1200–1210 – Wolfram von Eschenbach, Wundersäule im Parzival

In dem mittelhochdeutschen Epos Parzival wird eine Wundersäule beschrieben (Str. 589,1–590,16 u. 592,1–19), die wie ein Weltspiegel funktioniert. Sie befindet sich im Wunderland Terre marveille und macht sämtliche Vorgänge im Umland sichtbar. Die Säule steht nicht im Freien, sondern ist innerhalb eines überkuppelten Turms situiert, durch dessen Fenster sie Strahlen aussendet. Diese kehren zur Säule zurück und erzeugen ein dynamisches Abbild im Einklang mit der Welt, das auf der Säule sichtbar wird. Da die Strahlen einzig durch die Fenster des Turmes hinausgelangen, entstehen trotz der 360°-Anlage blinde Flecken, während die Strahlen, die durch zwei benachbarte Fenster ausgesendet werden, eine Szene wiederum nur aus unterschiedlichen Winkeln abbilden können. Das Wahrnehmen dieser mimetischen Repräsentationen unterscheidet sich deutlich vom alltäglichen Sehen, weil die Abbildungen auf der Säule von der in dem Epos erzählten Realität abweichen. Denn infolge der Überlappungen und Verzerrungen entsteht eine gewisse Diskontinuität der Darstellung. Im Unterschied zum Spiegel aus dem ➚ Eneasroman Heinrich von Veldekes ist für die Wundersäule auch ein Betrachter vorgesehen: Das Zusammenwirken von der abbildenden Säule und den wahrnehmenden Rezipienten, die je nach Vorwissen und Einstellungen das Dargebotene unterschiedlich verstehen, ist für das wolframsche Konzept sehr wichtig. Wolframs Wundersäule wurde in weiteren mittelalterlichen Texten rezipiert und gedeutet, etwa im ➚ Jüngeren Titurel sowie in Heinrich von Neustadts ➚ Apollonius von Tyrland. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Wolfram von Eschenbach: Parzival, Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker-Verlag 1994.

Weblinks:

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Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, begrenzte Allheit, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Kugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mythos/Religion, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

1170–1188 – Heinrich von Veldeke, Weitsicht-Spiegel im Eneasroman

Der Eneasroman, der erste deutschsprachige höfische Roman, wird im 12. Jh. vom Dichter Heinrich von Veldeke als Übersetzung des französischen Roman d’Eneas verfasst. Die beiden Werke sind mittelalterliche Bearbeitungen zu Vergils Epos Aeneis, in dem die Vorgeschichte der Begründung Roms erzählt wird. Im Eneasroman (Str. 9562–9571) beschreibt Veldeke einen wunderbaren Weitsicht-Spiegel. Dieser befindet sich auf dem Grabmal der amazonischen Königin Camilla, das sie schon bei Lebzeiten bauen lässt. Veldekes Beschreibung bezieht sich auf die Priester-Johannes-Tradition: Auf dem Grabmal wird ein mehrstufiges, säulenartiges Bauwerk mit einem Spiegel am oberen Ende eingerichtet. Aus der Perspektive der Optik und der Technologie kann man sich diesen als Vollkugel oder mindestens als Konvexspiegel vorstellen, da er das Herrschaftsgebiet rundum abbildet. Die Projektion erfolgt in zwei Dimensionen: Die erste umfasst das Sichtbare, also die räumliche Umgebung, die zweite hingegen das Unsichtbare – die feindlichen Absichten der Menschen. Diese Fähigkeiten des Spiegels können auch der Verteidigung der Herrschaft dienen, allerdings nur, wenn es jemanden gibt, der in den Spiegel schaut. Doch kann sich – Veldekes Beschreibung nach – niemand in dem Bauwerk aufhalten, weil die Eingänge vermauert sind. Theoretisch ist aber ein Blick von außen möglich, wenngleich fraglich scheint, wie viel man überhaupt auf diese Weise sehen kann. Obwohl die Verteidigungsfunktion des Spiegels in Veldekes Werk also deutlich ausgewiesen ist, bleibt der Weg, sie zu benutzen, doch versperrt. Wie in anderen mittelalterlichen Weltspiegel-Fiktionen offenbart sich auch hier ein besonderer Zusammenhang zwischen Wahrnehmen und Zeigen: Der Spiegel nimmt zwar alles wahr, das kann aber niemand sehen. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdt. übers., mit einem Stellenkommentar und einem Nachw. von Dieter Kartschoke, Stuttgart: Reclam 2007.

Weblinks:

🖙 Eneasroman

Schlagwörter: 360°, Allwahrnehmung, begrenzte Allheit, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Kugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, Mythos/Religion, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 1150 – Muhammad al-Idrisi, Buch des Roger


Das im Auftrag des Normannenkönigs Roger II. auf Sizilien angefertigte Kompendium (Das Vergnügen dessen, der sich nach Durchquerung der Länder sehnt) enthält 70 Teilkarten sowie Erläuterungen, die das gesamte damals zugängliche geografische Wissen synthetisieren sollen. Die darauf beruhende, auf eine Silberscheibe gravierte Weltkarte (ca. 3,5 × 1,5 m) ist nicht erhalten. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 73–86
Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Leporello, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Weltatlas, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 900–999 – Josua-Rolle


Die im 10. Jahrhundert in Konstantinopel entstandene Schriftrolle zeigt auf 27 Bildern das Leben Josuas. Sie wird der kaiserlich-byzantinischen Hofschule, womöglich Konstantin VII., zugeordnet. Die 10 m lange Schrift befindet sich heute als Cod. Vat. Palat. gr. 431 in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Es handelt sich um eine hagiografische Übersicht zum Leben Josuas zwischen Tableau und Laufrolle. Obwohl die Grisaillien von mehreren Händen erstellt wurden, ergeben sie eine zusammenhängende Erzählung. Ungewöhnlich ist, dass dieses Werk der byzantinischen Kunst auf die Form der antiken Schriftrolle zurückgreift und nicht als Codex umgesetzt wurde. Durch die Art der Präsentation ergibt sich ein panoramatischer Lebensüberblick. Zudem gehen die Szenen z. T. fließend ineinander über und zeigen mit Himmelskörpern Tag- und Nachtwechsel an. – Antje Schilling

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Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Panoramabild, Rahmenexpansion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

ca. 630 – Isidor von Sevilla, Etymologiae sive Origines


In der Abtei von Sevilla, im westgotischen Reich rund um Toledo, stellt Isidor das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit in dem „Grundbuch des ganzen Mittelalters“ zusammen, das „nicht nur den Wissensbestand für acht Jahrhunderte gültig festgelegt, sondern auch deren Denkform geprägt“ hat (Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, S. 487). Die zwanzig Bücher des Kompendiums umfassen neben den sieben artes liberales auch die verschiedensten ‚unfreien‘ Wissenschaften und Handwerke, die mit der Verfertigung von Gebrauchsgegenständen und vielen anderen alltagsrelevanten Dingen befasst sind: Medizin, Theologie, Baukunst, Landwirtschaft usw. Die Enzyklopädie trägt den, wenngleich nicht auktorial verbürgten, Titel Etymologiae zurecht, weil das etymologische Verfahren das gesamte Wissen organisiert. Leitende Prämisse: Kann man den Ursprung der Wörter erklären, so versteht man auch den der mit ihnen bezeichneten Sachen. Der Überblick über das Ganze der Sprache ist damit eo ipso auch einer über das Ganze der Welt. – Robert Stockhammer

Literatur / Quellen:

  • Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen/Basel: Francke 1993
  • Isidor von Sevilla: Etymologiae sive Origines. Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Wiesbaden: Marix 2008
Schlagwörter: Ästhetik, begrenzte Allheit, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtkompendium, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Zugriffspräsentation

549 – Apsis von Sant’Apollinare in Classe bei Ravenna


Rundbild und Halbkuppel-Bild mit himmlischem Paradies und biblischen Szenen. Frühes Beispiel prä-immersiver und prä-panoramatischer Kircheninnenraumgestaltung. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Berger, Klaus/Beinert, Wolfgang/Wetzel, Christoph u. a.: Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg i. B.: Herder 2006, S. 86

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🖙 Innenansicht

Schlagwörter: Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Gemälderundbau, Großtableau, Halbkugel, Halbrundband, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Panoramabild, Rundbau, Rundbild, symbolisch, Unterhaltung, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 375 – Tabula Peutingeriana


Als pure Exemplifikation diagrammatischer Verwaltungs-Repräsentations-Panoramatik verzeichnet die (nicht abstandsgerechte) Darstellung alle Straßen des Römischen Reiches. Zur Wegfindung ungeeignet, dient sie ausschließlich zum Ruhm der „wiederhergestellten Ruhe und Ordnung durch die diokletianischen Verwaltungsreformen“ (Map. Karten, S. 25). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Map. Karten. Die Welt Entdecken, Hamburg: Edel Books 2015
  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 45–72

Weblinks:

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🖙 Abgleich mit moderner Karte

Schlagwörter: begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtdiagramm, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Zugleichspräsentation

112–113 – Trajanssäule


35 m hohe Ehrensäule von 3,7 m Durchmesser für den römischen Kaiser Trajan (98–117). Auf deren 190 m langem Schraubenreliefband sind in 23 Rundwindungen wimmelbildartige Szenen aus zwei zeitgenössischen Eroberungsfeldzügen gegen die Daker in rahmenlos fortlaufender Aufwärts-Chronologie dargestellt. In seinem monumentalen Selbstverherrlichungs-Panorama erscheint Trajan unter den insgesamt etwa 2500 Figuren selbst 58 mal, mithin teils mehrfach zugleich. Anstelle der den Säulengipfel ursprünglich zusätzlich krönenden Trajanstatue steht seit 1587 eine Bronzestatue des Apostels Petrus. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Mithoff, Fritz/Schörner, Günther (Hgg.): Columna Traiani – Trajanssäule. Siegesmonument und Kriegsbericht in Bildern. Beiträge der Tagung in Wien anlässlich des 1900. Jahrestages der Einweihung, 9.–12. Mai 2013, Wien: Holzhausen 2017
  • Stefan, Alexandre Simon (Hg.): Die Trajanssäule. Dargestellt anhand der 1862 für Napoleon III. gefertigten Fotografien. Mit einem Beitrag von Hélène Chew, Darmstadt: wbg / Philipp von Zabern 2020

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Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, begrenzte Allheit, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Großtableau, haptisch, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, Rundbau, schematisch, Schraubenband, Skulptur, Überbreite, Wimmelbild, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

ca. 77 – Gaius Plinius Secundus Maior (Plinius der Ältere), Naturalis historia

Erste systematische Enzyklopädie in 37 Bänden. Abgehandelt werden: Kosmografie (Buch 2), Geografie und Klimatologie (Buch 3–6), Anthropologie (Buch 7), Zoologie (Buch 8–11), Botanik (Buch 12–19), Medizin (20–32), Metallurgie und Mineralogie, außerdem Malerei und Kunstgeschichte (Buch 33–37). In der Vorrede macht Plinius seinen Universal-Kompendiums-Anspruch explizit: „Zwanzigtausend merkwürdige Gegenstände, gesammelt durch das Lesen von etwa zweitausend Büchern, unter welchen erst wenige ihres schwierigen Inhalts wegen von den Gelehrten benutzt sind, von Hundert der besten Schriftsteller, habe ich in 36 Büchern zusammengefasst, dazu aber noch vieles gefügt, wovon entweder unsere Vorfahren nichts wussten oder was das Leben erst später ermittelt hat.“ – Johannes Ullmaier

Weblinks:

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Schlagwörter: begrenzte Allheit, Buch, Denkmal, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Organisation, symbolisch, Technik, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

31 – Versuchung Jesu

Dem Neuen Testament zufolge führt der Teufel Jesus in der Judäischen Wüste auf einen Berg, zeigt ihm dort „alle Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick“ (Lk 4,5) und bietet ihm die Herrschaft darüber an. Die damit greifbare Verbindung des All-Welt-Schau-Motivs mit den Verlockungen weltlichen Machtstrebens bzw. menschlicher Hybris oder superbia wird in Zukunft immer wieder Gegenstand von Warnungen, erbaulichen Gedanken und Ermahnungen sein. – Bernd Klöckener

Schlagwörter: Allwahrnehmung, auditiv, begrenzte Allheit, Didaktik, fiktional, haptisch, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Zugleichspräsentation