1935 – Walter Benjamin im Kaiserpanorama

In den postum erschienenen, 1932–1938 entstandenen Prosa-Erinnerungs-Vignetten Benjamins an seine Berliner Kindheit schildert dieser auch einen nicht datierten, aber wohl um die Jahrhundertwende erfolgten Besuch in dem damals schon im Sterben liegenden Popularmedium. Nichtsdestoweniger ermöglicht dieses dem Kind eine bewegungslos bewegte Weltreise und wird dem späteren Medientheoretiker als unmittelbare Vorstufe des Films gelten. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 11: Berliner Chronik / Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Berlin: Suhrkamp 2019
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1930–1932 – Kaiserpanorama-Schilderung in Hermann Brochs Die Schlafwandler

In der als dreistufiger Epochenquerschnitt multi-panoramatisch angelegten Roman-Trilogie Die Schlafwandler findet sich gegen Ende des ersten Teils 1888 – Pasenow oder die Romantik eine zur ‚man‘- bzw. ‚du‘-Form verallgemeinerte Beschreibung eines Kaiserpanorama-Besuchs. Dabei seismografiert Brochs Schilderung nicht nur die sozialen, kommerziellen und (mit Vorschein auf spätere Peepshows) blickscham-politischen Implikationen dieser Medienpraxis, sondern dokumentiert zudem fast wie in einem Wahrnehmungsprotokoll die visuelle, akustische und innerpsychische Ablauffolge – hier einer „Indien“-Reise – bis zur Schließung des Schaukreises. Neben Max Brods Panorama-Abgesang von 1913, Walter Benjamins melancholischer Rückschau aus den 1930ern und H. G. Adlers Panorama-Roman (geschrieben 1948 und von Brochs Erzähltechnik sowie dem Dialog mit diesem angeregt) das wichtigste deutschsprachige literarische Zeugnis zur Rezeptionsgeschichte dieser Medienerfahrung. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Broch, Hermann: Die Schlafwandler. Eine Roman-Trilogie [1930/1932], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 165–169
  • Brod, Max: Über die Schönheit häßlicher Bilder. Essays zu Kunst und Ästhetik [1913], Göttingen: Wallstein 2014
  • Adler, H. G./Broch, Hermann: Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel, Göttingen: Wallstein 2004
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, Rundband, Rundbau, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1927–1940 – Walter Benjamin, Passagenwerk

Das fragmentarisch überlieferte und postum im Rahmen einer editionsphilologischen Sichtung Rolf Tiedemanns als Passagenwerk titulierte Projekt, an dem Benjamin von 1927 bis 1940 arbeitet, begreift sich in seiner offenen, unvollendeten und letztlich wohl unvollendbaren Form als philosophische Geschichtsrekonstruktion der Pariser Urbanität des 19. Jahrhunderts. Diese versucht es in Form eines gigantischen Diskurs-Wimmelbildes in ihrer Gesamtheit zu erfassen und zu präsentieren – in der Hoffnung, aus der Urgeschichte des modernen Kapitalismus das katastrophische 20. Jahrhundert zu erhellen. Anstelle eines stringenten Textkorpus kompiliert Benjamin eine heterogene Materialsammlung, die in 48 Konvoluten, begleitet von zwei Exposés, diverse Text- und Bildquellen sowie Zitate und Kommentare ausbreitet. Bereits das erste Exposé – das einen Einblick in das Themenspektrum gewährt, welches sich von den Pariser Passagen über die Panoramen und Weltausstellungen bis zum Interieur und den Straßen von Paris erstreckt – postuliert, dass Text- und Stadtraum als konvergierende Konzepte zu betrachten seien. So soll die dispositorische Nachahmung der Pariser Passagenarchitektonik, die zum Flanierdurchgang durch die Konvolute respektive Auslagen und Präsentationsräume einlädt, einen gleichermaßen multiperspektivischen wie integralen Zugang zur Dialektik des 19. Jahrhunderts eröffnen. Inwieweit Benjamins panoramatische Utopie einer translinearen Textverräumlichung zur Erfassung einer historischen Totalität sich in der realen Leserezeption vermittelt, muss individuell erkundet werden. – Violetta Xynopoulou

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983
  • Lindner, Burkhardt: Benjamin-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: J. B. Metzler 2011
  • Kranz, Isabel: Raumgewordene Vergangenheit. Walter Benjamins Poetologie der Geschichte, München: Wilhelm Fink 2011

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Organisation, Panorama-Diskurs, panoramatische Diskursform, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1926 – Fritz Kahn, Lebenstafeln

In den Erklärungen zur Plakat-Sammlung Das Leben des Menschen III heißt es zur Tafel „Der Mensch als Industriepalast“, dort sei „der Versuch unternommen, die wichtigsten Lebensvorgänge, die direkt nie beobachtet werden können, in Form bekannter technischer Prozesse darzustellen, um so ein Gesamtbild vom Innenleben des menschlichen Leibes vor Augen zu führen.“ Auf der Tafel „In 70 Jahren isst der Mensch 14000-mal sein Gewicht“ ist das Gesamtverzeichnis der durchschnittlich in einem Menschenleben verzehrten Nahrungsmittel nach Art und jeweiliger Menge bebildert. Die entsprechenden Lebensmittel(massen) fahren auf Güterwagons in den offenen Tunnelmund eines anthropomorphen Felsenkopfes. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Debschitz, Uta/Debschitz, Thilo von: Fritz Kahn – Man Machine / Maschine Mensch, Wien: Springer 2009, S. 54–55 u. 99

Weblinks:

🖙 Tafel Industriepalast
🖙 Tafel Gewicht

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, faktual, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, geschlossen, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1925 – Edwin Hubble, Ausblick aus der Milchstraße

Am Neujahrstag verliest der in Princeton lehrende Astronom Henry Norris Russell auf der Washingtoner Jahrestagung der American Astronomical Society einen Vortrag mit dem unscheinbaren Titel Cepheids in Spiral Nebula. Dabei vertritt er den eigentlichen Autor des Papers, Edwin Hubble, der, obwohl auch auf der Tagung, selbst nicht auf die Bühne geht, womöglich aus Sorge, mit seiner These – immerhin der größten Realweltexpansionsbehauptung der Geschichte – nicht ganz stichfest zu erscheinen. Doch die Beobachtungen, die er auf dem südkalifornischen Mount Wilson Observatorium gemacht hat, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jenseits der Milchstraße weit über das von und seit Herschel antizipierte Maß hinaus noch weitere Galaxien geben muss und dass das Weltall Billionen mal so groß ist wie bis dato angenommen. Ein empirischer Nachweis, dass es zudem ständig expandiert, gelingt vier Jahre später. (Bartusiak, IX-XVII) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hubble, Edwin P.: „Chepheids in Spiral Nebulae“. In: Publications of the American Astronomical Society 5 (1925), S. 261–264
  • Bartusiak, Marcia: The Day We Found the Universe, New York: Vintage Books 2009

Weblinks:

🖙 Vortragsskript

Schlagwörter: aktual, auditiv, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Event/Performance, Fernblick, Foto, Gesamtprojektion, Halbkugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Rundbau, schematisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Weltkarte, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1925 – Gertrude Stein, The Making of Americans


Absicht des umfangreichen, von 1903 bis 1911 verfassten Texts ist eine „vollständige Beschreibung“ im Sinne von Steins Lehrer William James. Vollständig beschrieben werden hier die Amerikanerinnen und Amerikaner. Die Autorin plant mit The Long Gay Book eine vollständige Beschreibung der Menschheit, aber führt das Projekt nicht aus. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Stein, Gertrude: The Making of Americans. Geschichte vom Werdegang einer Familie, Klagenfurt: Ritter 1989

Weblinks:

🖙 Wikipdia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, fiktional, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Unterhaltung

1925 – Gesamtkatalog der Wiegendrucke

1925 auf Betreiben Friedrich Althoffs an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedeltes Projekt zur retrospektiven Erfassung aller im 15. Jahrhundert gefertigten Druckwerke, sogenannter Wiegendrucke bzw. Inkunabeln. Ursprünglich beim Anton Hiersemann Verlag in Leipzig als Print-Edition erschienen, ist der Katalog seit 2009 zusätzlich als Online-Datenbank abrufbar. Seither wird er konsequent aktualisiert und liegt so – stellvertretend für alle kumulativ gepflegten Gesamtverzeichnisunternehmungen – stets zugleich in je aktuell umfassender und doch vorläufiger Gestalt vor. Die 24 Printbände bieten über 50.000 alphabetisch sortierte Einträge, die folgendem Schema folgen: 1) bibliografische Angaben; 2) Auskunft zur Kollation; 3) Beschreibung des Textinhalts mit Übernahme des von Ludwig Hain im Repertorium bibliographicum entworfenen Konzepts der Wiedergabe von Incipit und Explicit; 4) Quellen- und Exemplarnachweise. Programmatisch erstrebt das Werk eine Kompletterfassung aller frühen Realisationen einer welthistorisch bedeutsamen Erfindung in einem begrenzten Zeitraum, für den das im Unterschied zu späteren noch möglich scheint. – Gabryel Greco

Literatur / Quellen:

  • Deutsche Staatsbibliothek zu Berlin 1968–2021 ((fehlt in der Bibliografie))

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Online-Datenbank

Schlagwörter: Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, offen, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

1924 – Alexander Moszkowski, Das Panorama meines Lebens

In der Vorrede zu seiner Lebensbeschreibung entwirft der satirische Schriftsteller – passend zum Titel – ein panoramatisches Konzept von Autobiografie: „Mein Plan war, aus den Gegebenheiten meines Lebens etwas Größeres, Allgemeingültiges zu entwickeln. Es sollte ein Panorama werden, aber nicht auf einer Fläche vorübergleitend, sondern mit den optischen Möglichkeiten einer Universalschau. Wie eine silbern spiegelnde Glaskugel in einem Garten, die, für sich genommen, räumlich klein ist, aber mit ihren Reflexen weit in die Welt reicht bis ans Firmament. Hunderte von Leben würden sich dazu eignen, in dieser Weise zurecht geschliffen zu werden, um als Reflexträger des Allgemeinen, Weitgespannten zu wirken.“ – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moszkowski, Alexander: Das Panorama meines Lebens, Berlin: F. Fontane & Co. 1925

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Text

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Panorama-Diskurs, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Unterhaltung, Zeitensynopse

1922 – Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit

Das für ein „Marstheater“ geschriebene Stück, dessen ungekürzte Hörspielfassung (ORF 1974) 25 h dauert, erfasst mithilfe von 1114 Rollen in einem bösen Rundumblick den moralischen Bankrott der Wiener Gesellschaft im Besonderen und Europas im Allgemeinen. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit: Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog [1922], Salzburg: Jung und Jung 2014

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Text

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtkompendium, geschlossen, Großtableau, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Wimmelbild

1920 – Jewgenij Samjatin, Wir

Im Jahr 1920 verfasst und infolge der rigorosen sowjetischen Zensur erst 1924 und nur im Tamizdat publiziert, schildert der dystopische Roman des russischen Schriftstellers Jewgenij Iwanowitsch Samjatin (1884–1937) ein aus technischem Fortschritt und damit einhergehendem Machbarkeitswahn resultierendes Gesellschaftssystem des entindividualisierenden Totalitarismus. Von der Außenwelt durch eine Mauer getrennt, führen die Bewohner ein in allen, auch privaten, Belangen minutiös reglementiertes Leben als Nummern und in einheitlichen Uniformen. Sie leben in kubischen Wohnblöcken aus Glas, deren Transparenz sie allseits diszipliniert. Samjatins extrapolierende Überzeichnung der zeitgenössischen Sowjetdiktatur nimmt in der Diegese auch deren Zusammenbruch vorweg, wodurch sie zugleich zur allgemeinen Allegorie auf die panoptische Hybris des Menschen wird. Samjatins Werk inspiriert in der Folge maßgeblich heute bekanntere Dystopien wie Aldous Huxleys Brave New World (1932) und George Orwells 1984 (1949). – Violetta Xynopoulou

Literatur / Quellen:

  • Leucht, Robert: Dynamiken politischer Imagination. Die deutschsprachige Utopie von Stifter bis Döblin in ihren internationalen Kontexten 1848–1930, Berlin/Boston: De Gruyter 2016
  • Samjatin, Jewgenij: Wir [1920/24], Köln: Kiepenheuer & Witsch 1958
  • Schneider, Manfred: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche, Berlin: Matthes & Seitz 2013, S. 253–256

Weblinks:

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Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Blicktransparenz, Buch, Didaktik, fiktional, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Realpanoramatik, symbolisch, Technik, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, visuell, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation