1937 – Friedo Lampe, Septembergewitter

Erzähltechnisch sowohl nach traditionellen wie modernistischen Standards ungewöhnlicher Roman, dessen Hauptgeschehen aus der Perspektive eines den eigentlichen Handlungsort überschwebenden Ballons gerahmt wird. Gleichwohl bleibt dessen Draufsicht gegenüber den zentralen Verwicklungen ‚da unten‘ völlig außen vor: Aus der Gondel sieht man ‚alles‘ – und doch nichts von dem, worum es auf dem Boden und im Grunde geht. Auch in der Haupthandlung entfaltet die Darstellung stark erzählpanoramatische, hier konkret ekphrastische und episodische Züge. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Lampe, Friedo: Septembergewitter [1937], Göttingen: Wallstein 2001

Weblinks:

🖙 Kurzcharakterisierung DLF
🖙 Friedo Lampe Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, offen, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1900 – 360°-Filmsystem: Cinéorama

Inspiriert von den Großpanoramen der Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts arbeitet der französische Filmpionier Raoul Grimoin-Sanson bereits seit 1896 am ersten zylindrischen 360°-Multikamera- und -Multiprojektoren-System: dem Cinéorama. Laut seiner Autobiografie kommt das filmische Großpanorama erstmals im Zuge der Pariser Weltausstellung am 8. Mai 1900 zur Vorführung. Die Aufnahmen dafür entstehen durch eine Konstruktion aus zehn 70 mm-Kameras, die sternförmig auf einer runden Holzplatte befestigt werden und per Handkurbel synchron gestartet werden können. Das in Europa und Nordafrika gedrehte Filmmaterial inszeniert einen Flug über Landschaften und Paris. Für die Aufführung wird unmittelbar unter dem Eiffelturm das Cinéorama-Kino als Rundbau mit 30 m Durchmesser erbaut. Zehn Projektoren, die in einem zentralen Betonzylinder mit 5 m Durchmesser fixiert sind, sollen auf die kreisrunde Leinwand des Saals von 9 m Höhe projizieren. Die Zuschauerplattform für 200 stehende Gäste befindet sich oberhalb des Projektionsraums. Um die Illusion zu intensivieren, wird sie als Ballongondel gestaltet und schwebend von der unteren Seite einer Ballonhülle überdacht. Die technische Errungenschaft des Systems wäre die Synchronisierung der Kameras und der Projektoren gewesen. Aber die aktuelle Forschung zweifelt mangels historischer Belege daran, dass es damals wirklich zu einer Vorführung des Cinéorama-360°-Filmsystems gekommen ist. Einige nachfolgende Versuche, im 20. Jahrhundert Bewegtbildpanoramen durch 360°-Dispositive zu erzeugen, orientieren sich jedoch am zylindrischen Konzept und der Idee Grimoin-Sansons. – Kaim Bozkurt

Literatur / Quellen:

  • Kiessling, Maren: „Domografie. Visuelle Narration im Fulldome“. In: CINEMA 63 (2018), S. 98–112, S. 98–112
  • Grimoin-Sanson 1897((fehlt in der Bibliografie))

Weblinks:

🖙 Wikipedia zur Circama-Tradition

Schlagwörter: 360°, Bauwerk, bildvisuell, Draufblick, Event/Performance, faktual, Film, Gesamtprojektion, Halbkugel, Immersion, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medieninstallation, mimetisch, Moving Panorama, Panoramaflug, Rahmenexpansion, Rundbau, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1897 – Gebrüder Lumière, Filmpanorama-Luftaufnahme in Panorama pris d’un ballon captif

Die erste filmische Luftaufnahme findet sich in dem einminütigen Panorama pris d’un ballon captif (FR 1897/1898), einer Produktion der Gebrüder Lumière. Aus der Perspektive eines aufsteigenden Ballons sind eine verwackelte, kleiner werdende Menschenmenge sowie Straßen und Dächer zu sehen. Die Vertikalität des Blickes und das Fehlen einer Horizontlinie eröffnen im Gegensatz zur Alltagswahrnehmung eine ungewohnte und deutlich abstraktere Sicht auf die abgebildete Realität. Luftaufnahmen werden nicht nur durch die technischen Bedingungen des Flugobjektes (Ballon, Flugzeug, Hubschrauber, etc.) ermöglicht, sondern auch von ihrem jeweiligen Bewegungsmodus geprägt. Heutzutage können reale Draufsicht-Bilder durch ferngesteuerte Drohnen oder Satelliten aufgenommen werden. Der militärische Kontext, in dem Luftaufnahmen oftmals entstehen und zum Einsatz kommen, ist integraler Bestandteil ihrer Entwicklungsgeschichte. Dieser ist indirekt auch in En dirigeable sur les champs de bataille (FR 1919) präsent. Der Film basiert auf einer in den Jahren 1918–19 aufgenommenen Serie von Luftaufnahmen, gedreht von Lucien Le Saint, einem im kinematografischen Dienst der französischen Armee stehenden Kameramann. Sie dienen der filmischen Kartografierung der im Ersten Weltkrieg zerstörten Gebiete für den Wiederaufbau. Die von einem Ballon aus aufgenommenen, schräg zum Boden gerichteten und ständig bewegten Bilder zeigen ein Panorama der versehrten französischen und belgischen Städte und Landschaften. Der Blick von oben, der im Krieg zur Feindaufklärung, Planung und Durchführung militärischer Operationen funktionalisiert wurde, bezeugt und dokumentiert hier die Folgen der Zerstörung. – Johannes Noss

Literatur / Quellen:

  • Castro, Teresa: „Aerial views and cinematism“. In: Seeing from above: The aerial view in visual culture, hg. von Mark Dorrian und Frédéric Pousin, London: Bloomsbury 2013, S. 118–133, S. 118–133

Weblinks:

🖙 Panorama pris d’un ballon captif
🖙 YouTube: En Dirigeable sur les champs de bataille (1918) – Ausschnitt

Schlagwörter: Ästhetik, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Film, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Organisation, Panoramabild, Panoramaflug, Überwachung, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1840 – Adalbert Stifter, Der Condor

1840 als literarisches Debüt des Autors veröffentlicht, schildert Stifters Erzählung die zerbrochene Jugendliebe des Malers Gustav und der emanzipationswilligen Cornelia. Im Zentrum des an Jean Pauls Ballon-Motivik anknüpfenden Werks steht der Konflikt um Cornelias entgegen Gustavs Warnung unternommene Ballonfahrt über die Alpen. Allerdings erweist sich die Höhenerfahrung für Cornelia als überfordernd: „Erschrocken wandte die Jungfrau ihr Auge zurück, als hätte sie ein Ungeheuer erblickt – aber auch um das Schiff herum wallten weithin weiße, dünne, sich dehnende und regende Leichentücher – von der Erde gesehen – Silberschäfchen des Himmels. – Zu diesem Himmel floh nun ihr Blick – aber siehe, er war gar nicht mehr da: das ganze Himmelsgewölbe, die schöne blaue Glocke unserer Erde, war ein ganz schwarzer Abgrund geworden, ohne Maß und Grenze in die Tiefe gehend.“ (Riha (Hg.) Reisen im Luftmeer, S. 69). Als Cornelia schließlich in Ohnmacht fällt, muss die kostspielige Fahrt abgebrochen werden: „‚Wir müssen niedergehen; die Lady ist sehr unwohl.‘ Der alte Mann stand auf von den Instrumenten und sah hin, es war ein Blick voll strahlenden Zornes, und ein tief entrüstetes Antlitz. Mit überraschend starker Stimme rief er aus: ‚Ich habe es dir gesagt, Richard, das Weib erträgt den Himmel nicht –.‘“ (Riha (Hg.) Reisen im Luftmeer, S. 170). Der in Stifters fiktiver Handlungskonstellation nahegelegte weibliche Mangel an celestischer Panorama-Akkommodationsfähigkeit (vgl. etwa auch Riha (Hg.) Reisen im Luftmeer, S. 116), der in der Realgeschichte der Ballonfahrt nicht signifikant zu belegen ist (eher im Gegenteil, vgl. Riha (Hg.) Reisen im Luftmeer, zum Beispiel, S. 125), ebenso wenig wie umgekehrt etwa eine pauschale weibliche Sensibilität für die abgründige Erhabenheit kosmischer Seheindrücke, gibt Anlass zur Diskussion historischer Gender-Stereotype, wie sie analog auch im Diskurs um angebliche Überforderungssymptome von Frauen und Kindern beim Panorama-Besuch auftreten. – Naemi Dittes | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Stifter, Adalbert: Studien 1. Sämtliche Werke, Bd. I, Prag: Calve 1904
  • Riha, Karl (Hg.): Reisen im Luftmeer. Ein Lesebuch zur Geschichte der Ballonfahrt, München/Wien: Hanser 1983, S. 161–170

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Springer Link

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Didaktik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Naturpanorama, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, symbolisch, Technik, Text, textuell, Unterhaltung, visuell

1811 – Rheinpanorama, Elisabeth von Adlerflycht


Darstellungsform der Parallelprojektion, die bei Bildkarten für geografische Objekte angewendet wird. 1811 schafft Elisabeth von Adlerflycht ein quasi-dreidimensionales Aquarell-Panorama des Rheins, indem sie den Fluss aus der Vogelperspektive und aus einem 45°-Blickwinkel zeichnet. Das Rheinpanorama zeigt den Fluss und seine Ufer von der Mündung der Nahe bis zur Mündung der Mosel, von Bingen bis Koblenz. – Martin Weinmann | Sarah Karsten

Weblinks:

🖙 Wikipedia
🖙 Digitalisat

Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gemälde, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Panoramabild, Panoramaflug, schematisch, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1801 – Jean Paul, Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch

In der Ich-Perspektive eines Fahrtenbuchs schildert der Anhang zu Jean Pauls Roman Titan eine (tödlich endende) Ballonreise von Leipzig bis vor den Montblanc. Das gibt Anlass zu simultanistischen Fern- und Draufblick-Schilderungen, etwa bei der sechsten Fahrt: „Auf der Fläche, die auf allen Seiten ins Unendliche hinausfloß, spielten alle verschiedenen Theater des Lebens mit aufgezogenen Vorhängen zugleich – einer wird hier unter mir Landes verwiesen – drüben desertiert einer, und Glocken läuten herauf zum fürstlichen Empfang desselben – hier in den brennend-farbigen Wiesen wird gemähet – dort werden die Feuersprützen probiert – englische Reuter ziehen mit goldnen Fahnen und Schabaracken aus – Gräber in neun Dorfschaften werden gehauen – Weiber knien am Wege vor Kapellen – ein Wagen mit weimarschen Komödianten kommt – viele Kammerwagen von Bräuten mit besoffnen Brautführern – Paradeplätze mit Parolen und Musiken – hinter dem Gebüsche ersäuft sich einer in einem tiefen Perlenbach, nach dem dabei zusehenden Kniegalgen zu urteilen – […] ein sentimentalischer Pfarrsohn guckt aus dem Schalloch, und beide können (das kann ich viertehalbtausend Fuß hoch abservieren, weil die dünne Luft alles näher heranhebt) sich nicht genug über das Hundert Fuß tiefe Volk unter sich verwundern und erheben.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 3. Bd., S. 959–960). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Naturpanorama, offen, Organisation, Panoramaflug, panoramatische Diskursform, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, visuell, Wimmelbild, Zugleichspräsentation

1797 – Jean Paul, Das Kampaner Tal

In der finalen 507. Station von Jean Pauls neuplatonischer Idylle wird – in metaphorischer Exemplifikation der vorangegangenen Gespräche über kosmologische und metaphysische Weltentwürfe – ein Ballonaufstieg imaginiert: „Und nun zogen uns die Sonnen empor. Die schwere Erde sank wie eine Vergangenheit zurück – Flügel, wie der Mensch in glücklichen Träumen bewegt, wiegten uns aufwärts – die erhabene Leere und Stille der Meere ruhte vor uns bis an die Sterne hin – wie wir stiegen, verlängerten sich die schwarzen Waldungen zu Gewitterwolken und die beschneieten beglänzten Gebirge zu lichten Schneewolken – die auftreibende Kugel flog mit uns vor die stummen Blitze des Mondes, der wie ein Elysium unten im Himmel stand, und in der blauen Einöde wurden wir von einem gaukelnden Sturm gleichsam in die nähere schimmernde Welt des Mondes geblendet gewiegt … und dann wurd’ es dem leichtern Herz, das hoch über dem schweren Dunstkreis schlug, als flatter’ es im Äther und sei aus der Erde gezogen, ohne die Hülle zurückzuwerfen.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 4. Bd., S. 625). Am Ende steht gleichwohl die Rückkehr auf die Erde. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Panorama-Beschreibung, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, visuell

1796–1797 – Jean Paul, Rede des toten Christus

Im ersten der dem zweiten Buch von Jean Pauls zweibändigem Roman Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel angehängten Blumenstücke mit dem vollen Titel Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei findet sich die visionäre Schilderung einer negativen Allschau, deren Kernpassage lautet: „Christus fuhr fort: Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich.“ (Jean Paul, Sämtliche Werke, 2. Bd., S. 273) – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Jean Paul: Sämtliche Werke, Darmstadt: WBG 2000

Weblinks:

🖙 Wikipedia Roman

Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Blicktransparenz, Buch, Didaktik, Draufblick, Ekphrasis, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Unterhaltung

1783 – Montgolfière


Nach jahrtausendelang erfolglosen und im vorausgeträumten Ikarus-Mythos ambivalent verhandelten Versuchen gelingen in Frankreich mit den in rascher Folge glückenden Ballonaufstiegen die ersten, wenngleich noch relativ statischen und unkontrollierten Menschenflüge. Doch schon in der Vertikalbewegung aufwärts sehen Hominiden hier zum ersten Mal größere Teile der Erdoberfläche ohne festen Untergrund von oben. Einige Wegmarken: am 4. Juni erster Luftballfreiballon (Rauchballon) der Gebrüder Montgolfière; Flug in ca. 2000 m Höhe über ca. 2 km, 12 m Ballondurchmesser; am 27. August erster Gasballon von Jacques Alexandre César Charles, besetzt mit Hammel, Hahn und Ente; am 19. Oktober: erster bemannter gefesselter Aufstieg; am 21. November starten im Garten des Schlosses La Muette bei Paris Jean-François Pilâtre de Rozier und der Gardeoffizier François d’Arlandes zur ersten freien Ballonfahrt der Menschheitsgeschichte; erster Menschenflug im Gasballon am 1. Dezember durch Jacques Charles und Marie-Noël Robert. In der Folge erste Schilderungen realer menschlicher Flugperspektiv- und Panoramablick-Erfahrungen, bald auch ein neuer literarischer Motivzweig. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

Schlagwörter: 360°, Ästhetik, audiovisuell, Draufblick, Event/Performance, faktual, Fernblick, Naturpanorama, Panoramaflug, Realpanoramatik, Technik, Unterhaltung, Zugleichspräsentation

1587 – Historia von D. Johann Fausten


Auf schwankender realhistorischer Basis führt die Historia von D. Johann Fausten. Dem Weltbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler mit der Titelfigur den personifizierten Mythos des Allwissenheitsbegehrens in die deutsche Literaturgeschichte ein. Zudem enthält sie (gleich nach der Höllenfahrt) mit dem Kapitel „Wie D. Faustus in das Gestirn hinaufgefahren“ ein eindrückliches Beispiel für die fiktionale Beschreibung einer celestischen Flug-Allschau, die nach Fausts homodiegetischer Behauptung im Ganzen eine Woche dauert. Wo und inwieweit die rasante Enumeration der Länder und Städte, die Faust im Flug gesehen haben will, als narrativer ‚Schnelldurchlauf in Vogelperspektive‘ und damit als früh imaginierte Panoramaflug-Bewegung oder aber als ekphrastische Entfaltung einer quasi-statischen Fernblick-Perspektive ‚von ganz oben‘ zu deuten ist, bleibt über weite Strecken unklar. In der Rezeption wirkt die narrative Komprimierung der Stationenfolge jedoch wie ein geografisches Pendant zum späteren Erzählflug durch die Epochenzeit in Johann Peter Hebels Kalendergeschichte Unverhofftes Wiedersehen von 1811. So oder so muss gegen Ende dieses Ausflugs sogar Faust einräumen: „Ich sahe also mehr denn ich begehrte“ (Anonymus, Historia von D. Johann Fausten, S. 51). – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Anonymus: Historia von D. Johann Fausten, Stuttgart: Reclam 1964

Weblinks:

🖙 Digitalisat in der Deutschen digitalen Bibliothek

Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, Panoramaflug, panoramatische Erzählung, Realpanoramatik, symbolisch, Technik, Text, textuell, Überwachung, Unterhaltung, Zugleichspräsentation