1829–1850 – Honoré de Balzac, La Comédie Humaine

Im Avant-propos zur Comédie humaine aus dem Juli 1842 rechtfertigt Honoré de Balzac (1799–1850) den – an Dantes Divina commedia angelehnten – Titel seines 91 Romane und Erzählungen (ursprünglich waren 137 geplant) und 3000 Figuren umfassenden Unternehmens mit dessen Universalität. Zugleich epochenspiegelnd wie epochemachend, begreift sich das Werk als Sittengemälde der postrevolutionären französischen Gesellschaft, in der das Geld eine immer größere Rolle spielt und das Leben der Menschen determiniert. Dabei tauchen zentrale Figuren in mehreren Werken – mal als Haupt-, mal als Nebenfiguren – auf, wodurch sich die einzelnen Handlungen zu einem zusammenhängenden Diegese-Kosmos konfigurieren. Da das Geschehen sich zudem über mehrere Generationen erstreckt, werden die einzelnen Individuen oft über lange Zeiträume begleitet und sowohl im gesamtgesellschaftlichen Komplex als auch in bestimmten Milieukontexten verortet. Durchgehendes Ziel ist es dabei, verborgene Gesetzmäßigkeiten der historischen Entwicklung offenzulegen. Mit quasi-dokumentarischem Anspruch schildert Balzac die Lebenswirklichkeit unterschiedlicher sozialer Schichten, vor allem des Adels und des Bürgertums, hauptsächlich in der Metropole Paris, aber auch in der Provinz. So lässt sich die Comédie humaine als panoramatisches Projekt der repräsentativen epischen Gesamterfassung des Sozialgefüges der französischen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts begreifen. Unter Einbeziehung verschiedener Gattungen (Reflexionen, Beschreibungen, Essays, Briefe etc.) entsteht dabei ein maximal großformatiges wie zugleich detailreiches narratives Wimmelbild der damaligen Weltstadt und ihrer Bevölkerung. Entsprechend wurde Balzacs Romanzyklus als „vollständige Geschichte“, in der „jedes Kapitel ein Roman und jeder Roman eine Zeitgeschichte“ ist (Sabin, Artikel „Balzac, Honoré de“, S. 109), charakterisiert, dessen Einheit laut Ernst Robert Curtius in dessen „Allheit“ (zit. n. ebd.) liegt. – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Balzac, Honoré de: La comédie humaine [1829–1850], 10 Bde., Paris: Gallimard 1976
  • Sabin, Stefana: „Balzac, Honoré de“. In: Metzler Lexikon Weltliteratur, hg. von Axel Ruckaberle, Stuttgart: J. B. Metzler 2006, S. 106–110, S. 106–110

Weblinks:

🖙 Kindlers Literatur Lexikon
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, fiktional, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Organisation, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung

1828 – Tibetisches Lebensrad

Feinziseliertes fernöstliches Gesamtschema der „sechs Daseinswelten aller Geschöpfe“ in Kreisform bzw. Kreissegmenten. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Golowin, Sergius: Die grossen Mythen der Menschheit, Freiburg im Breisgau: Herder 1998, S. 266

Weblinks:

🖙 Erläuterung buddhistische Gesellschaft

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Gemälde, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Großtableau, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1825 – Panorama des Rheins und seiner nächsten Umgebungen von Mainz bis Cöln, von F. W. Delkeskamp

Vom deutschen Maler Friedrich Wilhelm Delkeskamp nach der Natur gezeichnetes und gestochenes, als 6-faches Ausklapp-Leporello realisiertes Rheinpanorama des Flussabschnitts von Mainz bis Köln aus einer überschau-schematisierten Vogelperspektive. – Martin Weinmann | Sarah Karsten

Literatur / Quellen:

  • Delkeskamp, F. W.: „Panorama des Rheins und seiner nächsten Umgebungen von Mainz bis Cöln / nach der Natur aufgenommen und gest. von F. W. Delkeskamp“Frankfurt am Main, 1825

Weblinks:

🖙 Digitalisat

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Panoramabild, schematisch, Unterhaltung, Zeichnung, Zugleichspräsentation

1825 – Sattler-Panorama


Das ca. 125 qm Bildfläche umfassende Rundgemälde zeigt die Stadt Salzburg samt Umgebung. Johann Michael Sattler fertigt es zwischen 1825 und 1829 auf Anregung von Kaiser Franz I. an und stellt es 1829 erstmals temporär aus. Ab 1875 wird es in einem eigens dafür errichteten Pavillon im Kurgarten von Salzburg installiert, nach dessen Abbruch es seit 2003 ein neues Domizil in einem Hof der neuen Residenz gefunden hat. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main: Syndikat 1980, S. 230–234

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, faktual, Fernblick, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Immersion, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Rundband, Rundbau, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1822 – Diorama


Prominent eingeführt vom Fotografie-Pionier Louis Daguerre, bildet das Diorama als immersives Erlebnis einen Vortypus des Kinos. In speziell für diesen Zweck erbauten Gebäuden sollen Zuschauende auf einer rotierenden Plattform und mithilfe von Lichttricks eine möglichst glaubhafte Illusion erleben. Tag und Nacht werden durch die Verschiebung bemalter transparenter und opaker Leinentücher sowie eine dynamische Lichtregie nachgeahmt, sodass eine Landschaft im bewegten Tagesablauf erscheint. Gegenüber dem Barker-Panorama hat sich das Streben nach der Illusion eines Vor-Ort-Seins hier schon weitgehend vom Anspruch auf die visio-mimetische Kopie einer existierenden Landschaft gelöst. – Lea Müller | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Daguerre, Louis-Jacques-Mandé: Historique et description des procédés du daguerréotype et du diorama, Paris: Béthune and Plon for Susse frères and Delloye 1839
  • Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main: Syndikat 1980, S. 56–67

Weblinks:

🖙 Funktionsweise des Dioramas in Bildern

Schlagwörter: 360°, Animation, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Didaktik, faktual, fiktional, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, Immersion, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Rundband, Rundbau, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1814 – Laplacescher Dämon

Im Vorwort zu seinem Essai philosophique sur les probabilités entwirft das Mathematik/Statistik- und Physik-Genie Pierre-Simon Laplace (17491827) eine deterministisch-physikalistische und kalkül-basierte Neuversion des panoramatischen Allschau- und Allwissenheitsbegehrens: „Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als die Wirkung seines früheren Zustands und als die Ursache des künftigen Zustands betrachten. Eine Intelligenz, die zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Kräfte, von denen die Natur beseelt ist, und die jeweilige Situation der Wesenheiten, aus denen sie sich zusammensetzt, kennen würde, wäre, wenn sie zudem noch groß genug wäre, um diese Daten einer Analyse zu unterziehen, in der Lage, die Bewegungen der größten Körper des Universums bis hinunter zu denen des leichtesten Atoms in derselben Formel zu erfassen. Nichts wäre für sie ungewiss. Zukunft wie Vergangenheit lägen ihr klar vor Augen.“ Die hier inaugurierte Beobachtungsinstanz ist seither als „Laplacescher Dämon“ sprichwörtlich geworden. Indes wird die Möglichkeit solcher Allregistratur (von der auch Laplace real nicht überzeugt war) in der Folge mehrfach grundlegend bestritten: die Option einer gleichzeitigen Weltzustandserfassung durch die Relativitätstheorie, der physikalische Determinismus durch die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie und die vollständige Berechenbarkeit per se aufgrund real-ontischer und kalkül-logischer Limitationen. Durch Errungenschaften wie die Schrödinger-Gleichung, die universale Turing-Maschine oder den Quantencomputer periodisch neu befeuert, bleibt das Konzept als approximativ erstrebte Teleologie dennoch lebendig, am prominentesten in den universalen Visionen einer Theory of Everything. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Zitatstelle im Original
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Allwahrnehmung, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1814 – Marquard Wocher, Panorama von Thun


Die Beschreibung der Museums-Homepage sagt prägnant das Wesentliche: „Der Basler Künstler Marquard Wocher erschafft 1814 das erste Panorama der Schweiz. Fasziniert vom Berner Oberland entwirft er ein Rundbild von 38 m Lauflänge der Kleinstadt Thun und […] Umgebung, mit Blick bis in die Alpen des Berner Oberlands. Detailreich wirft dieses Bild einen Blick auf das Thuner Alltagsleben vor 200 Jahren und wird mit den unzähligen Geschichten zu einem Wimmelbild für Gross und Klein. Heute [2023] ist das Panorama das älteste Rundbild der Welt und ist ein Depositum der Gottfried Keller-Stiftung.“ Seit 1961 in einem Rundbau im Schadau-Park in Thun beherbergt. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Thun-Panorama

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Immersion, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Rundband, Rundbau, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1811 – Rheinpanorama, Elisabeth von Adlerflycht


Darstellungsform der Parallelprojektion, die bei Bildkarten für geografische Objekte angewendet wird. 1811 schafft Elisabeth von Adlerflycht ein quasi-dreidimensionales Aquarell-Panorama des Rheins, indem sie den Fluss aus der Vogelperspektive und aus einem 45°-Blickwinkel zeichnet. Das Rheinpanorama zeigt den Fluss und seine Ufer von der Mündung der Nahe bis zur Mündung der Mosel, von Bingen bis Koblenz. – Martin Weinmann | Sarah Karsten

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Digitalisat

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Panoramaflug, schematisch, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1808 – Johann Adam Breysig, Kosmotheater

Als utopischen Fluchtpunkt seiner voranstürmenden, in der praktischen Umsetzung aber vom Pech verfolgten theatertechnischen Reformbemühungen imaginiert der (auch als verspäteter Panoramaerfinder einschlägige) Medienpionier ein Kosmotheater, in dem All-Präsentation und Immersion verschmelzen: „Unter diesem Ausdrucke verstehe man ein Theater [,] in welchem alle Wirkungen der Natur und Kunst täuschend hervorgebracht werden; ein Pantheater, eine Weltschau, ein Universaltheater, in welchem sich alles bewegt und bey welchem nur die Umgebung (das Aeusserste) feststeht. / Eine solche Anstallt bestehet in der Vereinigung aller Theater, in welchem [sic] jede beliebige Schaustellung und jedes beliebige Schauspiel gegeben werden kann. / Ein (vorher beschriebenes) Autokinesitheater kommt ihr am nächsten bey der Ansehung der Einrichtung. Ein solches Theater macht alle Arten von Theater überflüssig, eben weil es der Inbegriff aller Theater ist.“ (Breysig, „Ueber den Bau, die Maschinerie und Mahlerey des Theaters [1806]“, S. 153). In der Realität brannte das erst am 29.4.1808 eröffnete Königsberger Neue Schauspielhaus, in dem Breysig einige seiner Bühnenrevolutionen eindrucksvoll implementieren konnte, schon am 1.7. nach nur wenigen Vorführungen ab. (Krengel-Strudthoff, „Eine vergessene Bühnenreform“, S. 55 f.) Bis zur Einführung elektrischer Beleuchtung bleibt die Lichtregie für geschlossene immersive Medien praktisch und ästhetisch ein Problem. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • In blauer Ferne. Von der Kulissenbühne zum Königsberger panoramischen Theater. Schriften zur Bühnenreform von Johann Adam Breysig (1766–1831), hg. von Ingeborg Krengel-Strudthoff und Rudin Bärbel, Wiesbaden: Harrassowitz 1993, S. 142–206
  • Krengel-Strudthoff, Ingeborg: „Eine vergessene Bühnenreform: Johann Adam Breysigs Weg zur Szenographie des Königsberger Neuen Schauspielhauses“. In: In blauer Ferne. Von der Kulissenbühne zum Königsberger panoramischen Theater. Schriften zur Bühnenreform von Johann Adam Breysig (1766—1831), hg. von Ingeborg Krengel-Strudthoff und Bärbel Rudin, Wiesbaden: Harrassowitz 1993, S. 9–66

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Ästhetik, audiovisuell, auditiv, Bauwerk, bildvisuell, Blicktransparenz, Didaktik, Event/Performance, faktual, Fernblick, fiktional, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, haptisch, Idealpanoramatik, Immersion, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, Rahmenexpansion, Rundbau, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1804 – Claude Nicolas Ledoux, Coup d’oeil du Théâtre de Besançon


Ikonische Radierung des Architekten zu seinem Theaterbau in Besançon: das Auge im Panorama-Rund. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Küster (Hg.), Theatrum Mundi((fehlt in der Bibliografie)), S. 57

Weblinks:

🖙 Wikipedia zum Theater

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, faktual, fiktional, Gesamtprojektion, Halbrundband, Immersion, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, symbolisch, Technik, Überwachung, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation