1986 – David Hockney, Fotocollage The Grand Canyon Looking North II

Im September 1982 besucht der Maler David Hockney das Naturdenkmal des Grand Canyon. Von der dortigen Aussichtsplattform aus nimmt er den Blick nach Norden auf, indem er mit einer Pentax 100 unzählige einzelne Fotografien anfertigt. Hierfür dreht er sich mit der Kamera langsam, um die Aussicht im panoramatischen Format einzufangen. Das Ergebnis ist allerdings keine nahtlose Panoramalandschaftsfotografie, wie sie später mit jedem Smartphone anzufertigen ist. Vielmehr entwickelt Hockney die einzelnen Fotografien (nur Querformate), wählt aus und setzt diese 1986 als rasterförmige Collage zu einem ca. 110 × 322 cm großen Bild zusammen. Dieses zeigt also einerseits den großartigen Ausblick in überbreitem Format, deutlich aber auch den jeweils einzelnen (Kamera-)Blick mit je eigener Zeitlichkeit (an den Lichtverhältnissen erkennbar). Hockneys Fotocollage thematisiert einen Allerfassungsanspruch, der mit der Verwendung des vermeintlich hierfür besonders geeigneten Mediums der ‚objektiven‘ Fotografie unterstrichen wird. Durch deren unkonventionellen Gebrauch wird allerdings die Begrenztheit (oder Kontingenz) jeder medialen Allerfassung und Gesamtrepräsentation zugleich aufgelöst und ausgestellt. Das Werk gehört zur Gruppe der sogenannten ‚joiner‘. Zu Beginn der 1980er experimentiert Hockney mit dem Zusammenfügen mehrerer Fotografien zu einem Bild, wodurch er ein Bild aus verschiedenen Blickeinstellungen komponieren kann, welches den Wahrnehmungs- und Erfahrungsprozess des Gegenstands in der Zeit nachvollziehbar bleiben lässt. Zu Beginn nutzt er hierfür auch die Polaroid-Technik. Teilweise haben diese ‚joiner‘ gebogene Formate oder fransen an den Rändern aus; sie suggerieren somit, dass das mit dem Auge erforschte Motiv hier genau die Ausdehnung erhält, die es braucht, um ‚richtig‘ im Sinne von ‚authentisch‘ oder ‚überzeugend‘ zu sein. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Hockney, David: Photographe, Paris: Centre Georges Pompidou 1982

Weblinks:

🖙 Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Draufblick, faktual, Fernblick, Foto, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, schematisch, Überbreite, visuell, Zugleichspräsentation

1984 – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Nachdem Hegel noch die Eule der Minerva ausgeschickt hatte, um das Wissen des Wissens einzufangen, vertraut die Postmoderne nicht mehr auf animalischen Beistand. Der Anspruch, eine Theorie bzw. eine Supertheorie der Gesellschaft zu entwerfen, erfordert, glaubt man ihrem Autor Niklas Luhmann, eine „ungewöhnliche […] Abstraktionslage“ und folglich eine Flughöhe, die Eulen einfach nicht erreichen: „Der Flug muß über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen. Man muß sich auf die eigenen Instrumente verlassen. Gelegentlich sind Durchblicke nach unten möglich – ein Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen, die an Vertrautes erinnern; oder auch ein größeres Stück Landschaft mit den erloschenen Vulkanen des Marxismus. Aber niemand sollte der Illusion zum Opfer fallen, daß diese wenigen Anhaltspunkte genügen, um den Flug zu steuern.“ (Luhmann 1987, S. 12 f.). – Christopher Busch

Literatur / Quellen:

  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [1984], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987

Weblinks:

🖙 Wikipedia Systemtheorie

Schlagwörter: Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, offen, Organisation, Panoramaflug, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1984 – 360°-Filmsystem Swissorama

Zylindrisches 360°-Filmaufnahme- und -Projektionsverfahren, entwickelt von Ernst A. Heiniger und 1984 uraufgeführt im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. Es ermöglicht erstmals eine nahtlose Projektion auf eine zylindrische Leinwand und verwendet dafür eine spezielle Fischaugen-Linse an einer 65 mm Kamera, die bei der Aufnahme von einem Plexiglaszylinder umfasst und nach unten gerichtet wird. Durch den Einsatz von nur einer Kamera und einem Filmnegativ können die Aufnahmen direkt auf 70 mm umkopiert werden. Ein runder Frame mit schwarzem Zentrum wird anschließend bei der Vorführung von der Deckenmitte des kreisrunden Kinos durch einen Projektor mit einer identischen Fischaugen-Linse verzerrungsfrei und nahtlos auf die zylindrische Leinwand (60 × 5 m) projiziert. Der erste Film im Swissorama-Verfahren, Impressionen der Schweiz (CH 1984, R: E. A. Heiniger), zeigt bei einer Spiellänge von 20 min eine touristische Reise durch die Schweiz und wird von Musik über 6-Kanal-Stereoton begleitet. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Piccolin, Lucas: „Rundumkinos. Vom Panorama zu 360°-Filmsystemen.“. In: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 78 (2007)
  • Kiessling, Maren: „Domografie. Visuelle Narration im Fulldome“. In: CINEMA 63 (2018), S. 98–112, S. 98–112

Weblinks:

🖙 Rundumkinos. Vom Panorama zu 360°-Filmsystemen.

Schlagwörter: 360°, audiovisuell, Bauwerk, bildvisuell, faktual, fiktional, Film, Gesamtprojektion, geschlossen, Halbkugel, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Rahmenexpansion, Rundband, Rundbau, Technik, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1983 – Valère Novarina, 2587 Figuren aus ‚Le Drame de la vie‘ [Das Drama des Lebens]


Am 5. und 6. Juli zeichnet der französische Autor und Maler Valère Novarina (* 1942 bei Genf) im achteckigen großen Saal des Saint-Nicolas-Turms in der französischen Stadt La Rochelle 24 h lang fast ohne Unterbrechung die 2587 Figuren seines Theaterstücks Le Drame de la vie [dt. Das Drama des Lebens]. Im Jahr darauf erscheint der Text als Buch. Die Bühnenfassung wird 1986 in der Regie des Autors beim Festival von Avignon uraufgeführt, wofür er auch selbst die Kulissen malt. Die szenische Anordnung seiner Zeichen-Performance hatte er bereits 1970 in seinem ersten Theatertext L’Atelier volant [dt. Die fliegende Werkstatt] beschrieben, in dem einer der drei Schauplätze die „Werkstatt“ ist: ein Erdgeschoss, als erste Etage ein horizontal gelegtes Wagenrad, mit Stegen zum Hinaufklettern. Im Saint-Nicolas-Turm stehen nun ein Tisch mit gläserner Tischplatte und ein Stuhl auf dem zentral an der Decke aufgehängten riesigen hölzernen Rad. Am frühen Morgen des 5. Juli erklettert es der Autor schwarz gekleidet in weißen Turnschuhen über ein Podest. Zugegen sind acht hell gekleidete Schauspieler, sechs „Aufhänger“ in weißen Latzhosen, die dunkel gekleidete Spielleiterin sowie der Turmwächter, der den Zugang verschließt. Der Künstler legt den Stapel weißer Papierbögen mit den Namen aller zu zeichnenden Figuren auf den transparenten Tisch, dazu dicke Rotstifte, schwarze Tusche, Zeichenfedern. In den Nischen des runden Außenstegs und im Treppenhaus beginnen die Schauspieler die 2587 Namen zu verlesen, die nach draußen übertragen und zeitgleich über den Radiosender France Culture gesendet werden, während Novarina konzentriert und schweigend, nur unter gelegentlichem Aufstampfen des Fußes, von unten sichtbar zeichnet. Die Spielleiterin sammelt die getrockneten Zeichnungen ein, die von den „Aufhängern“ rundum an den Wänden des kreisförmigen Raumes befestigt werden und sie so zunehmend bedecken. Mit einbrechender Dunkelheit erstrahlt ein Neonschriftzug mit der Zahl 2587 auf der Turmspitze. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages zeichnet Novarina „Adam“ auf das letzte Blatt. Die Zeichnungen werden in der Folge vielfach ausgestellt, etwa 1986 beim Festival von Avignon im „Theologischen Saal“ des Papstpalasts. Eine Auswahl von 100 Zeichnungen wird 1986 als Buch publiziert. Der Katalog der Ausstellung Théâtre des dessins in Barcelona 2010 dokumentiert die Performance mit Fotos und Abbildungen. 2023 erscheint unter dem Titel La Clef des langues [dt. Der Schlüssel der Namen] eine 507-seitige Druckfassung mit 663 Zeichnungen sowie allen Namensaufzählungen aus Novarinas Werken, gefolgt von 500 zitierten Gottesdefinitionen. Die letzte Seite zeigt ein Foto der Zeichenperformance im runden Turmsaal in La Rochelle. – Leopold von Verschuer

Literatur / Quellen:

  • Novarina, Valère: Le Drame de la vie, Paris: P.O.L. 1984
  • Novarina, Valère: 100/2587, einhundert Zeichnungen, Paris/Dijon: Beba/Le Consortium 1986
  • Novarina, Valère: Théâtre de dessins: 2587 personnages et 311 définitions de Dieu, Barcelona: Eumo Editorial / Arts santa Mònica 2010
  • Novarina, Valère: La Clef des langues, Paris: P.O.L. 2023

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 offizielle website Valère Novarina

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, 360°, Ästhetik, auditiv, Bild, bildvisuell, Buch, Event/Performance, faktual, fiktional, Gemälderundbau, Gesamtkompendium, geschlossen, Großtableau, haptisch, Hörwerk, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Rundband, Rundbau, schematisch, Skulptur, symbolisch, textuell, Überbreite, visuell, Zeichnung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1982 – Richard Paul Lohse, Farbkomplementäre Reihen

Das 284 × 1846 cm große, aus 2 × 13 horizontal übereinander angeordneten, monochromen Elementen bestehende Wandbild (Acryl gespritzt auf Aluminium, montiert auf Beton; Lesesaal des Staatsarchivs des Kantons Zürich) weist, wie Bruno Weber konstatiert hat, insofern eine panoramatische Struktur auf, als es eine Rundsicht veranschaulicht, „welche grundsätzlich keinen Anfang und kein Ende hat“, und zwar in Form einer „horizontal gerichtete[n] Bewegung, die zu ihrem Ausgangspunkt zurückfindet. Das Panorama formuliert, so verstanden, das Paradox eines geschlossenen, aber unendlich erweiterbaren Weltbilds.“ (Weber, „Formen und Funktion älterer Panoramen“, S. 257). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Weber, Bruno: „Formen und Funktion älterer Panoramen. Eine Übersicht“. In: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 42 (1985), H. 4, S. 257–268

Weblinks:

🖙 Abbildung

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, Gemälde, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, geschlossen, Medialpanoramatik, Panoramabild, schematisch, Zugleichspräsentation

1982 – Videospielreihe, Microsoft Flighstimulator

Die Videospielreihe Microsoft Flightsimulator verspricht seit 1982, via Flugsimulation über den eigenen Heimcomputer möglichst realistisch an jeden Ort der Welt gelangen zu können. Die erste Version konnte lediglich acht Fluginstrumente und eine 2D Ebene darstellen. Demgegenüber benutzt der nunmehr zwölfte Ableger der Videospielreihe, der Microsoft Flight Simulator 2024, fortgeschrittene Methoden, um die gesamte Erde darzustellen. Zum einen setzt er per Algorithmus vorgefertigte Häuser, Straßen oder Bäume an jene Stellen in der digitalen Welt, wo sie auf der Onlinekarte von Bing zu finden sind. Zum anderen benutzt er bei größeren Städten Photogrammetrie (eine Technik, bei der durch die Analyse und Vermessung von Fotografien virtuelle 3D-Gebäude erstellt werden). Die höchste Stufe der Detailtreue lässt sich im Simulator jedoch dann finden, wenn Flughäfen oder Sehenswürdigkeiten per Hand (also nicht über einen Algorithmus) von einem Entwicklerteam digital nachgebaut wurden. Das Hauptentwicklerteam Asobo stattet den Simulator zusätzlich kontinuierlich mit „World Updates“ aus. Insgesamt beträgt die Größe dieser digitalen Welt über zwei Millionen Gigabyte. Um diese Datenmenge für einen Heimcomputer nutzbar zu machen, lädt der PC immer nur die Landschaften von einem Server herunter, die gerade in Reichweite des virtuellen Flugzeugs sind. Je nach Region schwankt der Detaillierungsgrad, sodass eine Person aus Wien sein/ihr Haus genau erkennen kann, wohingegen eine Person aus Damphu (Dorf im Buthan) im Flugsimulator nur auf ein generisches Haus trifft. Wer eine eigene Haustür hat, kann aber trotzdem davor landen, egal auf welchem Punkt der Erde – man muss nur das passende Luftfahrzeug wählen. – Till Bertram

Weblinks:

🖙 Offizielle Website

Schlagwörter: Animation, audiovisuell, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, fiktional, Film, Foto, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, haptisch, Immersion, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, offen, Organisation, Panoramaflug, schematisch, Speicher, Technik, Unterhaltung, Weltkarte, Zugleichspräsentation

1982 – Heimkino-Raumklang-Technik, Dolby Surround


Erste Vorstellung und Einführung eines – noch analogen – Mehrkanal-Raumklang-Tonsystems für den Heimbereich durch die Firma Dolby Laboratories. Eine Dolby-Surround-Anlage umfasst einen Verstärker mit Dekoder/Konverter und drei Lautsprecher für vorne links, vorne rechts sowie einen dritten „Center“-Lautsprecher, eben den Surround-Kanal, der ein über das HiFi-gewohnte Stereo-Panorama (dessen Datenmaterial hier als Ausgangssignal weiter zugrundeliegt) hinausgehendes 360°-Hörerlebnis gewährleisten soll. Seither mit Dolby Pro Logic (1987), Dolby Pro Logic II (2000) und zahlreichen weiteren Updates kontinuierlich fortentwickelt und der Mediendigitalisierung angepasst. – Kira Gass

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Dolby-Arten

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, audiovisuell, auditiv, faktual, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, MEDIUM, mimetisch, MUSIK, Rahmenexpansion, Technik, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1981 – Cyclomedia

Cyclomedia ist ein niederländisches Unternehmen im Bereich geografischer Informationssysteme, das sich auf die systematische Erfassung realer Umgebungen mithilfe hochauflösender 360-Grad-Panoramabilder, sogenannte Cycloramas, spezialisiert.

Die Grundlage dieser Bildproduktion ist ein mobiles Kamerasystem, das auf Fahrzeugen montiert wird und sich entlang von Straßen bewegt. Während der Fahrt werden in regelmäßigen Abständen überlappende Rundumaufnahmen erzeugt, die eine lückenlose Erfassung des Straßenraums ermöglichen. Die einzelnen Panoramen werden anschließend in einer Datenbank gespeichert und miteinander verknüpft, sodass ein zusammenhängender, digital navigierbarer Raum entsteht. Gleichzeitig ist die Bildqualität so hoch und die geometrische Verortung so präzise, dass innerhalb der Aufnahmen Messungen vorgenommen und dreidimensionale Modelle erzeugt werden können.

Die Entwicklung dieser Technologie lässt sich bis in die 1980er-Jahre zurückverfolgen. Erste Forschungsarbeiten zur Panoramafotografie entstehen an der Technischen Universität Delft, wo der Prototyp eines entsprechenden Kamerasystems entwickelt wird. Im Folgenden wird die Technik weiter ausgebaut und in den 1990er-Jahren in kommerzielle Anwendungen überführt. Ein frühes Beispiel für ihre praktische Nutzung ist die vollständige fotografische Erfassung der Stadt Rotterdam Mitte der 1990er-Jahre. Seitdem werden die Systeme kontinuierlich weiterentwickelt, insbesondere im Hinblick auf digitale Bildverarbeitung, automatisierte Auswertung und die Integration zusätzlicher Kameratechnologien.

Ziel von Cyclomedia ist es, die physische Welt in detaillierte, verlässliche Datensätze zu überführen, die als Grundlage für Analyse, Planung und Entscheidungsprozesse dienen können. Die erfassten Bildräume werden deshalb nicht primär für eine allgemeine Öffentlichkeit bereitgestellt (wie später ➚ Google Earth und ➚ Google Street View), sondern vor allem von Institutionen, Verwaltungen oder Unternehmen genutzt. Die Panoramaaufnahmen dienen damit nicht nur der Darstellung, sondern vor allem der operativen Nutzung von Raum.

Die Nutzung dieser Daten ist eng an spezifische Anwendungsbereiche gebunden. Insbesondere öffentliche Verwaltungen greifen auf die Bilddaten zurück, um Infrastrukturen zu planen, zu überwachen und zu verwalten, etwa im Bereich von Straßen, Verkehrsführung oder städtischer Entwicklung. Darüber hinaus werden die Panoramen für die Kontrolle und Aktualisierung von Kartenmaterial eingesetzt sowie zur Erstellung dreidimensionaler Stadtmodelle und virtueller Umgebungen. Durch die hohe Genauigkeit der Aufnahmen sind auch photogrammetrische Messungen möglich, wodurch sich Objekte im Raum exakt verorten lassen.

Ein weiterer Anwendungsbereich liegt in der automatisierten Auswertung der Bilddaten, etwa bei der Erkennung von Verkehrszeichen oder anderen Infrastrukturelementen. Signifikant ist dieses Verfahren insofern, als es große und komplexe räumliche Zusammenhänge effizient erfassbar und vergleichbar macht.

Der panoramatische Charakter des Systems ergibt sich aus der Verbindung von Rundumsicht und serieller Organisation. Jeder einzelne Aufnahmeort bietet eine vollständige 360-Grad-Perspektive, während die Vielzahl der miteinander verknüpften Aufnahmen einen kontinuierlichen, durchquerbaren Raum erzeugt. Auf diese Weise entsteht der Eindruck eines umfassenden Überblicks, der nicht an ein einzelnes Bild gebunden ist, sondern sich aus der Gesamtheit der Daten ergibt.

Zugleich beruht dieser Überblick auf einer technisch erzeugten und strukturierten Form von Sichtbarkeit. Der erfasste Raum erscheint vollständig, ist jedoch auf diejenigen Bereiche beschränkt, die tatsächlich aufgenommen wurden. Auch die zeitliche Dimension spielt eine Rolle, da die Aufnahmen nur einen bestimmten Zustand der Wirklichkeit festhalten. Das so entstehende Panorama ist daher kein neutrales Abbild, sondern ein spezifisch produzierter Ausschnitt, der durch technische Verfahren und institutionelle Anforderungen geprägt ist. – Aileen Derstroff (2026)

Weblinks:

🖙 Cyclomedia Webseite
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, faktual, Foto, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, offen, Organisation, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Technik, Überwachung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 1980 – Michel De Certeau, Blick vom World Trade Center

In seiner Kunst des Handelns beschreibt De Certeau den vom World Trade Center aus über New York City schweifenden Blick als Lektüreprozess: „Der Betrachter kann hier in einem Universum lesen, das höchste Lust hervorruft“, nämlich die, „diesen maßlosesten aller menschlichen Texte zu ‚überschauen‘, zu überragen und in Gänze aufzufassen.“ Dabei nehme der Betrachter eine quasi-göttliche, Ikarus-gleiche Position ein, wie sie die Malerei vorweggenommen habe: „Der Wille, die Stadt zu sehen, ist den Möglichkeiten seiner Erfüllung vorausgeeilt. Die Malerei des Mittelalters und der Renaissance zeigte die Stadt aus der Perspektive eines Auges, das es damals noch gar nicht gab. Die Maler erfanden gleichzeitig das Überfliegen der Stadt und den Panoramablick, der dadurch möglich wurde. Bereits diese Fiktion verwandelte den mittelalterlichen Betrachter in ein himmlisches Auge. Sie schuf Götter.“ (De Certeau, Kunst des Handelns, S. 179–182). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin: Merve 1988
  • Reiffers, Moritz: Das Ganze im Blick, Bielefeld: transcript 2013, S. 9–12
Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Bauwerk, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Panorama-Diskurs, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Utopie/Dystopie, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1980 – Fred Frith, The Entire Works of Henry Cow

Auf dem LP-Sampler Miniatures (A Sequence Of Fifty-One Tiny Masterpieces Edited By Morgan-Fisher), dessen Konzept darin besteht, allen Beteiligten je eine Minute Raum zu geben, ballt Fred Frith (unmittelbar nachdem David Beford Wagner’s Ring in One Minute abgehandelt hat) per collagierender Überschichtung sämtliche Stücke seiner langjährigen, doch zuvor aufgelösten Band Henry Cow auf engstem Raum zusammen. In den Liner Notes erläutert Kompilator Morgan-Fischer: „This is probably the densest piece on this LP. It contains a portion of every single track by Fred’s old band Henry Cow, assembled according to a strict mathematical system. Listen carefully, you can hear Dagmar Krause, Lindsay Cooper, Chris Cutler, Tim Hodginson, Geoff Leigh, Johnn Greaves, Anthony Moore, and Peter Blegvad.“ Einzelnes herauszuhören ist jedoch schwierig, weil in Friths Mikro-Pansonorama zwar ‚alles da‘, doch zwischen Maximalverdichtung und (Selbst-)Vernichtung so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Miniatures auf Discogs

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, Denkmal, faktual, fiktional, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Hörwerk, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, schematisch, Text, Unterhaltung, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation