1667 – John Milton, Paradise Lost


Ausgehend von einer relativ schmalen biblischen Textgrundlage unternimmt das Versepos Paradise Lost des englischen Dichters John Milton (1608–1674) eine heilsgeschichtlich grundierte Gesamtweltschau mit zahlreichen zeitgeschichtlichen Verweisen. 1667 zunächst in zehn Büchern, 1674 in einer zweiten, endgültigen Fassung in zwölf Büchern erschienen, erzählt das Werk die Geschichte vom Sündenfall sowie die Vorgeschichte Satans und dessen Auflehnung gegen Gottes Kosmos. Dispositorisch wird die Darstellung der Allmacht Gottes, die den Mittelteil beherrscht, von der einführenden Beschreibung Satans und seiner Hölle (Pandämonium) sowie der abschließenden Suche der Menschen nach dem göttlichen Heilsplan gerahmt. Dadurch erscheint die hierarchische göttliche Ordnung in ihrer Universalität episch eingefasst und in ihrer gesamten Verlaufslogik von der Erschaffung des göttlichen Kosmos über den Sündenfall und die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies bis hin zur Apokalypse ausgebreitet. Darüber hinaus wird in nicht-biblischen Episoden die säkulare Lebenswelt beleuchtet und in zahlreichen Exkursen ein breites Tableau damaligen Wissens vermittelt. So bietet das Werk nicht nur eine universale Ausdeutung der christlichen Glaubensgeschichtsphilosophie, sondern auch ein episches Großgemälde der menschlichen Wissens- und Schicksalsgeschichte gemäß der puritanischen Weltsicht des 17. Jahrhunderts, ferner eine phänotypische Allschau-Formulierung: „Now had the almighty Father from above, / From the pure empyrean where he sits / High throned above all highth, bent down his eye, / His own works and their works at once to view.“ (III, S. 56–59). – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Milton, John: Paradise Lost [1667], London: Penguin 2003
  • Lessenich, Rolf: „Milton, John“. In: Metzler Lexikon Weltliteratur, hg. von Axel Ruckaberle, Stuttgart: J. B. Metzler 2006, S. 452–455, S. 452–455

Weblinks:

🖙 Kindlers Literatur Lexikon

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Ekphrasis, fiktional, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1663 – Justus Georg Schottelius Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache


Erster Anlauf zu einem vollständigen Regelkompendium der deutschen Sprache auf 1500 Druckseiten. Als überbietende Fortführung seiner eigenen Teutschen Sprachkunst aus dem Jahre 1641 von Schottel über Jahrzehnte kompiliert und kumuliert, erhebt die Ausführliche Arbeit den Anspruch, die gesamte deutsche Sprache abzubilden. Analog zur fortgeschrittenen historischen Entwicklungsstufe, die er im Englischen oder Französischen bereits erreicht sieht, möchte er sie aus der unvermittelten Vielfalt ihrer Dialekte, die er dazu gleichwohl miterfasst, zu einer einheitlichen Hochsprache ausformen. – Hannah Bartölke

Literatur / Quellen:

  • Schottelius, Justus Georg: Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache, Braunschweig: Zilliger 1663

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🖙 Digitalisat

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1660 – Andreas Cellarius, Himmelsatlas Harmonia Macrocosmica


Das opulente Kartenwerk erscheint als siebter Band der Atlas-Serie, die durch Johannes Janssonius (1588–1664) in Nachfolge und Vollendung des weltkartographischen Totalprogramms von Gerhard Mercator (1512–1594) in Amsterdam herausgegeben wird. In 29 doppelseitigen Großformat-Bildtafeln dokumentiert und illustriert Cellarius (1596–1665) einschlägige Himmelstheorien (darunter Aratos, Ptolemäus, Kopernikus und Tycho Brahe), um sie sowohl untereinander als auch mit dem christlichen Weltverständnis in Zusammenklang zu bringen. Wie sein kartenästhetisch überwältigendes, inhaltlich aber mehr von ptolemäischen und christlichen Traditionen als von neueren Fernrohr-Erkenntissen geprägtes Überblickskompendium, in dem geozentrische und heliozentrische Interpretationen astronomiegeschichtssynoptisch (und entsprechend unvermittelt) nebeneinanderstehen (so wie die epochalen Astronomen auf dem Titelkupfer), im geplanten, aber nie erschienenen zweiten Band zu kosmischem Einklang zu führen gewesen wären, bleibt ungewiss. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Cellarius, Andreas: Harmonia macrocosmica seu atlas universalis et novus [Amsterdam 1661; Reprint des Exemplars der Landesbibliothek Darmstadt], Berlin: Coron bei Kindler 2006
  • Cellarius, Andreas: Harmonia macrocosmica of 1660. The Finest Atlas of the Heavens. Der prächtigste Himmelsatlas. L’Atlas Céleste le plus admirable. [Amsterdam 1660; based on the Copy in the Universiteitsbibliotheek Amsterdam], Köln: Taschen 2006

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🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, faktual, Fernblick, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Rundbild, schematisch, symbolisch, textuell, Weltatlas, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1658 – Johann Amos Comenius, Orbis Pictus. Die Welt in Bildern


Über Jahrhunderte meistverbreitetes Schulkompendium des jeweiligen Weltcurriculums, durchgängig in Bild und Text vermittelt. Universales Prüfungswissen von Gott bis zum Insekt. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Comenius, Johann Amos: Orbis sensualium pictus, Dortmund: Harenberg Kommunikation 1978

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🖙 Wikipedia

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, Zugriffspräsentation

1655 – Pedro Calderón de la Barca, El gran teatro del mundo

Das mutmaßlich um 1635 entstandene Mysterienspiel (dt. Das große Welttheater) entwirft ein zeitgenössisches Gesamtbild der menschlichen Lebens- und Ständeordnung. Zu Beginn der Handlung tritt der All-Schöpfer (in Eichedorffs klassischer Übersetzung „Der Meister“) auf, der auf dem – als „Die Welt“ ebenfalls zur Sprechrolle personifizierten – Theater des irdischen Diesseits die Rollen verteilt. Jede davon verkörpert eine bestimmte Funktion im christlich-feudalen Weltgefüge. Die Bühne symbolisiert die Struktur des menschlichen Daseins sowohl räumlich wie zeitlich, letzteres konkret mit einem Tor für den Ein- bzw. Auftritt (die Wiege für die Geburt) und einem Tor für den Abgang (das Grab für den Tod). Jeder Schauspieler bekommt für seine Rolle die nötigen Utensilien bereitgestellt, realisiert seine Funktion in der Welt und reagiert so, wie es seine sittlichen und sozialen Lebensumstände bedingen. Der Arme bittet etwa um Almosen, die der Reiche ihm verwehrt. Allerdings müssen alle Spieler (spezifische Frauenrollen gibt es hier nicht) alles, was ihnen für ihr Lebensschauspiel eingangs zugefallen ist, am Ende wieder abgeben. Jeder Mensch verlässt die Bühne so, wie er sie betreten hat. – Jana Keim | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Calderón de la Barca, Pedro: El grand teatro del mundo / Das große Welttheater, Stuttgart: Reclam 2012

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🖙 Text der Eichedorff-Übersetzung

Schlagwörter: Ästhetik, audiovisuell, begrenzte Allheit, bildvisuell, Buch, Didaktik, Event/Performance, fiktional, geordnet, Gesamtdiagramm, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Unterhaltung, Zeitensynopse

1619 – Johann Valentin Andreae, Reipublicae Christianopolitanae descriptio


Prä-panoptische Stadtstaats-Utopie inklusive panoramatischer Stadtansicht; christliche Präfiguration eines zentralistischen Überwachungsarchitektur-Begehrens, das sich hier chronologisch wie epochal deutlich vor der Aufklärung zeigt, mit der es seit Foucaults Bentham-Diskurs oft starr assoziiert wird. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Andreae, Johann Valentin: Christianopolis, Stuttgart: Reclam 1975

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1603 – Johannes Bayer, Himmelsatlas Uranometria


In seinem Kartenkompendium, das unter dem wuchtigen, aber zu seiner Zeit durchaus gerechtfertigten Titel Uranometria: omnium asterismorum continens schemata, nova methodo delineata, aereis laminis expressa in Augsburg erscheint, liefert der hauptberufliche Jurist durch synthetische Zusammenführung alter (Ptolemäus) und jüngster (Tycho Brahe) Daten eine neue Gesamtvermessung und -darstellung des Himmels und führt eine wirkungsreiche Nomenklatur ein. Seine 51 Sternkarten umfassen erstmals beide Hemisphären, enthalten jedoch (da das Fernrohr gerade noch nicht erfunden ist) nur Erscheinungen, die mit dem freien Auge sichtbar sind. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Bayer, Johannes: Uranometria [1603], Gerchsheim: Kunstschätzeverlag 2010

Weblinks:

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1587 – Historia von D. Johann Fausten


Auf schwankender realhistorischer Basis führt die Historia von D. Johann Fausten. Dem Weltbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler mit der Titelfigur den personifizierten Mythos des Allwissenheitsbegehrens in die deutsche Literaturgeschichte ein. Zudem enthält sie (gleich nach der Höllenfahrt) mit dem Kapitel „Wie D. Faustus in das Gestirn hinaufgefahren“ ein eindrückliches Beispiel für die fiktionale Beschreibung einer celestischen Flug-Allschau, die nach Fausts homodiegetischer Behauptung im Ganzen eine Woche dauert. Wo und inwieweit die rasante Enumeration der Länder und Städte, die Faust im Flug gesehen haben will, als narrativer ‚Schnelldurchlauf in Vogelperspektive‘ und damit als früh imaginierte Panoramaflug-Bewegung oder aber als ekphrastische Entfaltung einer quasi-statischen Fernblick-Perspektive ‚von ganz oben‘ zu deuten ist, bleibt über weite Strecken unklar. In der Rezeption wirkt die narrative Komprimierung der Stationenfolge jedoch wie ein geografisches Pendant zum späteren Erzählflug durch die Epochenzeit in Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen von 1811. So oder so muss gegen Ende dieses Ausflugs sogar Faust einräumen: „Ich sahe also mehr denn ich begehrte“ (Anonymus, Historia von D. Johann Fausten, S. 51). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Anonymus: Historia von D. Johann Fausten, Stuttgart: Reclam 1964

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🖙 Digitalisat in der Deutschen digitalen Bibliothek

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1570 – Abraham Ortelius, Theatrum Orbis Terrarum


Ob die ganze Welt eine Bühne sei, wie es in Shakespeares As You Like It klassisch heißt, lässt sich bestreiten – jedenfalls aber kannte Shakespeare wohl die sehr ähnliche Metapher vom ‚Theater des Erdkreises‘ (Gillies, Shakespeare and the Geography of Difference, S. 70–98), die sich allerdings nicht auf eine Aufführung in einem gebauten Raum, sondern auf die erstmalige Verschaltung zweier Totalisierungsmedien bezieht, nämlich auf das Zusammenbinden einer geordneten Menge von geographischen Karten verschiedenen Maßstabs in einem Buch. Ein Vierteljahrhundert später wird dieses Supermedium von niemand Geringerem als Gerardus Mercator nach dem Superhelden Atlas benannt – ein Ausdruck, der sich seither hält und manchmal auch in irreführender Weise retrospektiv verwendet wird (etwa für den ➚ Katalanischen Atlas von Cresques (1375), der jedoch kein Atlas in diesem Sinne, sondern eine aus mehreren Blättern zusammengesetzte Karte ist). Wie Mercators Atlas, wenngleich ohne den dort erhobenen Anspruch auf eine systematische Darstellung der Kosmographie als ganzer, enthält auch Ortelius’ Theatrum Orbis Terrarum begleitende Texte – was Übersetzungen in andere Sprachen notwendig machte, die denn auch in der Folgezeit erscheinen (schon 1572 beispielsweise gleich deren zwei ins Deutsche, davon eine als Raubdruck). So wird das neue Supermedium schon bald ein (zumindest zentral-)europäischer Erfolg. – Robert Stockhammer

Literatur / Quellen:

  • Berghaus, Heinrich: Physikalischer Atlas: oder Sammlung von Karten, auf denen die hauptsächlichsten Erscheinungen der anorganischen und organischen Natur nach ihrer geographischen Verbreitung und Vertheilung bildlich dargestellt sind [1845–48, Gotha: Justus Perthes. Reprint als Beigabe zu: Humboldt, Alexander von: Kosmos], Frankfurt am Main: Eichborn 2004
  • Gillies, John: Shakespeare and the Geography of Difference, Cambridge: Cambridge University Press 1994
  • Ortelius, Abraham: Theatrum Orbis Terrarum [1570], Darmstadt: WBG 2006
Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Technik, Text, textuell, Weltatlas, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1568 – Hans Sachs und Jost Amman, Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden

In der 1567 verfassten „Vorrede“ wird der im Buchtitel angezeigte Anspruch auf eine Gesamtpräsentation der menschlichen Ständeordnung deutlich, soll diese doch „vom grösten biß zum kleinesten / von anfang der Welt her biß auff dise jetzige zeit / so in Menschlichem leben nötig vnd gebreuchlich seind / sampt derselbigen vrsprung / erfindungen / vnd weiter gelegenheit“ dargeboten werden. Ziel der umfassenden Kategorisierung und Charakterisierung sämtlicher Erdbewohner ist die didaktische Vermittlung und im selben Zuge Legitimierung der nach damaliger Auffassung gottgewollten und daher für eine funktionierende Gesellschaft alternativlosen Ordnung. Es folgen 114 emblemartig aufgebaute Kapitel, die – formal analog zum populären Muster von Sebastian Brandts Narrenschiff – nach der jeweils behandelten Ständeposition betitelt sind (inscriptio) und aus einem typologisierenden Holzschnitt (pictura) sowie einem kurzen Erläuterungstext (subscriptio) bestehen. In den Abschnitten „Der Jüd“ und „Der Geltnarr“ wird das auch in der Frühen Neuzeit verbreitete Stereotyp des jüdischen Wucherers reproduziert. Auf den erst nach geistlicher und dann nach weltlicher Rangordnung jeweils abwärts verlaufenden Gang durch das Spektrum der Stände (mit starkem Akzent auf die frühbürgerlichen Zunftberufsstände) folgt als „Beschluß“: „Also sind hie gezeiget an Vierzehen vnd hundert Person/In Emptern/Künstn vnd Handarbeit“. – Rebecca Rasp

Literatur / Quellen:

  • Sachs, Hans: Eygentliche Beschreibung Aller Stände auff Erden [1568], Leipzig: Edition Leipzig 2006

Weblinks:

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