1796–1797 – Jean Paul, Rede des toten Christus

Im ersten der dem zweiten Buch von Jean Pauls zweibändigem Roman Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel angehängten Blumenstücke mit dem vollen Titel Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei findet sich die visionäre Schilderung einer negativen Allschau, deren Kernpassage lautet: „Christus fuhr fort: Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 2. Bd., S. 273) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia Roman

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, Buch, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung

1793 – Robert Barker, London from the Albion Mills

Nach ersten Versuchen auf Grundlage seines 1787 eingereichten Patents präsentiert Robert Barker 1793 sein Rundbild London from the Albion Mills in einer von Robert Mitchell eigens hierfür erbauten Rotunde am Leicester Square in London. Das Bild ist heute nicht mehr erhalten, eine mehrteilige kolorierte Druckgrafik von 1792, die als Grundlage diente, vermittelt allerdings einen guten Eindruck. Die Betrachter:innen des Bildes sollen sich auf das Dach der legendären Dampfmühle Albion Mills versetzt fühlen, von wo aus sie im Rundumblick die Stadtlandschaft Londons überblicken können. Um den Illusionismus zu verstärken, zeigt Barker auch noch Teile des Dachs mit Schornsteinen, über die hinaus der Blick in die Ferne schweift. Die Wahl des Motivs bzw. Standorts ist bemerkenswert, da die Mühle damals als Zeichen der beginnenden industriellen Revolution gilt, allerdings zum Zeitpunkt der Fertigstellung des 250 qm großen Rundgemäldes bereits einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen war. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Draufblick, Event/Performance, faktual, Fernblick, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundband, Rundbau, Technik, Überbreite, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1790 – Kleinstpanorama zum Mitnehmen

Sehr prompt nach dem Patent und ersten Realisationsversuchen von Barkers Panorama-Konzeption werden Miniaturformate angeboten, welche die 360°-Ansicht der Großbilder als Kupferstiche in private Sammlungen zu überführen erlauben. So existiert ein von J. Wells gestochenes Kleinstpanorama von Barkers Rundgemälde von Edinburgh von ca. 1790 im Huntley House Museum, Edinburgh; panorama-historisch einschlägig als früher Beleg für die – relative – Skalierbarkeit des neuen ‚Monumentalmediums‘. – Stephan Klose

Literatur / Quellen:

  • Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main: Syndikat 1980, S. 52
Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, Panoramabild, schematisch, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1789 – Friedrich Wilhelm Herschel, Einige Bemerkungen ueber den Bau des Himmels

Zu der raumpanoramatischen Blickausweitung, die F. W. Herschel mithilfe verbesserter Beobachtungstechnik auf vielen Gebieten der Astronomie und vor allem bei der Identifikation einiger Himmelsnebel als ferne eigenständige Galaxien außerhalb der Milchstraße gelingt, tritt ein beobachtungsempirisch eng damit verbundenes und ebenso bahnbrechendes, konzeptionell aber davon zu trennendes zeitpanoramatisches Pendant. Indem Herschel erstens die Konsequenzen der durch Ole Rømer 1676 bzw. Christiaan Huygens 1678 relativ genau bestimmten Lichtgeschwindigkeit zieht, zweitens die naturhistorische Perspektive der Entwicklung einzelner Lebewesen gemäß ihrer artspezifischen Schematik auf kosmische Vorgänge überträgt und drittens die Signifikanz wahrscheinlichkeitstheoretischer Extrapolationen in Rechnung stellt, kann er das Himmelsbild, das ihm mit freiem Auge und in seinen Teleskopen auf der Erde zeitgleich sichtbar wird, nicht nur in seiner signalwirklichen Palimpsest-Struktur erkennen, in der extrem differente Zeit- und Entfernungsschichten synthetisiert sind, sondern entdeckt auf dieser Grundlage zudem die Möglichkeit, diejenigen Himmelserscheinungen, die man als kosmos-historisch weitgehend zufälliger Beobachter gerade gleichzeitig vor sich hat, gemäß ihrer Entwicklungslogik zu beobachten und so Rückschlüsse auf deren einzelne Phasen bzw. Stadien zu gewinnen, obwohl die dabei involvierten Zeitdauern die real mögliche Beobachtungszeit eines (Menschen-)Lebens oder der ganzen Menschheit um ein Vielfaches übersteigen. Eine pointierte Versinnbildlichung findet sich etwa gegen Ende seiner Schrift Einige Bemerkungen über den Bau des Himmels (Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 109–124): „Diese Methode den Himmel zu betrachten, scheint ihn in ein neues Licht zu setzen. Nun wird er angesehen, als gleiche er einem üppigen Garten, der eine große Mannigfaltigkeit von Produkte in verschiedenen blühenden Beeten enthält; und der eine Vortheil den wir zum wenigsten aus demselben einerndten können ist der, daß wir gleichsam den Schwung unserer Erfahrung auf eine unermeßliche Dauer ausdehnen können. Denn um das Gleichniß fortzusetzen, das ich aus dem Pflanzenreich geborgt habe, ist es nicht beynahe einerley, ob wir fortleben um nach und nach das Aussprossen, Blühen, Belauben, Fruchttragen, Verwelken, Verdorren und Verwesen einer Pflanze anzusehen, oder ob eine große Anzahl von Exemplaren, die aus jedem Zustande, den eine Pflanze durchgeht, erlesen, uns auf einmahl vor Augen gebracht werden.“ (123–124; vgl. auch S. 111). Wie bei seiner Typologie der Nebelerscheinungen hat sich naturgemäß auch hinsichtlich der kosmischen Prozesse nicht jede der Herschel’schen Beobachtungen und Theorien vor späteren, noch genaueren Himmelsaugen bewährt. Doch die grundlegenden Prinzipien empiriebasierter und zugleich theoriegeleiteter Himmelsbeobachtung sowie ihrer laufenden Approximation bzw. Korrektur sind seither gewonnen. Herschels Grabinschrift lautet: „Caelorum perrupit claustra“ („Er durchbrach die Grenzen des Himmels“). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Herschel, Friedrich W.: Über den Bau des Himmels. Abhandlungen über die Struktur des Universums und die Entwicklung der Himmelskörper 1784–1814, Thun/Frankfurt a. Main: Verlag Harri Deutsch 2001
Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, Draufblick, Ekphrasis, Enzyklopädie, faktual, Fernblick, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Rundbau, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, visuell, Weltkarte, Wimmelbild, Wissenschaft, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1788 – James Hutton, Ausweitung des Erdzeithorizonts


In Anbetracht eines Felsaufschlusses im schottischen Jedburgh, in dem deutlich die jüngeren Schichten horizontal auf tektonisch schräg gestellten älteren Schichten lagern (einer sogenannten Diskordanz, vgl. die Abb. in Gould, Die Entdeckung der Tiefenzeit, S. 95), wird dem Naturforscher (und damaligen Edinburgher Stadt- und Zeitgenossen Robert Barkers) James Hutton (1726–1797) klar, dass die Erde sehr viel älter sein muss, als die meisten damals glauben. „Das komplexe Panorama der Geschichte“ (Gould, Die Entdeckung der Tiefenzeit, S. 94), wie er es hier zum ersten Mal erblickt, bringt ihn in seiner 1788er-Abhandlung Theory of the Earth zu dem Schluss: „Die Zeit, die in unserer Vorstellung jedes Ding bemißt und für unsere Pläne oft nicht ausreicht, ist für die Natur endlos und wie nichts.“ (Hutton, Theory of the Earth, S. 215). Inwieweit diese Behauptung zutrifft, ist bis heute nicht gewiss. Dass sie seither aber – im Unterschied zu inhaltsgleich vorangegangenen Postulaten von Aristoteles bis Newton – mit der aus Menschheitssicht quasi-unendlichen, nach Jahrmillionen und -milliarden zählenden Empirie der Erde verzahnt ist, verleiht Huttons Entbergung der „Tiefenzeit“ (John MCPhee) zeit-kopernikanisches Gewicht. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hutton, James: „Theory of the Earth; or an Investigation of the Laws Observable in the Composition, Dissolution, and Restoration of Land Upon the Globe“. In: Transactions of the Royal Society of Edinburgh 1 (1788), S. 209–304
  • Gould, Stephen Jay: Die Entdeckung der Tiefenzeit. Zeitpfeil und Zeitzyklus in der Geschichte unserer Erde [1987], München: dtv 1992, S. 93–146

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Digitalisat Theory of Earth 1788

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Mikropanoramatik, Naturpanorama, offen, Panoramabild, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Relief, schematisch, Speicher, Text, textuell, Universalchronik, visuell, Wissenschaft, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1785 – Friedrich Wilhelm Herschel, Über den Bau des Himmels

Nach seiner Ausbildung zum Musiker und einer kurzen Zeit als Militärmusiker übersiedelt der in Hannover geborene Friedrich Herschel (1738–1822) im Jahr 1757 nach England und wird unter wesentlicher Mithilfe seiner bald nachgekommenen Schwester Caroline (1750–1848) zu einem der wirkreichsten All-Panoramatiker der Astronomiegeschichte. In Bath als Organist und Orchesterleiter tätig, beginnt er in den 1770er-Jahren, inspiriert von der privaten Lektüre musiktheoretischer und astronomischer Schriften, sein im Wesentlichen autodidaktisch vorangetriebenes Projekt einer möglichst vollständigen Erfassung und Erklärung aller sichtbaren Himmelserscheinungen. Zu diesen Zweck fertigt er, vor allem nach seiner endgültigen Niederlassung in Slough im Jahr 1785, selbst immer größere Spiegelteleskope an. Unter seinen zahlreichen bahnbrechenden Entdeckungen – etwa des Planeten Uranus oder der Situierung unseres Sonnensystems innerhalb der Milchstraße (vgl. Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 94) – ragt in panoramatischer Hinsicht die genauere Erfassung und differenzierte Neudeutung jener Himmelskonstellationen hervor, die dem freien Auge als Nebel erscheinen. Gerade hier liefern seine Veröffentlichungen, deren Bedeutung in Fachkreisen bald erkannt wird, quintessentielle Verschriftlichungen einiger der ungeheuersten Erfahrungen realfundierter panoramatischer Blickvertiefung und -erweiterung, die Menschen je gemacht haben. Besonders eindrücklich etwa in seiner Schrift Über den Bau des Himmels (Herschel, Über den Bau des Himmels, S. 71–108), wo es in zeitgenössischer Übersetzung heißt: „Das Gesicht unseres Beobachters wird so begrenzt seyn, als befasse diese einzelne Sammlung von Sternen, wovon er selbst nicht den tausendsten Theil gewahr wird, alles was der gesammte Himmel in sich hat. Verstatten wir ihm nun den Gebrauch eines gemeinen Fernrohrs, so fängt er an zu muthmaßen, daß die ganze Milchweiße des hellen Streifs, der die hohle Kugel umringt, wohl von Sternen herrühren möge. Er bemerkt einige Sternhaufen in mancherley Gegenden des Himmels, und findet, daß es auch dort eine Art von Nebelflecken giebt; sein Blick ist jedoch noch nicht so erweitert, um das Ende der Schichte abzusehen, in welcher er eine solche Stellung hat, daß es ihm vorkommt, als gehörten diese Zonen zu demjenigen System, welches, wie ihm deucht, alle und jede himmlische Gegenstände in sich faßt. Nun verstärkt er seine Sehkraft, und indem er sich einer genauen Beobachtung befleißiget, findet er, daß die Milchstraße in der That nichts anders, als eine Sammlung von sehr kleinen Sternen sey. Er wird gewahr, daß jene Gegenstände, welche Nebelflecke hießen, augenscheinlich nichts anders als Sternhaufen sind. Er sieht ihre Anzahl immer mehr und mehr anwachsen, und wenn er einen Nebelfleck in Sterne auflöset; so entdeckt er zehn neue, die er nicht auflösen kann.“ (77–78) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Herschel, Friedrich W.: Über den Bau des Himmels. Abhandlungen über die Struktur des Universums und die Entwicklung der Himmelskörper 1784–1814, Thun/Frankfurt a. Main: Verlag Harri Deutsch 2001
Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, Draufblick, Ekphrasis, Enzyklopädie, faktual, Fernblick, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Großtableau, Idealpanoramatik, Karte, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundbau, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, visuell, Weltkarte, Wimmelbild, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1783 – Montgolfière


Nach jahrtausendelang erfolglosen und im vorausgeträumten Ikarus-Mythos ambivalent verhandelten Versuchen gelingen in Frankreich mit den in rascher Folge glückenden Ballonaufstiegen die ersten, wenngleich noch relativ statischen und unkontrollierten Menschenflüge. Doch schon in der Vertikalbewegung aufwärts sehen Hominiden hier zum ersten Mal größere Teile der Erdoberfläche ohne festen Untergrund von oben. Einige Wegmarken: am 4. Juni erster Luftballfreiballon (Rauchballon) der Gebrüder Montgolfière; Flug in ca. 2000 m Höhe über ca. 2 km, 12 m Ballondurchmesser; am 27. August erster Gasballon von Jacques Alexandre César Charles, besetzt mit Hammel, Hahn und Ente; am 19. Oktober: erster bemannter gefesselter Aufstieg; am 21. November starten im Garten des Schlosses La Muette bei Paris Jean-François Pilâtre de Rozier und der Gardeoffizier François d’Arlandes zur ersten freien Ballonfahrt der Menschheitsgeschichte; erster Menschenflug im Gasballon am 1. Dezember durch Jacques Charles und Marie-Noël Robert. In der Folge erste Schilderungen realer menschlicher Flugperspektiv- und Panoramablick-Erfahrungen, bald auch ein neuer literarischer Motivzweig. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Riha, Karl (Hg.): Reisen im Luftmeer. Ein Lesebuch zur Geschichte der Ballonfahrt, München/Wien: Hanser 1983, S. 349–352
  • Weblinks:

    🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, Draufblick, Event/Performance, faktual, Fernblick, Naturpanorama, Panoramaflug, Realpanoramatik, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1782 – Eye of Providence


Das in der ägyptischen und christlichen Ikonografie und auf Freimaurer-Wappen vielfach präfigurierte Allsehende Auge gelangt auf die Rückseite des offiziellen Dienstsiegels der USA. Dort thront es auf einer Pyramide, die sich in ähnlichem Baustadium befindet wie Bruegels Babelturm. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Draufblick, Fernblick, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, Rundbild, symbolisch, Text, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1776 – Horace-Bénédict de Saussure, Vue circulaire des Montagnes

Dieses „erste wissenschaftliche Horizontalpanorama“ (Oettermann, Das Panorama), bei dem also „die Landschaft nicht auf die Innenfläche eines Zylinders, sondern in eine Kreisfläche projiziert“ wird (Solar, Das Panorama und seine Vorentwicklung, S. 20), zeigt den Ausblick vom Gipfel des Buet, den der Schweizer Naturforscher Horace-Benedict de Saussure 1776 bestiegen hatte. Im ersten Band seiner Voyages dans les Alpes (1779) schildert er das Darstellungsproblem, dem er sich anschließend gegenübersah: „Als ich die Beschreibung der unendlich verschiedenen Dinge vollendete, die ich vor Augen hatte, erkannte ich deutlich, daß es mir unmöglich sein würde, meinen Lesern davon eine halbwegs klare Vorstellung zu geben, ohne Zeichnungen hinzuzufügen. Doch bei der Anwendung gewöhnlicher Ansichten hätte es deren eine große Zahl bedurft, und je zahlreicher sie gewesen wären, desto weniger hätten sie die Gesamtheit und Verkettung all dieser Berge wiedergegeben, wie man sie in der Natur sieht.“ Um Abhilfe zu schaffen, habe er eine neuartige Methode entwickelt; dabei „malt der Zeichner seine Objekte genauso, wie er sie sieht, indem er sein Papier in dem Maß dreht, wie er sich selbst dreht, und die, die sich nach seiner Arbeit eine Vorstellung der Dinge machen wollen, die er gezeichnet hat, brauchen sich nur vorzustellen, dass sie im Zentrum der Zeichnung plaziert seien, in der Vorstellung das, was sie über dem Zentrum sehen, zu vergrößern, und, indem sie die Zeichnung drehen, die Revue all ihrer Teile zu machen. So sehen sie nacheinander alle untereinander verbundenen Objekte und absolut so, wie sie sich einem Betrachter darstellen, der auf der Spitze des Berges steht.“ (Zit. nach Oettermann, Das Panorama, S. 28). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Solar, Gustav: Das Panorama und seine Vorentwicklung bis zu Hans Conrad Escher von der Linth, Zürich: Orell Füssli 1979
  • Oettermann, Stephan: Das Panorama. Die Geschichte eines Massenmediums, Frankfurt am Main: Syndikat 1980

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Panoramabild, Relief, Rundbild, schematisch, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation

1770 – Johann Wolfgang Goethe, Blick vom Münster

Am 4. April 1770 besteigt der junge Goethe den Turm des Straßburger Münsters. Über sein prägendes Panoramaerlebnis berichtet er im zweiten Band seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit (EA 1812): „indem ich das Gebäude eilig bestieg, um nicht den schönen Augenblick einer hohen und heitern Sonne zu versäumen, welche mir das weite, reiche Land auf einmal offenbaren sollte. Und so sah ich denn von der Plattform die schöne Gegend vor mir, in welcher ich eine Zeitlang wohnen und hausen durfte: die ansehnliche Stadt, die weitumherliegenden, mit herrlichen dichten Bäumen besetzten und durchflochtenen Auen, diesen auffallenden Reichtum der Vegetation, der, dem Laufe des Rheins folgend, die Ufer, Inseln und Werder bezeichnet. Nicht weniger mit mannigfaltigem Grün geschmückt ist der von Süden herab sich ziehende flache Grund, welchen die Ill bewässert; selbst westwärts, nach dem Gebirge zu, finden sich manche Niederungen, die einen eben so reizenden Anblick von Wald und Wiesenwuchs gewähren, so wie der nördliche mehr hügelige Teil von unendlichen kleinen Bächen durchschnitten ist, die überall ein schnelles Wachstum begünstigen.“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit, S. 345). Auch die dem ersten Umherblicken folgenden Panorama-Beschreibungs- und Reflexions-Passagen sind – bis hin zum Abstieg – phänotypisch für die realpanoramatische Seherfahrung seit der Aufklärung. Goethe sieht und schreibt hier in dem Geist, den man Petrarca später gern anachronistisch zuschrieb. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Sämtliche Werke. Bd. 14, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1988, S. 345–349
Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Event/Performance, faktual, Fernblick, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, Realpanoramatik, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation