1925 – László Moholy-Nagy, Das simultane oder Polykino

Konzeptschrift zu einer „kugelsegmentförmigen“ Kinoleinwand. Eine „große Projektionsfläche“ soll ermöglichen, mehrere Filme gleichzeitig in bildrahmenbewegungs- und diegesezeit-choreografierter Ablaufordnung zu präsentieren. Moholy-Nagys Polykino entwirft eine der radikalsten Kinoerweiterungsvisionen, kann aber in dieser Form weder von ihm selbst noch später je in vorzeigbarer Werkgestalt realisiert werden. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moholy-Nagy, László: Malerei. Fotografie. Film [1924], Mainz: Florian Kupferberg 1967, S. 39–41

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Schlagwörter: Animation, Ästhetik, begrenzte Allheit, bildvisuell, Didaktik, faktual, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, offen, Rahmenexpansion, schematisch, Technik, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1925 – Gesamtkatalog der Wiegendrucke

1925 auf Betreiben Friedrich Althoffs an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedeltes Projekt zur retrospektiven Erfassung aller im 15. Jahrhundert gefertigten Druckwerke, sogenannter Wiegendrucke bzw. Inkunabeln. Ursprünglich beim Anton Hiersemann Verlag in Leipzig als Print-Edition erschienen, ist der Katalog seit 2009 zusätzlich als Online-Datenbank abrufbar. Seither wird er konsequent aktualisiert und liegt so – stellvertretend für alle kumulativ gepflegten Gesamtverzeichnisunternehmungen – stets zugleich in je aktuell umfassender und doch vorläufiger Gestalt vor. Die 24 Printbände bieten über 50.000 alphabetisch sortierte Einträge, die folgendem Schema folgen: 1) bibliografische Angaben; 2) Auskunft zur Kollation; 3) Beschreibung des Textinhalts mit Übernahme des von Ludwig Hain im Repertorium bibliographicum entworfenen Konzepts der Wiedergabe von Incipit und Explicit; 4) Quellen- und Exemplarnachweise. Programmatisch erstrebt das Werk eine Kompletterfassung aller frühen Realisationen einer welthistorisch bedeutsamen Erfindung in einem begrenzten Zeitraum, für den das im Unterschied zu späteren noch möglich scheint. – Gabryel Greco

Literatur / Quellen:

  • Deutsche Staatsbibliothek zu Berlin 1968–2021 ((fehlt in der Bibliografie))

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Schlagwörter: begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, offen, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1914 – Bruno Taut, Glaspavillon auf der Kölner Werkbund-Ausstellung


Der (zerstörte) Pavillon der Deutschen Glasindustrie, den Taut zur Kölner Werkbundausstellung 1914 beisteuert, steht hier repräsentativ für den moderne-utopischen Impuls zu einer all-durchsichtigen Architektur und Lebensweise insgesamt, wie sie im selben Jahr in Paul Scheerbarts Essay Glasarchitektur programmatisch entworfen wird. Gegen Ende heißt es darin: „Nach dem Gesagten können wir wohl von einer ‚Glaskultur‘ sprechen. Das neue Glasmilieu wird den Menschen vollkommen umwandeln.“ (Scheerbart, Glasarchitektur, S. 125). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Scheerbart, Paul: Glasarchitektur [1914], Berlin: Gebr. Mann 2000
  • Thiekötter, Angelika: „Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus“. In: Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus, Ausst.-Kat. Berlin, Werkbund-Archiv, hg. von Oliver Bätz, Basel/Berlin/Boston: Birkhäuser 1993
  • Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 191–207

Weblinks:

🖙 Wikipedia Taut

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, Denkmal, faktual, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, offen, Organisation, Realpanoramatik, Technik, Überwachung, Utopie/Dystopie, visuell, Zugleichspräsentation

1913 – Jahresbuchkompendium Das Jahr 1913

Kollektives Monumentalunternehmen mit dem Ziel, einen jahresbezogenen Gesamtüberblick zur kulturellen Entwicklungslage des Wilhelminischen Deutschlands quer durch alle Wissens- und Lebenssphären zeitgleich zu erstellen. Als über 500-seitiger großformatiger Sammelband aus themenbezogenen Einzelbeiträgen teils namhafter Autoren kumuliert, erscheint das im Impressum auf 1913 datierte Buch de facto 1914. Obschon laut Vorwort auch fürs Folgejahr geplant, bleibt diese Form von eigenpanoramatischer Epochengegenwartsschau infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs ein singulärer Fall. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Sarason, David (Hg.): Das Jahr 1913 [1914], Leipzig/Berlin: B. G. Teubner 1913
  • Hübinger, Gangolf: „Das Jahr 1913 in Geschichte und Gegenwart. Zur Einführung in den Themenschwerpunkt“. In: Das Internationale Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 38 (2013), H. 1, S. 172–190, S. 178–188
Schlagwörter: begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, offen, Organisation, panoramatische Diskursform, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Wissenschaft

1909 – Robert Delaunay, Bildserie Tour Eiffel


In einer Vielzahl variierender Anläufe versucht der französische Maler Robert Delaunay, eine bild-künstlerische 2D-Allansicht des Eiffelturms zu kreieren, die dem panoramatischen Potenzial des Sujets entspricht. Die in den Jahren 1909 bis 1912 und 1920 bis 1928 entstehenden Bilder sind dem mit seiner Frau Sonia Delaunay-Terk begründeten Orphischen Kubismus zuzuordnen und zeigen das Bauwerk stets aus mehreren Blickwinkeln zugleich. – Sarah Karsten | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Delaunay, Robert/Apollinaire, Guillaume: Les Tours Eiffel de Robert Delaunay, Paris/Brüssel: Jacques Damase 1974

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, faktual, Gemälde, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, schematisch, Technik, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1903 – Raymond Roussel, La Vue

Die Behauptung des aus über 2000 Alexandrinern bestehenden Werks La Vue (dt. Der Anblick/Der Blick) ist, dass es die Fotografie eines Strandpanoramas beschreibt, die in der als Lupe dienenden Glaskugel eines Souvenir-Füllfederhalters eingelassen ist. Wie der Roussel-Spezialist Maximilian Gilleßen aufzeigt, werden die einzelnen Beobachtungen durch Ortsangaben und -adverbien miteinander verknüpft, ergeben also ein ideales Ganzes. Das ungefähr zur selben Zeit entstandene Stück La Seine mit seinen Hunderten von Rollen verrät ebenfalls den Ehrgeiz einer panoramatischen Erfassung. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Roussel, Raymond: Der Anblick. Das Konzert. Die Quelle, Berlin: zero sharp 2022
  • Gilleßen, Maximilian: R.R. Zur Poetik Raymond Roussels, Leipzig: Merve 2024, S. 162 f.,

176 f.

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, offen, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1898 – Mundaneum


Brüsseler Museumsgebäude, in dem Paul Otlet und Henri La Fontaine mit ihrem Institut International de Bibliographie (IIB) das Ziel verfolgen, „das gesamte Schrifttum der Welt als Bibliografie in Zettelkästen zu erfassen“. Bis 1930 werden dort 16 Mio. bibliografische Einträge erfasst. Abweichend von der Bibliothek von Alexandria und daran anschließenden Universalbibliothekskonzeptionen zielt diese Form der Allregistratur nicht mehr auf das integrale materiale Vorhandensein der Schriften selbst, sondern – angesichts von deren gegenüber dem antiken Stand unvergleichlich angewachsenen Masse – wie in erster Ableitung nur noch auf deren Verzeichnung. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

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Schlagwörter: Bauwerk, begrenzte Allheit, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, offen, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1897 – Gebrüder Lumière, Panoramaeinstellung in Panorama du casino pris d’un bateau

Die Panoramaeinstellung (auch Panoramaaufnahme, Supertotale) ist die Einstellungsgröße mit dem weitesten Aufnahmewinkel. Oft werden dabei ausgedehnte Landschaften oder Städte gezeigt; Figuren sind kaum oder gar nicht zu erkennen. In die größtmögliche Distanz gesetzt, erhält das Publikum einen räumlichen Überblick und die nötige Orientierung zum Verständnis eines Geschehens. Panoramaeinstellungen, die in den unterschiedlichsten Gattungen und Genres vorkommen, finden sich bereits bei den Gebrüdern Lumière. So besteht Panorama du casino pris d’un bateau (FR 1897) aus einer horizontalen Seitwärtsbewegung (Traveling Shot), die an ein Moving-Panorama erinnert und von einem fahrenden Boot aus gefilmt wird. Am Kanalufer sind vorbeiziehende Häuserfassaden der Stadt Nizza zu sehen sowie in die entgegengesetzte Richtung fahrende Boote. Ein außergewöhnliches Beispiel liefert der Film 13 Lakes (USA 2004, R: J. Benning), der die besagten 13 Seen in 10-minütigen statischen Panoramaeinstellungen aneinanderreiht, kontinuierlich durchzogen von der Horizontlinie, die Wasser und Himmel voneinander trennt. Der minimalistische Film nimmt sich Zeit für unscheinbare, stetige Bewegungen und Texturveränderungen: der Wolken im Himmel oder des Wassers im See. Zeitlichkeit wird erfahrbar gemacht. Durch seine Dauer und Statik verweist das Bild auf das als Leerstelle fungierende unsichtbare Äußere, aus dem das Wasser in den Bildrahmen hinein und hinaus fließt. Somit zeigen die Panoramaaufnahmen in 13 Lakes auf, dass das panoramatische Ideal der Allschau von keiner Panoramaaufnahme erfüllt werden kann. – Johannes Noss

Literatur / Quellen:

  • Panse, Silke: „Ten Skies, 13 Lakes, 15 Pools – Structure, Immanence and Eco-Aesthetics in ‚The Swimmer‘ and James Benning’s Land Films“. In: Screening Nature: Cinema Beyond the Human, hg. von Anat Pick und Guinevere Narraway, New York/Oxford: Berghahn 2013, S. 37–59, S. 37–59
  • Mikos, Lothar: Film und Fernsehanalyse, München: UVK Verlag 2023, S. 234

Weblinks:

🖙 Filmlexikon Kiel: Weite Aufnahme
🖙 YouTube: Panorama du casino pris d’un bateau (1897)

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, bildvisuell, faktual, Fernblick, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Moving Panorama, offen, Panoramabild, Unterhaltung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1889 – Alfred Stevens/Henri Gervex, Panorama de l’histoire du siècle

Genau 100 Jahre nach der Französischen Revolution präsentieren Alfred Stevens und Henri Gervex als Attraktion ihr heute nicht mehr erhaltenes Panoramarundbild mit dem Titel Panorama de l’histoire du siècle (Geschichte des Jahrhunderts) auf der Weltausstellung. Über eine Länge von 120 m im Rund präsentiert es 640 Persönlichkeiten, welche die Geschichte Frankreichs seit 1789 geprägt haben. Als imaginäre Stadtgesellschaft positionieren sich die Figuren in Pariser Kulisse, locker zu Gruppen gefügt. Ein Begleitheft liegt aus, mit dem die Figuren identifiziert und auch die historischen Entwicklungen in pointierter Form nachgelesen werden können. Das Panorama ist ungewöhnlich, da es kaum Handlung oder Landschaftsausblick zeigt, sondern eine Versammlung von Porträts historischer Persönlichkeiten, die allerdings mit den Mitteln des Panoramas gleichsam in einen Raum beziehungsweise unter einen gemeinsamen Himmel gebracht werden, als hätten sie sich tatsächlich begegnen können. Trotzdem existieren in dieser Illusion eines Raums verschiedene Zeiten, denn die Personen tragen historisches Kostüm und die Figurengruppen sind im Kreis chronologisch angeordnet. Aufgrund der Rundform mussten die Künstler das Problem lösen, dass es eine Stelle im Bild gibt, an welcher Beginn (1789) und Gegenwart (1889) sich treffen – in dieser Zone platzieren sie „als Bindestrich zwischen den Jahrhunderten“ den Dichter Victor Hugo, einsam an den steinernen Sockel einer Allegorie Frankreichs gelehnt. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Geimer, Peter: Die Farben der Vergangenheit. Wie Geschichte zu Bildern wird, München: C. H. Beck 2022

Weblinks:

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Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, geschlossen, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, Panoramabild, Rundband, Rundbau, schematisch, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1883 – „Allwissender Erzähler“ (Friedrich Spielhagen)

Mit der Unterscheidung von „Allgegenwart und Allwissenheit des Dichters“ legt der Schriftsteller Friedrich Spielhagen (Spielhagen, Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, S. 236) in seinem theoretischen Werk Beiträge zur Theorie und Technik des Romans eine Begriffsgrundlage für den vor allem im schulischen Gebrauch populären Terminus eines quasi-göttlichen „Allwissenden Erzählers“, der in der akademischen Narratologie ab Mitte des 20. Jahrhunderts – mit unterschiedlichen Akzenten – als „Auktoriale Erzählsituation“ (Stanzel) bzw. „Nullfokalisierung“ (Genette) konzipiert wird. Überall ist damit jedoch der (im praktischen Gebrauch bis in die Antike zurückgehende) Fall eines Erzählmodus markiert, der sich das Recht nimmt, die erzählerisch präsentierte Welt beliebig zu entwerfen, zu perspektivieren und zu modifizieren. Schärfer als gemeinhin üblich wäre dabei zwischen einer – tendenziell expliziten und (quasi-)zugleichspanoramatischen – Darbietung bzw. Behauptung manifester All- und Überschau und einer – tendenziell impliziten und verlaufspanoramatischen – Lizenz zur unlimitierten Bewegung durch ‚alle möglichen‘ lokal wechselnden Seinssphären und Perspektiven zu unterscheiden. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Spielhagen, Friedrich: Beiträge zur Theorie und Technik des Romans, Berlin: L. Staackmann 1883

Weblinks:

🖙 Spielhagen
🖙 Martinez-Artikel Allwissendes Erzählen

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, Didaktik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation