1838 – Ludwig Bechstein, Wanderungen durch Thüringen

Der Abschnitt „Felsenthal und Inselberg“ (Bechstein, Wanderungen durch Thüringen, S. 258–267) enthält eine idealtypisch geordnete, alle vier Himmelsrichtungen ab Norden im Uhrzeigersinn durchlaufende Gipfelpanorama-Rundum-Beschreibung: „Den Berggipfel umwandelnd, deutete Otto die Hauptpunkte des herrlichen Inselberg-Panorama’s an, und mit bewaffnetem Auge folgte seinen Fingerzeigen die begleitende Gesellschaft. ‚Mit dem Norden beginnend,‘ sprach der Geleiter: ‚sehen wir die Kette des Harzgebirges […]‘.“ (Bechstein, Wanderungen durch Thüringen, S. 261). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Bechstein, Ludwig: Wanderungen durch Thüringen, Leipzig: Wigand 1838

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Schlagwörter: 360°, Ästhetik, begrenzte Allheit, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtprojektion, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 1818 – Caspar David Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer


Das unsignierte Gemäde, gemalt in Öl auf Leinwand im Format 94,8 × 74,8 cm, ist heute eines der berühmtesten Bilder der deutschen Romantik. Das Gemälde zeigt einen Mann im dunkelgrünen Gehrock. Auf einen Stock gestützt, schaut er von einem felsigen Gipfel auf dichten Nebel hinunter. Aus dem Nebel ragen weitere Felsen heraus. Das Gemälde zeichnet sich durch harte Kontraste aus. Der Wanderer, der sich im Zentrum des Bildes befindet, bildet zusammen mit dem Gipfel eine Kulisse vor dem Panorama der Bergwelt. Durch den Nebel wird ein Gefühl der unendlichen Ferne erzeugt. Die Ferne ist dabei „essentiell und somit qualitativ als Ferne erfahrbar“ (Wedekind, Caspar David Friedrich, S. 280). In der Natur soll die Freiheit gefunden und dadurch die politische Teilhabe gefördert werden. Somit entfaltet sich bei Friedrichs Gemälde für den Betrachter eine ästhetische Wirkung, die den Realismuseffekt des Panoramas bricht. – Jakob Wallis

Literatur / Quellen:

  • Wedekind, Gregor: „So nah, so fern. Caspar David Friedrich und das panoramatische Bild“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 269–294.

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Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Draufblick, Fernblick, fiktional, Gemälde, Inhaltspanoramatik, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Realpanoramatik, symbolisch, visuell, Zugleichspräsentation

1801 – Jean Paul, Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

In der Ich-Perspektive eines Fahrtenbuchs schildert der Anhang zu Jean Pauls Roman Titan eine (tödlich endende) Ballonreise von Leipzig bis vor den Montblanc. Das gibt Anlass zu simultanistischen Fern- und Draufblick-Schilderungen, etwa bei der sechsten Fahrt: „Auf der Fläche, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloß, spielten alle verschiedenen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhängen zugleich – einer wird hier unter mir Landes verwiesen – drüben desertiert einer, und Glocken läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselben – hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähet – dort werden die Feuersprützen probiert – englische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken aus – Gräber in neun Dorfschaften werden gehauen – Weiber knien am Wege vor Kapellen – ein Wagen mit weimarschen Komödianten kommt – viele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen Brautführern – Paradeplätze mit Parolen und Musiken – hinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilen – […] ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide können (das kann ich viertehalbtausend Fuß hoch abservieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das Hundert Fuß tiefe Volk unter sich verwundern und erheben.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 3. Bd., S. 959–960). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

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Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, offen, Organisation, Panoramaflug, panoramatische Diskursform, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, visuell, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1797 – Jean Paul, Das Kampaner Tal

In der finalen 507. Station von Jean Pauls neuplatonischer Idylle wird – in metaphorischer Exemplifikation der vorangegangenen Gespräche über kosmologische und metaphysische Weltentwürfe – ein Ballonaufstieg imaginiert: „Und nun zogen uns die Sonnen empor. Die schwere Erde sank wie eine Vergangenheit zurück – Flügel, wie der Mensch in glücklichen Träumen bewegt, wiegten uns aufwärts – die erhabene Leere und Stille der Meere ruhte vor uns bis an die Sterne hin – wie wir stiegen, verlängerten sich die schwarzen Waldungen zu Gewitterwolken und die beschneieten beglänzten Gebirge zu lichten Schneewolken – die auftreibende Kugel flog mit uns vor die stummen Blitze des Mondes, der wie ein Elysium unten im Himmel stand, und in der blauen Einöde wurden wir von einem gaukelnden Sturm gleichsam in die nähere schimmernde Welt des Mondes geblendet gewiegt … und dann wurd’ es dem leichtern Herz, das hoch über dem schweren Dunstkreis schlug, als flatter’ es im Äther und sei aus der Erde gezogen, ohne die Hülle zurückzuwerfen.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 4. Bd., S. 625). Am Ende steht gleichwohl die Rückkehr auf die Erde. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

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Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, visuell

1794 – Bauprojekt Benthams Panopticum

Das vom britischen Philosophen Jeremy Bentham erdachte Konzept soll zum ersten Mal in Form eines Gefängnisbaus umgesetzt werden. Es kommt zum frühzeitigen Abbruch. Bentham wird für seinen Zeitaufwand bei der Planung entschädigt. – Luca Angelo Bindi

Literatur / Quellen:

  • Bentham, Jeremy: Panoptikum oder Das Kontrollhaus [1787/1791], Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 217
  • Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 135–146

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🖙 Kritische Besprechung des Konzepts von Alf Mayer

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Bauwerk, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, faktual, Gesamtprojektion, geschlossen, Inhaltspanoramatik, Medientechnik, Organisation, Panorama-Beschreibung, Realpanoramatik, Rundband, Rundbau, schematisch, Technik, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1791 – Jeremy Bentham, Panopticon, or, The Inspection-House


Den Hintergrund für die Programmschrift bildet eine Reise nach Zadobrast bei Kritschew (heute Belarus) im Jahr 1786, die Bentham dazu veranlasst, einen konkreten Bauentwurf seines Bruders, eines Architekten, zum Architekturkonzept auszuarbeiten und mit seiner utilitaristischen Staats- und Gesellschaftstheorie zu verknüpfen. Die grundlegende Struktur des dort als „Panopticon“ beschriebenen Bauwerks, Prototyp des Rundum-Überwachungsgefängnisses, besteht aus einem kreisförmigen Gebäude mit strahlenförmig angeordneten Trakten an der Peripherie, deren Einzelzellen sich durch die gesamte Tiefe des Gebäudes ausdehnen. So sind die Inhaftierten durch Trennwände voneinander abgeschieden, ist jede gegenseitige Kommunikation und insbesondere jeder Sichtkontakt zwischen ihnen unterbunden. Jede Zelle hat ein dünnes Gitter und je zwei Fenster, eines nach vorn und eines nach hinten gerichtet, sodass ein Gegenlichteffekt entsteht, der das Zelleninnere durch und durch einsehbar macht. Im Zentrum des Kreises befindet sich die sogenannte Aufseher-Loge, ein Beobachtungsturm, dessen Inneres, worin der Hauptaufseher sitzt bzw. zu vermuten ist, seinerseits den Blicken der Insassen verborgen bleibt. Bentham betont die zentrale Position des Aufsehers, die es ihm ermögliche, „zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden“ (Bentham, Panoptikum, S. 29). Durch diese als effizient und rentabel gepriesene Einrichtung soll für alle Insassen wie auch für das Personal ein Klima allgegenwärtiger Sichtbarkeit und Überwachung entstehen, und zwar unabhängig davon, ob diese aktual erfolgt. Schon der permanente, in und mit der Gebäudestruktur fixierte Überwachungsdruck garantiere ein allseits regelkonformes Verhalten, denn „diesem Plan zufolge überblickt der Aufsichtsbeamte […] mit einem Schlag die ganze Szene“ (ebd., S. 35). Als gebrauchsarchitektonische Baukonzeption eignet das Panoptikum sich laut Bentham nicht nur für Gefängnisse, sondern auch für Besserungsanstalten, Armen-, Kranken- und Irrenhäuser, Manufakturen und Schulen. Seine Leitdoktrin eines maximal asymmetrischen Blickregimes, das die quasi-göttliche Allmacht einer unbeobachtbaren und potenziell jederzeit allsehenden Zentralposition der in Stein gemeißelten Ohnmacht vereinzelt gehaltener Subjekte in gänzlich durchschaubaren Peripherie-Positionen gegenüberstellt, konkretisiert sich seither – obschon vergleichsweise selten – in rundpanoptisch errichteten Gefängnisbauten und Lagerkomplexen, vor allem aber – weit häufiger, weil weniger offensichtlich – in der Organisationsarchitektur totalitär-zentralistischer Parteien, Staaten, Behörden, Konzerne oder Online-Plattformen. – Nina Cullmann | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

    Bentham, Jeremy: „Panopticon, or, The Inspection-House“ [1787]. In: The Panopticon Writings, hg. von Miran Božovic, London/New York: Verso Books 1995, S. 31–95

    Bentham, Jeremy: Panoptikum oder Das Kontrollhaus [1787/1791], Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 6–109

    Semple, Janet: Bentham’s Prison. A Study of the Panopticon Penitentiary, Oxford: Clarendon Press 1993

    Welzbacher, Christian: Der radikale Narr des Kapitals. Jeremy Bentham, das „Panoptikum“ und die „Auto-Ikone“, Berlin: Matthes & Seitz 2011

    Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 136–146

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🖙 A 3D Computer Animation of the Panopticon
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Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Bauwerk, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, faktual, Gesamtprojektion, geschlossen, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Medientechnik, Organisation, Panorama-Beschreibung, Realpanoramatik, Rundband, Rundbau, schematisch, Technik, Text, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1789 – Friedrich Wilhelm Herschel, Einige Bemerkungen ueber den Bau des Himmels

Zu der raumpanoramatischen Blickausweitung, die F. W. Herschel mithilfe verbesserter Beobachtungstechnik auf vielen Gebieten der Astronomie und vor allem bei der Identifikation einiger Himmelsnebel als ferne eigenständige Galaxien außerhalb der Milchstraße gelingt, tritt ein beobachtungsempirisch eng damit verbundenes und ebenso bahnbrechendes, konzeptionell aber davon zu trennendes zeitpanoramatisches Pendant. Indem Herschel erstens die Konsequenzen der durch Ole Rømer 1676 bzw. Christiaan Huygens 1678 relativ genau bestimmten Lichtgeschwindigkeit zieht, zweitens die naturhistorische Perspektive der Entwicklung einzelner Lebewesen gemäß ihrer artspezifischen Schematik auf kosmische Vorgänge überträgt und drittens die Signifikanz wahrscheinlichkeitstheoretischer Extrapolationen in Rechnung stellt, kann er das Himmelsbild, das ihm mit freiem Auge und in seinen Teleskopen auf der Erde zeitgleich sichtbar wird, nicht nur in seiner signalwirklichen Palimpsest-Struktur erkennen, in der extrem differente Zeit- und Entfernungsschichten synthetisiert sind, sondern entdeckt auf dieser Grundlage zudem die Möglichkeit, diejenigen Himmelserscheinungen, die man als kosmos-historisch weitgehend zufälliger Beobachter gerade gleichzeitig vor sich hat, gemäß ihrer Entwicklungslogik zu beobachten und so Rückschlüsse auf deren einzelne Phasen bzw. Stadien zu gewinnen, obwohl die dabei involvierten Zeitdauern die real mögliche Beobachtungszeit eines (Menschen-)Lebens oder der ganzen Menschheit um ein Vielfaches übersteigen. Eine pointierte Versinnbildlichung findet sich etwa gegen Ende seiner Schrift Einige Bemerkungen über den Bau des Himmels (Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 109–124): „Diese Methode den Himmel zu betrachten, scheint ihn in ein neues Licht zu setzen. Nun wird er angesehen, als gleiche er einem üppigen Garten, der eine große Mannigfaltigkeit von Produkte in verschiedenen blühenden Beeten enthält; und der eine Vortheil den wir zum wenigsten aus demselben einerndten können ist der, daß wir gleichsam den Schwung unserer Erfahrung auf eine unermeßliche Dauer ausdehnen können. Denn um das Gleichniß fortzusetzen, das ich aus dem Pflanzenreich geborgt habe, ist es nicht beynahe einerley, ob wir fortleben um nach und nach das Aussprossen, Blühen, Belauben, Fruchttragen, Verwelken, Verdorren und Verwesen einer Pflanze anzusehen, oder ob eine große Anzahl von Exemplaren, die aus jedem Zustande, den eine Pflanze durchgeht, erlesen, uns auf einmahl vor Augen gebracht werden.“ (123–124; vgl. auch S. 111). Wie bei seiner Typologie der Nebelerscheinungen hat sich naturgemäß auch hinsichtlich der kosmischen Prozesse nicht jede der Herschel’schen Beobachtungen und Theorien vor späteren, noch genaueren Himmelsaugen bewährt. Doch die grundlegenden Prinzipien empiriebasierter und zugleich theoriegeleiteter Himmelsbeobachtung sowie ihrer laufenden Approximation bzw. Korrektur sind seither gewonnen. Herschels Grabinschrift lautet: „Caelorum perrupit claustra“ („Er durchbrach die Grenzen des Himmels“). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Herschel, Friedrich W.: Über den Bau des Himmels. Abhandlungen über die Struktur des Universums und die Entwicklung der Himmelskörper 1784–1814, Thun/Frankfurt a. Main: Verlag Harri Deutsch 2001
Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, Draufblick, Ekphrasis, Enzyklopädie, faktual, Fernblick, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Rundbau, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, visuell, Weltkarte, Wimmelbild, Wissenschaft, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1788 – James Hutton, Ausweitung des Erdzeithorizonts


In Anbetracht eines Felsaufschlusses im schottischen Jedburgh, in dem deutlich die jüngeren Schichten horizontal auf tektonisch schräg gestellten älteren Schichten lagern (einer sogenannten Diskordanz, vgl. die Abb. in Gould, Die Entdeckung der Tiefenzeit, S. 95), wird dem Naturforscher (und damaligen Edinburgher Stadt- und Zeitgenossen Robert Barkers) James Hutton (1726–1797) klar, dass die Erde sehr viel älter sein muss, als die meisten damals glauben. „Das komplexe Panorama der Geschichte“ (Gould, Die Entdeckung der Tiefenzeit, S. 94), wie er es hier zum ersten Mal erblickt, bringt ihn in seiner 1788er-Abhandlung Theory of the Earth zu dem Schluss: „Die Zeit, die in unserer Vorstellung jedes Ding bemißt und für unsere Pläne oft nicht ausreicht, ist für die Natur endlos und wie nichts.“ (Hutton, Theory of the Earth, S. 215). Inwieweit diese Behauptung zutrifft, ist bis heute nicht gewiss. Dass sie seither aber – im Unterschied zu inhaltsgleich vorangegangenen Postulaten von Aristoteles bis Newton – mit der aus Menschheitssicht quasi-unendlichen, nach Jahrmillionen und -milliarden zählenden Empirie der Erde verzahnt ist, verleiht Huttons Entbergung der „Tiefenzeit“ (John MCPhee) zeit-kopernikanisches Gewicht. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hutton, James: „Theory of the Earth; or an Investigation of the Laws Observable in the Composition, Dissolution, and Restoration of Land Upon the Globe“. In: Transactions of the Royal Society of Edinburgh 1 (1788), S. 209–304
  • Gould, Stephen Jay: Die Entdeckung der Tiefenzeit. Zeitpfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde [1987], München: dtv 1992, S. 93–146

Weblinks:

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🖙 Digitalisat Theory of Earth 1788

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Mikropanoramatik, Naturpanorama, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Relief, schematisch, Speicher, Text, textuell, Universalchronik, visuell, Wissenschaft, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1785 – Friedrich Wilhelm Herschel, Über den Bau des Himmels

Nach seiner Ausbildung zum Musiker und einer kurzen Zeit als Militärmusiker übersiedelt der in Hannover geborene Friedrich Herschel (1738–1822) im Jahr 1757 nach England und wird unter wesentlicher Mithilfe seiner bald nachgekommenen Schwester Caroline (1750–1848) zu einem der wirkreichsten All-Panoramatiker der Astronomiegeschichte. In Bath als Organist und Orchesterleiter tätig, beginnt er in den 1770er-Jahren, inspiriert von der privaten Lektüre musiktheoretischer und astronomischer Schriften, sein im Wesentlichen autodidaktisch vorangetriebenes Projekt einer möglichst vollständigen Erfassung und Erklärung aller sichtbaren Himmelserscheinungen. Zu diesen Zweck fertigt er, vor allem nach seiner endgültigen Niederlassung in Slough im Jahr 1785, selbst immer größere Spiegelteleskope an. Unter seinen zahlreichen bahnbrechenden Entdeckungen – etwa des Planeten Uranus oder der Situierung unseres Sonnensystems innerhalb der Milchstraße (vgl. Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 94) – ragt in panoramatischer Hinsicht die genauere Erfassung und differenzierte Neudeutung jener Himmelskonstellationen hervor, die dem freien Auge als Nebel erscheinen. Gerade hier liefern seine Veröffentlichungen, deren Bedeutung in Fachkreisen bald erkannt wird, quintessentielle Verschriftlichungen einiger der ungeheuersten Erfahrungen realfundierter panoramatischer Blickvertiefung und -erweiterung, die Menschen je gemacht haben. Besonders eindrücklich etwa in seiner Schrift Über den Bau des Himmels (Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 71–108), wo es in zeitgenössischer Übersetzung heißt: „Das Gesicht unseres Beobachters wird so begrenzt seyn, als befasse diese einzelne Sammlung von Sternen, wovon er selbst nicht den tausendsten Theil gewahr wird, alles was der gesammte Himmel in sich hat. Verstatten wir ihm nun den Gebrauch eines gemeinen Fernrohrs, so fängt er an zu muthmaßen, daß die ganze Milchweiße des hellen Streifs, der die hohle Kugel umringt, wohl von Sternen herrühren möge. Er bemerkt einige Sternhaufen in mancherley Gegenden des Himmels, und findet, daß es auch dort eine Art von Nebelflecken giebt; sein Blick ist jedoch noch nicht so erweitert, um das Ende der Schichte abzusehen, in welcher er eine solche Stellung hat, daß es ihm vorkommt, als gehörten diese Zonen zu demjenigen System, welches, wie ihm deucht, alle und jede himmlische Gegenstände in sich faßt. Nun verstärkt er seine Sehkraft, und indem er sich einer genauen Beobachtung befleißiget, findet er, daß die Milchstraße in der That nichts anders, als eine Sammlung von sehr kleinen Sternen sey. Er wird gewahr, daß jene Gegenstände, welche Nebelflecke hießen, augenscheinlich nichts anders als Sternhaufen sind. Er sieht ihre Anzahl immer mehr und mehr anwachsen, und wenn er einen Nebelfleck in Sterne auflöset; so entdeckt er zehn neue, die er nicht auflösen kann.“ (77–78) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Herschel, Friedrich W.: Über den Bau des Himmels. Abhandlungen über die Struktur des Universums und die Entwicklung der Himmelskörper 1784–1814, Thun/Frankfurt a. Main: Verlag Harri Deutsch 2001
Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, Draufblick, Ekphrasis, Enzyklopädie, faktual, Fernblick, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Großtableau, Idealpanoramatik, Karte, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundbau, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, visuell, Weltkarte, Wimmelbild, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1781 – Philip James de Loutherbourg, Eidophusikon

Im Februar 1781 eröffnet der Maler Philip James de Loutherbourg am Londoner Leicester Square ein illusionistisches Miniaturtheater, auf dessen ca 1,80 × 2,50 m großer Bühne er „Moving Pictures, representing Phenomena of Nature“ zeigt. „Vor allem wurden transparente Bilder verwendet, denen wechselnd-farbiges Licht Leben einhauchte; eine Vorstellung umfasste ursprünglich wohl fünf Szenen, von denen jede den Ablauf einer Tages- bzw. Nachtzeit und deren Wetter- und Lichtphänomene wiedergab – begleitet von einer mechanischen Geräuschmaschine, die Blitz, Donner, Regen etc. simulierte.“ (Hüningen, Artikel „Eidophusikon“) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

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🖙 Filmlexikon

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Event/Performance, geschlossen, haptisch, Immersion, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt