1938 – LSD-Panoramatik

Eher zufällig entdeckt der Schweizer Chemiker Albert Hofmann am eigenen Körper und Geist die stark halluzinogene Wirkung der Substanz Lysergsäurediethylamidt. Nach der Einnahme kommt es zu Veränderungen der Sinneswahrnehmung und des Bewusstseinserlebens, insbesondere im Raum- und Zeitempfinden, ferner zu Euphorien, Synästhesien und quasi-religiösen Ekstasen, bis hin zur vollständigen Auflösung des Ich-Bewusstseins. Manche Konsument:innen berichten davon, ‚alles wahrnehmen‘ zu können (visuell, akustisch, haptisch), etwa ein Werbeagent, dessen Schilderung Hofmann für seinen eigenen Buchbericht aus John Cashmans LSD-Die Wunderdroge übernommen hat: „Ich habe natürlich keine Vergleichsmöglichkeit, bin jedoch überzeugt, kein Heiliger hat erhabenere oder herrlichere Visionen gesehen oder einen seligeren Zustand der Transzendenz erlebt als ich. […] In einem einzigen kristallklaren Augenblick erkannte ich, dass ich unsterblich war. […] Plötzlich war ein strahlendes Licht und die schimmernde Schönheit der Einheit. Alles war erfüllt von diesem Licht, weißes Licht von unbeschreiblicher Klarheit. Ich war tot, und ich war geboren […] Ich sah Gott und den Teufel und alle Heiligen, und ich erkannte die Wahrheit. Ich fühlte, wie ich ins All hinausflog, ohne Schwere und ohne Fesseln, dazu befreit, in dem seligen Glanz der himmlischen Erscheinung zu baden.“ Indes kann es auch zu allumfassenden Horrortrips kommen, wie bei einem Maler und seiner Freundin, der berichtet: „Alles um uns herum war feindlich und drohend, als wollte es im nächsten Augenblick über uns herfallen. […] Es gab keine Vernunft und keine Zeit mehr; es schien, als ob dieser Zustand nie mehr enden würde.“ So besitzt LSD ein zwar unspezifisches und kaum steuerbares, doch gegebenenfalls sehr großes Potenzial zu himmlisch oder höllisch überwältigenden Allschau-Eindrücken. – Caroline Klein | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moser, Jeannie: Psychotropen: eine LSD-Biographie, Konstanz: Konstanz University Press 2013
  • Hofmann, Albert: LSD – mein Sorgenkind: die Entdeckung einer „Wunderdroge“, Stuttgart: Klett-Cotta 2001

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, audiovisuell, auditiv, bildvisuell, Blicktransparenz, Draufblick, Event/Performance, faktual, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, haptisch, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, schematisch, symbolisch, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, visuell, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1938 – Dolf Sternberger, Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert

Ausgehend von der zweiten Blüte, die das Panorma als Massenmedium im späten 19. Jahrhundert erlebte, porträtiert Sternberger diese Zeit als „die Epoche des ‚Panoramas‘“. Obwohl für ihr episodisches Schweifen von Walter Benjamin brachial verrissen, dringt Sternbergers Betrachtung tief in die Dialektik von Allschau-Illusion und fragmentierter Rezeptionsrealität ein. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Sternberger, Dolf: Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert [1938], Frankfurt am Main: Insel 1981

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, panoramatische Diskursform, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Wissenschaft

1937 – Ideale Schweizer Landschaft, von einer Hotelterrasse gesehen im Schweizer Pavillon, Paris

Das Bildpanorama von Alois Carigiet, einem Künstler aus Zürich, wird in der Touristikabteilung des Schweizer Pavillons auf der Pariser Weltausstellung ausgestellt. Der Pavillon selbst ist eine weiträumige Eisenkonstruktion mit fünf gegeneinander versetzten Geschossen. Unter den dort ausgestellten Elementen ist u. a. ein Diorama, das den Blick von einer alpinen Aussichtsterrasse – mitsamt Geländer – simuliert. Etwa einen Meter hinter dem Geländer befindet sich eine große Leinwand mit Carigiets Gemälde, das eine idealtypische Schweizer Landschaft zeigt. – Caroline Klein

Literatur / Quellen:

  • Bund Schweizer Architekten 1937, S. 254 ff.

Weblinks:

🖙 Das Werk: Architektur und Kunst

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Didaktik, Event/Performance, faktual, Fernblick, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Immersion, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Überbreite, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1935 – Mapparium


In vielem ein Nachfolger von Wyld’s Great Globe, präsentiert sich das Mapparium als dreistöckiger Glas-Globus, der auf einer 9,1 m langen Brücke von innen erkundet werden kann. Das bei Einrichtung aktuelle Kartenmaterial von Rand McNally, auf dem die geografische und politische Erdrepräsentation basiert, ist aufgrund der folgenden weltgeschichtlichen Turbulenzen rasch veraltet. Allerdings wird dessen Aktualisierung oft genug verpasst, um den ursprünglichen Stand schon 1966 zum historischen Dokument erklären (und so für immer einfrieren) zu können. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Bauwerk, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, geschlossen, Globus, Karte, Kugel, Medialpanoramatik, Organisation, Rundbau, schematisch, symbolisch, Technik, Unterhaltung, Weltkarte, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1933 – Kunstkopf-Stereophonie

Die Firma General Electric präsentiert in Chicago das erste funktionsfähige Modell eines Audio-Aufnahmeverfahrens, bei dem zwei Mikrofone in der Nachbildung eines Kopfes (mit Gehörgängen) an der Stelle der Trommelfelle angebracht sind, sodass beim Anhören mit Kopfhörern ein räumlicher Eindruck entsteht. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Brech, Martha: Der hörbare Raum, Bielefeld: transcript 2015

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, auditiv, faktual, Gesamtprojektion, Immersion, Kugel, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Rahmenexpansion, Technik, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1931 – Presidio Modelo


Span. für „Modellgefängnis“; Strafanstalt nach Vorbild des Benthamschen Panopticons auf der kubanischen Insel Isla de la Juventud. Der Bau der vier runden Gebäudekomplexe mit zentralem Speisesaal beginnt 1926; am 16. September 1931 wird das 1928 eingeweihte Gefängnis praktisch in Betrieb genommen. – Gerrit Blawe

Literatur / Quellen:

  • Bentham, Jeremy: Panoptikum oder Das Kontrollhaus [1787/1791], Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 196–212

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Bauwerk, Blicktransparenz, Denkmal, faktual, Gesamtprojektion, geschlossen, Organisation, Realpanoramatik, Rundband, Rundbau, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1927–1940 – Walter Benjamin, Passagenwerk

Das fragmentarisch überlieferte und postum im Rahmen einer editionsphilologischen Sichtung Rolf Tiedemanns als Passagenwerk titulierte Projekt, an dem Benjamin von 1927 bis 1940 arbeitet, begreift sich in seiner offenen, unvollendeten und letztlich wohl unvollendbaren Form als philosophische Geschichtsrekonstruktion der Pariser Urbanität des 19. Jahrhunderts. Diese versucht es in Form eines gigantischen Diskurs-Wimmelbildes in ihrer Gesamtheit zu erfassen und zu präsentieren – in der Hoffnung, aus der Urgeschichte des modernen Kapitalismus das katastrophische 20. Jahrhundert zu erhellen. Anstelle eines stringenten Textkorpus kompiliert Benjamin eine heterogene Materialsammlung, die in 48 Konvoluten, begleitet von zwei Exposés, diverse Text- und Bildquellen sowie Zitate und Kommentare ausbreitet. Bereits das erste Exposé – das einen Einblick in das Themenspektrum gewährt, welches sich von den Pariser Passagen über die Panoramen und Weltausstellungen bis zum Interieur und den Straßen von Paris erstreckt – postuliert, dass Text- und Stadtraum als konvergierende Konzepte zu betrachten seien. So soll die dispositorische Nachahmung der Pariser Passagenarchitektonik, die zum Flanierdurchgang durch die Konvolute respektive Auslagen und Präsentationsräume einlädt, einen gleichermaßen multiperspektivischen wie integralen Zugang zur Dialektik des 19. Jahrhunderts eröffnen. Inwieweit Benjamins panoramatische Utopie einer translinearen Textverräumlichung zur Erfassung einer historischen Totalität sich in der realen Leserezeption vermittelt, muss individuell erkundet werden. – Violetta Xynopoulou

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983
  • Lindner, Burkhardt: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: J. B. Metzler 2011
  • Kranz, Isabel: Raumgewordene Vergangenheit. Walter Benjamins Poetologie der Geschichte, München: Wilhelm Fink 2011

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Youtube

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Organisation, Panorama-Diskurs, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1927 – City Symphonies:, Berlin – Die Sinfonie der Großstadt


Berlin – Die Sinfonie der Großstadt (D 1927, R: W. Ruttmann) ist der prominenteste Vertreter der City Symphonies. Diese Gruppe avantgardistischer Dokumentarfilme aus Europa und den USA strebt in den 1920–30er-Jahren danach, mit den Errungenschaften der filmischen Montage Querschnitte des modernen Großstadtlebens zu schaffen. Begleitet von orchestraler Musik fangen diese Filme panoramatisch das alltägliche Leben einer Stadt ein, ohne eine lineare oder figurenzentrierte Narration zu verfolgen. Stattdessen legen sie ihren Fokus auf den Rhythmus von Raum und Zeit, strukturieren nach Motiven, Situationen und Bewegungen. In Berlin – Die Sinfonie der Großstadt wird die Stadt selbst zum Protagonisten. Außer der Faszination für den Verkehr, die Dynamik, Industrie und Architektur der modernen Metropole dokumentiert der Film mit soziologischem Blick das Spektrum des urbanen Lebens. Orientiert an Tageszeiten, zeigt er diverse Arbeitsverhältnisse und Menschen verschiedener Klassen und suggeriert durch seine analogische Montage, Zeitraffer und Überblendungen eine Ähnlichkeit in deren Aktivitäten. Das Strukturprinzip des Films erzeugt den Eindruck einer umfassenden Regularität, in die sich das heterogene Leben der Stadt einordnet, als gäbe es noch einen sinnstiftenden Zusammenhang. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Cowan, Michael: Walter Ruttmann and the Cinema of Multiplicity, Amsterdam: Amsterdam University Press 2014
  • Marcus, Laura: „‚A Hymn to Movement‘: The ‚City Symphony‘ of the 1920s and 1930s“. In: Modernist Cultures 5 (2010), H. 1, S. 30–46

Weblinks:

🖙 Walter Ruttmann and the Cinema of Multiplicity (Michael Cowan)
🖙 Edinburgh University Press: ‘A Hymn to Movement’: The ‘City Symphony’ of the 1920s and 1930s (Laura Marcus)

Schlagwörter: Ästhetik, Berlin, bildvisuell, Didaktik, faktual, Film, geordnet, Gesamtprojektion, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, schematisch, Technik, Universalchronik, Unterhaltung

1927 – Breitwandformat: Polyvision in Abel Gance’ Napoléon


Um einen epischen Biopic-Film über Napoleon Bonaparte zu inszenieren, verwendet Regisseur Abel Gance für seinen Film Napoléon (Napoleon, FRA) ein Dreifach-Projektionsverfahren (Polyvision). Die Filmpremiere findet am 7. April in der Pariser Opéra Garnier statt, wobei jedoch noch nicht die endgültige Version vorgeführt wird. (Aufgrund des hohen technischen Aufwands wird der Film später auch häufig ohne Mehrfachprojektion gezeigt.) Die Hauptleinwand wird um zwei Nebenleinwände ergänzt, die in der Dreibildsequenz (Triptychon) des Films mit jeweils einem eigenen Projektor bespielt werden. Dazu müssen drei synchrone Kameras zu einem System verkoppelt sein, das der Ingenieur André Debrie entwickelt. Die aufgenommenen Filmbilder können so nebeneinander gereiht werden, dass durch drei synchronisierte Projektoren ein einheitliches Bild entsteht, das dreimal so breit ist wie der Academy Standard von 4:3. Dabei werden die Bilder so synchronisiert, dass sie möglichst nahtlos von einer Leinwand zur nächsten übergehen und den Eindruck eines durchgehenden Panoramas erwecken. Durch die deutlich breitere Bildfläche wird nicht nur die panoramatische Darstellung etwa einer Schlacht des Italienfeldzugs möglich, sondern auch die gleichzeitige Darstellung räumlich getrennter Ereignisse, was an Splitscreens erinnert und multiperspektivisch wirkt. Die experimentelle Kinematografie der Polyvision von Gance stellt einen avantgardistischen technischen und kreativen Vorstoß dar und erweitert die Grenzen des filmischen Bildes. Obwohl sich Polyvision als Format nie etabliert, beeinflusst es viele der folgenden Versuche, mittels überbreiter Seitenverhältnisse eine immersive und panoramatische Filmerfahrung zu erreichen, etwa das Aufnahme- und Projektionsverfahren Cinerama. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Kaplan, Nelly: Napoléon, London: British Film Institute 1994
  • Brownlow, Kevin: Napoleon. Abel Gance’s Classic Film, New York City: Alfred A. Knopf 1983
  • Cuff, Paul: „Presenting the Past: Abel Gance’s Napoléon [1927], from Live Projection to Digital Reproduction“. In: KinéTraces 2 (La Mort des Films), 2017, S. 120–142

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, bildvisuell, Denkmal, fiktional, Film, Gesamtprojektion, Großtableau, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Rahmenexpansion, schematisch, Überbreite, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1926 – Claude Monet, Les Nymphéas


Von den 1890er-Jahren bis zu seinem Tod 1926 arbeitet der impressionistische Maler Claude Monet an überbreiten, großformatigen Seerosenbildern, für die er eine Rundum-Präsentation vorsieht. Nach dem Tod des Künstlers werden unter dem Titel Les Nymphéas acht Bilder im Musée de l’Orangerie in Paris in zwei miteinander verbundenen elliptischen Räumen installiert. Womöglich spielte Monet mit der Anordnung im Rund bewusst auf den Panorama-Hype des späten 19. Jahrhunderts an, wenngleich seine Bilder mit deren Form des Illusionismus nichts mehr gemein haben. Seine Gemälde präsentieren sich als solche (ohne Faux Terrain, mit erkennbarem Bildrand und sichtbarem Farbauftrag) und mobilisieren sowohl Blick als auch Körper. Sie bieten keinen weiten Blick in die Landschaft, sondern zeigen sich eher als farblich subtil gestaltete Flächen. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich gleichwohl eine andere Art von panoramatischem Anspruch: Der Seerosenteich erscheint im Verlauf der Tageszeiten und Lichtstimmungen als stetig wandelbar und bleibt dabei doch der gleiche – der Eindruck von Ganzheit und Gesamtheit entsteht ausgerechnet in der Inszenierung von Veränderlichkeit (in der Wahrnehmung eines menschlichen Betrachters). – Clara Wörsdörfer

Weblinks:

🖙 Musée de l’Orangerie, Paris.

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Gemälde, Gesamtprojektion, Halbrundband, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, Schraubenband, Überbreite, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation