Von den 1890er-Jahren bis zu seinem Tod 1926 arbeitet der impressionistische Maler Claude Monet an überbreiten, großformatigen Seerosenbildern, für die er eine Rundum-Präsentation vorsieht. Nach dem Tod des Künstlers werden unter dem Titel Les Nymphéas acht Bilder im Musée de l’Orangerie in Paris in zwei miteinander verbundenen elliptischen Räumen installiert. Womöglich spielte Monet mit der Anordnung im Rund bewusst auf den Panorama-Hype des späten 19. Jahrhunderts an, wenngleich seine Bilder mit deren Form des Illusionismus nichts mehr gemein haben. Seine Gemälde präsentieren sich als solche (ohne Faux Terrain, mit erkennbarem Bildrand und sichtbarem Farbauftrag) und mobilisieren sowohl Blick als auch Körper. Sie bieten keinen weiten Blick in die Landschaft, sondern zeigen sich eher als farblich subtil gestaltete Flächen. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich gleichwohl eine andere Art von panoramatischem Anspruch: Der Seerosenteich erscheint im Verlauf der Tageszeiten und Lichtstimmungen als stetig wandelbar und bleibt dabei doch der gleiche – der Eindruck von Ganzheit und Gesamtheit entsteht ausgerechnet in der Inszenierung von Veränderlichkeit (in der Wahrnehmung eines menschlichen Betrachters). – Clara Wörsdörfer
1926 – Citroen/Bauhaus, Die Stadt
Simultanistische Großstadt-Wimmelbild-Collage, eine Art panoramatischer Fotokubismus; Moholy-Nagy kommentiert: „Das Erlebnis des Steinmeers wird hier ins Gigantische gesteigert.“ – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Moholy-Nagy, László: Malerei. Fotografie. Film [1924], Mainz: Florian Kupferberg 1967, S. 105
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1926 – Fritz Kahn, Lebenstafeln
In den Erklärungen zur Plakat-Sammlung Das Leben des Menschen III heißt es zur Tafel „Der Mensch als Industriepalast“, dort sei „der Versuch unternommen, die wichtigsten Lebensvorgänge, die direkt nie beobachtet werden können, in Form bekannter technischer Prozesse darzustellen, um so ein Gesamtbild vom Innenleben des menschlichen Leibes vor Augen zu führen.“ Auf der Tafel „In 70 Jahren isst der Mensch 14000-mal sein Gewicht“ ist das Gesamtverzeichnis der durchschnittlich in einem Menschenleben verzehrten Nahrungsmittel nach Art und jeweiliger Menge bebildert. Die entsprechenden Lebensmittel(massen) fahren auf Güterwagons in den offenen Tunnelmund eines anthropomorphen Felsenkopfes. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Debschitz, Uta/Debschitz, Thilo von: Fritz Kahn – Man Machine / Maschine Mensch, Wien: Springer 2009, S. 54–55 u. 99
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1925 – Edwin Hubble, Ausblick aus der Milchstraße
Am Neujahrstag verliest der in Princeton lehrende Astronom Henry Norris Russell auf der Washingtoner Jahrestagung der American Astronomical Society einen Vortrag mit dem unscheinbaren Titel Cepheids in Spiral Nebula. Dabei vertritt er den eigentlichen Autor des Papers, Edwin Hubble, der, obwohl auch auf der Tagung, selbst nicht auf die Bühne geht, womöglich aus Sorge, mit seiner These – immerhin der größten Realweltexpansionsbehauptung der Geschichte – nicht ganz stichfest zu erscheinen. Doch die Beobachtungen, die er auf dem südkalifornischen Mount Wilson Observatorium gemacht hat, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jenseits der Milchstraße weit über das von und seit Herschel antizipierte Maß hinaus noch weitere Galaxien geben muss und dass das Weltall Billionen mal so groß ist wie bis dato angenommen. Ein empirischer Nachweis, dass es zudem ständig expandiert, gelingt vier Jahre später. (Bartusiak, IX-XVII) – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Hubble, Edwin P.: „Chepheids in Spiral Nebulae“. In: Publications of the American Astronomical Society 5 (1925), S. 261–264
- Bartusiak, Marcia: The Day We Found the Universe, New York: Vintage Books 2009
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1925 – Stateville Correctional Center

US-Gefängnis mit einem Trakt, der weitgehend Benthams Panopticons-Konzept entspricht; 2016 geschlossen, als Denkmal erhalten. – Johannes Ullmaier
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1925 – László Moholy-Nagy, Das simultane oder Polykino
Konzeptschrift zu einer „kugelsegmentförmigen“ Kinoleinwand. Eine „große Projektionsfläche“ soll ermöglichen, mehrere Filme gleichzeitig in bildrahmenbewegungs- und diegesezeit-choreografierter Ablaufordnung zu präsentieren. Moholy-Nagys Polykino entwirft eine der radikalsten Kinoerweiterungsvisionen, kann aber in dieser Form weder von ihm selbst noch später je in vorzeigbarer Werkgestalt realisiert werden. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Moholy-Nagy, László: Malerei. Fotografie. Film [1924], Mainz: Florian Kupferberg 1967, S. 39–41
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1925 – Erstes Projektionsplanetarium im Deutschen Museum/München

Nach Auftrag des Gründers des Deutschen Museums Oskar von Miller entwickelt die Jenaer Optikfirma Zeiss ein Gerät, mit dem die Bewegungen der Sonne, des Mondes, der Planeten und der Sterne gleichzeitig abgebildet werden können. Am 7. Mai 1925 geht nach 12-jähriger Entwicklungsphase das weltweit erste Projektionsplanetarium in Betrieb, das den Aufbau und die Mobilität des Sternenhimmels veranschaulicht. In der Münchner Kuppel sind zur Eröffnung 4500 Sterne zu sehen. – Maureen Seyfarth
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1920 – Jewgenij Samjatin, Wir
Im Jahr 1920 verfasst und infolge der rigorosen sowjetischen Zensur erst 1924 und nur im Tamizdat publiziert, schildert der dystopische Roman des russischen Schriftstellers Jewgenij Iwanowitsch Samjatin (1884–1937) ein aus technischem Fortschritt und damit einhergehendem Machbarkeitswahn resultierendes Gesellschaftssystem des entindividualisierenden Totalitarismus. Von der Außenwelt durch eine Mauer getrennt, führen die Bewohner ein in allen, auch privaten, Belangen minutiös reglementiertes Leben als Nummern und in einheitlichen Uniformen. Sie leben in kubischen Wohnblöcken aus Glas, deren Transparenz sie allseits diszipliniert. Samjatins extrapolierende Überzeichnung der zeitgenössischen Sowjetdiktatur nimmt in der Diegese auch deren Zusammenbruch vorweg, wodurch sie zugleich zur allgemeinen Allegorie auf die panoptische Hybris des Menschen wird. Samjatins Werk inspiriert in der Folge maßgeblich heute bekanntere Dystopien wie Aldous Huxleys Brave New World (1932) und George Orwells 1984 (1949). – Violetta Xynopoulou
Literatur / Quellen:
- Leucht, Robert: Dynamiken politischer Imagination. Die deutschsprachige Utopie von Stifter bis Döblin in ihren internationalen Kontexten 1848–1930, Berlin/Boston: De Gruyter 2016
- Samjatin, Jewgenij: Wir [1920/24], Köln: Kiepenheuer & Witsch 1958
- Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 253–256
Weblinks:
1914 – Bruno Taut, Glaspavillon auf der Kölner Werkbund-Ausstellung

Der (zerstörte) Pavillon der Deutschen Glasindustrie, den Taut zur Kölner Werkbundausstellung 1914 beisteuert, steht hier repräsentativ für den moderne-utopischen Impuls zu einer all-durchsichtigen Architektur und Lebensweise insgesamt, wie sie im selben Jahr in Paul Scheerbarts Essay Glasarchitektur programmatisch entworfen wird. Gegen Ende heißt es darin: „Nach dem Gesagten können wir wohl von einer ‚Glaskultur‘ sprechen. Das neue Glasmilieu wird den Menschen vollkommen umwandeln.“ (Scheerbart, Glasarchitektur, S. 125). – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Scheerbart, Paul: Glasarchitektur [1914], Berlin: Gebr. Mann 2000
- Thiekötter, Angelika: „Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus“. In: Kristallisationen, Splitterungen. Bruno Tauts Glashaus, Ausst.-Kat. Berlin, Werkbund-Archiv, hg. von Oliver Bätz, Basel/Berlin/Boston: Birkhäuser 1993
- Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 191–207
Weblinks:
1913 – Telefon-Splitscreen in Suspense
Der Kurzfilm Suspense (USA 1913, R: Lois Weber/Phillips Smalley) gilt als frühes Beispiel für die innovative Verwendung eines Splitscreens im Film. Die filmische Form multipler Rahmung hat bildstatische Vorläufer in den Diptychen, Triptychen und Polyptychen der mittelalterlichen Tafelbildmalerei. Während der spannungsgetriebenen Erzählung des Films inszeniert dieser zwei Telefonate anhand eines dreigeteilten Bildes. Während die Ehefrau ihren Mann am Telefon um Hilfe ruft, sieht man im dritten Bild den Einbrecher an der Tür. Die Inszenierung des Telefonats im Splitscreen setzt sich bereits in den 1900er- und 1910er-Jahren im Stummfilm durch und ermöglicht die gleichzeitige Darstellung von räumlich getrennten Ereignissen. Der Splitscreen kann als Reaktion auf mediale technische Veränderungen betrachtet werden: das Telefonat (frühe Stummfilmzeit), das Fernsehen (1960er) und die Digitalisierung/das Internet (seit den 1990ern). – Kaim Bozkurt
Literatur / Quellen:
- Hagener, Malte: „The Aesthetics of Displays: How the Split Screen Remediates Other Media“. In: Refractory. A Journal of Entertainment Media 14 (2008)