1987 – Frank White, The Overview Effect

Erstausgabe des Buches, das – komplementär zum Blue-Marble-Foto – in Interviews die astronautische ‚All-Sicht‘ und insbesondere die Blickperspektive zurück auf die Erdkugel exploriert. Programmatisch heißt es im Klappentext (zur 4. Auflage): „More than three decades ago, Frank White coined the term ‚Overview Effect‘ to describe the cognitive shift that results from the experience of viewing the Earth from space and in space, from orbit or on a lunar mission. He found that with great consistency, this experience profoundly affects space travelers’ worldviews, their perceptions of themselves, our planet, and our understanding of the future.“ – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • White, Frank: The Overview Effect. Space Exploration and Human Evolution, Portland: Houghton Mifflin 1987
  • White, Frank: Der Overview-Effekt. Wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert. Die 1. interdisziplinäre Auswertung von 20 Jahren Weltraumfahrt, München: Goldmann Verlag 1993

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1985 – Katalog-Anthologie Alles und noch viel mehr

Tausendseitige Ausstellungs- und (Kunst-)Epochendokumentation mit sehr weitgespanntem Spektrum, das von „Bild + Text“ über „Song/Audio“ oder „Szene/Drama“ bis zu „Zeichen“ oder „Philosophie“ reicht. Alle Sektionen sind einem Buchstaben des Alphabets zugeordnet, wenngleich außer bei „V“ für „Video“ keine Übereinstimmung mit den Rubrikennamen herrscht. Auch läuft das Alphabet nicht wie gewohnt von A bis Z durchs Buch, sondern – quasi als Rundkette – von X bis Z und dann von A bis W. In der Präambel reflektiert der Herausgeber die Dialektik allumgreifender Bestrebungen: „Der Sinn von ALLES UND NOCH VIEL MEHR liegt darin, einmal das kreative Potential vereint zu zeigen […]. Es scheint mehr zu sein, als es tatsächlich ist, und ist plötzlich tatsächlich mehr. […] Bei ALLES UND NOCH VIEL MEHR handelt es sich um das VIEL MEHR, ein überschwängliches, systemsprengendes, luxuriöses Moment, wie in der anderen Richtung um das ETWAS, das WENIG oder gar das NICHTS, welches die zwanghaften Grenzen des ALLES überschreitet. Denn ALLES ist der Totalitarismus der Macht, der die zentralistische Lenkung perfektioniert und Einverleibungen durch klare Grenzziehung markiert. ALLES ist der Wahn der absoluten Kontrolle, des Gleichschritts und der Nivellierung des Heterogenen […], der Anspruch des reinen Wissens, das […] weder eine sinnvolle Selbstbeschreibung kennt noch den Flug der Gedanken, welche das VIEL MEHR charakterisieren.“ (Lischka (Hg.), Alles und noch viel mehr, S. 7). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Lischka, Gerhard Johann (Hg.): Alles und noch viel mehr. Das poetische ABC, Bern: Bentelli 1985

Weblinks:

🖙 G J Lischka ZKM

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Event/Performance, Film, Foto, Gemälde, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Relief, schematisch, Schraubenband, Skulptur, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Wimmelbild, Zeichnung, Zugriffspräsentation

1984 – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Nachdem Hegel noch die Eule der Minerva ausgeschickt hatte, um das Wissen des Wissens einzufangen, vertraut die Postmoderne nicht mehr auf animalischen Beistand. Der Anspruch, eine Theorie bzw. eine Supertheorie der Gesellschaft zu entwerfen, erfordert, glaubt man ihrem Autor Niklas Luhmann, eine „ungewöhnliche […] Abstraktionslage“ und folglich eine Flughöhe, die Eulen einfach nicht erreichen: „Der Flug muß über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen. Man muß sich auf die eigenen Instrumente verlassen. Gelegentlich sind Durchblicke nach unten möglich – ein Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen, die an Vertrautes erinnern; oder auch ein größeres Stück Landschaft mit den erloschenen Vulkanen des Marxismus. Aber niemand sollte der Illusion zum Opfer fallen, daß diese wenigen Anhaltspunkte genügen, um den Flug zu steuern.“ (Luhmann 1987, S. 12 f.). – Christopher Busch

Literatur / Quellen:

  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [1984], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987

Weblinks:

🖙 Wikipedia Systemtheorie

Schlagwörter: Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, offen, Organisation, Panoramaflug, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1983 – Terry Pratchett, Discworld (Scheibenwelt)

Im ersten der sogenannten „Scheibenwelt-Romane“ The Colour of Magic (Die Farben der Magie) wird eine fiktive Gesamtszenerie eingeführt, die auch in den dutzenden Folgewerken dieser Buchserie als Schauplatz dient. Pratchetts Welt ist flach und scheibenförmig, hat einen Durchmesser von ca 16.000 km und liegt auf dem Rücken von vier Elefanten. Diese stehen ihrerseits auf dem Rücken einer Schildkröte, die langsam durch den interstellaren Ozean schwimmt, „Wasserstoffeis klebt an ihren dicken Beinen, und Meteore haben zahllose Krater im riesigen alten Panzer hinterlassen. Aus tränenden Augen groß wie Meere, von Asteroidenstaub verklebt, blickt die Schildkröte einzig und allein zum Ziel.“ (Prolog). Stellvertretend für unzählige Fantasy- und Popkultur-‚Gesamtwelt‘-Fiktionen (phänotypisch etwa Tolkiens Silmarillion-Erzählwelt und -Karte) kombiniert Pratchetts Diegese-Rahmen Archetypen aus heterogenen Seinssphären und Traditionen, hier konkret Elemente der indischen Mythologie mit einem Pandämonium aus Hexen, Magiern, Trollen, Zwergen, Menschen, Tieren sowie einer Zahnfee. Ferner begegnen noch der Weihnachtsmann, verschiedene Götter und der Tod – im Ganzen ein synkretistisches Großtableau von Mythologemen und Realien. – Naemi Dittes

Literatur / Quellen:

  • Pratchett, Terry: Die Farben der Magie: Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt [1983], München: Piper 2004

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Buch, fiktional, Gesamtprojektion, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1983 – Stanislaw Lem, One Human Minute

Dt. Eine Minute der Menschheit. Panoramatische Erzählung über den gesamtmenschheitlichen Weltzustand im Zeitrahmen einer einzigen Minute; gattungsinnovativ gerahmt und komprimiert als Rezension eines weitaus umfangreicheren fiktiven Buchs, das diesen Zustand zum Thema haben soll. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Lem, Stanislaw: Eine Minute der Menschheit, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983

Weblinks:

🖙 WIkipedia

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Buch, Didaktik, fiktional, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Unterhaltung, Utopie/Dystopie

1983 – Valère Novarina, 2587 Figuren aus ‚Le Drame de la vie‘ [Das Drama des Lebens]


Am 5. und 6. Juli zeichnet der französische Autor und Maler Valère Novarina (* 1942 bei Genf) im achteckigen großen Saal des Saint-Nicolas-Turms in der französischen Stadt La Rochelle 24 h lang fast ohne Unterbrechung die 2587 Figuren seines Theaterstücks Le Drame de la vie [dt. Das Drama des Lebens]. Im Jahr darauf erscheint der Text als Buch. Die Bühnenfassung wird 1986 in der Regie des Autors beim Festival von Avignon uraufgeführt, wofür er auch selbst die Kulissen malt. Die szenische Anordnung seiner Zeichen-Performance hatte er bereits 1970 in seinem ersten Theatertext L’Atelier volant [dt. Die fliegende Werkstatt] beschrieben, in dem einer der drei Schauplätze die „Werkstatt“ ist: ein Erdgeschoss, als erste Etage ein horizontal gelegtes Wagenrad, mit Stegen zum Hinaufklettern. Im Saint-Nicolas-Turm stehen nun ein Tisch mit gläserner Tischplatte und ein Stuhl auf dem zentral an der Decke aufgehängten riesigen hölzernen Rad. Am frühen Morgen des 5. Juli erklettert es der Autor schwarz gekleidet in weißen Turnschuhen über ein Podest. Zugegen sind acht hell gekleidete Schauspieler, sechs „Aufhänger“ in weißen Latzhosen, die dunkel gekleidete Spielleiterin sowie der Turmwächter, der den Zugang verschließt. Der Künstler legt den Stapel weißer Papierbögen mit den Namen aller zu zeichnenden Figuren auf den transparenten Tisch, dazu dicke Rotstifte, schwarze Tusche, Zeichenfedern. In den Nischen des runden Außenstegs und im Treppenhaus beginnen die Schauspieler die 2587 Namen zu verlesen, die nach draußen übertragen und zeitgleich über den Radiosender France Culture gesendet werden, während Novarina konzentriert und schweigend, nur unter gelegentlichem Aufstampfen des Fußes, von unten sichtbar zeichnet. Die Spielleiterin sammelt die getrockneten Zeichnungen ein, die von den „Aufhängern“ rundum an den Wänden des kreisförmigen Raumes befestigt werden und sie so zunehmend bedecken. Mit einbrechender Dunkelheit erstrahlt ein Neonschriftzug mit der Zahl 2587 auf der Turmspitze. In den frühen Morgenstunden des folgenden Tages zeichnet Novarina „Adam“ auf das letzte Blatt. Die Zeichnungen werden in der Folge vielfach ausgestellt, etwa 1986 beim Festival von Avignon im „Theologischen Saal“ des Papstpalasts. Eine Auswahl von 100 Zeichnungen wird 1986 als Buch publiziert. Der Katalog der Ausstellung Théâtre des dessins in Barcelona 2010 dokumentiert die Performance mit Fotos und Abbildungen. 2023 erscheint unter dem Titel La Clef des langues [dt. Der Schlüssel der Namen] eine 507-seitige Druckfassung mit 663 Zeichnungen sowie allen Namensaufzählungen aus Novarinas Werken, gefolgt von 500 zitierten Gottesdefinitionen. Die letzte Seite zeigt ein Foto der Zeichenperformance im runden Turmsaal in La Rochelle. – Leopold von Verschuer

Literatur / Quellen:

  • Novarina, Valère: Le Drame de la vie, Paris: P.O.L. 1984
  • Novarina, Valère: 100/2587, einhundert Zeichnungen, Paris/Dijon: Beba/Le Consortium 1986
  • Novarina, Valère: Théâtre de dessins: 2587 personnages et 311 définitions de Dieu, Barcelona: Eumo Editorial / Arts santa Mònica 2010
  • Novarina, Valère: La Clef des langues, Paris: P.O.L. 2023

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 offizielle website Valère Novarina

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, 360°, Ästhetik, auditiv, Bild, bildvisuell, Buch, Event/Performance, faktual, fiktional, Gemälderundbau, Gesamtkompendium, geschlossen, Großtableau, haptisch, Hörwerk, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Rundband, Rundbau, schematisch, Skulptur, symbolisch, textuell, Überbreite, visuell, Zeichnung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1977 – Ludwig Marcuse, Ein Panorama europäischen Geistes

Unter dem Titel Texte aus drei Jahrtausenden kuratiert Ludwig Marcuse (1894–1971) ab 1959 im Bayerischen Rundfunk eine wöchentliche Sendereihe. Auf deren Basis veröffentlicht Gerhard Szczesny sechs Jahre nach dessen Ableben eine dreibändige Textauswahl mit dem neuen Titel Panorama europäischen Geistes (und dem alten Titel als Untertitel), die in chronologischer Reihenfolge auf ca. 1200 Seiten 122 Ausschnitte aus Kerntexten berühmter Figuren der Geistesgeschichte darbietet: Bd 1: Von Diogenes bis Plotin, Bd. 2: Von Augustinus bis Hegel, und Bd. 3: Von Karl Marx bis Thomas Mann. Damit wird der Versuch unternommen, der Leserschaft eine möglichst weitgespannte, aber zugleich begrenzte Vorauswahl der bedeutungsvollsten Schriften und Autoren zu bieten. Der (nirgends näher erläuterte) ‚Panorama‘-Titel beansprucht hier ausdrücklich nicht, eine allumfassende Darstellung des „europäischen Geistes“ zu liefern. Vielmehr soll das Kompendium laut Szczesnys kurzer „Vorbemerkung“ (vgl. Marcuse, Panorama, Bd. 1, S. 9–13) eine niedrigschwellige Möglichkeit zur ersten Lektüre schaffen, die der Leser im Anschluss selbstständig vertiefen kann. Beginnend mit dem Buch Hiob bis hin zu Thomas Manns Bruder Hitler wird jeder Textausschnitt von einer kurzen Kontext/Autor/Werk-Charakteristik aus Marcuses Feder eingeführt. Indem sie dessen universalen Geist ebenso wie seinen grundsätzlichem Pessimismus wiederspiegelt, möchte die Sammlung veranschaulichen, dass die Menschheit sich seit Anbeginn in der Literatur, der Wissenschaft und der Philosophie unentwegt darin versucht, „immer wieder die gleichen letzten, vorletzten und vorvorletzten Fragen zu lösen“ (S. 10).

Darüberhinaus reflektiert Szczesny auch die buchmediale Grenzstellung des Kompendiums zwischen einem zugriffspanoramatischen Zugang frei flanierenden Herumschmökerns einerseits und der im Doppelsinn erschöpfenden, dafür aber die volle Breite und Tiefe ausschöpfenden laufpanoramatischen Gesamterschließung: „Im allgemeinen wird man dem Leser eines so umfangreichen Breviers mit Recht empfehlen, nicht Seite für Seite zu studieren, sondern nach Lust und Laune darin zu blättern. Wer es sich zeitlich leisten kann, sollte die drei Bände aber auch einmal als ganze und in einem Zug zu lesen versuchen. Es wird sich ihm dann eine ebenso spannende wie bewegende Szenerie öffnen. […] Wenn man auf solche Weise einen Teil der aktenkundig gewordenen Geschichte des homo sapiens an sich vorüberziehen lässt, stellen sich zwei Erlebnisse ein: Die Erfahrung der tatsächlich überwältigenden Vielfalt menschlichen Denkens und Trachtens und des Erlebnisses des Eingebettetseins der eigenen, sehr peripheren und verlorenen Existenz in diesen sich in ferner Vergangenheit verlierenden Strom von Menschen und Schicksalen, Träumen und Alpträumen, geglückten und gescheiterten Unternehmungen.“ (Bd. 1, S. 12/13) – Niclas Stahlhofen / Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Marcuse, Ludwig: Ein Panorama europäischen Geistes. Texte aus drei Jahrtausenden, Zürich: Diogenes 1977.
Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, geschlossen, Hörwerk, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, panoramatische Diskursform, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugriffspräsentation

1976 – Peter Handke, Notizbücher / Das Gewicht der Welt

Dass Autoren Einfälle, Beobachtungen und Formulierungen in mitgeführten Kladden festhalten, um sie in ihre Werke einzuarbeiten, ist nicht ungewöhnlich. Auch Peter Handke tut das früh. Um Mitte der 1970er-Jahre intensiviert und autonomisiert sich dieses Aufschreiben bei ihm jedoch zu einem tagtäglichen Mitschreiben der eigenen Welterfahrungsspur, was sich als perzeptive Einstellung fortan verstetigt und im einzelnen Notat verdichtet. Ab März 1976 begreift er diesen Schreibpfad selbst als genuines und zentrales Werk, „mein persönliches Epos“ (Handke, Das Gewicht der Welt, S. NB12, 44). Bis 2025 füllt es weit über zweihundert umfängliche Notizbücher. Im Juni 2024 werden die ersten 21 davon, die den Zeitraum von März 1976 bis November 1979 umfassen, als Online-Edition veröffentlicht. Im Weiteren sollen zunächst die folgenden 26 (1979–1986) der 75 bis zum Juli 1990 entstandenen Bucheinheiten jeweils sowohl in ihrer handschriftlichen Originalgestalt als auch transkribiert und kommentiert zugänglich werden, letztlich aber alle dieser (bis heute fortgeführten) Aufzeichnungen. Aus der Chronik der laufenden Berührung von umgebender und innerer Wirklichkeit, von Augen, Kopf und Körper, Hand, Stift, Blatt und Buch erwächst eine dichte „Reportage“ von Bewusstseins-Ereignissen aller Art (Handke, Das Gewicht der Welt, S. 6), in deren – am Anfang so privater wie am Ende weltweit öffentlicher – Form der Literaturnobelpreisträger von 2019 Das Gewicht der Welt erfährt. Unter letzterem Titel und dem Untertitel Ein Journal (November 1975 – März 1977) erscheint 1977 bereits ein erstes Buch, das diese Schreibpraxis publik macht und den Übergang vom Werknotizkompendium zum Weltregistraturmedium markiert. Neben autonomen Notaten und Alltagsprotokollen, etwa von einem Aufenthalt im Krankenhaus, enthält es zugleich Arbeitsjournal-Vermerke für die 1976 erschienene und im Jahr darauf verfilmte Erzählung Die linkshändige Frau. Spätere Journal-Buchpublikationen wie Die Geschichte des Bleistifts (1982), Phantasien der Wiederholung (1983), Am Felsfenster morgens (1998), Gestern unterwegs (2005), Ein Jahr aus der Nacht gesprochen (2010) und Vor der Baumschattenwand nachts (2016) gehören dem Notizsektor von vornherein zu und bilden in der Werkausgabe von 2018 folgerichtig eine eigene Sektion, der auch die anschließend noch erschienenen Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021 (Handke, Innere Dialoge) zuzuzählen wären. Zwar enthalten auch diese gedruckten Notizensammlungen weiterhin Werknotizen, allerdings nun eingebettet in den großen Strom. Dass sie weder in Material noch Form mit den zugrundeliegenden Notizbüchern identisch sind, zeigt sich eindrücklich im Abgleich mit der Printpublikation eines der Originalhefte (Handke, Die Zeit und die Räume) parallel zu deren Online-Präsentation. – Katharina Pektor / Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Handke, Peter: Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977), Salzburg: Residenz 1977
  • Handke, Peter: Journale. 3 Bde., Berlin: Suhrkamp 2018
  • Handke, Peter: Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021, Salzburg/Wien: Jung und Jung 2022
  • Handke, Peter: Die Zeit und die Räume. Notizbuch 24. April – 26. August 1978, Berlin: Suhrkamp 2022
  • Pektor, Katharina: „Leuchtende Fragmente. Über Peter Handkes Notizbücher und Journale“. In: „Das Wort sei gewagt“. Ein Symposium zum Werk von Peter Handke, hg. von Attila Bombitz und Katharina Pektor, Wien: Praesens 2019, S. 253–287

Weblinks:

🖙 Homepage Notizbuch-Edition
🖙 Homepage zu Peter Handke

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Ekphrasis, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1975 – Michel Foucault, Surveiller et punir

In seinem Werk Surveiller et punir. Naissance de la prison (dt. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses) beschäftigt sich Michel Foucault mit der Historie von europäischen Strafanstalten und stellt dabei die Frage nach den Machtmodellen und -techniken in den Mittelpunkt, die sich durch die neue bürgerliche Gesellschaft etablierten. Diese untersucht er mit Blick auf die Hypothese eines Bruchs von einer Souveränitäts- hin zu einer Disziplinargesellschaft, den er für das 18. Jahrhundert diagnostiziert und vor allem durch die Automatisierung, Entindividualisierung und die Unabhängigkeit von den jeweils Machtausübenden gekennzeichnet sieht, ferner durch eine Anordnung der Körper im Raum, welche die Individuen transparent mache. Indem sie ständiger Sichtbarkeit unterlägen, internalisierten sie das Machtverhältnis derart, dass es zum Prinzip der eigenen Unterwerfung werde. Dies geschehe vor allem im Rahmen disziplinierender Institutionen (Familie, Schule, Gefängnis, Fabrik etc.), die das sie durchlaufende Individuum normalisierten. Phänotypisch ausgeprägt sieht Foucault diese neue Gesellschaftsformation in Benthams Panopticon-Konzept, dessen „Panoptismus“ er ein eigenes Kapitel widmet. Zentral sei dabei die Uneinsehbarkeit der Macht bei gleichzeitiger permanenter Sichtbarkeit der Individuen: „Das Panopticon ist eine Maschine zur Scheidung des Paares Sehen/Gesehenwerden: im Außenring wird man vollständig gesehen, ohne jemals zu sehen; im Zentralturm sieht man alles, ohne je gesehen zu werden.“ (Foucault, Überwachen und Strafen, S. 259). – Nina Cullmann

Literatur / Quellen:

  • Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses [1975], Frankfurt am Main: Suhrkamp 2012, S. 251–292

Weblinks:

🖙 Deutschlandfunk Kultur 

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Bauwerk, Blicktransparenz, Buch, Didaktik, faktual, Gesamtprojektion, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Organisation, Panorama-Diskurs, Realpanoramatik, Rundband, Rundbau, Text, textuell, Überwachung, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1974 – Hubert Fichte, Geschichte der Empfindlichkeit

Nach der Veröffentlichung des letzten seiner vier Romane über die eigene Kindheit und Jugend (Versuch über die Pubertät, 1974) erweitert der Autor seine Wahrnehmungs- und Schreibbewegung in mehreren großen Schritten zu einer weltausgreifenden Erkundung. Dafür setzt er auch in der eigenen Werkorganisation einen formalen Schnitt: Die neu konzipierte und dann bis zu seinem Tod im Jahr 1986 ausgearbeitete Geschichte der Empfindlichkeit ist ein über alle Gattungs- und Genregrenzen hinausweisendes, barockes, globales Megapoem, angelegt auf neunzehn Bände, von denen posthum siebzehn erschienen sind. Fichtes Versuch, Synkretismus, Bisexualität und Reisebewegung als zusammenhängende ästhetische Form und Praxis zu zeichnen, mündet in ein gigantisches ästhetisches Forschungsgeflecht, das sich quer über die Kontinente erstreckt und örtliche Gesten und Riten als meist subversive Überlebenspraxis einer vielerorts faszinierend kreativen und diversen, doch überall auch vom gewaltvollen Zusammenwirken von Kolonialismus, Patriachat und Kapitalismus geprägten Gesellschaft zusammensehen und im Kontext der sozialen Gefüge verorten will. Dabei verwendet Fichte ausgiebig das Stilmittel der Litanei, eine ursprünglich religiöse Aufzählungsroutine des Welt- und Gotteslobs, die hier oft die Funktion eines panoramatischen Umherzeigens erhält, immer verbunden mit der ästhetischen Figur des Kontrasts. Ausgangspunkt der einzelnen Bände sind – anfangs noch in Hamburg, dann aber über Portugal bis nach Afrika und Südamerika reichend – die unzähligen Reisebewegungen des Schriftstellers zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Fotografin Leonore Mau, die Fichtes Schriftgeschichte um ein – teils noch zu Fichtes Lebzeiten erschienenes – fotovisuelles Komplement (Petersilie, 1980; Xango, 1984; Psyche, 2006) erweitert. Auch die traditionellen Grenzen individueller bürgerlicher Autorschaft geraten so ins Fließen. Im selben Kosmos entstehen in Kooperation mit Peter Michel Ladiges (der selbst 20.000 Kartoffelkochrezepte aus der ganzen Welt gesammelt haben soll) zudem zahlreiche Werke für das Radio. – Kathrin Röggla

Literatur / Quellen:

  • Fichte, Hubert: Versuch über die Pubertät, Frankfurt a.M.: Fischer 1974
  • Fichte, Hubert: Die Geschichte der Empfindlichkeit, 17 Bde., Frankfurt a.M.: Fischer 1987
  • Mau, Leonore/Fichte, Hubert: Petersilie. Die afroamerikanischen Religionen IV. Santo Domingo, Venezuela, Miami, Grenada, Frankfurt a.M.: Fischer 1980
  • Fichte, Hubert/Mau, Leonore: Xango, Bd. I, Frankfurt a.M.: Fischer 1984
  • Mau, Leonore: Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika, Frankfurt a.M.: Fischer 2005
  • Mau, Leonore/Fichte, Hubert: Die Kinder Herodots. Ein Buch, Frankfurt a.M.: Fischer 2006
  • Fisch, Michael: Verwörterung der Welt. Über die Bedeutung des Reisens für Leben und Werk von Hubert Fichte. Orte – Zeiten – Begriffe, Aachen: Rimbaud 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Art-Bag-Beitrag

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, faktual, fiktional, Foto, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Hörwerk, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Speicher, symbolisch, Text, textuell