1990–2003 – DNA- Gesamterfassung, Human Genome Project


Das Human Genome Project (HGP) stellt ein innerhalb der Genetik bahnbrechendes Forschungsprojekt dar, welches das Ziel der erstmaligen vollständigen Sequenzierung der Basen des menschlichen Genoms verfolgt. Es verbindet biologische Forschung mit den rasanten informationstechnischen Fortschritten der Zeit, indem schier unvorstellbare Datenmengen digital und global verarbeitet, analysiert und vernetzt werden. Finanziert durch die National Institutes of Health der Vereinigten Staaten und in internationaler Kooperation mit Forschungsinstituten in Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und China wird im Jahr 2003 ein Arbeitsentwurf veröffentlicht, der 92 % der Abfolge der ca. drei Milliarden Basenpaare auf den Chromosomen der menschlichen DNA enthält. Die verbleibenden Lücken sind auf die zu diesem Zeitpunkt noch beschränkten technischen Möglichkeiten zurückzuführen. Erst durch Anschlussprojekte, welche im März 2022 durchgeführt werden, erzielt man schließlich eine komplette Sequenzierung der genetischen Struktur. Durch die Errungenschaften des Projekts bricht eine neue Ära der biologischen Forschung an: „the shelf life of the scientific tool produced by the HGP is, effectively, forever.“ (Collins et al., „The Human Genome Project“, S. 286). „[I]t is simply inconceivable today that we would not have the genome at our fingertips.“ (Gibbs, „The Human Genome Project“, S. 575). – Bianka Niebling

Literatur / Quellen:

  • Collins, Francis S.: „The Human Genome Project: Lessons from Large-Scale Biology“. In: Science 300 (2003), S. 286–290
  • Gibbs, R.A.: „The Human Genome Project changed everything“. In: Nature Reviews Genetics 21 (2020), S. 575–576

Weblinks:

🖙 Human Genome Project, US Department of Energy
🖙 National Human Genome Research Institute

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Diagramm, faktual, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Realpanoramatik, schematisch, Speicher, symbolisch, textuell, Wissenschaft

1990 – Hubble-Weltraumteleskop


Am 24. April 1990 transportiert ein Space Shuttle das 13,2 m lange und 11,1 t schwere Teleskop mit einem Durchmesser von 4,3 m in eine Umlaufbahn in 611 km Erddistanz. Da Großteleskope auf der Erde wegen der Erdatmosphäre in ihrer Bildqualität eingeschränkt sind und die Erdatmosphäre nur im optischen Bereich, in einigen schmalen Infrarotfenstern sowie in großen Teilen des Radiobereichs durchlässig ist, konkretisierte sich in der Astrophysik nach 1945 der Wunsch, Teleskope auch im Weltraum zu positionieren. Wurden die ersten, vor allem durch die Orbiting Astronomical Observatories der NASA seit den 1960er-Jahren entwickelten Satelliten- und Weltraumteleskope vorwiegend dazu eingesetzt, Objekte in Wellenbereichen zu beobachten, die nicht von der Erdoberfläche zugänglich sind, sollte das nach Edwin P. Hubble benannte Weltraumteleskop – ebenso wie sein Nachfolger, das James-Webb-Weltraumteleskop, ein gemeinsames Projekt der NASA, ESA und CSA – auch im optischen Bereich Bilder liefern. Die ersten Bilder des mit einem Spiegel von 2,4 m Durchmesser ausgestatteten Teleskops sind zunächst unscharf, weswegen über zweieinhalb Jahre hinweg ein System zur Korrektion des Spiegels entwickelt und schließlich eingebaut wird. Das Projekt Hubble Deep Field ermöglicht mittels extrem lang belichteter Aufnahmen einer Himmelsgegend die Beobachtung weit entfernter Galaxien. Seit Mitte der 1990er-Jahre bestimmen die Hubble-Aufnahmen, in zahlreichen Büchern, Filmen und TV-Dokumentationen popularisiert, für fast drei Jahrzehnte den Bildstandard der weitesten menschlichen Blicke ins All. – Kaim Bozkurt

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, bildvisuell, Didaktik, faktual, Fernblick, Foto, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Organisation, Panoramaflug, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, schematisch, Technik, Unterhaltung, visuell, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1989 – World Wide Web

Der konkrete Anlass für die Entwicklung des World Wide Web ist ein praktisches und zunächst unscheinbares Problem: Am Forschungszentrum CERN in der Schweiz, einer internationalen Einrichtung für physikalische Grundlagenforschung, arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt zusammen, haben jedoch Schwierigkeiten, Informationen und Dokumente effektiv zu teilen, da unterschiedliche Computersysteme und Datenformate genutzt werden. Aus diesem alltäglichen Problem entsteht die Idee eines universellen Informationssystems, das den einfachen Zugriff und Austausch von Wissen über Netzwerkgrenzen hinweg ermöglicht.

Die technischen und konzeptionellen Grundlagen für diese Idee reichen jedoch weit zurück. Bereits seit den 1960er-Jahren entsteht mit dem ARPANET ein Vorläufer des Internets, ein vom US-Verteidigungsministerium gefördertes Netzwerk, das zunächst der sicheren Kommunikation zwischen Forschungseinrichtungen dient. In den folgenden Jahrzehnten entstehen darauf aufbauend verschiedene Netzwerkdienste sowie Ideen zur Verknüpfung von Informationen (Hypertext-Konzepte), die später in das World Wide Web einfließen.

Vor diesem Hintergrund formuliert der britische Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee 1989 am CERN seinen ersten Vorschlag („Information Management: A Proposal“), in dem er ein System aus Hypertext-Dokumenten beschreibt. In den darauffolgenden Jahren entwickelt er die zentralen Technologien des WWW: die Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language), das Übertragungsprotokoll HTTP sowie den ersten Webbrowser und Webserver. 1991 wird das World Wide Web erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Einen entscheidenden Schritt für seine weltweite Verbreitung stellt die Entscheidung des CERN dar, das System 1993 lizenzfrei zur Verfügung zu stellen. Mit der raschen Verbreitung grafischer Webbrowser ab Mitte der 1990er-Jahre (wie etwa Mosaic oder später Netscape Navigator) wird das World Wide Web schließlich auch für eine breite Öffentlichkeit zugänglich und entwickelt sich in kurzer Zeit zu einem zentralen Medium der globalen Informationsgesellschaft.

Das World Wide Web ist heute ein interaktives, frei zugängliches und kostenloses Informationssystem, das einen internationalen Austausch in der Kommunikation und von Dokumenten ermöglicht. Es wird häufig mit dem Internet gleichgesetzt, was jedoch fehlerhaft ist, da es nur einen von dessen Diensten bildet, zu denen unter anderem E-Mail, Dateitransfer oder Chat-Anwendungen zählen. Nach seiner raschen Einführung spannt sich das WWW über den gesamten Globus, wenn auch in sehr unterschiedlichen Dichten. Die einzelnen Sites sind durch Hyperlinks verknüpft und werden über Netzwerkprotokolle (HTTP oder HTTPS) übertragen. Webseiten enthalten Texte und werden zusätzlich häufig durch Bilder illustriert sowie mit Videos und Musikstücken ergänzt.

Mediengeschichtlich kann das WWW als das panoramatische Medium par excellence begriffen werden: Durch die Verknüpfung unzähliger Dokumente entsteht der Eindruck eines potenziell vollständigen Überblicks über Wissen und Welt. Zugleich ist dieser digitale Kosmos nicht grenzenlos, sondern strukturell begrenzt: Zugangsmöglichkeiten, technische Infrastruktur sowie algorithmische Auswahlprozesse bestimmen, welche Inhalte sichtbar sind. Dadurch entsteht kein vollständiges Gesamtbild, sondern ein gefilterter und perspektivisch geprägter Ausschnitt der Welt.

Ohne das World Wide Web gäbe es das Internet in seiner heutigen Form als global genutztes Massenmedium nicht. Es hat zu einem revolutionären Wandel in nahezu allen Lebensbereichen geführt. Die Art und Weise, wie, womit und wie intensiv kommuniziert wird, verändert sich drastisch. Es beeinflusst nicht nur das menschliche Kommunikationsverhalten, sondern auch die Mediennutzung stark und führt dazu, dass sich Geschäftsmodelle verändern oder neu entstehen. In seiner kulturellen Bedeutung wird das Internet früh mit der Erfindung des Postwesens (E-Mail) und des Buchdrucks verglichen und als bedeutender Fortschritt in der Geschichte der Menschheit betrachtet. Denn fast schlagartig dringen mit seiner Einführung große Mengen an Informationen, Nachrichten, Sprachen und Codes über ihre vormals regionalen Sphären hinaus – zugleich aber auch Manipulation und Sabotage, Lügen, Hass und Unsinn. Binnen Sekunden erreicht nun sowohl Konstruktives als auch Zersetzendes „die ganze Welt“. – Aileen Derstroff (2026)

Literatur / Quellen:

  • Berners-Lee, Tim / Mark Fischetti: Der Web-Report. Der Schöpfer des World Wide Webs über das grenzenlose Potential des Internets. München: Econ 1999
  • Berners-Lee, Tim: This Is for Everyone. London: Macmillan 2025.

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Animation, audiovisuell, auditiv, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, faktual, fiktional, Film, Foto, Gesamtdiagramm, Idealpanoramatik, Karte, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, mimetisch, offen, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1988 – Fredric Jameson, Cognitive Mapping (Geistige Kartierung)

Das Cognitive Mapping ist ein zentrales Konzept des Marxisten Jameson, entwickelt aus einem Werk des Stadtplaners Kevin A. Lynch, Image of the City (1960). Bei Jameson bedeutet Cognitive Mapping den Versuch eines jeden Handelnden, sich einen Überblick über seine Lage zu verschaffen. Das Konzept steht daher in enger Verbindung mit dem „Totalisieren“ bei Jean-Paul Sartre und mit der „Intention auf Totalität“ bei Georg Lukács. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Lynch, Kevin A.: Das Bild der Stadt, Berlin: Ullstein 1965
  • Jameson, Fredric: „Cognitive Mapping“. In: Marxism and the Interpretation of Culture, hg. von Cary Nelson und Lawrence Grossberg, Houndsmills, London: Macmillan 1988, S. 347–360
Schlagwörter: begrenzte Allheit, Didaktik, faktual, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, offen, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1988–1992 – Kindlers Neues Literatur Lexikon

Kindlers Neues Literaturlexikon (KNLL) ist eine Werkenzyklopädie der Literatur aller Länder, Genres und Epochen, die den im ➚ Kindlers Literatur Lexikon etablierten panoramatischen Anspruch einer Gesamtrepräsentation der Literaturgeschichte fortführt und methodisch sowie strukturell weiterentwickelt. In der unter Walter Jens neu konzipierten zweiten Version, die von 1988 bis 1992 erscheint, sind die Werke nicht länger einzeln alphabetisch aufgeführt. Stattdessen sind sie ihren jeweiligen Verfasserinnen bzw. Verfassern (in sich alphabetisch) gruppenweise zugeordnet, so dass die globale Alphabetanordnung nun nicht mehr durch die oft kaum bekannten originalsprachlichen Titel, sondern – intuitiver – durch die Namen der Autorinnen und Autoren bestimmt ist. Zudem wird der gegenüber der ersten Version des KLL signifikant erweiterte und aktualisierte Bestand an Einzeleinträgen durch umfangreiche Begleitessays kultur-, literatur- und ideengeschichtlich kontextualisiert und systematisiert. Das KNLL umfasst in toto 20 Bände, in denen 19.304 Werke von 9.072 Autorinnen und Autoren in 171 Sprachen behandelt werden.

Die Einträge zu den einzelnen Werken enthalten jeweils Inhaltsangaben und Hinweise zur Entstehungsgeschichte, bauen aber die Referate zu zentralen Interpretationsansätzen sowie die Einordnung des Textes in größere literaturhistorische Zusammenhänge tendenziell stark aus. Insgesamt verschiebt sich der Akzent so von der primär dokumentierenden Bestandsaufnahme des ersten KLL hin zu einer stärker analytischen und interpretativen Erschließung literarischer Texte. – Nico Keller (2026)

Literatur / Quellen:

  • Jens, Walter (Hg.): Kindlers neues Literatur Lexikon. 20 Bde. München: Kindler 1988-1992.

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Medialpanoramatik, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1988 – Stephen Hawking, A Brief History of Time

Um Allgemeinverständlichkeit bemühter kosmologischer Bestseller, der verspricht, die Geschichte des Universums seit dem Urknall zu erhellen. Katalysator für die auf dem Buchmarkt seither prosperierende Mode relativ kurzer Überschau- und Zusammenfassungsdarstellungen mit universums-, universal- und global-historiografischem Anspruch. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hawking, Stephen: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit [1988], Reinbek: Rowohlt 2004

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Buch, Didaktik, faktual, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft, Zeitensynopse

1987 – Frank White, The Overview Effect

Erstausgabe des Buches, das – komplementär zum Blue-Marble-Foto – in Interviews die astronautische ‚All-Sicht‘ und insbesondere die Blickperspektive zurück auf die Erdkugel exploriert. Programmatisch heißt es im Klappentext (zur 4. Auflage): „More than three decades ago, Frank White coined the term ‚Overview Effect‘ to describe the cognitive shift that results from the experience of viewing the Earth from space and in space, from orbit or on a lunar mission. He found that with great consistency, this experience profoundly affects space travelers’ worldviews, their perceptions of themselves, our planet, and our understanding of the future.“ – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • White, Frank: The Overview Effect. Space Exploration and Human Evolution, Portland: Houghton Mifflin 1987
  • White, Frank: Der Overview-Effekt. Wie die Erfahrung des Weltraums das menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln verändert. Die 1. interdisziplinäre Auswertung von 20 Jahren Weltraumfahrt, München: Goldmann Verlag 1993

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1984 – Niklas Luhmann, Soziale Systeme

Nachdem Hegel noch die Eule der Minerva ausgeschickt hatte, um das Wissen des Wissens einzufangen, vertraut die Postmoderne nicht mehr auf animalischen Beistand. Der Anspruch, eine Theorie bzw. eine Supertheorie der Gesellschaft zu entwerfen, erfordert, glaubt man ihrem Autor Niklas Luhmann, eine „ungewöhnliche […] Abstraktionslage“ und folglich eine Flughöhe, die Eulen einfach nicht erreichen: „Der Flug muß über den Wolken stattfinden, und es ist mit einer ziemlich geschlossenen Wolkendecke zu rechnen. Man muß sich auf die eigenen Instrumente verlassen. Gelegentlich sind Durchblicke nach unten möglich – ein Blick auf Gelände mit Wegen, Siedlungen, Flüssen oder Küstenstreifen, die an Vertrautes erinnern; oder auch ein größeres Stück Landschaft mit den erloschenen Vulkanen des Marxismus. Aber niemand sollte der Illusion zum Opfer fallen, daß diese wenigen Anhaltspunkte genügen, um den Flug zu steuern.“ (Luhmann 1987, S. 12 f.). – Christopher Busch

Literatur / Quellen:

  • Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [1984], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987

Weblinks:

🖙 Wikipedia Systemtheorie

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, offen, Organisation, Panoramaflug, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 1980 – Michel De Certeau, Blick vom World Trade Center

In seiner Kunst des Handelns beschreibt De Certeau den vom World Trade Center aus über New York City schweifenden Blick als Lektüreprozess: „Der Betrachter kann hier in einem Universum lesen, das höchste Lust hervorruft“, nämlich die, „diesen maßlosesten aller menschlichen Texte zu ‚überschauen‘, zu überragen und in Gänze aufzufassen.“ Dabei nehme der Betrachter eine quasi-göttliche, Ikarus-gleiche Position ein, wie sie die Malerei vorweggenommen habe: „Der Wille, die Stadt zu sehen, ist den Möglichkeiten seiner Erfüllung vorausgeeilt. Die Malerei des Mittelalters und der Renaissance zeigte die Stadt aus der Perspektive eines Auges, das es damals noch gar nicht gab. Die Maler erfanden gleichzeitig das Überfliegen der Stadt und den Panoramablick, der dadurch möglich wurde. Bereits diese Fiktion verwandelte den mittelalterlichen Betrachter in ein himmlisches Auge. Sie schuf Götter.“ (De Certeau, Kunst des Handelns, S. 179–182). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • De Certeau, Michel: Kunst des Handelns, Berlin: Merve 1988
  • Reiffers, Moritz: Das Ganze im Blick, Bielefeld: transcript 2013, S. 9–12
Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Panorama-Diskurs, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Utopie/Dystopie, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1977 – Ludwig Marcuse, Ein Panorama europäischen Geistes

Unter dem Titel Texte aus drei Jahrtausenden kuratiert Ludwig Marcuse (1894–1971) ab 1959 im Bayerischen Rundfunk eine wöchentliche Sendereihe. Auf deren Basis veröffentlicht Gerhard Szczesny sechs Jahre nach dessen Ableben eine dreibändige Textauswahl mit dem neuen Titel Panorama europäischen Geistes (und dem alten Titel als Untertitel), die in chronologischer Reihenfolge auf ca. 1200 Seiten 122 Ausschnitte aus Kerntexten berühmter Figuren der Geistesgeschichte darbietet: Bd 1: Von Diogenes bis Plotin, Bd. 2: Von Augustinus bis Hegel, und Bd. 3: Von Karl Marx bis Thomas Mann. Damit wird der Versuch unternommen, der Leserschaft eine möglichst weitgespannte, aber zugleich begrenzte Vorauswahl der bedeutungsvollsten Schriften und Autoren zu bieten. Der (nirgends näher erläuterte) ‚Panorama‘-Titel beansprucht hier ausdrücklich nicht, eine allumfassende Darstellung des „europäischen Geistes“ zu liefern. Vielmehr soll das Kompendium laut Szczesnys kurzer „Vorbemerkung“ (vgl. Marcuse, Panorama, Bd. 1, S. 9–13) eine niedrigschwellige Möglichkeit zur ersten Lektüre schaffen, die der Leser im Anschluss selbstständig vertiefen kann. Beginnend mit dem Buch Hiob bis hin zu Thomas Manns Bruder Hitler wird jeder Textausschnitt von einer kurzen Kontext/Autor/Werk-Charakteristik aus Marcuses Feder eingeführt. Indem sie dessen universalen Geist ebenso wie seinen grundsätzlichem Pessimismus wiederspiegelt, möchte die Sammlung veranschaulichen, dass die Menschheit sich seit Anbeginn in der Literatur, der Wissenschaft und der Philosophie unentwegt darin versucht, „immer wieder die gleichen letzten, vorletzten und vorvorletzten Fragen zu lösen“ (S. 10).

Darüberhinaus reflektiert Szczesny auch die buchmediale Grenzstellung des Kompendiums zwischen einem zugriffspanoramatischen Zugang frei flanierenden Herumschmökerns einerseits und der im Doppelsinn erschöpfenden, dafür aber die volle Breite und Tiefe ausschöpfenden laufpanoramatischen Gesamterschließung: „Im allgemeinen wird man dem Leser eines so umfangreichen Breviers mit Recht empfehlen, nicht Seite für Seite zu studieren, sondern nach Lust und Laune darin zu blättern. Wer es sich zeitlich leisten kann, sollte die drei Bände aber auch einmal als ganze und in einem Zug zu lesen versuchen. Es wird sich ihm dann eine ebenso spannende wie bewegende Szenerie öffnen. […] Wenn man auf solche Weise einen Teil der aktenkundig gewordenen Geschichte des homo sapiens an sich vorüberziehen lässt, stellen sich zwei Erlebnisse ein: Die Erfahrung der tatsächlich überwältigenden Vielfalt menschlichen Denkens und Trachtens und des Erlebnisses des Eingebettetseins der eigenen, sehr peripheren und verlorenen Existenz in diesen sich in ferner Vergangenheit verlierenden Strom von Menschen und Schicksalen, Träumen und Alpträumen, geglückten und gescheiterten Unternehmungen.“ (Bd. 1, S. 12/13) – Niclas Stahlhofen / Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Marcuse, Ludwig: Ein Panorama europäischen Geistes. Texte aus drei Jahrtausenden, Zürich: Diogenes 1977.
Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, geschlossen, Hörwerk, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, panoramatische Diskursform, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugriffspräsentation