1966 – Erste Realgesamtansicht der Erde aus dem Weltraum

Erste Fotografien der Erde aus extraterrestrischer Höhe gibt es ab 1946, also lang vor dem ikonischen Blue Marble-Bild. Allerdings bieten die frühen Abbildungen oft nur Teil-, SW- oder verschwommene Ansichten. Die erste bekanntere, vor allem durch das Cover des ersten Whole Earth Catalog popularisierte Gesamtansicht vom 11. Dezember 1966 stammt, anders als Blue Marble, nicht von einem Menschen, sondern vom Satelliten ATS-1 und wurde aus Einzelbildern zur Gesamtansicht montiert. Die ersten von Menschen ausgelösten integralen Erd-Fotografien, darunter auch das bekannte Earthrise-Bild vom 24. Dezember 1968, entstehen im Zuge der Apollo 8-Mission. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Stockhammer, Robert: Erdliteratur. Zur kritischen Beobachtung von Weltkonstruktionen, Göttingen / Konstanz: Wallstein / UVK 2023, S. 139–155
  • Der neue Kosmos Welt-Almanach & Atlas 2025, Stuttgart: Kosmos 2024

Weblinks:

🖙 Timeline

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Foto, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, Panoramaflug, Realpanoramatik, Technik, visuell, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1935 – Walter Benjamin im Kaiserpanorama

In den postum erschienenen, 1932–1938 entstandenen Prosa-Erinnerungs-Vignetten Benjamins an seine Berliner Kindheit schildert dieser auch einen nicht datierten, aber wohl um die Jahrhundertwende erfolgten Besuch in dem damals schon im Sterben liegenden Popularmedium. Nichtsdestoweniger ermöglicht dieses dem Kind eine bewegungslos bewegte Weltreise und wird dem späteren Medientheoretiker als unmittelbare Vorstufe des Films gelten. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 11: Berliner Chronik / Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Berlin: Suhrkamp 2019
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1930–1932 – Kaiserpanorama-Schilderung in Hermann Brochs Die Schlafwandler

In der als dreistufiger Epochenquerschnitt multi-panoramatisch angelegten Roman-Trilogie Die Schlafwandler findet sich gegen Ende des ersten Teils 1888 – Pasenow oder die Romantik eine zur ‚man‘- bzw. ‚du‘-Form verallgemeinerte Beschreibung eines Kaiserpanorama-Besuchs. Dabei seismografiert Brochs Schilderung nicht nur die sozialen, kommerziellen und (mit Vorschein auf spätere Peepshows) blickscham-politischen Implikationen dieser Medienpraxis, sondern dokumentiert zudem fast wie in einem Wahrnehmungsprotokoll die visuelle, akustische und innerpsychische Ablauffolge – hier einer „Indien“-Reise – bis zur Schließung des Schaukreises. Neben Max Brods Panorama-Abgesang von 1913, Walter Benjamins melancholischer Rückschau aus den 1930ern und H. G. Adlers Panorama-Roman (geschrieben 1948 und von Brochs Erzähltechnik sowie dem Dialog mit diesem angeregt) das wichtigste deutschsprachige literarische Zeugnis zur Rezeptionsgeschichte dieser Medienerfahrung. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Broch, Hermann: Die Schlafwandler. Eine Roman-Trilogie [1930/1932], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 165–169
  • Brod, Max: Über die Schönheit häßlicher Bilder. Essays zu Kunst und Ästhetik [1913], Göttingen: Wallstein 2014
  • Adler, H. G./Broch, Hermann: Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel, Göttingen: Wallstein 2004
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, Rundband, Rundbau, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1929 – August Sander, Menschen des 20. Jahrhunderts

Fotoprojekt mit dem Anspruch, die gesamte deutsche Bevölkerung des 20. Jahrhunderts fotografisch zu repräsentieren. Einen Entwurf des Konzeptes formuliert Sander bereits im Jahr 1925 in einem Brief an Erich Stenger; ein erster, vielbeachteter Auswahlband erscheint 1929 unter dem Titel Antlitz der Zeit. Über die folgenden Jahrzehnte erstellt Sander insgesamt 619 Porträts, die er in sieben Gruppen unterteilt: der Bauer, der Handwerker, die Frau, die Stände, die Künstler, die Großstadt, die letzten Menschen. Die einzelnen Gruppen sind auf 45 Mappen verteilt. Sanders Ziel ist es, den Epochengeist in charakteristischen Porträts einzufangen. Umfassende Buchdokumentationen des Werkkomplexes erscheinen 2002 und 2010. – Caroline Klein | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Sander, August: Menschen des 20. Jahrhunderts. Ein Kulturwerk in Lichtbildern eingeteilt in sieben Gruppen, München: Schirmer Mosel 2010

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 August Sander- People of the 20th century

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, faktual, Foto, Gesamtkompendium, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, schematisch, Unterhaltung, Zugriffspräsentation

1926 – Citroen/Bauhaus, Die Stadt

Simultanistische Großstadt-Wimmelbild-Collage, eine Art panoramatischer Fotokubismus; Moholy-Nagy kommentiert: „Das Erlebnis des Steinmeers wird hier ins Gigantische gesteigert.“ – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Moholy-Nagy, László: Malerei. Fotografie. Film [1924], Mainz: Florian Kupferberg 1967, S. 105

Weblinks:

🖙 Abbildung MOMA

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, faktual, fiktional, Foto, Gesamtprojektion, Großtableau, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, schematisch, Unterhaltung, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1925 – Edwin Hubble, Ausblick aus der Milchstraße

Am Neujahrstag verliest der in Princeton lehrende Astronom Henry Norris Russell auf der Washingtoner Jahrestagung der American Astronomical Society einen Vortrag mit dem unscheinbaren Titel Cepheids in Spiral Nebula. Dabei vertritt er den eigentlichen Autor des Papers, Edwin Hubble, der, obwohl auch auf der Tagung, selbst nicht auf die Bühne geht, womöglich aus Sorge, mit seiner These – immerhin der größten Realweltexpansionsbehauptung der Geschichte – nicht ganz stichfest zu erscheinen. Doch die Beobachtungen, die er auf dem südkalifornischen Mount Wilson Observatorium gemacht hat, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jenseits der Milchstraße weit über das von und seit Herschel antizipierte Maß hinaus noch weitere Galaxien geben muss und dass das Weltall Billionen mal so groß ist wie bis dato angenommen. Ein empirischer Nachweis, dass es zudem ständig expandiert, gelingt vier Jahre später. (Bartusiak, IX-XVII) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Hubble, Edwin P.: „Chepheids in Spiral Nebulae“. In: Publications of the American Astronomical Society 5 (1925), S. 261–264
  • Bartusiak, Marcia: The Day We Found the Universe, New York: Vintage Books 2009

Weblinks:

🖙 Vortragsskript

Schlagwörter: aktual, auditiv, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Event/Performance, Fernblick, Foto, Gesamtprojektion, Halbkugel, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Naturpanorama, Rahmenexpansion, Realpanoramatik, Rundbau, schematisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Weltkarte, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1903 – Raymond Roussel, La Vue

Die Behauptung des aus über 2000 Alexandrinern bestehenden Werks La Vue (dt. Der Anblick/Der Blick) ist, dass es die Fotografie eines Strandpanoramas beschreibt, die in der als Lupe dienenden Glaskugel eines Souvenir-Füllfederhalters eingelassen ist. Wie der Roussel-Spezialist Maximilian Gilleßen aufzeigt, werden die einzelnen Beobachtungen durch Ortsangaben und -adverbien miteinander verknüpft, ergeben also ein ideales Ganzes. Das ungefähr zur selben Zeit entstandene Stück La Seine mit seinen Hunderten von Rollen verrät ebenfalls den Ehrgeiz einer panoramatischen Erfassung. – Stefan Ripplinger

Literatur / Quellen:

  • Roussel, Raymond: Der Anblick. Das Konzert. Die Quelle, Berlin: zero sharp 2022
  • Gilleßen, Maximilian: R.R. Zur Poetik Raymond Roussels, Leipzig: Merve 2024, S. 162 f.,

176 f.

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mikropanoramatik, mimetisch, offen, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1895 – Entdeckung der Röntgenstrahlen


Am 8. November 1895 entdeckt Wilhelm Conrad Röntgen die Strahlung, die im deutschen Sprachraum bald nach ihm benannt wird. Sie kann Materie durchdringen. Stoffe sind unterschiedlich durchlässig, sodass die Röntgenstrahlen unterschiedlich stark durchkommen. Durch die variierende Stärke des Durchkommens können die Strahlen zur Bilderzeugung genutzt werden, zum Beispiel am menschlichen Körper, dessen Knochen eine höhere Dichte aufweisen als seine Organe. Bei modernen Geräten können auch letztere abgebildet werden. Der Einsatz von Röntgenstrahlen zur therapeutischen Behandlung von Hautkrankheiten beginnt 1896. – Lea-Sophie Dettmann

Literatur / Quellen:

  • Busch, Uwe/Rosendahl, Wilfried (Hgg.): Die Welt im Durchblick. Wunder moderner Röntgentechnik, Darmstadt: WBG/Theiss 2019

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, faktual, Foto, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Technik, Überwachung, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

1878 – Eadweard Muybridge, 360° San Francisco

Von dem Aussichtspunkt auf einem Dach aus fertigt Muybridge dreizehn fotografische Aufnahmen des Blicks auf San Francisco an. Hierfür dreht er sich mit seiner Kamera im Uhrzeigersinn und macht nach und nach, über einen Zeitraum von rund fünf Stunden die Aufnahmen. Die dreizehn Bilder fügt er dann zu einer Panoramaansicht mit den Maßen 53,3 × 520,1 cm zusammen. Insbesondere aufgrund der sich verändernden Lichtverhältnisse und Montagearbeiten zeigt dieses fotografische Panorama seine Entstehung über einen längeren Zeitraum selbst an. Die zusammengefügten Albumindrucke wurden, als eine Art Rundblickserie, flachliegend präsentiert. – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Vielkind, Andrew: „Ernie Gehr’s Side/Walke/Shuttle. Panorama of an Invisible City“. In: On the viewing platform. The panorama between canvas and screen, hg. von Katie Trumpener und Tim Barringer, New Haven/London: Yale University Press 2020, S. 244–259, S. 246 f.

Weblinks:

🖙 New York Historical Society
🖙 Muybridge, Panorama San Francisco, Collection of the Society of California Pioneers

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, 360°, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, faktual, Fernblick, Foto, Gesamtprojektion, geschlossen, Großtableau, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Panoramabild, Rahmenexpansion, Technik, Überbreite, Unterhaltung, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1870 – Kaiser-Panorama


Das Kaiser-Panorama, ein Vorführgerät für stereoskopische Diapositive, wird von August Fuhrmann in den 1870er-Jahren populär gemacht. Es ist ein robuster Rundbau aus Holz, konzipiert für jeweils 25 Besucher, die auf Stühlen platziert einen Zyklus von 50 Stereo-Aufnahmen durch Stereo-Okulare betrachten können. Den Betrachtern der fotografischen Bilder bietet sich ein dreidimensionaler, vollplastischer Anblick einer Landschaft, Großstadtszene oder von touristischen Sehenswürdigkeiten. Nach etwa zwanzig Sekunden ertönt ein Glockenzeichen, und mittels eines von einem verborgenen Uhrwerk angetriebenen Drehmechanismus erscheint das nächste Motiv vor den Augen, ohne dass die Besucher ihre Stühle verlassen müssen. Fuhrmann betreibt das Kaiser-Panorama zunächst in Breslau, später kommen Standorte in Frankfurt am Main und Berlin hinzu, schließlich unzählige Filialen, auch von Nachahmern. Anfang der 1930er-Jahre werden die meisten Aktivitäten eingestellt. Das Programm des Kaiser-Panoramas wird als eine Art Weltreise für kleines Geld beworben (siehe Slogans wie: „Die Welt mit der Welt bekannt zu machen“ oder „Hier erhalten wir die beste Übersicht über die interessanten Sehenswürdigkeiten und Naturschönheiten der Erde“). – Clara Wörsdörfer

Literatur / Quellen:

  • Berliner Festspiele (Hg.): Berlin um 1900. Das Kaiserpanorama. Bilder aus dem Berlin der Jahrhundertwende (Ausst-Kat.), Berlin: Berliner Festspiele 1984
  • Lorenz, Dieter (Hg.): Das Kaiser-Panorama. Ein Unternehmen des August Fuhrmann, o. O.: o. V. 2010

Weblinks:

🖙 Abbildung eines Kaiser-Panoramas im zugehörigen Wikipedia-Artikel

Schlagwörter: Ästhetik, auditiv, Bauwerk, Bild, bildvisuell, Didaktik, faktual, fiktional, Foto, geschlossen, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Moving Panorama, Rundband, Rundbau, schematisch, Text, Unterhaltung