1933 – Kunstkopf-Stereophonie

Die Firma General Electric präsentiert in Chicago das erste funktionsfähige Modell eines Audio-Aufnahmeverfahrens, bei dem zwei Mikrofone in der Nachbildung eines Kopfes (mit Gehörgängen) an der Stelle der Trommelfelle angebracht sind, sodass beim Anhören mit Kopfhörern ein räumlicher Eindruck entsteht. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Brech, Martha: Der hörbare Raum, Bielefeld: transcript 2015

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, auditiv, faktual, Gesamtprojektion, Immersion, Kugel, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Rahmenexpansion, Technik, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1927–1940 – Walter Benjamin, Passagenwerk

Das fragmentarisch überlieferte und postum im Rahmen einer editionsphilologischen Sichtung Rolf Tiedemanns als Passagenwerk titulierte Projekt, an dem Benjamin von 1927 bis 1940 arbeitet, begreift sich in seiner offenen, unvollendeten und letztlich wohl unvollendbaren Form als philosophische Geschichtsrekonstruktion der Pariser Urbanität des 19. Jahrhunderts. Diese versucht es in Form eines gigantischen Diskurs-Wimmelbildes in ihrer Gesamtheit zu erfassen und zu präsentieren – in der Hoffnung, aus der Urgeschichte des modernen Kapitalismus das katastrophische 20. Jahrhundert zu erhellen. Anstelle eines stringenten Textkorpus kompiliert Benjamin eine heterogene Materialsammlung, die in 48 Konvoluten, begleitet von zwei Exposés, diverse Text- und Bildquellen sowie Zitate und Kommentare ausbreitet. Bereits das erste Exposé – das einen Einblick in das Themenspektrum gewährt, welches sich von den Pariser Passagen über die Panoramen und Weltausstellungen bis zum Interieur und den Straßen von Paris erstreckt – postuliert, dass Text- und Stadtraum als konvergierende Konzepte zu betrachten seien. So soll die dispositorische Nachahmung der Pariser Passagenarchitektonik, die zum Flanierdurchgang durch die Konvolute respektive Auslagen und Präsentationsräume einlädt, einen gleichermaßen multiperspektivischen wie integralen Zugang zur Dialektik des 19. Jahrhunderts eröffnen. Inwieweit Benjamins panoramatische Utopie einer translinearen Textverräumlichung zur Erfassung einer historischen Totalität sich in der realen Leserezeption vermittelt, muss individuell erkundet werden. – Violetta Xynopoulou

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983
  • Lindner, Burkhardt: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: J. B. Metzler 2011
  • Kranz, Isabel: Raumgewordene Vergangenheit. Walter Benjamins Poetologie der Geschichte, München: Wilhelm Fink 2011

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Youtube

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Organisation, Panorama-Diskurs, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1927 – Breitwandformat: Polyvision in Abel Gance’ Napoléon


Um einen epischen Biopic-Film über Napoleon Bonaparte zu inszenieren, verwendet Regisseur Abel Gance für seinen Film Napoléon (Napoleon, FRA) ein Dreifach-Projektionsverfahren (Polyvision). Die Filmpremiere findet am 7. April in der Pariser Opéra Garnier statt, wobei jedoch noch nicht die endgültige Version vorgeführt wird. (Aufgrund des hohen technischen Aufwands wird der Film später auch häufig ohne Mehrfachprojektion gezeigt.) Die Hauptleinwand wird um zwei Nebenleinwände ergänzt, die in der Dreibildsequenz (Triptychon) des Films mit jeweils einem eigenen Projektor bespielt werden. Dazu müssen drei synchrone Kameras zu einem System verkoppelt sein, das der Ingenieur André Debrie entwickelt. Die aufgenommenen Filmbilder können so nebeneinander gereiht werden, dass durch drei synchronisierte Projektoren ein einheitliches Bild entsteht, das dreimal so breit ist wie der Academy Standard von 4:3. Dabei werden die Bilder so synchronisiert, dass sie möglichst nahtlos von einer Leinwand zur nächsten übergehen und den Eindruck eines durchgehenden Panoramas erwecken. Durch die deutlich breitere Bildfläche wird nicht nur die panoramatische Darstellung etwa einer Schlacht des Italienfeldzugs möglich, sondern auch die gleichzeitige Darstellung räumlich getrennter Ereignisse, was an Splitscreens erinnert und multiperspektivisch wirkt. Die experimentelle Kinematografie der Polyvision von Gance stellt einen avantgardistischen technischen und kreativen Vorstoß dar und erweitert die Grenzen des filmischen Bildes. Obwohl sich Polyvision als Format nie etabliert, beeinflusst es viele der folgenden Versuche, mittels überbreiter Seitenverhältnisse eine immersive und panoramatische Filmerfahrung zu erreichen, etwa das Aufnahme- und Projektionsverfahren Cinerama. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Kaplan, Nelly: Napoléon, London: British Film Institute 1994
  • Brownlow, Kevin: Napoleon. Abel Gance’s Classic Film, New York City: Alfred A. Knopf 1983
  • Cuff, Paul: „Presenting the Past: Abel Gance’s Napoléon [1927], from Live Projection to Digital Reproduction“. In: KinéTraces 2 (La Mort des Films), 2017, S. 120–142

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, bildvisuell, Denkmal, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Großtableau, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Rahmenexpansion, schematisch, Überbreite, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1926 – Claude Monet, Les Nymphéas


Von den 1890er-Jahren bis zu seinem Tod 1926 arbeitet der impressionistische Maler Claude Monet an überbreiten, großformatigen Seerosenbildern, für die er eine Rundum-Präsentation vorsieht. Nach dem Tod des Künstlers werden unter dem Titel Les Nymphéas acht Bilder im Musée de l’Orangerie in Paris in zwei miteinander verbundenen elliptischen Räumen installiert. Womöglich spielte Monet mit der Anordnung im Rund bewusst auf den Panorama-Hype des späten 19. Jahrhunderts an, wenngleich seine Bilder mit deren Form des Illusionismus nichts mehr gemein haben. Seine Gemälde präsentieren sich als solche (ohne Faux Terrain, mit erkennbarem Bildrand und sichtbarem Farbauftrag) und mobilisieren sowohl Blick als auch Körper. Sie bieten keinen weiten Blick in die Landschaft, sondern zeigen sich eher als farblich subtil gestaltete Flächen. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich gleichwohl eine andere Art von panoramatischem Anspruch: Der Seerosenteich erscheint im Verlauf der Tageszeiten und Lichtstimmungen als stetig wandelbar und bleibt dabei doch der gleiche – der Eindruck von Ganzheit und Gesamtheit entsteht ausgerechnet in der Inszenierung von Veränderlichkeit (in der Wahrnehmung eines menschlichen Betrachters). – Clara Wörsdörfer

Weblinks:

🖙 Musée de l’Orangerie, Paris.

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Gemälde, Gesamtprojektion, Halbrundband, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, Schraubenband, Überbreite, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1925 – Edwin Hubble, Ausblick aus der Milchstraße

Am Neujahrstag verliest der in Princeton lehrende Astronom Henry Norris Russell auf der Washingtoner Jahrestagung der American Astronomical Society einen Vortrag mit dem unscheinbaren Titel Cepheids in Spiral Nebula. Dabei vertritt er den eigentlichen Autor des Papers, Edwin Hubble, der, obwohl auch auf der Tagung, selbst nicht auf die Bühne geht, womöglich aus Sorge, mit seiner These – immerhin der größten Realweltexpansionsbehauptung der Geschichte – nicht ganz stichfest zu erscheinen. Doch die Beobachtungen, die er auf dem südkalifornischen Mount Wilson Observatorium gemacht hat, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jenseits der Milchstraße weit über das von und seit Herschel antizipierte Maß hinaus noch weitere Galaxien geben muss und dass das Weltall Billionen mal so groß ist wie bis dato angenommen. Ein empirischer Nachweis, dass es zudem ständig expandiert, gelingt vier Jahre später. (Bartusiak, IX-XVII) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hubble, Edwin P.: „Chepheids in Spiral Nebulae“. In: Publications of the American Astronomical Society 5 (1925), S. 261–264
  • Bartusiak, Marcia: The Day We Found the Universe, New York: Vintage Books 2009

Weblinks:

🖙 Vortragsskript

Schlagwörter: aktual, auditiv, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Event/Performance, Fernblick, Foto, Gesamtprojektion, Halbkugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Rundbau, schematisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Weltkarte, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1925 – László Moholy-Nagy, Das simultane oder Polykino

Konzeptschrift zu einer „kugelsegmentförmigen“ Kinoleinwand. Eine „große Projektionsfläche“ soll ermöglichen, mehrere Filme gleichzeitig in bildrahmenbewegungs- und diegesezeit-choreografierter Ablaufordnung zu präsentieren. Moholy-Nagys Polykino entwirft eine der radikalsten Kinoerweiterungsvisionen, kann aber in dieser Form weder von ihm selbst noch später je in vorzeigbarer Werkgestalt realisiert werden. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moholy-Nagy, László: Malerei. Fotografie. Film [1924], Mainz: Florian Kupferberg 1967, S. 39–41

Weblinks:

🖙 Text

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, bildvisuell, Didaktik, faktual, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, offen, Rahmenexpansion, schematisch, Technik, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1922 – Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit

Das für ein „Marstheater“ geschriebene Stück, dessen ungekürzte Hörspielfassung (ORF 1974) 25 h dauert, erfasst mithilfe von 1114 Rollen in einem bösen Rundumblick den moralischen Bankrott der Wiener Gesellschaft im Besonderen und Europas im Allgemeinen. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit: Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog [1922], Salzburg: Jung und Jung 2014

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Text

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtkompendium, geschlossen, Großtableau, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Wimmelbild

1913 – Telefon-Splitscreen in Suspense

Der Kurzfilm Suspense (USA 1913, R: Lois Weber/Phillips Smalley) gilt als frühes Beispiel für die innovative Verwendung eines Splitscreens im Film. Die filmische Form multipler Rahmung hat bildstatische Vorläufer in den Diptychen, Triptychen und Polyptychen der mittelalterlichen Tafelbildmalerei. Während der spannungsgetriebenen Erzählung des Films inszeniert dieser zwei Telefonate anhand eines dreigeteilten Bildes. Während die Ehefrau ihren Mann am Telefon um Hilfe ruft, sieht man im dritten Bild den Einbrecher an der Tür. Die Inszenierung des Telefonats im Splitscreen setzt sich bereits in den 1900er- und 1910er-Jahren im Stummfilm durch und ermöglicht die gleichzeitige Darstellung von räumlich getrennten Ereignissen. Der Splitscreen kann als Reaktion auf mediale technische Veränderungen betrachtet werden: das Telefonat (frühe Stummfilmzeit), das Fernsehen (1960er) und die Digitalisierung/das Internet (seit den 1990ern). – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Hagener, Malte: „The Aesthetics of Displays: How the Split Screen Remediates Other Media“. In: Refractory. A Journal of Entertainment Media 14 (2008)

Weblinks:

🖙 Youtube: Suspense (1913)

Schlagwörter: Ästhetik, bildvisuell, fiktional, Film, Gesamtdiagramm, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Rahmenexpansion, schematisch, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1913 – Blaise Cendrars, La Prose du Transsibérien et de la Petite Jehanne de France

Avantgardeprogrammatisch unternimmt das von Sonia Delaunay illustrierte Leporello die simultanistische Ausbreitung der Buch-/Textform zur Tableau-Text/Bild-Fläche, die in freien Versen und konstrastiven Farbkonstellationen eine imaginative Bewegung auf der (real erst 1916 fertiggestellten) Reisestrecke präsentiert. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Cendrars, Blaise: La Prose du Transsibérien et de la petite Jehanne de France, Paris: Les Hommes nouveaux 1913

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Großtableau, Laufpräsentation, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1900 – 360°-Filmsystem: Cinéorama

Inspiriert von den Großpanoramen der Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts arbeitet der französische Filmpionier Raoul Grimoin-Sanson bereits seit 1896 am ersten zylindrischen 360°-Multikamera- und -Multiprojektoren-System: dem Cinéorama. Laut seiner Autobiografie kommt das filmische Großpanorama erstmals im Zuge der Pariser Weltausstellung am 8. Mai 1900 zur Vorführung. Die Aufnahmen dafür entstehen durch eine Konstruktion aus zehn 70 mm-Kameras, die sternförmig auf einer runden Holzplatte befestigt werden und per Handkurbel synchron gestartet werden können. Das in Europa und Nordafrika gedrehte Filmmaterial inszeniert einen Flug über Landschaften und Paris. Für die Aufführung wird unmittelbar unter dem Eiffelturm das Cinéorama-Kino als Rundbau mit 30 m Durchmesser erbaut. Zehn Projektoren, die in einem zentralen Betonzylinder mit 5 m Durchmesser fixiert sind, sollen auf die kreisrunde Leinwand des Saals von 9 m Höhe projizieren. Die Zuschauerplattform für 200 stehende Gäste befindet sich oberhalb des Projektionsraums. Um die Illusion zu intensivieren, wird sie als Ballongondel gestaltet und schwebend von der unteren Seite einer Ballonhülle überdacht. Die technische Errungenschaft des Systems wäre die Synchronisierung der Kameras und der Projektoren gewesen. Aber die aktuelle Forschung zweifelt mangels historischer Belege daran, dass es damals wirklich zu einer Vorführung des Cinéorama-360°-Filmsystems gekommen ist. Einige nachfolgende Versuche, im 20. Jahrhundert Bewegtbildpanoramen durch 360°-Dispositive zu erzeugen, orientieren sich jedoch am zylindrischen Konzept und der Idee Grimoin-Sansons. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Kiessling, Maren: „Domografie. Visuelle Narration im Fulldome“. In: CINEMA 63 (2018), S. 98–112, S. 98–112
  • Grimoin-Sanson 1897((fehlt in der Bibliografie))

Weblinks:

🖙 Wikipedia zur Circama-Tradition

Schlagwörter: 360°, Bauwerk, bildvisuell, Draufblick, Event/Performance, faktual, Film, Gesamtprojektion, Halbkugel, Immersion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Moving Panorama, Panoramaflug, Rahmenexpansion, Rundbau, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation