1838 – Ludwig Bechstein, Wanderungen durch Thüringen

Der Abschnitt „Felsenthal und Inselberg“ (Bechstein, Wanderungen durch Thüringen, S. 258–267) enthält eine idealtypisch geordnete, alle vier Himmelsrichtungen ab Norden im Uhrzeigersinn durchlaufende Gipfelpanorama-Rundum-Beschreibung: „Den Berggipfel umwandelnd, deutete Otto die Hauptpunkte des herrlichen Inselberg-Panorama’s an, und mit bewaffnetem Auge folgte seinen Fingerzeigen die begleitende Gesellschaft. ‚Mit dem Norden beginnend,‘ sprach der Geleiter: ‚sehen wir die Kette des Harzgebirges […]‘.“ (Bechstein, Wanderungen durch Thüringen, S. 261). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Bechstein, Ludwig: Wanderungen durch Thüringen, Leipzig: Wigand 1838

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🖙 Projekt Gutenberg
🖙 Digitalisat

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtprojektion, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1836 – Edward Hazen, The Panorama of Professions and Trades

Illustriertes US-Buchkompendium möglichst aller dort um 1830 bestehenden Berufsbilder. Im einleitenden „Preface“ schreibt der Autor, das Werk diene der Berufsorientierung und sei in erster Linie für eine junge Leserschaft verfasst. In 68 Kapiteln wird eine noch größere Zahl an Berufen vorgestellt. Die Kapitel bestehen jeweils aus einem Gravurendruck und einem Text. Stellvertretend für viele andere belegt Hazens Buchtitel die schon im 19. Jahrhundert gängige Verwendung des ‚Panorama‘-Begriffs jenseits von visuellen, Kunst- oder Rundbau-Bezügen. – Rebecca Rasp | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hazen, Edward: The Panorama of Professions and Trades. Or Every Man´s Book, Philadelphia: Uriah Hunt 1836

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🖙 Text

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Zugriffspräsentation

1835 – Stendhal, Vie de Henry Brulard (Leben des Henry Brulard)

Die 1890 postum veröffentlichte Autofiktion beginnt mit einem panoramatischen Blick auf Rom vom Gianicolo aus. Dieses Panorama ist zugleich ein Blick auf das eigene Leben kurz vor dem 50. Geburtstag. In das Manuskript hat der Autor zahlreiche selbstgezeichnete Karten eingerückt, um bestimmte Orte seines Lebens topologisch zu bestimmen. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Stendhal: Das Leben des Henry Brulard [1835/1890] und andere autobiographische Schriften, München: Winkler 1956
Schlagwörter: Ästhetik, bildvisuell, Buch, Draufblick, Ekphrasis, fiktional, Gesamtprojektion, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1831 – Ludwig Börne im Panorama der Seeschlacht von Navarino

Im sechsunddreißigsten seiner Briefe aus Paris vom 21. Februar 1831 gibt Börne eine detailreiche Eindrucks- und Verlaufsschilderung eines Besuchs im Navarino-Panorama, deren Beginn dessen zeitgenössisches Überwältigungspotenzial bezeugt: „Von welch einem erhabenen Schauspiele kehre ich eben zurück! Und welch eine Stadt ist dieses Paris, wo Götter Markt halten und alltäglich ihre Wunder feilbieten! Ich stand auf dem höchsten Gipfel des menschlichen Geistes und übersah von dort das unermeßliche Land seines Wissens und seiner Kraft. Ich kam bis an die Grenze des menschlichen Gebietes, da wo die Herrschaft der Götter beginnt – ich habe eine Seeschlacht gesehen.“ (Börne, „Briefe aus Paris“, S. 192). Die anschließende Detailschilderung bleibt emphatisch, führt aber in ihrer ekphrastischen Fülle umso eindrücklicher ins Erfahrungssubstrat einer spektakulären, hier einmal rundum gelingenden historischen Panorama-Medien-Schau und -Show. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Börne, Ludwig: „Briefe aus Paris“. In: Sämtliche Schriften, hg. von Inge Rippmann und Peter Rippmann, Dreieich: Joseph Melzer 1977

Weblinks:

🖙 Projekt Gutenberg

Schlagwörter: 360°, Animation, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, Event/Performance, faktual, Gemälde, Gemälderundbau, Immersion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Panorama-Beschreibung, Panoramabild, panoramatische Erzählung, Rundband, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1829–1850 – Honoré de Balzac, La Comédie Humaine

Im Avant-propos zur Comédie humaine aus dem Juli 1842 rechtfertigt Honoré de Balzac (1799–1850) den – an Dantes Divina commedia angelehnten – Titel seines 91 Romane und Erzählungen (ursprünglich waren 137 geplant) und 3000 Figuren umfassenden Unternehmens mit dessen Universalität. Zugleich epochenspiegelnd wie epochemachend, begreift sich das Werk als Sittengemälde der postrevolutionären französischen Gesellschaft, in der das Geld eine immer größere Rolle spielt und das Leben der Menschen determiniert. Dabei tauchen zentrale Figuren in mehreren Werken – mal als Haupt-, mal als Nebenfiguren – auf, wodurch sich die einzelnen Handlungen zu einem zusammenhängenden Diegese-Kosmos konfigurieren. Da das Geschehen sich zudem über mehrere Generationen erstreckt, werden die einzelnen Individuen oft über lange Zeiträume begleitet und sowohl im gesamtgesellschaftlichen Komplex als auch in bestimmten Milieukontexten verortet. Durchgehendes Ziel ist es dabei, verborgene Gesetzmäßigkeiten der historischen Entwicklung offenzulegen. Mit quasi-dokumentarischem Anspruch schildert Balzac die Lebenswirklichkeit unterschiedlicher sozialer Schichten, vor allem des Adels und des Bürgertums, hauptsächlich in der Metropole Paris, aber auch in der Provinz. So lässt sich die Comédie humaine als panoramatisches Projekt der repräsentativen epischen Gesamterfassung des Sozialgefüges der französischen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts begreifen. Unter Einbeziehung verschiedener Gattungen (Reflexionen, Beschreibungen, Essays, Briefe etc.) entsteht dabei ein maximal großformatiges wie zugleich detailreiches narratives Wimmelbild der damaligen Weltstadt und ihrer Bevölkerung. Entsprechend wurde Balzacs Romanzyklus als „vollständige Geschichte“, in der „jedes Kapitel ein Roman und jeder Roman eine Zeitgeschichte“ ist (Sabin, Artikel „Balzac, Honoré de“, S. 109), charakterisiert, dessen Einheit laut Ernst Robert Curtius in dessen „Allheit“ (zit. n. ebd.) liegt. – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Balzac, Honoré de: La comédie humaine [1829–1850], 10 Bde., Paris: Gallimard 1976
  • Sabin, Stefana: „Balzac, Honoré de“. In: Metzler Lexikon Weltliteratur, hg. von Axel Ruckaberle, Stuttgart: J. B. Metzler 2006, S. 106–110, S. 106–110

Weblinks:

🖙 Kindlers Literatur Lexikon
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Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, fiktional, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Organisation, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung

1828 – Tibetisches Lebensrad

Feinziseliertes fernöstliches Gesamtschema der „sechs Daseinswelten aller Geschöpfe“ in Kreisform bzw. Kreissegmenten. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Golowin, Sergius: Die grossen Mythen der Menschheit, Freiburg im Breisgau: Herder 1998, S. 266

Weblinks:

🖙 Erläuterung buddhistische Gesellschaft

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Gemälde, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Großtableau, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1827 – Johann Wolfgang von Goethe, Konzept der Weltliteratur

Den Grundstein für sein Konzept von „Weltliteratur“ legt Goethe bereits im Jahr 1801 in der Notiz, dass eine bloß patriotische Kunst oder Wissenschaft nicht existiere, sondern beide nur im Kontext einer allgemeinen und freien Wechselwirkung blühen könnten (Goethe, Ästhetische Schriften 1771–1805, S. 809). Den zukunftsträchtigen (und von Wielands vorangehendem Gebrauch des Wortes abweichenden) Begriff von „Weltliteratur“ prägt Goethe jedoch erst im Jahr 1827 in einem Gespräch mit Eckermann (Goethe, Eckermann: Gespräche mit Goethe, S. 225), in dem er die Nationalliteraturen verabschiedet und eine neue Epoche inauguriert, die sich durch einen weltweiten literarischen Austauschprozess kennzeichne und keiner nationalen Begrenzung unterliege. Damit bleibt die weltliterarische Dynamik nach Goethe nicht auf die bloße Kenntnis- und Bezugnahme von Autor:innen untereinander beschränkt, sondern konstituiert sich durch einen Gemeinsinn, der auf einem geteilten Wissens- und Wertefundus beruhen und sich im Zuge der verbesserten Kommunikations- und Transportmöglichkeiten verfestigen werde. Wenngleich de facto noch stark eurozentrisch, begründet Goethe so die Auffassung von Literatur als einem gesamtmenschheitlichen Phänomen, das aus universalem, sprich hier: internationalem wie supraepochalem Geist heraus evolviert. – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Strich, Fritz: Goethe und die Weltliteratur, Bern: Francke 1946
  • Goethe, Johann Wolfgang: Ästhetische Schriften 1771–1805. Sämtliche Werke. Bd. 18, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1998
  • Goethe, Johann Wolfgang: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Sämtliche Werke. Bd. 39., Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Didaktik, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, offen, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Utopie/Dystopie

ca. 1818 – Caspar David Friedrich, Der Wanderer über dem Nebelmeer


Das unsignierte Gemäde, gemalt in Öl auf Leinwand im Format 94,8 × 74,8 cm, ist heute eines der berühmtesten Bilder der deutschen Romantik. Das Gemälde zeigt einen Mann im dunkelgrünen Gehrock. Auf einen Stock gestützt, schaut er von einem felsigen Gipfel auf dichten Nebel hinunter. Aus dem Nebel ragen weitere Felsen heraus. Das Gemälde zeichnet sich durch harte Kontraste aus. Der Wanderer, der sich im Zentrum des Bildes befindet, bildet zusammen mit dem Gipfel eine Kulisse vor dem Panorama der Bergwelt. Durch den Nebel wird ein Gefühl der unendlichen Ferne erzeugt. Die Ferne ist dabei „essentiell und somit qualitativ als Ferne erfahrbar“ (Wedekind, Caspar David Friedrich, S. 280). In der Natur soll die Freiheit gefunden und dadurch die politische Teilhabe gefördert werden. Somit entfaltet sich bei Friedrichs Gemälde für den Betrachter eine ästhetische Wirkung, die den Realismuseffekt des Panoramas bricht. – Jakob Wallis

Literatur / Quellen:

  • Wedekind, Gregor: „So nah, so fern. Caspar David Friedrich und das panoramatische Bild“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 269–294.

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Draufblick, Fernblick, fiktional, Gemälde, Inhaltspanoramatik, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Realpanoramatik, symbolisch, visuell, Zugleichspräsentation

1817–1830 – Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften


Die von Hegel als begleitendes Skript zu seinen Vorlesungen herausgegebene, in späteren Zusätzen durch seine Hörer auf das Doppelte ihres ursprünglichen Umfangs erweiterte Zusammenfassung des (subiectivus und obiectivus) Deutschen Idealismus stellt Hegels Überblick über sein philosophisches System dar. Zugleich ist sie ein Panorama der Welt in ihren Abteilungen Logik (Sein – Wesen – Idee), Natur und Geist (subjektiver, objektiver und absoluter Geist). Darin fasst sich der Anspruch der Hegelschen Philosophie zusammen, alle Erscheinungen und das Wesen der Wirklichkeit in ihrem Zusammenhang zu erfassen. Dass das „Wahre […] das Ganze“ sei, wie 1807 in der Phänomenologie des Geistes (Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 24) postuliert, ist nicht als (unabschließbare) quantitative Addition aller Einzelheiten zu verstehen, sondern als (abgeschlossene) begriffliche Bestimmung, also als qualitativer Begriff des Zusammenhangs aller Einzelheiten. Als „Totalität“ lebt diese Vorstellung bis hin zu ihrer Negation in der Kritischen Theorie fort. – Carsten Jakobi

Literatur / Quellen:

  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes [1807], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986
  • Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften [1801–1830], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995

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Schlagwörter: Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1814 – Laplacescher Dämon

Im Vorwort zu seinem Essai philosophique sur les probabilités entwirft das Mathematik/Statistik- und Physik-Genie Pierre-Simon Laplace (17491827) eine deterministisch-physikalistische und kalkül-basierte Neuversion des panoramatischen Allschau- und Allwissenheitsbegehrens: „Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Universums als die Wirkung seines früheren Zustands und als die Ursache des künftigen Zustands betrachten. Eine Intelligenz, die zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Kräfte, von denen die Natur beseelt ist, und die jeweilige Situation der Wesenheiten, aus denen sie sich zusammensetzt, kennen würde, wäre, wenn sie zudem noch groß genug wäre, um diese Daten einer Analyse zu unterziehen, in der Lage, die Bewegungen der größten Körper des Universums bis hinunter zu denen des leichtesten Atoms in derselben Formel zu erfassen. Nichts wäre für sie ungewiss. Zukunft wie Vergangenheit lägen ihr klar vor Augen.“ Die hier inaugurierte Beobachtungsinstanz ist seither als „Laplacescher Dämon“ sprichwörtlich geworden. Indes wird die Möglichkeit solcher Allregistratur (von der auch Laplace real nicht überzeugt war) in der Folge mehrfach grundlegend bestritten: die Option einer gleichzeitigen Weltzustandserfassung durch die Relativitätstheorie, der physikalische Determinismus durch die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie und die vollständige Berechenbarkeit per se aufgrund real-ontischer und kalkül-logischer Limitationen. Durch Errungenschaften wie die Schrödinger-Gleichung, die universale Turing-Maschine oder den Quantencomputer periodisch neu befeuert, bleibt das Konzept als approximativ erstrebte Teleologie dennoch lebendig, am prominentesten in den universalen Visionen einer Theory of Everything. – Johannes Ullmaier

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Schlagwörter: Allwahrnehmung, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation