten und bislang einzigartigen kugelförmigen Konzertsaal. Das Publikum saß auf einem schalldurchlässigen Gitterrost etwas unterhalb der Kugelmitte, 50 ringsherum angeordnete Lautsprechergruppen gaben elektroakustische Raumkompositionen […] vollständig dreidimensional wieder. […] Stockhausen gab mit einem hochkarätigen 19-köpfigen Ensemble während der 180-tägigen Ausstellung Live-Konzerte für über eine Million Besucher. […] Die Raumverteilung konnte live anhand einer in Berlin gebauten Sensorkugel auf die 50 Schallquellen gesteuert werden.“ – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Medien Kunst Netz

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, auditiv, Bauwerk, begrenzte Allheit, Event/Performance, Gesamtprojektion, geschlossen, Hörwerk, Immersion, Kugel, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, Rundbau, Technik, Überbreite, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation