1950 – Alfred Döblin, November 1918

1937–1943 im Exil entstanden, breitet Döblins Roman-Tetralogie mit dem vollständigen Titel November 1918. Eine deutsche Revolution, die als kompletter Zyklus erst 1978 erschien, auf ca. 2000 Seiten ein vielsträngiges, Fakt und Fiktion vermischendes Erzählpanorama der Geschehnisse zum Ende des Ersten Weltkriegs und des Kaiserreichs aus. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Döblin, Alfred: November 1918. Eine deutsche Revolution, 4 Bde., München: dtv 1978

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Großtableau, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Universalchronik, Unterhaltung, Wimmelbild

1949 – George Orwell, 1984


„Big Brother is watching you“. Klassische Roman-Dystopie des Panoptismus. In dem von Orwell als nahzukünftig beschriebenen Staat herrscht permanente Audio- und Visio-Heimüberwachung als fern- und realübertragungstechnisch modernisierte Ausbaustufe von Benthams Konzept einer zentralen Registratur möglichst aller, auch privatester Vorgänge bei den Subalternen durch eine permanent abwesend-anwesende, ihrerseits uneinsehbare Souveränitäts-Instanz. Diese erscheint allmächtig und bricht in Orwells Erzählung jeden Widerstand. Indes offenbart sich im paranoiden Sadismus, mit dem sie jeden abweichenden Gedanken und überhaupt jede vitale Regung verfolgen muss, sowie in der konstitutiven Geheimniskrämerei bezüglich ihrer eigenen Machtstruktur, Verlogenheit und Brutalität die kindische Hybris, logische Absurdität und parasitäre Schwäche, die Orwells historische Bezugspunkte, konkret vor allem den Stalinismus und den Nationalsozialismus, auf Dauer in die Selbstauflösung respektive Selbstzerstörung trieben. Realgeschichtlich gewährt die von Orwell im Kern erfasste ‚Schwarze Panoramatik‘ denen, die sie begehren – was seit jeher auch für Teile der (und innerhalb der) Überwachten gelten kann –, temporäre praktische Vorteile und Kontroll-(Lust-)Gewinne, so dass mit jeder neuen Generation und Medientechnik neue Implementierungen und lokale Überwachungsdiktaturen sprießen. Jenseits der damit einhergehenden Versteinerung bleibt als seh-logische Grenze allerdings die Allschau-Prätention per se. Denn es kann letztlich nur einen „Großen Bruder“ geben. Solange mehrere konkurrieren, bleibt jeder – und sei es ein Weltkonzern oder Riesenreichsregime – im Kern ein ‚kleiner Spanner‘, voller Angst, selbst ausgespäht zu werden. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Orwell, George: Neunzehnhundertvierundachtzig, Zürich: Diana 1950

Weblinks:

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Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, audiovisuell, Bild, bildvisuell, Blicktransparenz, Buch, Didaktik, fiktional, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, Organisation, Speicher, Technik, Text, textuell, Überwachung, Utopie/Dystopie, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1947 – Alfred Thompson Eade, The Panorama Bible Study Course

Zeitkartografische Übersichtsdarstellung der Weltgeschichte nach dispensationalistisch aufgefasstem Bibelbericht; als Bibel-Panorama auch in deutscher Sprache in vielen Auflagen verbreitet; ab 4000 v. Chr. (Kain und Abel) kalender-korreliert; starker Akzent auf der (nicht mehr datierten) Endzeit nach biblischer Apokalypse-Schilderung. Das Vorwort der deutschen Ausgabe von 2022 (zwischenzeitlich mit CD-ROM, nun mit Online-Zugang) zitiert das Vorwort der OA, die „einen Überblick über die von Gott gegebenen Offenbarungen und Zeitalter zu vermitteln“ verspricht. Das deutsche Vorwort ergänzt: „Wie durch einen Rundblick (Panorama) möchte [das Bibel-Panorama] dem Leser das göttliche Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor Augen stellen.“ – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Thompson Eade, Alfred: Bibel-Panorama [1940], Retzow: Christliche Verlagsgesellschaft 2019
Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Buch, Diagramm, Didaktik, Draufblick, fiktional, geordnet, Gesamtdiagramm, geschlossen, Idealpanoramatik, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Zeichnung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

1946 – Werner Stein, Kulturfahrplan

Synchronoptische Weltgeschichtstabelle; in der Erstausgabe mit ca. 1400 Seiten Umfang als Kulturfahrplan – die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte von Anbeginn bis heute erschienen, seither vielfach aktualisiert; Der neue Kulturfahrplan von 2004 enthält ca. 2000 Seiten und liegt auch in digitaler Form vor. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Stein, Werner: Kulturfahrplan – die wichtigsten Daten der Kulturgeschichte von Anbeginn bis heute, Berlin: Herbig 1946
  • Stein, Werner: Der neue Kulturfahrplan – die wichtigsten Daten der Weltgeschichte, Berlin: Herbig 2004

Weblinks:

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Schlagwörter: Buch, Denkmal, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Tabelle, Technik, Text, textuell, Universalchronik, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

1942 – Jorge Luis Borges, Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse (im Original chinesisch)

In einem Aufsatz, in dem er John Wilkins’ Universalsprache (1668) in Erinnerung ruft, diskutiert Jorge Luis Borges (1942/1953 ff.) auch einige alternative Systeme zur Klassifikation aller existierenden Dinge, darunter dasjenige in einer chinesischen Enzyklopädie, von der er durch den deutschen Sinologen Franz Kuhn (1884–1961) erfahren hatte. Leider zitiert Borges daraus nur den Abschnitt zur Klassifikation der Tiere (der immerhin einen späteren Professor für die Geschichte der Denksysteme zuerst zum Lachen, und dann zum Verfassen eines seiner Hauptwerke brachte, Foucault, Les mots et les choses, S. 7). Ein in der Bibliothek von Babel (1941) auffindbares Exemplar dieser Enzyklopädie zeigt aber, dass dieses Klassifikationssystem noch in deren jüngster Auflage weitgehend erhalten geblieben ist und auch auf andere Gegenstände in analoger Weise, wenngleich mit einigen Detailanpassungen, Anwendung findet. So werden etwa Autos dort in folgende Gruppen unterteilt: „(a) dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei gehörende, (b) verschrottete, (c) solche mit Airbag, (d) Milchtanker, (e) Fiat Pandas, (f) solche aus Science-Fiction-Filmen, (g) solche ohne Zulassung, (h) in diese Rubrik gehörige, (i) die von jungen Männern aus Niederbayern gesteuert werden, (j) unzählige, (k) mit einer Polaroid-Kamera photographierte, (l) und so weiter, (m) die Fußgänger überfahren haben, (n) die von weitem wie Isettas aussehen.“ – Robert Stockhammer

Literatur / Quellen:

  • Borges, Jorge Luis: „El idioma analítico de John Wilkins“ [1942]. In: Obras Completas, Buenos Aires: Emecé 1953, S. 139–144
  • Borges, Jorge Luis: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 5: Der Erzählungen erster Teil: Universalgeschichte der Niedertracht / Fiktionen / Das Aleph, München: Hanser 2000
  • Foucault, Michel: Les mots et les choses: Une archéologie des sciences humaines, Paris: Gallimard 1966
Schlagwörter: Buch, Diagramm, Didaktik, Enzyklopädie, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Organisation, schematisch, Speicher, Text, textuell, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Zugriffspräsentation

1941 – Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel

Erzählung um die Fiktion einer Bibliothek mit allen auf Basis eines 25-Zeichen-Alphabets kombinatorisch möglichen Büchern. In der so entstehenden Unmasse an größtenteils sinnlosen Zeichenketten verbergen sich indes zwangsläufig auch alle sinnvollen Konstellationen und Inhalte, alle möglichen Gedanken, Geschichten und Wahrheiten, selbst wenn die Chance, zu Lebzeiten auf ein Buch zu stoßen, das etwa ein Shakespeare-Drama enthält, in der Quasi-Unendlichkeit dieses Babylonischen Büchermeeres verschwindend gering ist. Als visionäre Überbietung realer Unternehmungen zur Sammlung ‚aller Bücher‘ wie der Bibliothek von Alexandria rekurriert Borges’ vielrezipierte Idee auf die Tradition der Ars Combinatoria (Raimundus Lullus) und hat in Laßwitz’ Die Universalbibliothek einen nahen Vorläufer. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Borges, Jorge Luis: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Band 5: Der Erzählungen erster Teil: Universalgeschichte der Niedertracht / Fiktionen / Das Aleph, München: Hanser 2000, S. 151–160
  • Eco, Umberto: Die unendliche Liste, München: Hanser 2009, S. 363–370
  • Lullus, Raimundus: Ars brevis [1308], Hamburg: Meiner 2001

Weblinks:

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Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bauwerk, Buch, Didaktik, fiktional, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtdiagramm, Gesamtkompendium, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung, Utopie/Dystopie, Zugriffspräsentation

1938 – Dolf Sternberger, Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert

Ausgehend von der zweiten Blüte, die das Panorma als Massenmedium im späten 19. Jahrhundert erlebte, porträtiert Sternberger diese Zeit als „die Epoche des ‚Panoramas‘“. Obwohl für ihr episodisches Schweifen von Walter Benjamin brachial verrissen, dringt Sternbergers Betrachtung tief in die Dialektik von Allschau-Illusion und fragmentierter Rezeptionsrealität ein. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Sternberger, Dolf: Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert [1938], Frankfurt am Main: Insel 1981

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, Panorama-Beschreibung, Panorama-Diskurs, panoramatische Diskursform, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, Wissenschaft

1937 – Friedo Lampe, Septembergewitter

Erzähltechnisch sowohl nach traditionellen wie modernistischen Standards ungewöhnlicher Roman, dessen Hauptgeschehen aus der Perspektive eines den eigentlichen Handlungsort überschwebenden Ballons gerahmt wird. Gleichwohl bleibt dessen Draufsicht gegenüber den zentralen Verwicklungen ‚da unten‘ völlig außen vor: Aus der Gondel sieht man ‚alles‘ – und doch nichts von dem, worum es auf dem Boden und im Grunde geht. Auch in der Haupthandlung entfaltet die Darstellung stark erzählpanoramatische, hier konkret ekphrastische und episodische Züge. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Lampe, Friedo: Septembergewitter [1937], Göttingen: Wallstein 2001

Weblinks:

🖙 Kurzcharakterisierung DLF
🖙 Friedo Lampe Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1935 – Walter Benjamin im Kaiserpanorama

In den postum erschienenen, 1932–1938 entstandenen Prosa-Erinnerungs-Vignetten Benjamins an seine Berliner Kindheit schildert dieser auch einen nicht datierten, aber wohl um die Jahrhundertwende erfolgten Besuch in dem damals schon im Sterben liegenden Popularmedium. Nichtsdestoweniger ermöglicht dieses dem Kind eine bewegungslos bewegte Weltreise und wird dem späteren Medientheoretiker als unmittelbare Vorstufe des Films gelten. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Benjamin, Walter: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 11: Berliner Chronik / Berliner Kindheit um neunzehnhundert, Berlin: Suhrkamp 2019
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, faktual, Fernblick, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Immersion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, Rundbau, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1930–1932 – Kaiserpanorama-Schilderung in Hermann Brochs Die Schlafwandler

In der als dreistufiger Epochenquerschnitt multi-panoramatisch angelegten Roman-Trilogie Die Schlafwandler findet sich gegen Ende des ersten Teils 1888 – Pasenow oder die Romantik eine zur ‚man‘- bzw. ‚du‘-Form verallgemeinerte Beschreibung eines Kaiserpanorama-Besuchs. Dabei seismografiert Brochs Schilderung nicht nur die sozialen, kommerziellen und (mit Vorschein auf spätere Peepshows) blickscham-politischen Implikationen dieser Medienpraxis, sondern dokumentiert zudem fast wie in einem Wahrnehmungsprotokoll die visuelle, akustische und innerpsychische Ablauffolge – hier einer „Indien“-Reise – bis zur Schließung des Schaukreises. Neben Max Brods Panorama-Abgesang von 1913, Walter Benjamins melancholischer Rückschau aus den 1930ern und H. G. Adlers Panorama-Roman (geschrieben 1948 und von Brochs Erzähltechnik sowie dem Dialog mit diesem angeregt) das wichtigste deutschsprachige literarische Zeugnis zur Rezeptionsgeschichte dieser Medienerfahrung. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Broch, Hermann: Die Schlafwandler. Eine Roman-Trilogie [1930/1932], Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 165–169
  • Brod, Max: Über die Schönheit häßlicher Bilder. Essays zu Kunst und Ästhetik [1913], Göttingen: Wallstein 2014
  • Adler, H. G./Broch, Hermann: Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel, Göttingen: Wallstein 2004
Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Ekphrasis, fiktional, Foto, Gesamtdiagramm, geschlossen, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Moving Panorama, Panorama-Beschreibung, panoramatische Erzählung, Rundband, Rundbau, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung