ca. 1530 – Giulio Camillo, Gedächtnistheater

In eigentümlicher Verknüpfung von antik-rhetorischer Mnemotechnik – insbesondere des ‚Ablegens‘ von zu Erinnerndem in einer Ortsstruktur – sowie renaissance-synkretistischer Hermetik ersinnt Giulio Camillo (ca. 1480–1544) ein Weltgesamterfassungsschema mit dem „ungeheueren Anspruch, […] das Universum durch einen Blick von oben, von den ersten Ursachen her, als ob er Gott wäre, in Erinnerung [zu] behalten.“ (Yates, Gedächtnis und Erinnern, S. 137). Auf diese Art könne „der Mikrokosmos […] den Makrokosmos ganz verstehen.“ (ebd.). Zwar bleibt eine bauliche Realisation seines Konzepts, das als aufsteigendes Halbrund-Theatrum gedacht ist, dem reisenden Gelehrten zeitlebens versagt, doch kann er Besuchern einen zimmergroßen Prototyp vorführen. Im Theaterbild entspricht die Anordnung sieben jeweils siebenreihigen Tribünensektoren, in denen aber nicht wie sonst das Publikum Platz findet, sondern sich Himmelskörper, Mythologeme, Sinnbilder, Elemente, Künste und Realien auf wundersame Weise zueinanderfügen, während die allüberschauende Instanz vorn auf der (statt wie sonst zuunterst) hier zuoberst imaginierten Bühne steht – mit Zentralblick wie von einer späteren Panorama-Plattform. (Yates, Gedächtnis und Erinnern, S. 381–392) Mangels Betriebspraxis gerät Camillos Gedächtnistheater jedoch bald in Vergessensheit. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Yates, Frances A.: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles und Shakespeare. [OA: The Art of Memory. 1966], 5. Aufl., Berlin: Akademie Verlag 1999, S. 123–149
  • Camillo, Giulio: L’idea del theatro con L’idea dell’eloquenza, il De Transmutatione e altri testi inediti, Milano: Adelphi 2015

Weblinks:

🖙 Wikipedia Camillo (IT)
🖙 Wikipedia Theater (IT)

Schlagwörter: Bauwerk, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Draufblick, Enzyklopädie, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, geschlossen, Großtableau, Halbrundband, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Mikropanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, schematisch, symbolisch, Tabelle, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1530 – Niklas Meldeman, Rundansicht von Wien


Unter dem Titel Der stadt Wien belegerung, wie die auff dem hohen sant seffansthurn [sic!] allenthalben gerings um die gantze stadt, zu wasser vnd landt mit allen dingen anzusehen gewest ist veröffentlicht der Nürnberger Verleger Niklas Meldeman ein halbes Jahr nach der ca. dreiwöchigen Belagerung Wiens durch das türkische Heer (September/Oktober 1529) einen kolorierten Holzschnitt (81,2 × 85,6 cm), der ein Horizontalpanorama der Stadt zeigt. Um den Stephansdom herum sind die geografischen Gegebenheiten bis zum Wienerwald, dem Leithagebirge und den kleinen Karpaten dargestellt, und zwar als Schauplätze der ebenfalls abgebildeten kriegerischen Ereignisse, Gefechte und Truppenbewegungen. – Bernd Klöckener

Weblinks:

🖙 Wien Geschichte Wiki

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ca. 1515 – Joachim Patinir, Weltenlandschaft


Der in der Kunstgeschichte gebräuchliche Begriff der „Weltenlandschaft“, für den eine umfassende lexikalische Definition bislang aussteht, wird meist mit den Landschaftsbildern des Malers Joachim Patinir (um 1515) in Verbindung gebracht, aber auch für Bilder wie Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht (1528–29) oder Landschaft mit dem Sturz des Ikarus (um 1555–1568, Umkreis Pieter Bruegel d. Ä.) verwendet. Als spezifisch für das Erscheinen einer Landschaft als Weltenlandschaft kann laut Philine Helas gelten, dass hier der Betrachter in die Höhe katapultiert wird und wie ein Schöpfergott eine Überschaulandschaft erfassen kann (vgl. 1999, S. 32). Einer makroskopischen Perspektive steht eine mikroskopische gegenüber, die sich in unzähligen Details artikuliert und dabei wimmelbildartige Züge annehmen kann. Im Fall der Alexanderschlacht wird die historische Schlacht auf diese Weise in eine weltgeschichtliche Dimension gebracht. Sie vollzieht sich in einer teils phantastisch anmutenden Landschaft, die sich weit in die Ferne erstreckt, wobei der leicht gebogene Horizont die Vorstellung einer Weltkugel erahnen lässt. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Helas, Philine: „Porträt und Weltenlandschaft“. In: Porträt – Landschaft – Interieur. Jan van Eycks Rolin-Madonna im ästhetischen Kontext, hg. von Christiane Kruse und Felix Thürlemann, Tübingen: Gunter Narr 1999, S. 31–49
  • Zinke, Detlef: Patinirs Weltlandschaft. Studien und Materialitäten zur Landschaftsmalerei im 16. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Lang 1977
  • Gibson, Walter S.: Mirror of the Earth. The World Landscape in 16th Century Flemish Painting, Princeton: Princeton University Press 1989

Weblinks:

🖙 Altdorfer, Alexanderschlacht

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Fernblick, fiktional, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1507 – Martin Waldseemüllers Weltkarte


Diese Weltkarte „markiert in mehrfacher Hinsicht einen epochalen Einschnitt: Zum einen schließt sie an die Antike an und gehört zu jenen Karten, in denen an der Wende zur Neuzeit die Erkenntnisse des Ptolemäus zur mathematischen Berechnung der Längen- und Breitengrade wieder erschlossen werden. Zum anderen verarbeitet sie das in ihrer Gegenwart durch Entdeckungsfahrten gewonnene Erfahrungswissen, das vor allem durch die Umrundung Afrikas durch die Portugiesen und die Entdeckung eines neuen Erdteils durch Kolumbus gewonnen worden war, zu einem völlig neuen Bild der Welt“. (Oswalt, Weltkarten – Weltbilder, S. 119) Zudem enthält sie erstmals die Bezeichnung „America“ (für den südlichen Teil der ‚Neuen Welt‘). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 119–135

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Technik, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. 1495 – Hieronymus Bosch, Garten der Lüste


Triptychon des niederländischen Malers Hieronymus Bosch, heute im Museo del Prado in Madrid. Der Garten der Lüste ist auf der Mitteltafel des Triptychons zu sehen. In diskrepant separierter Zugleichsansicht zum linksseitigen Garten Eden und zur rechtsseitigen Marterhölle zeigt er das christliche Motiv des friedlichen Miteinanders sowie sexuelles Begehren. Typisch für Bosch sind dabei auch viele skurrile Tierwesen in der insgesamt farbenfrohen, wimmelbildartigen Welt. – Antje Schilling

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, CHRISTENTUM, Didaktik, Gemälde, geordnet, Gesamtprojektion, Großtableau, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, NIEDERLANDE, symbolisch, Überbreite, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1493 – Schedelsche Weltchronik


Illustrierte Weltchronik vom deutschen Historiker Hartmann Schedel, zeitgleich sowohl auf Deutsch wie auf Latein, d. h. ‚für alle‘, sprich: Gelehrte wie Laien, Einheimische wie Internationale, veröffentlicht. Gemäß der christlichen Geschichtsauffassung gliedert sich das Buch nach den sieben Weltaltern: von der Erschaffung der Welt bis zum Jahr 1493 und darüber hinaus bis zum künftigen Weltende, wobei neben biblischen und antiken Überlieferungen zunehmend auch neuere realgeschichtliche Personen, Orte und Ereignisse integriert werden. In der zeitgenössischen ‚Verlagswerbung‘ heißt es in phänotypischer panoramatischer Verheißung: „Wenn Du es liest, wird es dich, wie ich dir versprechen darf, derart fesseln, daß du die Abfolge aller Zeiten nicht zu lesen, sondern leibhaftig zu schauen glaubst […], und alles wird vor Deinen Augen zu leben scheinen“ (Schedel, Weltchronik [1493], S. 9). Die Holzschnitt-Illustrationen stammen u. a. von Michael Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff und Albrecht Dürer. Die Chronik enthält Stadtansichten, eine Europakarte sowie eine Weltkarte. Da der Kontinent Amerika erst nach Amerigo Vespuccis Bericht seiner Südamerika-Expedition 1501/1502 bekannt wurde, ist dieser in der Weltkarte noch nicht verzeichnet, worin sich die konstitutive Ungleichzeitigkeit von ideal disponierter Gesamtweltchronik und realem Gesamtweltbild bekundet. – Sarah Karsten | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Schedel, Hartmann: Weltchronik. Kolorierte Gesamtausgabe von 1493, Köln: Taschen 2001

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, geschlossen, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, panoramatische Diskursform, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Unterhaltung, Weltkarte, Wissenschaft Mythos/Religion, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1482 – Altar von Sevilla


Die Kathedrale von Sevilla beherbergt das mit 23 m Höhe und 20 m Breite größte, 1564 fertiggestellte Altarretabel der Welt. In der Gesamtansicht sind dessen 45 Reliefquader (mit Szenen aus dem Neuen Testament) kaum einzeln rezipierbar, in der Naherkundung geht der Überblick verloren. Früher Gipfel- und Grenzpunkt panoramatischer Tableau-Präsentation. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Altarfotos

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Gesamtprojektion, Großtableau, Halbrundband, haptisch, KIRCHE, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, schematisch, Skulptur, symbolisch, Überbreite, Zugleichspräsentation

1469 – Scherzliger Passionspanorama

Das Passionspanorama von Peter Maler von Bern für die Kirche in Thun/CH bildet die Ereignisse der Passionsgeschichte über die gesamte Südostwand hinweg ab und ist das größte und älteste Passionspanorama des 15. Jahrhunderts. – Hannah Rex

Weblinks:

🖙 Informationsbroschüre

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, geschlossen, Großtableau, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Panoramabild, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, schematisch, symbolisch, Überbreite, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

ca. 1460 – Buchillustration von Gott im und als Himmelsauge

Einleitungsbild zu einer Handschrift von Die sieben Weltalter, repräsentiert in Sphärenringen schematisch auch die sieben Weltzeitalter. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Berger, Klaus/Beinert, Wolfgang/Wetzel, Christoph u. a.: Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg i. B.: Herder 2006, S. 144
Schlagwörter: Allwahrnehmung, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Buch, Diagramm, Didaktik, Draufblick, Fernblick, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1457–1460 – Fra Mauro, Mappa mundi


Zu Beginn der Frühen Neuzeit fasst die Karte das damalige europäische Wissen über die Welt zusammen. Ausführliche Marginalien erklären u. a., wo die Grenzen der bewohnbaren Erde verlaufen. Die kreisförmige, auf einzelne Pergamentblätter gemalte Karte hat einen Durchmesser von 197 cm und wurde auf eine quadratische Holzplatte (223 × 223 cm) aufgezogen. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Berg, Thomas Reinertsen: Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder, München: dtv 2020, S. 96–99

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Zugleichspräsentation