1544 – Sebastian Münster, Cosmographia, Oder: Beschreibung der gantzen Weltt


Das zweibändige Gesamtkompendium (oft auch Cosmographia universalis genannt) verspricht in Volkssprache „eine Beschreibung der gantzen Welt“. Der Autor weiß: „Die gantze Welt zu beschreiben / wie mein Fürnehmen ist in diesem Buch / […] erfordert ein weitschweiffig und wohlbericht Gemüth / daß viel gelesen / viel gesehen / viel gehört und viel erfahren habe. Welches dannoch alles nicht genug wil seyn/wo nicht ein recht Urtheil darbey ist / dardurch man möge underscheiden / das wahr von dem falschen / unnd das gewiß von dem ungewissen.“ (Münster, Cosmographia, S. 1628; Widmungsvorrede, a2). Im Gegensatz zur ➚ Schedelschen Weltchronik geograpisch und thematisch gegliedert, fasst Münsters gedruckte Welt-Präsentation den zeitgenössischen Wissensstand der Historiografie, Geografie, Länderkunde, Botanik, Zoologie und anderer Fachgebiete zusammen und macht ihn über ein 14-seitiges (wie bei Schedel vorangestelltes) Register erschließbar. Zudem enthält sie 22 doppelseitige selbstgezeichnete Landkarten, darunter auch eine Weltkarte. – Sarah Karsten | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Münster, Sebastian: Cosmographia. Das ist: Beschreibung der ganzen Welt/Darinnen Aller Monarchen keyserthumben/Königreichen/Fürstenthumben/Graff- und Herrschafften/Länderen/Staetten und Gemeinden; wie auch aller geistlichen stifften/Bisthumben/Abteyen/Kloestern/Ursprung/Regiment/Reichthumb/Gewalt und Macht/Verenderung/Auff- und Abnehmen/zu Fried- und Kriegszeiten/sampt aller obrigen Beschaffenheit [Reprint-Basis: Ausgabe: Basel 1628], Lahnstein: Rhenania 2010

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Website Ingelheimer Geschichte

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Buch, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtkompendium, Karte, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1507 – Martin Waldseemüllers Weltkarte


Diese Weltkarte „markiert in mehrfacher Hinsicht einen epochalen Einschnitt: Zum einen schließt sie an die Antike an und gehört zu jenen Karten, in denen an der Wende zur Neuzeit die Erkenntnisse des Ptolemäus zur mathematischen Berechnung der Längen- und Breitengrade wieder erschlossen werden. Zum anderen verarbeitet sie das in ihrer Gegenwart durch Entdeckungsfahrten gewonnene Erfahrungswissen, das vor allem durch die Umrundung Afrikas durch die Portugiesen und die Entdeckung eines neuen Erdteils durch Kolumbus gewonnen worden war, zu einem völlig neuen Bild der Welt“. (Oswalt, Weltkarten – Weltbilder, S. 119) Zudem enthält sie erstmals die Bezeichnung „America“ (für den südlichen Teil der ‚Neuen Welt‘). – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 119–135

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Technik, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1375 – Katalanischer Weltatlas von Abraham und Jehuda Cresques


Noch kein Atlas im späteren Sinn, ist die Kartenfolge dennoch markant aufgrund der frühen Einfügung eines Portolans in eine runde mittelalterliche mappa mundi, wodurch sie zur Seefahrt – und damit für praktische Erderschließungszwecke – tauglich wird. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Map. Karten. Die Welt Entdecken, Hamburg: Edel Books 2015, S. 14–15

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Rahmenexpansion, Technik, Text, textuell, Überbreite, Weltatlas, Weltkarte, ymbolisch, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1308 – Raimundus Lullus, Ars brevis

Über mehrere Jahrzehnte hinweg entwickelt der mallorcinische Gelehrte Raimundus Lullus (Ramon Llull) seine Ars combinatoria oder Ars magna: einen philosophisch-theologischen Kalkül, der „die Beantwortung aller Fragen, vorausgesetzt, was man überhaupt wissen kann, ist formulierbar im Begriff“ (Künzel/Bexte, Allwissen und Absturz, S. 34), ermöglichen soll. Am wirkmächtigsten wird die unter dem Titel Ars brevis (1308) bekannte Version. Ernst Bloch hat das damit verfolgte Programm in Das Prinzip Hoffnung so charakterisiert: „Die Lullische Kunst wollte […] eine Anleitung geben zur Auffindung des an jedem Gegenstand kategorial Bestimmbaren, wissenschaftlich Unterscheidbaren, Verbindbaren, Beweisbaren. Und die Hoffnung des Lullus eben war: die Kombinationsmaschine des Wissens umzirkelt und erschöpft jede überhaupt nur sinnvoll mögliche Abwandlung der Erkenntnis. Sie demonstriert buchstäblich ad oculos, dergestalt, daß der Wißbegierige die erzrationalistische Ableitung der Einzelbestimmungen aus Ideen auch sehen, nicht nur einsehen kann.“ (Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 2/761) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974
  • Künzel, Werner/Bexte, Peter: Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers, Frankfurt am Main/Leipzig: Insel 1993
  • Lullus, Raimundus: Ars brevis [1308], Hamburg: Meiner 2001

Weblinks:

🖙 Deutsches Historisches Museum

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Buch, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Mythos/Religion, offen, Organisation, panoramatische Diskursform, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 1300 – Heinrich von Neustadt, Wundersäule im Apollonius von Tyrlant


Apollonius von Tyrlant ist ein deutschsprachiger mittelalterlicher Roman, der auf einer spätantiken lateinischen Vorlage beruht. Darin wird eine Wundersäule beschrieben (12871–12917; 13535f.; 13574–13576; 14299–14305), die sich in dem sagenhaften Land Crisa befindet. Die Säule ist achteckig und wird mit einem hellen Kristall oder mit einem strahlenden Diamanten verglichen. Ihre magische Fähigkeit besteht darin, dass man dort das sehen kann, woran man denkt. Der Erfassungsradius des Spiegels ist räumlich nicht begrenzt: Man kann Ereignisse und Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes sehen. Die Wundersäule zeigt aber nur das, was gerade im Moment geschieht. Das heißt, eine zeitliche Begrenzung ist vorhanden. Um in dem Spiegel das Abbild einer Person zu sehen, muss der Betrachter gezielt erfahren wollen, was diese im Moment tut. Die Wundersäule ist also sehr eng an die Gesinnungen und Absichten des Subjekts gebunden. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass kein Dritter sehen kann, was der Spiegel dem anderen zeigt. Der Zugang zur Wundersäule ist begrenzt: In den Spiegel kann nur schauen, wer die Tugendproben besteht oder magische Mittel hat, sie umzugehen. Das Land Crisa, in dem sich die Wundersäule befindet, wird als Utopie dargestellt: Es gibt dort keinen Tod und kein Leiden, sowohl Menschen als auch Verhältnisse sind beständig. Die Säule projiziert jedoch Abbilder der realen Welt, die unvollkommen und transitorisch ist. In dieser frühen Übertragungsmedienfiktion kristallisiert sich der Kontrast zwischen der beständigen Utopie und der veränderlichen Wirklichkeit. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Heinrich von Neustadt: Heinrichs von Neustadt „Apollonius von Tyrland“ nach der Gothaer Handschrift. „Gottes Zukunft“ und „Visio Philiberti“ nach der Heidelberger Handschrift, 2. Aufl., Dublin/Zürich: Weidmann 1967.
Schlagwörter: Bauwerk, Blicktransparenz, Buch, Ekphrasis, faktual, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, Skulptur, Technik, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, visuell, Zugriffspräsentation

1247 – Sternkarte von Wang Zhiyuan

Die in Granit gestochene Planisphäre verzeichnet 1436 Sterne in 280 Konstellationen. Sie beruht auf einer ca. 50 Jahre älteren, verschollenen Vorlage, die den gesamten von China aus wahrnehmbaren Sternenhimmel zeigt. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Stephenson, F. Richard: „Chinese and Korean star maps and catalogs“. In: The History of Cartography, Bd. 2, hg. von J. B. Harley und David Woodward, Chicago: University of Chicago Press 1994, S. 511–578
Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Halbkugel, Karte, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Rundbild, schematisch, symbolisch, Technik, Weltkarte, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 630 – Isidor von Sevilla, Etymologiae sive Origines


In der Abtei von Sevilla, im westgotischen Reich rund um Toledo, stellt Isidor das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit in dem „Grundbuch des ganzen Mittelalters“ zusammen, das „nicht nur den Wissensbestand für acht Jahrhunderte gültig festgelegt, sondern auch deren Denkform geprägt“ hat (Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, S. 487). Die zwanzig Bücher des Kompendiums umfassen neben den sieben artes liberales auch die verschiedensten ‚unfreien‘ Wissenschaften und Handwerke, die mit der Verfertigung von Gebrauchsgegenständen und vielen anderen alltagsrelevanten Dingen befasst sind: Medizin, Theologie, Baukunst, Landwirtschaft usw. Die Enzyklopädie trägt den, wenngleich nicht auktorial verbürgten, Titel Etymologiae zurecht, weil das etymologische Verfahren das gesamte Wissen organisiert. Leitende Prämisse: Kann man den Ursprung der Wörter erklären, so versteht man auch den der mit ihnen bezeichneten Sachen. Der Überblick über das Ganze der Sprache ist damit eo ipso auch einer über das Ganze der Welt. – Robert Stockhammer

Literatur / Quellen:

  • Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen/Basel: Francke 1993
  • Isidor von Sevilla: Etymologiae sive Origines. Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Wiesbaden: Marix 2008
Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtkompendium, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Zugriffspräsentation

ca. 77 – Gaius Plinius Secundus Maior (Plinius der Ältere), Naturalis historia

Erste systematische Enzyklopädie in 37 Bänden. Abgehandelt werden: Kosmografie (Buch 2), Geografie und Klimatologie (Buch 3–6), Anthropologie (Buch 7), Zoologie (Buch 8–11), Botanik (Buch 12–19), Medizin (20–32), Metallurgie und Mineralogie, außerdem Malerei und Kunstgeschichte (Buch 33–37). In der Vorrede macht Plinius seinen Universal-Kompendiums-Anspruch explizit: „Zwanzigtausend merkwürdige Gegenstände, gesammelt durch das Lesen von etwa zweitausend Büchern, unter welchen erst wenige ihres schwierigen Inhalts wegen von den Gelehrten benutzt sind, von Hundert der besten Schriftsteller, habe ich in 36 Büchern zusammengefasst, dazu aber noch vieles gefügt, wovon entweder unsere Vorfahren nichts wussten oder was das Leben erst später ermittelt hat.“ – Johannes Ullmaier

Weblinks:

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Schlagwörter: Buch, Denkmal, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Organisation, symbolisch, Technik, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

ca. 8 – Icarus in Ovids Metamorphosen

Wie der Turmbau zu Babel indiziert auch die Urszene abendländischer Flugpanoramatik (Buch VIII, V 183–235) mit der Begehrensmacht zugleich die Zweischneidigkeit menschlicher Himmelsaufbrüche. Daedalus’ aviatische Technik ermöglicht ihm und seinem Sohn Icarus die erhebende Befreiung aus der kretischen Verbannung. Doch die Lust am Aufstieg mündet in Kontrollverlust. Die Kernpassage gestaltet zudem den Perspektivwechsel vom situierten Aufschauen erdgebundener Beobachter zu den vermeintlich göttlichen Fliegern hin zu deren (quasi-)göttlicher Überschau: „Wer sie erblickt, ein Fischer vielleicht, der mit schwankender Rute angelt, ein Hirte, gelehnt auf den Stab, auf die Sterzen gestützt, ein Pflüger, sie schauen und staunen und glauben Götter zu sehen, da durch den Äther sie nahn. Schon liegt zur Linken der Juno heiliges Samos, liegt im Rücken Delos und Paros, rechts schon Lebinthus erscheint und das honigreiche Calymne, als der Knabe beginnt, sich des kühnen Flugs zu freuen, als er den [väterlichen] Führer verläßt und im Drang, sich zum Himmel zu heben, höher den Weg sich wählt.“ Weil er der Sonne zu nahe kommt, schmilzt das Wachs, das die Flügel mit seinem Körper verbindet, und er stürzt ins Meer. „‚Icarus!‘, ruft [Dedalus], ‚wo bist du? Wo soll in der Welt ich dich suchen?‘“ (Ovid, Metamorphosen, S. 287) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Ovid: Metamorphosen, Stuttgart: Reclam 1994, S. 285–287

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Didaktik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Panoramaflug, Realpanoramatik, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, visuell

ca. -25 – Vergil, Aeneis, Beschreibung des Aeneas-Schilds

Im achten Buch der Aeneis beschreibt Vergil, wie die Göttin Venus ihrem Sohn Aeneas Geschenke macht, die ihr Mann, der Gott Vulkan, für ihn angefertigt hat. Eines davon ist ein Schild (V 585–731), welcher wichtige Szenen der Zukunft Roms darstellt. Zu sehen sind z. B. Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt werden, der Raub der Sabinerinnen, der Sieg von Rom mit Porsena, der Gallische Angriff auf Rom, die Schlacht von Actium und die Herrschaft von Augustus Caesar. Vergil konkurriert mit Homer im künstlerischen Ekphrasis-Wettstreit und übertrifft ihn dabei insofern, als Aeneas’ Schild nicht nur – wie der Homerische des Achill – ein zwar belebtes, aber relativ synchrones Weltpanorama, sondern die ganze weitere Geschichte zeigt, die der Held noch gar nicht kennen kann. – Jana Keim

Literatur / Quellen:

  • Vergil: Aeneis, Berlin/Boston: de Gruyter 2015

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🖙 textlog Schild des Aeneas

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Ekphrasis, Event/Performance, fiktional, Großtableau, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Panorama-Diskurs, Panoramabild, panoramatische Erzählung, Rundbild, Skulptur, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation