1781 – Philip James de Loutherbourg, Eidophusikon

Im Februar 1781 eröffnet der Maler Philip James de Loutherbourg am Londoner Leicester Square ein illusionistisches Miniaturtheater, auf dessen ca 1,80 × 2,50 m großer Bühne er „Moving Pictures, representing Phenomena of Nature“ zeigt. „Vor allem wurden transparente Bilder verwendet, denen wechselnd-farbiges Licht Leben einhauchte; eine Vorstellung umfasste ursprünglich wohl fünf Szenen, von denen jede den Ablauf einer Tages- bzw. Nachtzeit und deren Wetter- und Lichtphänomene wiedergab – begleitet von einer mechanischen Geräuschmaschine, die Blitz, Donner, Regen etc. simulierte.“ (Hüningen, Artikel „Eidophusikon“) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Hüningen, James zu: „Eidophusikon“. In: Lexikon der Filmbegriffe, https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/e:eidophusikon-8197, Datum des Zugriffs: 31.12.2024

Weblinks:

🖙 Filmlexikon

Schlagwörter: Animation, Ästhetik, audiovisuell, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Event/Performance, geschlossen, haptisch, Immersion, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, Mikropanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Unterhaltung, visuell, Zentralblickpunkt

ca. 1530 – Giulio Camillo, Gedächtnistheater

In eigentümlicher Verknüpfung von antik-rhetorischer Mnemotechnik – insbesondere des ‚Ablegens‘ von zu Erinnerndem in einer Ortsstruktur – sowie renaissance-synkretistischer Hermetik ersinnt Giulio Camillo (ca. 1480–1544) ein Weltgesamterfassungsschema mit dem „ungeheueren Anspruch, […] das Universum durch einen Blick von oben, von den ersten Ursachen her, als ob er Gott wäre, in Erinnerung [zu] behalten.“ (Yates, Gedächtnis und Erinnern, S. 137). Auf diese Art könne „der Mikrokosmos […] den Makrokosmos ganz verstehen.“ (ebd.). Zwar bleibt eine bauliche Realisation seines Konzepts, das als aufsteigendes Halbrund-Theatrum gedacht ist, dem reisenden Gelehrten zeitlebens versagt, doch kann er Besuchern einen zimmergroßen Prototyp vorführen. Im Theaterbild entspricht die Anordnung sieben jeweils siebenreihigen Tribünensektoren, in denen aber nicht wie sonst das Publikum Platz findet, sondern sich Himmelskörper, Mythologeme, Sinnbilder, Elemente, Künste und Realien auf wundersame Weise zueinanderfügen, während die allüberschauende Instanz vorn auf der (statt wie sonst zuunterst) hier zuoberst imaginierten Bühne steht – mit Zentralblick wie von einer späteren Panorama-Plattform. (Yates, Gedächtnis und Erinnern, S. 381–392) Mangels Betriebspraxis gerät Camillos Gedächtnistheater jedoch bald in Vergessensheit. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Yates, Frances A.: Gedächtnis und Erinnern. Mnemonik von Aristoteles und Shakespeare. [OA: The Art of Memory. 1966], 5. Aufl., Berlin: Akademie Verlag 1999, S. 123–149
  • Camillo, Giulio: L’idea del theatro con L’idea dell’eloquenza, il De Transmutatione e altri testi inediti, Milano: Adelphi 2015

Weblinks:

🖙 Wikipedia Camillo (IT)
🖙 Wikipedia Theater (IT)

Schlagwörter: Bauwerk, bildvisuell, Denkmal, Diagramm, Didaktik, Draufblick, Enzyklopädie, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, geschlossen, Großtableau, Halbrundband, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Mikropanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, schematisch, symbolisch, Tabelle, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 1300 – Heinrich von Neustadt, Wundersäule im Apollonius von Tyrlant


Apollonius von Tyrlant ist ein deutschsprachiger mittelalterlicher Roman, der auf einer spätantiken lateinischen Vorlage beruht. Darin wird eine Wundersäule beschrieben (12871–12917; 13535f.; 13574–13576; 14299–14305), die sich in dem sagenhaften Land Crisa befindet. Die Säule ist achteckig und wird mit einem hellen Kristall oder mit einem strahlenden Diamanten verglichen. Ihre magische Fähigkeit besteht darin, dass man dort das sehen kann, woran man denkt. Der Erfassungsradius des Spiegels ist räumlich nicht begrenzt: Man kann Ereignisse und Menschen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes sehen. Die Wundersäule zeigt aber nur das, was gerade im Moment geschieht. Das heißt, eine zeitliche Begrenzung ist vorhanden. Um in dem Spiegel das Abbild einer Person zu sehen, muss der Betrachter gezielt erfahren wollen, was diese im Moment tut. Die Wundersäule ist also sehr eng an die Gesinnungen und Absichten des Subjekts gebunden. Dies wird auch dadurch unterstrichen, dass kein Dritter sehen kann, was der Spiegel dem anderen zeigt. Der Zugang zur Wundersäule ist begrenzt: In den Spiegel kann nur schauen, wer die Tugendproben besteht oder magische Mittel hat, sie umzugehen. Das Land Crisa, in dem sich die Wundersäule befindet, wird als Utopie dargestellt: Es gibt dort keinen Tod und kein Leiden, sowohl Menschen als auch Verhältnisse sind beständig. Die Säule projiziert jedoch Abbilder der realen Welt, die unvollkommen und transitorisch ist. In dieser frühen Übertragungsmedienfiktion kristallisiert sich der Kontrast zwischen der beständigen Utopie und der veränderlichen Wirklichkeit. – Sofya Sinelnikova

Literatur / Quellen:

  • Störmer-Caysa, Uta: „Übersicht und Einsicht. Wundersäulen und Weltspiegel in mittelalterlichen Texten“. In: Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik, hg. von Roman Mauer, Johannes Ullmaier, und Clara Wörsdörfer, Wiesbaden: Springer 2025, S. 109–144.
  • Heinrich von Neustadt: Heinrichs von Neustadt „Apollonius von Tyrland“ nach der Gothaer Handschrift. „Gottes Zukunft“ und „Visio Philiberti“ nach der Heidelberger Handschrift, , 2. Aufl., Dublin/Zürich: Weidmann 1967.
Schlagwörter: Bauwerk, Blicktransparenz, Buch, Ekphrasis, faktual, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medieninstallation, Medientechnik, mimetisch, Mythos/Religion, offen, Rahmenexpansion, Skulptur, Technik, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, visuell, Zugriffspräsentation