1787 – Robert Barker, Panoramapatent

Am 19. Juni meldet der irische Maler Robert Barker (1739–1806) in Edinburgh das Patent für eine technische Erfindung an, die „an entire view of any country or situation, as it appears to an observer turning quite round“ bieten soll. Als Bezeichnung wählt er in der Patentschrift „la nature à coup d’oeil“ (frz. für „die Natur auf einen Blick“). Die Bezeichnung ‚Panorama‘ wird erst ein paar Jahre danach gebräuchlich, allgemein wie auch bei Barker selbst. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Didaktik, faktual, Fernblick, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundband, Rundbau, Technik, Text, Überbreite, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1787 – Karl Philipp Moritz, All-Skalierungskonzeption in Über die bildende Nachahmung des Schönen

Während er im Rahmen einer gesamtweltgenetischen Herleitung der Ästhetik – und hier konkret im Zuge einer psychologisch vertieften Paragone – um den Nachweis der Überlegenheit der Literatur gegenüber der Bildenden Kunst bemüht ist, schafft Karl Philipp Moritz eine Formulierung, deren Wortlaut sich wie ein intermediales Allgemeinprogramm panoramatischer All-Registratur und -All-Präsentation ausnimmt: „Der Horizont der tätigen Kraft aber muß bei dem bildenden Genie so weit, wie die Natur selber, sein: das heißt, die Organisation muß so fein gewebt sein, und so unendlich viele Berührungspunkte der allumströmenden Natur darbieten, daß gleichsam die äußersten Enden von allen Verhältnissen der Natur im Großen, hier im Kleinen sich nebeneinander stellend, Raum genug haben, um sich einander nicht verdrängen zu dürfen.“ (Moritz, „Über die bildende Nachahmung des Schönen [1787/88]“, S. 972). Der Kern des ästhetischen Verfahrens wird hier aufgefasst als die Herunterskalierung einer (nominell) unbegrenzten und beliebig detaillierten Weltauffassung in eine möglichst kleine, in sich geschlossene und der humanen Perzeption (nominell) verlustfrei angepasste Medienform. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moritz, Karl Philipp: „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ [1787/88]. In: Werke in zwei Bänden. Band 2: Popularphilosophie/Reisen/Ästhetische Theorie, hg. von Heide Hollmer und Albert Meier, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1997, S. 958–991

Weblinks:

🖙 Digitalisat

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Didaktik, faktual, fiktional, Gesamtprojektion, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, Panorama-Diskurs, schematisch, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1782 – Eye of Providence


Das in der ägyptischen und christlichen Ikonografie und auf Freimaurer-Wappen vielfach präfigurierte Allsehende Auge gelangt auf die Rückseite des offiziellen Dienstsiegels der USA. Dort thront es auf einer Pyramide, die sich in ähnlichem Baustadium befindet wie Bruegels Babelturm. – Johannes Ullmaier

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Draufblick, Fernblick, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, Rundbild, symbolisch, Text, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1781 – Philip James de Loutherbourg, Eidophusikon

Im Februar 1781 eröffnet der Maler Philip James de Loutherbourg am Londoner Leicester Square ein illusionistisches Miniaturtheater, auf dessen ca 1,80 × 2,50 m großer Bühne er „Moving Pictures, representing Phenomena of Nature“ zeigt. „Vor allem wurden transparente Bilder verwendet, denen wechselnd-farbiges Licht Leben einhauchte; eine Vorstellung umfasste ursprünglich wohl fünf Szenen, von denen jede den Ablauf einer Tages- bzw. Nachtzeit und deren Wetter- und Lichtphänomene wiedergab – begleitet von einer mechanischen Geräuschmaschine, die Blitz, Donner, Regen etc. simulierte.“ (Hüningen, Artikel „Eidophusikon“) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Hüningen, James zu: „Eidophusikon“. In: Lexikon der Filmbegriffe, https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/e:eidophusikon-8197, Datum des Zugriffs: 31.12.2024

Weblinks:

🖙 Filmlexikon

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, audiovisuell, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Event/Performance, geschlossen, haptisch, Immersion, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt

1770 – Johann Wolfgang Goethe, Blick vom Münster

Am 4. April 1770 besteigt der junge Goethe den Turm des Straßburger Münsters. Über sein prägendes Panoramaerlebnis berichtet er im zweiten Band seiner Autobiografie Dichtung und Wahrheit (EA 1812): „indem ich das Gebäude eilig bestieg, um nicht den schönen Augenblick einer hohen und heitern Sonne zu versäumen, welche mir das weite, reiche Land auf einmal offenbaren sollte. Und so sah ich denn von der Plattform die schöne Gegend vor mir, in welcher ich eine Zeitlang wohnen und hausen durfte: die ansehnliche Stadt, die weitumherliegenden, mit herrlichen dichten Bäumen besetzten und durchflochtenen Auen, diesen auffallenden Reichtum der Vegetation, der, dem Laufe des Rheins folgend, die Ufer, Inseln und Werder bezeichnet. Nicht weniger mit mannigfaltigem Grün geschmückt ist der von Süden herab sich ziehende flache Grund, welchen die Ill bewässert; selbst westwärts, nach dem Gebirge zu, finden sich manche Niederungen, die einen eben so reizenden Anblick von Wald und Wiesenwuchs gewähren, so wie der nördliche mehr hügelige Teil von unendlichen kleinen Bächen durchschnitten ist, die überall ein schnelles Wachstum begünstigen.“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit, S. 345). Auch die dem ersten Umherblicken folgenden Panorama-Beschreibungs- und Reflexions-Passagen sind – bis hin zum Abstieg – phänotypisch für die realpanoramatische Seherfahrung seit der Aufklärung. Goethe sieht und schreibt hier in dem Geist, den man Petrarca später gern anachronistisch zuschrieb. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Goethe, Johann Wolfgang: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Sämtliche Werke. Bd. 14, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1988, S. 345–349
Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Event/Performance, faktual, Fernblick, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, Realpanoramatik, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1756 – Giuseppe Vasi, Panoramatische Ansicht der Stadt Rom vom Gianicolo aus


Der Radierer Vasi bietet Touristen in Rom eine majestätische Ansicht der Stadt mitsamt Legende an, die aus zwölf großen Blättern zusammengesetzt ist. Sie zeigt in horizontaler Erstreckung detailliert Gebäude und Straßenzüge, wobei der Aufnahmewinkel schon ungefähr einen Halbkreis beschreibt. Den unteren Abschluss der Ansicht bildet eine fingierte Balustrade mit dem Vers des Dichters Martial „HINC SEPTEM DOMINOS VIDERE MONTES/ET TOTAM LICET AESTIMARE ROMAM“, zu Deutsch: „von hier aus erblickt man die sieben herrschaftlichen Hügel und kann den Anblick von ganz Rom genießen“. Das Werk verbindet die Tradition des Stadtplans in der Vogelschau mit der Panorama-Vedute. Von der Produktion von Veduten lässt sich eine Verbindung bis zu den großen Panoramarundbildern des 19. Jahrhunderts ziehen, die häufig ebenfalls den Rundblick über eine Stadt von einem erhöhten Standpunkt aus simulieren. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Bätschmann, Oskar: Entfernung der Natur. Landschaftsmalerei 1750–1920, Köln: DuMont 1989, S. 87 f.
  • Weblinks:

    🖙 Vasi, Ansicht der Stadt Rom

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1694 – Andrea Pozzo, Apotheose des hl. Ignatius

Exemplarisches barock- und halbkuppel-illusionistisches Deckengemälde mit Aufblick in die himmlische Unendlichkeit. Darüber hinaus wird der globale Missionsanspruch der Jesuiten in alle vier Himmelsrichtungen markiert. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Berger, Klaus/Beinert, Wolfgang/Wetzel, Christoph u. a.: Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg i. B.: Herder 2006, S. 104
Schlagwörter: 360°, Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Fernblick, fiktional, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Halbkugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, Panoramabild, schematisch, symbolisch, Überbreite, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1682 – Schloss Versailles


Die Umkehrung des auf den absolutistischen Herrscher konzentrierten Baus ist das Grande Perspective genannte Panorama der Gärten, so wie sich aus aller Zentralperspektive ex negativo eine Gesamtschau und aus aller Isolierung eines Subjekts dialektisch eine Gesellschaft (ein Staat) ergibt. Dieses Denken spiegelt auch der ursprüngliche Plan der Baumeister Ludwigs XIV., die umgebenden Straßen wie Strahlen einer Sonne (des Sonnenkönigs) breit ausfächern zu lassen. Die Gleichung „L’État c’est moi“ könnte übersetzt werden in: Punkt ist Panorama. 1819 schuf der Maler John Vanderlyn in New York das erste große Panorama von Versailles. Um es zu erstellen, setzte er eine Camera obscura ein. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Lablaude, Pierre-André: Die Gärten von Versailles, Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft 1995
  • De Givry, Jacques/Périllon, Yves: „Versailles, la Grande Perspective“. In: Versalia. Revue de la Société des Amis de Versailles 11 (2008), S. 99–112, S. 102
  • West, Peter (Hg.): Panoramas, 1787–1900: Texts and Contexts, Abingdon, London: Routledge 2016, S. 1–14
Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, bildvisuell, Denkmal, Draufblick, faktual, Fernblick, geschlossen, Großtableau, Medialpanoramatik, Naturpanorama, Organisation, Realpanoramatik, Skulptur, Technik, Überwachung, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1619 – Johann Valentin Andreae, Reipublicae Christianopolitanae descriptio


Prä-panoptische Stadtstaats-Utopie inklusive panoramatischer Stadtansicht; christliche Präfiguration eines zentralistischen Überwachungsarchitektur-Begehrens, das sich hier chronologisch wie epochal deutlich vor der Aufklärung zeigt, mit der es seit Foucaults Bentham-Diskurs oft starr assoziiert wird. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Andreae, Johann Valentin: Christianopolis, Stuttgart: Reclam 1975

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: 360°, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Buch, Didaktik, Draufblick, fiktional, Gesamtprojektion, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1585 – Andrea Palladio, das Teatro Olimpico in Vicenza


In diesem Jahr vollendet der Bauherr Andrea Palladio mit dem Teatro Olimpico in Vicenza ein Gebäude, dessen Konzeption die künftige Entwicklung der illusionistischen Bühne maßgeblich befördert. Mit besonderem Augenmerk auf die Verbindung zwischen Zuschauerraum und Bühne kreiert Palladio eine Raumordnung, die nicht wie zuvor im höfischen Theater verschiedene Logen vorsieht, sondern allen Zuschauenden den gleichen wirkungsvollen Bühnenblick ermöglicht. Bereits eine Generation vor Andrea Palladio wird die Tendenz zur Schaffung eines illusionistischen Bühnenbildes offenkundig, die mit der Abkehr von mittelalterlichen Traditionen wie der Simultanbühne einhergeht: Statt wie dort in die Breite ausgerollt und parzelliert zu werden, soll die Totalität der dargestellten Welt jetzt einheitlich vertieft erscheinen. Entsprechend verfügt Palladios Bühnenprospekt – durch seine architektonische Anlage entscheidend erweitert – über mehr Tiefe, was zur Voraussetzung der im Barock entwickelten und eingesetzten Guckkastenbühne wird. So besteht der Hintergrund des Teatro Olimpico nicht mehr länger ausschließlich aus einem gemalten Bühnenbild, sondern wird von einer großflächigen Schauwand ausgefüllt, die sich durch eine gestaffelte illusionistische Hintergrundarchitektur auszeichnet und zu dieser Zeit eine Besonderheit darstellt. Die reale Architektur im Hintergrund der Bühne ermöglicht damit erstmalig eine realistische Wiedergabe der Raumvertiefung. Der Blick der Zuschauenden auf die scheinbar dahinterliegende Kulissenstadt erfolgt durch drei Portale im Bühnenbild. Ursprünglich will Palladio sogar auch die Veränderlichkeit des Bühnenbildes schon gewährleisten, wofür er ein System drehbarer, eingeschobener Bühnenbilder konzipiert, die zum jeweiligen Stück passende Landschaftsausblicke bieten sollen (vgl. Beyer, Palladio, 45–46). Da die Kulissenstadt jedoch konkret für eine Vorstellung von Sophokles’ Tragödie König Ödipus erbaut wird, die statisch vorm Palast von Theben spielt, entscheiden sich die Veranstalter gegen diese Pläne und zugunsten einer fest installierten Hintergrundarchitektur, die jede Veränderung am Bühnenbild ausschließt. Doch auch so schafft Palladios Theater zu Beginn des 16. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der ein vertiefter Illusionsanspruch sich zu regen beginnt, einen neuen, durch Vertiefung erweiterten Darstellungsrahmen für die Dramenwelt auf einer Bühne. – Lena Reuther

Literatur / Quellen:

  • Beyer, Andreas: Andrea Palladio, Teatro Olimpico. Triumpharchitektur für eine humanistische Gesellschaft, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch-Verlag 1987.

Weblinks:

🖙 Teatro Olimpico Vicenza

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Event/Performance, Fernblick, fiktional, Gemälde, Gemälderundbau, Gesamtprojektion, geschlossen, Halbrundband, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Panoramabild, Rahmenexpansion, Rundbau, symbolisch, Unterhaltung, Zeichnung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation