1619 – Johann Valentin Andreae, Reipublicae Christianopolitanae descriptio


Prä-panoptische Stadtstaats-Utopie inklusive panoramatischer Stadtansicht; christliche Präfiguration eines zentralistischen Überwachungsarchitektur-Begehrens, das sich hier chronologisch wie epochal deutlich vor der Aufklärung zeigt, mit der es seit Foucaults Bentham-Diskurs oft starr assoziiert wird. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Andreae, Johann Valentin: Christianopolis, Stuttgart: Reclam 1975

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Schlagwörter: 360°, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Draufblick, fiktional, Gesamtprojektion, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1609 – Galileo Galilei, erstes Teleskop für astronomische Nutzung


Galileo Galilei entwickelt aus dem im Vorjahr erfundenen „niederländischen Fernrohr“ Hans Lipperheys ein Sichtgerät, das Himmelskörper in 14-facher Vergrößerung zu sehen erlaubt. Dieses erste Teleskop besteht aus einem Holzrohr, das außen mit Papier verkleidet ist, einer Zerstreuungslinse und einem Objektiv, welches im Durchmesser 5,1 cm und an der dicksten Stelle 2,1 cm misst. Galileis Weiterentwicklung ist ein Markstein in der Geschichte des panoramatischen Bestrebens, immer genauer und weiter in die Welt und insbesondere ins Weltall auszuschauen, die über viele Zwischenschritte bis zum James-Webb-Weltraumteleskop führt. – Caroline Klein | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Reeves, Eileen Adair: Galileos glassworks: the telescope and the mirror, Cambridge MA: Harvard University Press 2008

Weblinks:

🖙 Galilei-oder holländisches Fernrohr

Schlagwörter: bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Organisation, Realpanoramatik, Technik, Überwachung, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1608 – Erfindung des Fernglases

Am 2. Oktober 1608 präsentiert der deutsch-niederländische Brillenmacher Hans Lipperhey (1570–1619) dem Rat von Zeeland seine Erfindung des Fernglases. Darin ist eine Sammellinse in einer Röhre aus Holz, Pappe oder Leder in einer bestimmten Entfernung von einer Zerstreuungslinse befestigt. Da Galileo Galilei das Prinzip wenig später adaptiert und zum ersten Teleskop weiterentwickelt, wird das Konzept oft auch als Galilei-Fernrohr bezeichnet. Der Rat von Zeeland beauftragt Lipperhey mit der kommerziellen Fertigung, woraufhin sein Fernglas ab 1609 unter dem Namen „Teleskope“ zuerst in Paris und noch im selben Jahr auch in Deutschland und Italien verkauft wird. Lipperhey beantragt für seine Erfindung ein Patent, doch da auch Jacob Metius und Zacharias Janssen Anspruch darauf erheben, wird es dem Erfinder verwehrt. – Caroline Klein

Literatur / Quellen:

  • Riekher, Rolf: Fernrohre und ihre Meister, Berlin: Verlag Technik 1957

Weblinks:

🖙 Die Geschichte des Teleskops 

Schlagwörter: bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Organisation, Realpanoramatik, Technik, Überwachung, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1603 – Johannes Bayer, Himmelsatlas Uranometria


In seinem Kartenkompendium, das unter dem wuchtigen, aber zu seiner Zeit durchaus gerechtfertigten Titel Uranometria: omnium asterismorum continens schemata, nova methodo delineata, aereis laminis expressa in Augsburg erscheint, liefert der hauptberufliche Jurist durch synthetische Zusammenführung alter (Ptolemäus) und jüngster (Tycho Brahe) Daten eine neue Gesamtvermessung und -darstellung des Himmels und führt eine wirkungsreiche Nomenklatur ein. Seine 51 Sternkarten umfassen erstmals beide Hemisphären, enthalten jedoch (da das Fernrohr gerade noch nicht erfunden ist) nur Erscheinungen, die mit dem freien Auge sichtbar sind. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Bayer, Johannes: Uranometria [1603], Gerchsheim: Kunstschätzeverlag 2010

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, faktual, Fernblick, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, textuell, Weltatlas, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1602 – Matteo Ricci, Karte der unzähligen Länder der Welt

Der Jesuit Matteo Ricci, seit 1577 Missionar in Asien, führt hier die geografischen Erkenntnisse aus Europa mit denen der chinesischen Tradition zusammen. Erstmals zeigt eine chinesische Weltkarte Amerika. Wichtige Zäsur im Prozess der Synthetisierung einer einheitlichen Repräsentation der Erdoberfläche. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 155–168
  • Weblinks:

    🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gemälde, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, schematisch, symbolisch, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. 1600 – Guckkasten


In Guck- oder Raritätenkästen kann durch ein kleines Loch im Kasten eine fiktive Welt als Ganzes betrachtet werden. Erstmals genauer beschrieben werden Guckkästen von dem Mathematiker Johann Christoph Kohlhans: „so siehet man die objecta, als vorher gedacht | wie sie von aussen libero oculo vorkommen | in der Weite | Breite | Ründung und Distanz.“ (Kohlhans, Neu-erfundene mathematische und optische Curiositäten, S. 295). Durch die immersive Räumlichkeit fesseln Guckkästen ihr Publikum und werden ein beliebtes Unterhaltungsmedium, was sie zum konzeptionellen Basiselement nicht nur für das Illusionstheater des 18. Jahrhunderts, sondern auch für spätere panoramatische Medien wie das Barker-Panorama und insbesondere für alle künftigen ‚Schaukasten-Medien‘ wie das Cyclorama, das Kaiserpanorama, die Peep Show, den View Master etc. werden lässt. – Theresa Jahnen | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Kohlhans, Johann Christoph: Neu-erfundene mathematische und optische Curiositäten bestehend so wohl in einem sattsamen Unterricht zum Feldmessen und itzt üblichen Fortification … als auch in einer gantz neuen und bewährten Art, allerhand ohne Rechnung … durch ein kleines Instrument genau und künstlich zu messen, Leipzig: Lanckisch 1677

Weblinks:

🖙 Wikipedia
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Schlagwörter: Animation, Ästhetik, audiovisuell, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Didaktik, faktual, fiktional, Gesamtprojektion, geschlossen, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1585 – Andrea Palladio, das Teatro Olimpico in Vicenza


In diesem Jahr vollendet der Bauherr Andrea Palladio mit dem Teatro Olimpico in Vicenza ein Gebäude, dessen Konzeption die künftige Entwicklung der illusionistischen Bühne maßgeblich befördert. Mit besonderem Augenmerk auf die Verbindung zwischen Zuschauerraum und Bühne kreiert Palladio eine Raumordnung, die nicht wie zuvor im höfischen Theater verschiedene Logen vorsieht, sondern allen Zuschauenden den gleichen wirkungsvollen Bühnenblick ermöglicht. Bereits eine Generation vor Andrea Palladio wird die Tendenz zur Schaffung eines illusionistischen Bühnenbildes offenkundig, die mit der Abkehr von mittelalterlichen Traditionen wie der Simultanbühne einhergeht: Statt wie dort in die Breite ausgerollt und parzelliert zu werden, soll die Totalität der dargestellten Welt jetzt einheitlich vertieft erscheinen. Entsprechend verfügt Palladios Bühnenprospekt – durch seine architektonische Anlage entscheidend erweitert – über mehr Tiefe, was zur Voraussetzung der im Barock entwickelten und eingesetzten Guckkastenbühne wird. So besteht der Hintergrund des Teatro Olimpico nicht mehr länger ausschließlich aus einem gemalten Bühnenbild, sondern wird von einer großflächigen Schauwand ausgefüllt, die sich durch eine gestaffelte illusionistische Hintergrundarchitektur auszeichnet und zu dieser Zeit eine Besonderheit darstellt. Die reale Architektur im Hintergrund der Bühne ermöglicht damit erstmalig eine realistische Wiedergabe der Raumvertiefung. Der Blick der Zuschauenden auf die scheinbar dahinterliegende Kulissenstadt erfolgt durch drei Portale im Bühnenbild. Ursprünglich will Palladio sogar auch die Veränderlichkeit des Bühnenbildes schon gewährleisten, wofür er ein System drehbarer, eingeschobener Bühnenbilder konzipiert, die zum jeweiligen Stück passende Landschaftsausblicke bieten sollen (vgl. Beyer, Palladio, 45–46). Da die Kulissenstadt jedoch konkret für eine Vorstellung von Sophokles’ Tragödie König Ödipus erbaut wird, die statisch vorm Palast von Theben spielt, entscheiden sich die Veranstalter gegen diese Pläne und zugunsten einer fest installierten Hintergrundarchitektur, die jede Veränderung am Bühnenbild ausschließt. Doch auch so schafft Palladios Theater zu Beginn des 16. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der ein vertiefter Illusionsanspruch sich zu regen beginnt, einen neuen, durch Vertiefung erweiterten Darstellungsrahmen für die Dramenwelt auf einer Bühne. – Lena Reuther

Literatur / Quellen:

  • Beyer, Andreas: Andrea Palladio, Teatro Olimpico. Triumpharchitektur für eine humanistische Gesellschaft, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verlag 1987.

Weblinks:

🖙 Teatro Olimpico Vicenza

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Event/Performance, Fernblick, fiktional, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Halbrundband, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundbau, symbolisch, Unterhaltung, Zeichnung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1581 – Heinrich Bünting, Die ganze Welt in einem Kleberblatt welches ist der Stadt Hannover meines lieben Vaterlandes Wapen


Aus stadtpatriotischer Intention eigentümlich propellerförmige und damit eine prä-panoramatische Kreisrotation suggerierende, schon zeitgenössisch dysfunktionale „Kleeblatt“-Weltkarte mit drei „Erdteil-Blättern“ für Europa, Afrika und Asien um das Zentrum Jerusalem. Das 1492 entdeckte Amerika ist hier nicht einmal angedeutet. Kreis- und Trinitas-Geschlossenheit ‚überstimmen‘ die Realgestalt der Erdkugel. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Abbildung
🖙 Wikipedia Bünting

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, fiktional, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Weltkarte, Zugleichspräsentation

1581 – Kreisringpanorama der Umgebung Nürnbergs


Holzschnitt von Steffan Gansöder nach einer 1577 von Paulus Reinhart im Auftrag der Stadt Nürnberg angefertigten, kreisförmigen Karte, welche die Befestigungsanlagen jenseits des zentralen, rundstilisierten Mauerrings sowie die Umgebung der Stadt bis zum Horizont in alle Himmelsrichtungen zeigt. „Der Stadtkern ist durch einen Wappendreipass mit den Nürnberger Stadtwappen und dem Reichswappen ersetzt. Das Umland mit der um die Stadt herum verlaufenden Landwehr besteht aus Palisaden, Äckern, Dörfern und Herrensitzen.“ (Jahn/Kissing, „Rundprospekt der Umgebung von Nürnberg“). Diesseits ihrer bestechenden ästhetischen Qualität erfüllt die Karte aber doch eine recht handfeste Funktion: Es handelt sich „um den Typus der Beweiskarte, die im 16. Jahrhundert verbreitet war und oftmals in Gerichtsakten überliefert ist. Mit ihr untermauerte die Stadt Nürnberg ihren Anspruch auf das Umland und ihr Recht, Steuern zu erheben.“ (Ebd.) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Jahn, Cornelia/Kissing, Ute: „Rundprospekt der Umgebung von Nürnberg“. In: bavarikon, https://www.bavarikon.de/object/bav:SAN-HSS-00000BSB00111983?p=1&cq=rundprospekt%20nürnberg&lang=de

Weblinks:

🖙 bavarikon

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Rundbild, schematisch, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. 1575 – (Anonym.) Heiligentafel (Landesmuseum Mainz)


Das Heiligenbild eines anonymen deutschen Meisters zeigt eine Vielzahl verschiedener Heiligenlegenden. Es wird auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert. Aus der Vogelperspektive ist eine allegorisch strukturiere Landschaft mit Heiligen und Märtyrern dargestellt. Ihre Geschichten werden teils durch Attribute, teils durch charakteristische Szenen angedeutet. In der Mitte des Bildes ist die Heilige Ursula auf einem Schiff zu sehen. Ein äußerer Kreis von 116 Heiligen, jeweils mit Heiligenschein, umgibt die Szenerie. Im inneren Kreis herrscht hingegen keine erkennbare Ordnung, sondern er erinnert an die Wimmelbilder von Bosch. Die vier Ecken des Bildes zeigen markante Stationen aus Heiligenlegenden, darunter auch aus dem Leben Jesu Christi und seiner Begleiter:innen. Der Fokus liegt eher auf Vollständigkeit und Übersicht über die Heiligen als auf einer realistischen Darstellung. Erstrebt ist eine schematische Gesamtregistratur in Bildform. – Antje Schilling

Weblinks:

🖙 Broschüre
🖙 Webseite Landesmuseum Mainz

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, fiktional, Gemälde, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, schematisch, Speicher, symbolisch, Unterhaltung, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation