1913 – Blaise Cendrars, La Prose du Transsibérien et de la Petite Jehanne de France

Avantgardeprogrammatisch unternimmt das von Sonia Delaunay illustrierte Leporello die simultanistische Ausbreitung der Buch-/Textform zur Tableau-Text/Bild-Fläche, die in freien Versen und konstrastiven Farbkonstellationen eine imaginative Bewegung auf der (real erst 1916 fertiggestellten) Reisestrecke präsentiert. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Cendrars, Blaise: La Prose du Transsibérien et de la petite Jehanne de France, Paris: Les Hommes nouveaux 1913

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Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Großtableau, Laufpräsentation, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1913 – Jahresbuchkompendium Das Jahr 1913

Kollektives Monumentalunternehmen mit dem Ziel, einen jahresbezogenen Gesamtüberblick zur kulturellen Entwicklungslage des Wilhelminischen Deutschlands quer durch alle Wissens- und Lebenssphären zeitgleich zu erstellen. Als über 500-seitiger großformatiger Sammelband aus themenbezogenen Einzelbeiträgen teils namhafter Autoren kumuliert, erscheint das im Impressum auf 1913 datierte Buch de facto 1914. Obschon laut Vorwort auch fürs Folgejahr geplant, bleibt diese Form von eigenpanoramatischer Epochengegenwartsschau infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ein singulärer Fall. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Sarason, David (Hg.): Das Jahr 1913 [1914], Leipzig/Berlin: B. G. Teubner 1913
  • Hübinger, Gangolf: „Das Jahr 1913 in Geschichte und Gegenwart. Zur Einführung in den Themenschwerpunkt“. In: Das Internationale Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38 (2013), H. 1, S. 172–190, S. 178–188
Schlagwörter: Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, offen, Organisation, panoramatische Diskursform, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Wissenschaft

1913 – Max Brod, Essay Panorama

Unter den 33 Essays der im Kurt Wolff Verlag veröffentlichten Sammlung Über die Schönheit häßlicher Bilder widmet einer sich speziell dem Panorama. Darin bezeichnet Brod die Panoramen, insbesondere das Kaiserpanorama, als Sinnbilder für das Streben der modernen Menschheit nach Überblick, Ordnung und Ganzheit, während sie zugleich die fragmentarische und widersprüchliche Natur der Wahrnehmung offenbarten. Für Brod verkörpert das Panorama die Schönheit der Distanz, die jedoch das Detail und die Nähe leicht übersehen könne. Daher bleibt für ihn fraglich, inwieweit der panoramatische Blick nicht die Tiefe des Erlebens oder die emotionale Verbindung zum Gesehenen beeinträchtige. Im Gegensatz zu Hermann Brochs und Walter Benjamins Panorama-Zugängen, die eher das Kollektive und Historische betonen, legt Brod den Fokus auf die individuelle Wahrnehmung und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Sehnsucht und Enttäuschung. Während Benjamin die Panoramen als Sinnbilder für die Phantasmagorien des Kapitals und Broch sie als Ausdruck gesellschaftlicher Dekadenz interpretiert, erkennt Brod im Kaiserpanorama die Möglichkeit einer persönlichen Reflexion über die Grenzen des Sehens. Dabei vermittelt er diesen Ansatz mit der von Karl Rosenkranz entworfenen Ästhetik des Häßlichen (1853), indem er hervorhebt, wie das Panorama auch das Nicht-Schöne und Ungeordnete sichtbar machen könne. So exemplifiziert der Text die panoramatische Methode von Brods Sammlung insgesamt, in der philosophische Reflexion und ästhetische Analyse zu einem umfassenden kulturellen Bild verwoben werden. – Felix Klopsch

Literatur / Quellen:

  • Brod, Max: Über die Schönheit häßlicher Bilder. Essays zu Kunst und Ästhetik [1913], Göttingen: Wallstein 2014, S. 64–70

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Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Ekphrasis, faktual, fiktional, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, Panoramabild, panoramatische Diskursform, Rundband, Rundbau, Text, textuell, Unterhaltung

1904 – Kurd Laßwitz, Die Universalbibliothek

Dialogerzählung des Physikers und Mehrwelten-Sci-Fi-Pioniers (Auf zwei Planeten, 1897), in der das vielfach präfigurierte Konzept einer Bibliothek aller kombinatorisch möglichen Bücher – hier mit bis zu 500 Seiten Umfang – durchgespielt und deren Größe als zwar endlich, doch für das reale Universum viel zu groß erkannt wird; nimmt das Kernmotiv von Jorge Luis Borges’ Bibliothek von Babel vorweg, setzt aber andere Akzente. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Laßwitz, Kurd: „Die Universalbibliothek“ [1904]. In: Nie und Immer, hg. von Kurd Laßwitz, Lüneburg: Dieter von Reeken 2009

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🖙 Wikipedia zu Laßwitz

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, Buch, Didaktik, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Zugriffspräsentation

1903 – Raymond Roussel, La Vue

Die Behauptung des aus über 2000 Alexandrinern bestehenden Werks La Vue (dt. Der Anblick/Der Blick) ist, dass es die Fotografie eines Strandpanoramas beschreibt, die in der als Lupe dienenden Glaskugel eines Souvenir-Füllfederhalters eingelassen ist. Wie der Roussel-Spezialist Maximilian Gilleßen aufzeigt, werden die einzelnen Beobachtungen durch Ortsangaben und -adverbien miteinander verknüpft, ergeben also ein ideales Ganzes. Das ungefähr zur selben Zeit entstandene Stück La Seine mit seinen Hunderten von Rollen verrät ebenfalls den Ehrgeiz einer panoramatischen Erfassung. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Roussel, Raymond: Der Anblick. Das Konzert. Die Quelle, Berlin: zero sharp 2022
  • Gilleßen, Maximilian: R.R. Zur Poetik Raymond Roussels, Leipzig: Merve 2024, S. 162 f.,

176 f.

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, offen, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1898 – Mundaneum


Brüsseler Museumsgebäude, in dem Paul Otlet und Henri La Fontaine mit ihrem Institut International de Bibliographie (IIB) das Ziel verfolgen, „das gesamte Schrifttum der Welt als Bibliografie in Zettelkästen zu erfassen“. Bis 1930 werden dort 16 Mio. bibliografische Einträge erfasst. Abweichend von der Bibliothek von Alexandria und daran anschließenden Universalbibliothekskonzeptionen zielt diese Form der Allregistratur nicht mehr auf das integrale materiale Vorhandensein der Schriften selbst, sondern – angesichts von deren gegenüber dem antiken Stand unvergleichlich angewachsenen Masse – wie in erster Ableitung nur noch auf deren Verzeichnung. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

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Schlagwörter: Bauwerk, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, offen, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

ca. 1890 – Apokalyptische Bibeldiagramme (Nachlass Henry Dunant)

Vier große Kartendiagramme zur biblischen Gesamtweltgeschichte und Apokalypse, aufgefunden im Nachlass des Gründers des Roten Kreuzes. Das erste, La premiére création, ein Diagramm der sieben Weltzeitalter, wurde höchstwahrscheinlich von Dunant selbst erstellt; die drei übrigen zu apokalyptischen Prophezeiungen wahrscheinlich nicht; ästhetische Nähe zur Art Brut. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Halter, Ernst/Müller, Martin: Der Weltuntergang. Mit einem Lesebuch, Zürich: Offizin 1999, S. 44–47

Weblinks:

🖙 Erläuterung 64–83

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, Draufblick, geordnet, Gesamtdiagramm, geschlossen, Großtableau, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1886 – Thomas Clarkson Gordon, Battle Scenes of the Rebellion

In seiner Heimatstadt Spiceland, Indiana, führt der autodidaktische Künstler und US-Bürgerkriegsveteran Thomas Clarkson Gordon im Dezember 1886 erstmals sein vertikales Moving Panorama vor. Dafür fertigt er von 1884–1886 zunächst zwölf Ölgemälde an, die einzelne Szenen des US-amerikanischen Bürgerkriegs, angefangen mit dem Angriff auf Fort Sumter bis hin zum Gefecht bei Appomattox, zeigen. Den Gemälden mit jeweils etwa 210 cm Höhe und 420 cm Breite folgen später drei weitere. Schließlich montiert Clarkson Gordon die insgesamt 15 Gemälde zu einer durchgehenden Leinwand aneinander. Außerdem konstruiert er für sein Moving Panorama einen Mechanismus aus Holz, an dem das Panoramagemälde befestigt wird und per Kurbel vertikal bewegt werden kann, wodurch die Konstruktion charakteristisch von der horizontalen Bewegungsrichtung der meisten Moving Panoramas abweicht, die im 19. Jahrhundert vorwiegend in englischsprachigen Ländern ihr Publikum erreichen. Typischerweise wird ein langes Rollbild mit Hilfe eines mechanischen Kurbelsystems über ein Fenster bewegt, wobei die Vorführung häufig von einem Vortragenden, Musik und teils auch Ton- und Lichteffekten begleitet wird. Im Gegensatz zu den standortfixierten Rundbild-Panoramen in den Großstädten sind Moving Panoramas ein im Doppelsinn bewegtes Medium und arbeiten mehr mit Narration und der Kombination verschiedener Ausdrucksformen als mit der Immersion in einen Ort oder ein Ereignis. Durch das Vorführdispositiv mit Vortragendem, Musikbegleitung und einem Rahmen, auf den sich der Blick der Betrachtenden richtet, erinnern Moving-Panorama-Vorführungen an das frühe Kino, speziell in Clarkson Gordons Fall auch schon mit Blick auf die Bewegungsrichtung der – hier allerdings noch unvergleichlich langsameren und unkadrierten – Bildabfolge. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Huhtamo, Erkki: Illusions in Motion. Media Archaeology of the Moving Panorama and Related Spectacles, Cambridge, MA: MIT Press 2013
  • Miller, Angela L.: „The Panorama, the Cinema and the Emergence of the Spectacular“. In: Wide Angle 18 (1996), H. 2, S. 34–69
Schlagwörter: Animation, Ästhetik, auditiv, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Event/Performance, faktual, fiktional, Gemälde, geordnet, Gesamtprojektion, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Moving Panorama, Text, Unterhaltung

1883 – Ernst Haeckel, Indische Reisebriefe

Am Ziel seiner Besteigung des Adams-Pik auf Ceylon reflektiert Haeckel das Verhältnis von kumulativem Erfahrungslauf und daraus kulminierender Panorama-Rund- wie -Rückschau, was ihn zu Mutmaßungen über die Verbindung von Naturpanorama- und Transzendenz-Erleben führt: „Weit interessanter und erhebender, als diese Andachtsübungen der Pilger und die Zeremonien der Priester, war für uns das großartige Panorama, das die unbeschränkte Aussicht von diesem isolierten Berggipfel darbietet. Mit einem Blick überschauen wir hier den größten Teil der immergrünen Insel, die in so vieler Beziehung zu den schönsten und merkwürdigsten der Welt gehört. Allerdings ist das Großartigste an unsrem Panorama gerade diese Vorstellung, und die Erinnerung an die tausend herrlichen und interessanten Bilder, mit denen unsre Streifzüge durch dies irdische Paradies uns bereichert haben. Indem wir hier den Schauplatz derselben von einem Punkte aus rings überschauen, durchfliegen wir gewissermaßen das Inhaltsverzeichnis des Skizzenbuches, das wir hier mit Feder und Pinsel gesammelt haben. […] Man lernt hier begreifen, wie diese isolierte Bergspitze der einigende Mittelpunkt andächtigen Gottesdienstes für mehrere ganz verschiedene Religionsformen werden konnte.“ (Haeckel, „Der Adams-Pik auf Ceylon“, S. 68). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Haeckel, Ernst: „Der Adams-Pik auf Ceylon“. In: Deutsche Rundschau 37 (1883), H. 10, S. 53–70

Weblinks:

🖙 Projekt Gutenberg

Schlagwörter: 360°, Denkmal, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, visuell, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 1883 – „Allwissender Erzähler“

Mit der Unterscheidung von „Allgegenwart und Allwissenheit des Dichters“ legt der Schriftsteller Friedrich Spielhagen (Spielhagen, Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, S. 236) in seinem theoretischen Werk Beiträge zur Theorie und Technik des Romans eine Begriffsgrundlage für den vor allem im schulischen Gebrauch populären Terminus eines quasi-göttlichen „Allwissenden Erzählers“, der in der akademischen Narratologie ab Mitte des 20. Jahrhunderts – mit unterschiedlichen Akzenten – als „Auktoriale Erzählsituation“ (Stanzel) bzw. „Nullfokalisierung“ (Genette) konzipiert wird. Überall ist damit jedoch der (im praktischen Gebrauch bis in die Antike zurückgehende) Fall eines Erzählmodus markiert, der sich das Recht nimmt, die erzählerisch präsentierte Welt beliebig zu entwerfen, zu perspektivieren und zu modifizieren. Schärfer als gemeinhin üblich wäre dabei zwischen einer – tendenziell expliziten und (quasi-)zugleichspanoramatischen – Darbietung bzw. Behauptung manifester All- und Überschau und einer – tendenziell impliziten und verlaufspanoramatischen – Lizenz zur unlimitierten Bewegung durch ‚alle möglichen‘ lokal wechselnden Seinssphären und Perspektiven zu unterscheiden. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Spielhagen, Friedrich: Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, Berlin: L. Staackmann 1883

Weblinks:

🖙 Spielhagen
🖙 Martinez-Artikel Allwissendes Erzählen

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Blicktransparenz, Didaktik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation