
Interactive Tree Of Life (abgekürzt: iTOL) ist ein web-basiertes Projekt, das schon seit 2006 existiert. iTOL dient zum Herstellen und Verwalten von Stammbäumen aller Art. Auch wenn das Projekt ursprünglich eher zu biologischen Forschungszwecken konzipiert war, kann dort inzwischen jeder einen eigenen Stammbaum zu jeglichem Thema herstellen. Dabei liefert iTOL nicht nur die Möglichkeit, eigene Stammbäume zu erschaffen, sondern stellt auch einen phylogenetischen Beispielbaum zur Verfügung. Dieser stellt in panoramatischer Gesamtansicht ca. 190 biologische Arten aus allen Kladen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen dar. Zu den im Baum vorhandenen Spezies stehen auch verschiedene genetische Daten zur Verfügung, wie zum Beispiel die Größe des Genoms oder die Anzahl der Domänen, also der semi-unabhängigen funktionalen Einheiten des Genoms. iToLs gewährt so einen Überblick über sämtliches Leben auf der Erde und über die Grundeigenschaften der Genome. Über die Alles-auf-einmal-Ansicht hinaus lassen sich Spezies, die einen näher interessieren, hier zudem einzeln näher erkunden, denn zu jeder Klade gibt es weiterführende Vertiefungs-Links. – Sofya Sinelnikova
2004 – Katharina Gaenssler Transsibirien I – XIII
Während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking fotografiert Katharina Gaenssler aus einem Fenster heraus manuell und impulshaft die Fahrtstrecke. So entsteht eine Serie von 8764 Fotografien, die nebeneinander ein Streckenpanorama präsentieren, dessen Abfolge in einem Buchobjekt aus 13 Bänden mit ebenso vielen Seiten wie Fotos dokumentier ist. – Johannes Ullmaier | Nina Cullmann
Literatur / Quellen:
- Gaenssler, Katharina: Transsibirien I – XIII, Buchobjekt 2004
Weblinks:
2003 – Genealogische Online-Datenbank, Íslendingabók
Das Íslendingabók (dt. Buch der Isländer) ist eine webbasierte Datenbank, die von zwei isländischen Unternehmen, deCODE genetics und Frisk Software, erschaffen wurde. deCODE genetics beschäftigt sich mit genetischer Forschung weltweit, Frisk Software ist ein IT-Unternehmen. Die Datenbank ermöglicht die Rekonstruktion der Verwandtschaftsverhältnisse aller Einwohnenden Islands. Da Island ein isolierter Inselstaat mit kleiner Population ist, entsteht dort schon früh eine Kultur der Aufzeichnung von Familiengenealogien, unter anderem im Buch der Isländer (12. Jh), dem Namensgeber für das Webprojekt, das als das älteste historiographische Werk Islands gilt. Noch heute sind zahlreiche Quellen bis ins 9. Jahrhundert verfügbar, die es ermöglichen, genealogische Linien bis in die Gegenwart zu ziehen. Das Íslendingabók bedient sich dieser Aufzeichnungen, erweitert durch Informationen aus Melderegistern, Urkunden, Kirchenregistern und staatlichen Zensusdaten, die bereits für das 18. Jahrhundert flächendeckend erhoben wurden. Diese Daten, die der Begründer von Frisk Software, Friðrik Skúlason, schon seit frühen den 1990ern selbstständig sammelte, werden 1997 mit der zu biomedizinischen Forschungszwecken angelegten Gendatenbank von deCODE genetics verknüpft, in der etwa ein Drittel der lebenden Isländerinnen und Isländer registriert ist. Die aus dieser Kooperation entstehende Datenbank enthält Information über nahezu alle Personen, die seit dem Zuzug nordischer Siedler im 9. Jahrhundert in Island geboren wurden, womit sie die bis dato dichteste und wohl valideste genealogische Registratur einer größeren menschlichen Population bildet.
Der Zugang zum Íslendingabók ist aus Datenschutzgründen an den Nachweis einer eigenen isländischen Identifikationsnummer gebunden, wobei auch registrierte NutzerInnen uneingeschränkt nur auf ihren eigenen Familienstammbaum zugreifen können, wohingegen die Daten von Personen, mit welchen kein Verwandtschaftsverhältnis besteht, für sie gesperrt bleiben. Zwar eröffnet sich individuellen NutzerInnen so jeweils nur ein personalisiertes Panorama ihrer Herkunft, doch das ganze Buch der Isländer ‚weiß‘ alles. – Bianca Niebling / Sofya Sinelnikova
Literatur / Quellen:
- Pálsson, Gísli: „The Web of Kin. An Online Genealogical Machine“. In: Kinship and Beyond. The Genealogical Model Reconsidered, Reproduction and Sexuality, New York: Berghahn Books 2009, S. 84–110.
Weblinks:
2002–2008 – David Simon, The Wire

Auf dokumentarischen Sozialreportagen fußende TV-Serie, die – ausgehend vom Milieu der Drogenhändler- und Drogenermittler in Baltimore – die Totalität der Sozialstruktur einer US-Großstadt um 2000 TV-dramatisch zu entrollen versucht, stellvertretend für die Problemlage der urbanen USA insgesamt. Dies vollzieht sich über fünf, jeweils eine gesamte Lebenssphäre ausleuchtende Staffeln, konkret: Drogenökonomie, traditionelle Ökonomie (anhand der Hafenarbeiter und ihrer Gewerkschaft), Politik, Schulwesen und Journalismus/Medien. Nach Themenbreite und gesellschaftlichem Repräsentationsanspruch konsequenter in gesellschaftspanoramatischer Balzac/Zola-Tradition als das Gros vergleichbar umfänglicher, aufwendig produzierter und oft ebenfalls erzählstrangreicher neuerer TV-Serien. – Johannes Ullmaier
Weblinks:
2001 – Wikipedia

Von Jimmy Wales and Larry Sanger am 15. Januar 2001 gegründetes Projekt einer gemeinnützigen kooperativen Online-Enzyklopädie mit dem Anspruch, das Weltwissen nach Stichworten zu erfassen und – anders als es die (seither fast vollständig verschwundenen) traditionellen Print-Enzyklopädien konnten – laufend aktuell zu halten. Ein weiterer Anspruch zielt von Anfang an darauf, das Weltwissen in allen Sprachen verfügbar zu machen. Als erste nicht-anglophone Version startet die deutschsprachige Wikipedia bereits im März desselben Jahres. Indes bleiben Sprach-, Kultur- und Kommunikationsbarrieren – selbst nach dem Durchbruch automatisierter Übersetzungs-Software – vielfach weiterhin wirksam. – Johannes Ullmaier
Weblinks:
1996 – Internet Archive

Noch in der utopischen Phase des Internets (fünf Jahre vor der Wikipedia) von Brewster Kahle gegründet, verspricht das gemeinnützige Projekt, die generische Transitorik der Onlinewelt zur omnitemporalen Allverfügbarkeit ihrer verschiedenen Stadien zu erweitern – was real nicht ganz, aber in beträchtlichen Teilen gelingt. Vor allem das Tool der Wayback Machine, eine Art Digital-Pendant zu H.G. Wells’ Time Machine, ermöglichst es, vergangene Zustände bzw. aktuell unzugänglich gewordene Inhalte zu erkunden. Ende 2023 sind über 839 Mrd. Websites archiviert. Daneben werden auch Filme, Bücher, Audios u. v. a. gesammelt und zugänglich gemacht, sofern das Copyright es zulässt. Angesichts der zunehmenden Oligarchisierung des Internets und der USA ist das in San Francisco ansässige Archiv um Spiegelungen seines Datenbestands (Ende 2021 ca. 200 Petabytes) außerhalb der USA bemüht – symbolträchtig vor allem in der neuen Bibliothek von Alexandria, aber auch in Kanada und in den Niederlanden. – Johannes Ullmaier
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1988 – Stephen Hawking, A Brief History of Time
Um Allgemeinverständlichkeit bemühter kosmologischer Bestseller, der verspricht, die Geschichte des Universums seit dem Urknall zu erhellen. Katalysator für die auf dem Buchmarkt seither prosperierende Mode relativ kurzer Überschau- und Zusammenfassungsdarstellungen mit universums-, universal- und global-historiografischem Anspruch. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Hawking, Stephen: Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit [1988], Reinbek: Rowohlt 2004
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1983 – Stanislaw Lem, One Human Minute
Dt. Eine Minute der Menschheit. Panoramatische Erzählung über den gesamtmenschheitlichen Weltzustand im Zeitrahmen einer einzigen Minute; gattungsinnovativ gerahmt und komprimiert als Rezension eines weitaus umfangreicheren fiktiven Buchs, das diesen Zustand zum Thema haben soll. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Lem, Stanislaw: Eine Minute der Menschheit, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983
Weblinks:
1977 – Ludwig Marcuse, Ein Panorama europäischen Geistes
Unter dem Titel Texte aus drei Jahrtausenden kuratiert Ludwig Marcuse (1894–1971) ab 1959 im Bayerischen Rundfunk eine wöchentliche Sendereihe. Auf deren Basis veröffentlicht Gerhard Szczesny sechs Jahre nach dessen Ableben eine dreibändige Textauswahl mit dem neuen Titel Panorama europäischen Geistes (und dem alten Titel als Untertitel), die in chronologischer Reihenfolge auf ca. 1200 Seiten 122 Ausschnitte aus Kerntexten berühmter Figuren der Geistesgeschichte darbietet: Bd 1: Von Diogenes bis Plotin, Bd. 2: Von Augustinus bis Hegel, und Bd. 3: Von Karl Marx bis Thomas Mann. Damit wird der Versuch unternommen, der Leserschaft eine möglichst weitgespannte, aber zugleich begrenzte Vorauswahl der bedeutungsvollsten Schriften und Autoren zu bieten. Der (nirgends näher erläuterte) ‚Panorama‘-Titel beansprucht hier ausdrücklich nicht, eine allumfassende Darstellung des „europäischen Geistes“ zu liefern. Vielmehr soll das Kompendium laut Szczesnys kurzer „Vorbemerkung“ (vgl. Marcuse, Panorama, Bd. 1, S. 9–13) eine niedrigschwellige Möglichkeit zur ersten Lektüre schaffen, die der Leser im Anschluss selbstständig vertiefen kann. Beginnend mit dem Buch Hiob bis hin zu Thomas Manns Bruder Hitler wird jeder Textausschnitt von einer kurzen Kontext/Autor/Werk-Charakteristik aus Marcuses Feder eingeführt. Indem sie dessen universalen Geist ebenso wie seinen grundsätzlichem Pessimismus wiederspiegelt, möchte die Sammlung veranschaulichen, dass die Menschheit sich seit Anbeginn in der Literatur, der Wissenschaft und der Philosophie unentwegt darin versucht, „immer wieder die gleichen letzten, vorletzten und vorvorletzten Fragen zu lösen“ (S. 10).
Darüberhinaus reflektiert Szczesny auch die buchmediale Grenzstellung des Kompendiums zwischen einem zugriffspanoramatischen Zugang frei flanierenden Herumschmökerns einerseits und der im Doppelsinn erschöpfenden, dafür aber die volle Breite und Tiefe ausschöpfenden laufpanoramatischen Gesamterschließung: „Im allgemeinen wird man dem Leser eines so umfangreichen Breviers mit Recht empfehlen, nicht Seite für Seite zu studieren, sondern nach Lust und Laune darin zu blättern. Wer es sich zeitlich leisten kann, sollte die drei Bände aber auch einmal als ganze und in einem Zug zu lesen versuchen. Es wird sich ihm dann eine ebenso spannende wie bewegende Szenerie öffnen. […] Wenn man auf solche Weise einen Teil der aktenkundig gewordenen Geschichte des homo sapiens an sich vorüberziehen lässt, stellen sich zwei Erlebnisse ein: Die Erfahrung der tatsächlich überwältigenden Vielfalt menschlichen Denkens und Trachtens und des Erlebnisses des Eingebettetseins der eigenen, sehr peripheren und verlorenen Existenz in diesen sich in ferner Vergangenheit verlierenden Strom von Menschen und Schicksalen, Träumen und Alpträumen, geglückten und gescheiterten Unternehmungen.“ (Bd. 1, S. 12/13) – Niclas Stahlhofen / Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Marcuse, Ludwig: Ein Panorama europäischen Geistes. Texte aus drei Jahrtausenden, Zürich: Diogenes 1977.
1976 – Peter Handke, Notizbücher / Das Gewicht der Welt
Dass Autoren Einfälle, Beobachtungen und Formulierungen in mitgeführten Kladden festhalten, um sie in ihre Werke einzuarbeiten, ist nicht ungewöhnlich. Auch Peter Handke tut das früh. Um Mitte der 1970er-Jahre intensiviert und autonomisiert sich dieses Aufschreiben bei ihm jedoch zu einem tagtäglichen Mitschreiben der eigenen Welterfahrungsspur, was sich als perzeptive Einstellung fortan verstetigt und im einzelnen Notat verdichtet. Ab März 1976 begreift er diesen Schreibpfad selbst als genuines und zentrales Werk, „mein persönliches Epos“ (Handke, Das Gewicht der Welt, S. NB12, 44). Bis 2025 füllt es weit über zweihundert umfängliche Notizbücher. Im Juni 2024 werden die ersten 21 davon, die den Zeitraum von März 1976 bis November 1979 umfassen, als Online-Edition veröffentlicht. Im Weiteren sollen zunächst die folgenden 26 (1979–1986) der 75 bis zum Juli 1990 entstandenen Bucheinheiten jeweils sowohl in ihrer handschriftlichen Originalgestalt als auch transkribiert und kommentiert zugänglich werden, letztlich aber alle dieser (bis heute fortgeführten) Aufzeichnungen. Aus der Chronik der laufenden Berührung von umgebender und innerer Wirklichkeit, von Augen, Kopf und Körper, Hand, Stift, Blatt und Buch erwächst eine dichte „Reportage“ von Bewusstseins-Ereignissen aller Art (Handke, Das Gewicht der Welt, S. 6), in deren – am Anfang so privater wie am Ende weltweit öffentlicher – Form der Literaturnobelpreisträger von 2019 Das Gewicht der Welt erfährt. Unter letzterem Titel und dem Untertitel Ein Journal (November 1975 – März 1977) erscheint 1977 bereits ein erstes Buch, das diese Schreibpraxis publik macht und den Übergang vom Werknotizkompendium zum Weltregistraturmedium markiert. Neben autonomen Notaten und Alltagsprotokollen, etwa von einem Aufenthalt im Krankenhaus, enthält es zugleich Arbeitsjournal-Vermerke für die 1976 erschienene und im Jahr darauf verfilmte Erzählung Die linkshändige Frau. Spätere Journal-Buchpublikationen wie Die Geschichte des Bleistifts (1982), Phantasien der Wiederholung (1983), Am Felsfenster morgens (1998), Gestern unterwegs (2005), Ein Jahr aus der Nacht gesprochen (2010) und Vor der Baumschattenwand nachts (2016) gehören dem Notizsektor von vornherein zu und bilden in der Werkausgabe von 2018 folgerichtig eine eigene Sektion, der auch die anschließend noch erschienenen Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021 (Handke, Innere Dialoge) zuzuzählen wären. Zwar enthalten auch diese gedruckten Notizensammlungen weiterhin Werknotizen, allerdings nun eingebettet in den großen Strom. Dass sie weder in Material noch Form mit den zugrundeliegenden Notizbüchern identisch sind, zeigt sich eindrücklich im Abgleich mit der Printpublikation eines der Originalhefte (Handke, Die Zeit und die Räume) parallel zu deren Online-Präsentation. – Katharina Pektor / Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Handke, Peter: Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977), Salzburg: Residenz 1977
- Handke, Peter: Journale. 3 Bde., Berlin: Suhrkamp 2018
- Handke, Peter: Innere Dialoge an den Rändern. 2016–2021, Salzburg/Wien: Jung und Jung 2022
- Handke, Peter: Die Zeit und die Räume. Notizbuch 24. April – 26. August 1978, Berlin: Suhrkamp 2022
- Pektor, Katharina: „Leuchtende Fragmente. Über Peter Handkes Notizbücher und Journale“. In: „Das Wort sei gewagt“. Ein Symposium zum Werk von Peter Handke, hg. von Attila Bombitz und Katharina Pektor, Wien: Praesens 2019, S. 253–287
