1544 – Sebastian Münster, Cosmographia, Oder: Beschreibung der gantzen Weltt


Das zweibändige Gesamtkompendium (oft auch Cosmographia universalis genannt) verspricht in Volkssprache „eine Beschreibung der gantzen Welt“. Der Autor weiß: „Die gantze Welt zu beschreiben / wie mein Fürnehmen ist in diesem Buch / […] erfordert ein weitschweiffig und wohlbericht Gemüth / daß viel gelesen / viel gesehen / viel gehört und viel erfahren habe. Welches dannoch alles nicht genug wil seyn/wo nicht ein recht Urtheil darbey ist / dardurch man möge underscheiden / das wahr von dem falschen / unnd das gewiß von dem ungewissen.“ (Münster, Cosmographia, S. 1628; Widmungsvorrede, a2). Im Gegensatz zur ➚ Schedelschen Weltchronik geograpisch und thematisch gegliedert, fasst Münsters gedruckte Welt-Präsentation den zeitgenössischen Wissensstand der Historiografie, Geografie, Länderkunde, Botanik, Zoologie und anderer Fachgebiete zusammen und macht ihn über ein 14-seitiges (wie bei Schedel vorangestelltes) Register erschließbar. Zudem enthält sie 22 doppelseitige selbstgezeichnete Landkarten, darunter auch eine Weltkarte. – Sarah Karsten | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Münster, Sebastian: Cosmographia. Das ist: Beschreibung der ganzen Welt/Darinnen Aller Monarchen keyserthumben/Königreichen/Fürstenthumben/Graff- und Herrschafften/Länderen/Staetten und Gemeinden; wie auch aller geistlichen stifften/Bisthumben/Abteyen/Kloestern/Ursprung/Regiment/Reichthumb/Gewalt und Macht/Verenderung/Auff- und Abnehmen/zu Fried- und Kriegszeiten/sampt aller obrigen Beschaffenheit [Reprint-Basis: Ausgabe: Basel 1628], Lahnstein: Rhenania 2010

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Website Ingelheimer Geschichte

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtkompendium, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1493 – Schedelsche Weltchronik


Illustrierte Weltchronik vom deutschen Historiker Hartmann Schedel, zeitgleich sowohl auf Deutsch wie auf Latein, d. h. ‚für alle‘, sprich: Gelehrte wie Laien, Einheimische wie Internationale, veröffentlicht. Gemäß der christlichen Geschichtsauffassung gliedert sich das Buch nach den sieben Weltaltern: von der Erschaffung der Welt bis zum Jahr 1493 und darüber hinaus bis zum künftigen Weltende, wobei neben biblischen und antiken Überlieferungen zunehmend auch neuere realgeschichtliche Personen, Orte und Ereignisse integriert werden. In der zeitgenössischen ‚Verlagswerbung‘ heißt es in phänotypischer panoramatischer Verheißung: „Wenn Du es liest, wird es dich, wie ich dir versprechen darf, derart fesseln, daß du die Abfolge aller Zeiten nicht zu lesen, sondern leibhaftig zu schauen glaubst […], und alles wird vor Deinen Augen zu leben scheinen“ (Schedel, Weltchronik, S. 9). Die Holzschnitt-Illustrationen stammen u. a. von Michael Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff und Albrecht Dürer. Die Chronik enthält Stadtansichten, eine Europakarte sowie eine Weltkarte. Da der Kontinent Amerika erst nach Amerigo Vespuccis Bericht seiner Südamerika-Expedition 1501/1502 bekannt wurde, ist dieser in der Weltkarte noch nicht verzeichnet, worin sich die konstitutive Ungleichzeitigkeit von ideal disponierter Gesamtweltchronik und realem Gesamtweltbild bekundet. – Sarah Karsten | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Schedel, Hartmann: Weltchronik. Kolorierte Gesamtausgabe von 1493, Köln: Taschen 2001

Weblinks:

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ca. 1480 – Ulrich Füetrer, Buch der Abenteuer

Ulrich Füetrers sogenanntes Buch der Abenteuer, ein Auftragswerk im Dienst Herzog Albrechts IV. von Bayern, ist ein monumentales Ensemble von Bearbeitungen prominenter, z.T. aber auch nur peripher gewichtiger Dichtungen aus dem Gattungsbereich der Artus- und Gralsepik, dazu der Trojaerzählung Konrads von Würzburg als historischer Basierung. In 11655 Strophen zu je 7 Versen, also insgesamt 81585 Versen, wird das Sujet von den trojanischen Wurzeln über die Geschichte Parzivals und des Grals nach Wolfram von Eschenbach sowie dem Jüngeren Titurel erzählt; dazu kommen eine Erzählung über den Zauberer Merlin nach Albrecht von Scharfenberg, eine über Gawan, den traditionell prominentesten Artusritter, nach der Crone Heinrichs von dem Türlin und eine Lohengrin-Erzählung. Es folgen die Abenteuer von sieben einzelnen Rittern nach der Vorgabe von Artuserzählungen verschiedener, zum Teil unbekannter Autoren; am prominentesten ist die Geschichte Ibans nach dem Iwein Hartmanns von Aue. Die Schlusssequenz, die an Umfang den aller anderen Teilerzählungen zusammen übertrifft, bearbeitet den Prosa-Lancelot, ein bedeutendes Werk der nachklassischen Periode. Leitlinie ist die Lebensgeschichte Lannzilets, seine Kindheit, sein Erscheinen am Artushof, seine im Unterschied zur ehebrecherischen Beziehung im Posa-Lancelot dem Konzept des amor purus gemäß dem Liebestraktat des Andreas Capellanus bzw. der deutschen Übertragung durch Johannes Hartlieb verpflichtete Liebesbeziehung zur Königin Ginover, seine diversen Abenteuer. Die Handlung mündet in den eben wegen der fälschlich als Ehebruch inkriminierten Liebe ausbrechenden Krieg mit Artus, aus dem die Vernichtung des Artusreichs, der Tod des Königs und die Weltentsagung des Helden resultieren. In diese Erzählfolge ist, dem Prosa-Lancelot entsprechend, die Geschichte Galaads eingebettet, Lannzilets Sohn aus einer durch Täuschung herbeigeführten Vereinigung mit der Tochter des Gralskönigs. Mit Galaad wird ein neuer Gralsheld etabliert, mit dessen Tod der Gral selbst aus der Welt genommen wird.

Dieses chronikalische Gesamtkonzept eröffnet ein in der mittelalterlichen Epik beispiellos weit ausgreifendes Spektrum des Artus- und Gralsujets. Füetrer bemüht sich dabei, Widersprüche zwischen den einzelnen Teilen so weit wie möglich zu vermeiden. So eliminiert er das erfolgreiche Gralsabenteuer Gawans aus der Crone, welches dem Gralsheldentum Parzivals abträglich ist. Gleichwohl lassen sich Kohärenzbrüche zwischen den einzelnen Teilen nicht vermeiden. Insbesondere betrifft dies den Austausch des Gralshelden in der Lannzilet-Partie; nicht mehr Parzival, sondern seinem Sohn Galaad ist die finale Erfüllung des Abenteuers vorbehalten.

Füetrer fasst seine Intention, eine epische Totale zu schaffen, in die Metapher eines Baumes, bestehend aus Wurzel, Stamm, Ästen, Laub und Früchten. Formales Äquivalent dieser integrativen Intention ist das Strophenschema des Jüngeren Titurel als Bearbeitungsgrundlage aller Einzelerzählungen. Darüber hinaus haben die nach gleichem Grundmuster gestalteten Prologe zu den Teilwerken nicht nur gliedernde, sondern auch verklammernde Funktion, ebenso wie die Diskurse mit der Personifikation Frau Minne, in die sich der Erzähler an markanten Stellen verstrickt.

– Rudolf Voß

Literatur / Quellen:

  • Voß, Rudolf: „Werkkontinuum und Diskontinuität des Einzelwerks – zum Ensemble von Ulrich Füetrers Buch der Abenteuer“. In: Cyclification. The Development of Narrative Cycles in the Chansons de Geste and the Arthurian Romances, hg. von Bart Besamusca, Willem P. Gerritsen, Corry Hogetoorn, u. a., Amsterdam: Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen 1994, S. 221–227.
  • Bastert, Bernd: „Zu Autor und Werk“. In: Ulrich Füetrer. Das Buch der Abenteuer, Teil 2, hg. von Heinz Thoelen, Göppingen: Kümmerle 1997, S. 533–599.
Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, fiktional, geordnet, Gesamtkompendium, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Zeitensynopse

ca. 1460 – Buchillustration von Gott im und als Himmelsauge

Einleitungsbild zu einer Handschrift von Die sieben Weltalter, repräsentiert in Sphärenringen schematisch auch die sieben Weltzeitalter. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Berger, Klaus/Beinert, Wolfgang/Wetzel, Christoph u. a.: Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg i. B.: Herder 2006, S. 144
Schlagwörter: Allwahrnehmung, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Buch, Diagramm, Didaktik, Draufblick, Fernblick, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 1410 – Heinrich Wittenwiler, Ring

Der Autor, wahrscheinlich adliger Jurist am Konstanzer Bischofshof, legt die Intention des Werks im Prolog nach dem Horazischen Motto des prodesse und delectare dar. Seine satirische Präsentation der bäuerlichen Sphäre will er freilich nicht sozial verstanden wissen, sondern im Hinblick auf ethisches Fehlverhalten schlechthin. Die komischen Effekte sollen der menschlichen Schwäche Rechnung tragen, seriöse Belehrung, auf die es eigentlich ankomme, schwerlich in reiner Ausprägung goutieren zu können. Damit den Rezipienten die jeweilige Bezugsebene deutlich wird, kündigt der Verfasser an, die seriös gemeinten Partien mit einer roten Farblinie zu kennzeichnen, die komischen mit einer grünen – was in der einzigen erhaltenen Handschrift auch so durchgeführt ist. Den Titel Ring leitet er aus einem doppelten, materiale All-Erfassung mit formaler Geschlossenheit verbindenden Anspruch ab: nämlich den Belangen des Daseins in der Welt (orbis) umfassend gerecht zu werden und dabei zugleich – im Bild eines edelsteinbesetzten Kleinods (anulus) – einen kostbaren Wissensschatz zu vermitteln. Diesbezüglich werden, der Dreigliederung der Handlung folgend, drei Lebenssphären durchmessen: zunächst die höfische Sphäre, sodann die persönliche Sphäre in ihrer religiösen, ethischen, sozialen und physischen Ausprägung als die gewichtigste, sowie schließlich die politische Konfliktsphäre von Gewalt und Krieg.

Die Erzählung entfaltet in 9699 Versen die Geschichte des plumpen bäuerlichen Helden Bertschi Triefnas. Am Anfang steht seine zwar ungeschickte, letztlich aber doch erfolgreiche Werbung um ein ebenso plumpes Bauernmädchen, in deren Zusammenhang ein Turnier veranstaltet wird, welches, den Voraussetzungen entsprechend, grotesk missrät. Das Hochzeitsfest endet in einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Gästen aus der Nachbargemeinde, die sich ausweitet zu einem großen Krieg. Auf beiden Seiten werden Verbündete gesucht: die großen Städte der damaligen Welt, andere Gemeinden und Regionen, aber auch mythologische Gestalten wie Hexen, Zwerge, Riesen, Personal der Heldenepik. Am Ende steht die Vernichtung von Bertschis sozialer Gemeinschaft. Er selbst rettet sich aus der Katastrophe mit einer radikalen Lebenswende, indem er sich, wie später Grimmelshausens Simplicissimus, als Eremit in den Schwarzwald zurückzieht, wodurch er das ewige Heil gewinnt.

In diesen epischen Rahmen ist eine Fülle von oft weit ausgreifenden didaktischen Sequenzen eingebettet, meist explizit, gelegentlich aber auch indirekt als Umkehrbild der normwidrigen Situation. Bezüglich der höfischen Lebenssphäre werden das traditionelle Ethos, das ästhetische Ideal und die kulturellen Rituale der höfischen Liebe ausgebreitet, ferner die Regeln des ritterlichen Kampfes und speziell des Turniers. Bezüglich der allgemeinen Lebensführung geht es maßgeblich um Wissensinhalte, die von den Grundsätzen des christlichen Glaubens her bestimmt sind: Trinitätsdogma, Erlösungsgedanke, die zehn Gebote, die sieben Sakramente, sieben Todsünden, die Pflichten des Kirchgangs, Beichte, Kommunion, Weisheit und Tugend. Es schließen ausführlichste Ratschläge zur praktischen Lebensführung an. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne weitere Differenzierung seien hinsichtlich der lebenspraktischen Orientierung angeführt: Anzeichen von Schwangerschaft, Für und Wider des Ehestands, richtige Partnerwahl, Arbeit und Vergnügen, Achtsamkeit auf gute Gesundheit, ökonomisches Handeln. Didaktische Aspekte bezüglich der Kriegsführung in der Schlusspartie betreffen vornehmlich die Gesichtspunkte Opportunität, Rechtmäßigkeit, Taktik sowie den Umgang mit Gefangenen.

Höchst signifikant für die Spannweite der Didaxe im Ring ist insbesondere der Umstand, dass in völliger Kontraposition zum Postulat ethisch geleiteten Handelns für den sozial diskreditierenden Fall außerehelicher Defloration detailreich und somit nachvollziehbar eine Praktik des Kaschierens dargelegt wird. Der opportunistische Zweck, den Anschein von Unberührtheit zu simulieren, verschafft in diesem Kontext dem Mittel des Betrugs eine, freilich dubiose, Rechtfertigung. Mit solcher Expansion bis in existenzielle Niederungen konstituiert Wittenwilers Dichtung ein nach spätmittelalterlichen Maßstäben annähernd vollständiges, sogar die Grenze zur Diskrepanz überschreitendes didaktisches Universum – dargeboten als auch formal paradoxer, aber in sich stimmiger ‚Faden-Ring-Gesamtquerschnitt‘ der materialen und moralischen Welt. – Rudolf Voß

Literatur / Quellen:

  • Voss, Rudolf: „Weltanschauung und poetische Totalität in Heinrich Wittenwilers Ring“. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 93 (1971), S. 351–365.
Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1375 – Katalanischer Weltatlas von Abraham und Jehuda Cresques


Noch kein Atlas im späteren Sinn, ist die Kartenfolge dennoch markant aufgrund der frühen Einfügung eines Portolans in eine runde mittelalterliche mappa mundi, wodurch sie zur Seefahrt – und damit für praktische Erderschließungszwecke – tauglich wird. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Map. Karten. Die Welt Entdecken, Hamburg: Edel Books 2015, S. 14–15

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Rahmenexpansion, symbolisch, Technik, Text, textuell, Überbreite, Weltatlas, Weltkarte, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1308 – Raimundus Lullus, Ars brevis

Über mehrere Jahrzehnte hinweg entwickelt der mallorcinische Gelehrte Raimundus Lullus (Ramon Llull) seine Ars combinatoria oder Ars magna: einen philosophisch-theologischen Kalkül, der „die Beantwortung aller Fragen, vorausgesetzt, was man überhaupt wissen kann, ist formulierbar im Begriff“ (Künzel/Bexte, Allwissen und Absturz, S. 34), ermöglichen soll. Am wirkmächtigsten wird die unter dem Titel Ars brevis (1308) bekannte Version. Ernst Bloch hat das damit verfolgte Programm in Das Prinzip Hoffnung so charakterisiert: „Die Lullische Kunst wollte […] eine Anleitung geben zur Auffindung des an jedem Gegenstand kategorial Bestimmbaren, wissenschaftlich Unterscheidbaren, Verbindbaren, Beweisbaren. Und die Hoffnung des Lullus eben war: die Kombinationsmaschine des Wissens umzirkelt und erschöpft jede überhaupt nur sinnvoll mögliche Abwandlung der Erkenntnis. Sie demonstriert buchstäblich ad oculos, dergestalt, daß der Wißbegierige die erzrationalistische Ableitung der Einzelbestimmungen aus Ideen auch sehen, nicht nur einsehen kann.“ (Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 2/761) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974
  • Künzel, Werner/Bexte, Peter: Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers, Frankfurt am Main/Leipzig: Insel 1993
  • Lullus, Raimundus: Ars brevis [1308], Hamburg: Meiner 2001

Weblinks:

🖙 Deutsches Historisches Museum

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, begrenzte Allheit, Buch, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Mythos/Religion, offen, Organisation, panoramatische Diskursform, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1307–1320 – Dante, La divina commedia


Das von formaler Strenge in Zahl und Maß geprägte epische Großgedicht des italienischen Dichters Dante Alighieri (1265–1321) umfasst 14.000 Verse. Vom Ende her wird dort die Geschichte des nach einer Verirrung im Wald die drei Jenseitsreiche durchschreitenden Wanderers Dante erzählt. Dieser beginnt am Karfreitag des Jahres 1300 mitten in einer Schaffenskrise einen Großparcours, der ihn bis zum tiefsten Punkt der Hölle und dann wieder hinauf bis ins Paradies führt, wo ihn Gott und seine unerreichte Liebe Beatrice empfangen. In einer laufpanoramatischen Bewegung von unten nach oben erkundet das erinnerte Ich zusammen mit dem Dichter Vergil als zeitweiligem Lotsen zunächst die Vor- und die eigentliche Hölle (inferno), die neun Kreise enthält und einem Trichter ähnelt. Danach wird der aus acht Terrassen bestehende Läuterungsberg bzw. das Fegefeuer (purgatorio) beschritten. Dieser Pfad führt – zunehmend lichtvoll – immer näher zum Himmelreich (paradiso), das Dante schließlich erreicht. Es besteht aus neun Himmelssphären und wird vom empyreum gekrönt, in dem sich die Schar der geretteten Seelen tummelt. Mit Dantes Bitte um die Gnade, die Trinität sehen zu dürfen, und der darauffolgenden Gottesschau finden sowohl das Gedicht als auch die Schaffenskrise des geläuterten Dichters ihr Ende. Nicht nur aufgrund der formalen Struktur und Handlungsanlage als Lauf durch alle Transzendenzregionen, sondern auch inhaltlich zeigt die divina commedia einen panoramatischen Zug, insofern in ihr zahlreiche bekannte Figuren unterschiedlicher Seinsmodi und Epochen auftreten und alle wesentlichen Glaubenssätze und Debatten der Zeit umfassend diskutiert werden. – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Dante Alighieri: La Commedia secondo l’antica vulgata, Florenz: Le Lettere 1994
  • La Salvia, Andrian: „Dante Alighieri“. In: Metzler Lexikon Weltliteratur, hg. von Axel Ruckaberle, Stuttgart: J. B. Metzler 2006, S. 351–354, S. 351–354

Weblinks:

🖙 Kindlers Literatur Lexikon
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Ekphrasis, fiktional, geordnet, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

ca. 1300 – Heinrich von Neustadt, Wundersäule im Apollonius von Tyrlant


Apollonius von Tyrlant ist ein deutschsprachiger mittelalterlicher Roman, der auf einer spätantiken lateinischen Vorlage beruht. Darin wird eine Wundersäule beschrieben (12871–12917; 13535f.; 13574–13576; 14299–14305), die sich in dem sagenhaften Land Crisa befindet. Die Säule ist achteckig und wird mit einem hellen Kristall oder mit einem strahlenden Diamanten verglichen. Ihre magische Fähigkeit besteht darin, dass man dort das sehen kann, woran man denkt. Der Erfassungsradius des Spiegels ist räumlich nicht begrenzt: Man kann Ereignisse und Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes sehen. Die Wundersäule zeigt aber nur das, was gerade im Moment geschieht. Das heißt, eine zeitliche Begrenzung ist vorhanden. Um in dem Spiegel das Abbild einer Person zu sehen, muss der Betrachter gezielt erfahren wollen, was diese im Moment tut. Die Wundersäule ist also sehr eng an die Gesinnungen und Absichten des Subjekts gebunden. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass kein Dritter sehen kann, was der Spiegel dem anderen zeigt. Der Zugang zur Wundersäule ist begrenzt: In den Spiegel kann nur schauen, wer die Tugendproben besteht oder magische Mittel hat, sie umzugehen. Das Land Crisa, in dem sich die Wundersäule befindet, wird als Utopie dargestellt: Es gibt dort keinen Tod und kein Leiden, sowohl Menschen als auch Verhältnisse sind beständig. Die Säule projiziert jedoch Abbilder der realen Welt, die unvollkommen und transitorisch ist. In dieser frühen Übertragungsmedienfiktion kristallisiert sich der Kontrast zwischen der beständigen Utopie und der veränderlichen Wirklichkeit. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Heinrich von Neustadt: Heinrichs von Neustadt „Apollonius von Tyrland“ nach der Gothaer Handschrift. „Gottes Zukunft“ und „Visio Philiberti“ nach der Heidelberger Handschrift, 2. Aufl., Dublin/Zürich: Weidmann 1967.
Schlagwörter: Bauwerk, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, Buch, Ekphrasis, faktual, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, Skulptur, Technik, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, visuell, Zugriffspräsentation

ca. 1260–1275 – Albrecht, Weltspiegel im Jüngeren Titurel

Über das Leben und Werk des deutschen Dichters Albrecht, der den Gralsroman Jüngerer Titurel gedichtet hat, ist wenig bekannt. Man weiß aber, dass das Epos, das als Ergänzung zu Wolframs Titurel-Fragmenten entstand, ungefähr in der zweiten Hälfte des 13. Jh. geschrieben wurde. Gegen Ende des Jüngeren Titurels (Str. 6244–6247) beschreibt Albrecht einen Weltspiegel, der im Palast des legendären Priesterkönigs Johannes steht. Er befindet sich am oberen Ende einer architektonisch komplexen Säule im Zentrum des Hofes und zeigt, wer „sich irgendwo in einer der Provinzen mit Haß gegen den König stellt“ (Jüngerer Titurel, Str. 6245,2b–6246,3, in Übersetzung von Störmer-Caysa). Außerdem bildet der Spiegel nichts ab: weder Landschaft noch die Menschen, die für den Monarchen gefahrlos sind. Und sobald die Schuld des Feindes getilgt wird, verschwindet dieser wieder aus dem Spiegel. Dadurch ist er sehr eng mit der Figur des Königs verbunden, zumal dieser sich die meiste Zeit in seiner Nähe befindet. Der Weltspiegel ist in dem Sinne panoramatisch, dass sein Erfassungsradius nicht begrenzt ist: Er kann sowohl geographisch alle Provinzen überschauen als auch in den Verstand eines Menschen dringen. Seine magischen Fähigkeiten dienen aber ausschließlich der Sicherung der Macht des Priesterkönigs. Aus der Beschreibung des Spiegels entsteht eine markante Spannung zwischen dem Wahrnehmen und dem Zeigen: der Spiegel soll einen Zugriff zu den Gedanken aller Menschen in allen Provinzen haben, um zu verstehen, wer Feind ist und wer nicht. Jedoch zeigt er dem Herrscher nur das Ergebnis seiner Untersuchung, nur die Menschen, die er als Feinde klassifiziert hat. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Albrecht von Scharfenberg: Jüngerer Titurel. Nach den ältesten und besten Handschriften kritisch herausgegeben von Werner Wolf (Bd. 1–2) und Kurt Nyholm (Bd. 3-4), Berlin: Akademie-Verlag 1955.

Weblinks:

🖙 Albrecht (Jüngerer Titurel)

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Blicktransparenz, Buch, Fernblick, fiktional, Konzept/Idee, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, visuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation