Auf dem LP-Sampler Miniatures (A Sequence Of Fifty-One Tiny Masterpieces Edited By Morgan-Fisher), dessen Konzept darin besteht, allen Beteiligten je eine Minute Raum zu geben, ballt Fred Frith (unmittelbar nachdem David Beford Wagner’s Ring in One Minute abgehandelt hat) per collagierender Überschichtung sämtliche Stücke seiner langjährigen, doch zuvor aufgelösten Band Henry Cow auf engstem Raum zusammen. In den Liner Notes erläutert Kompilator Morgan-Fischer: „This is probably the densest piece on this LP. It contains a portion of every single track by Fred’s old band Henry Cow, assembled according to a strict mathematical system. Listen carefully, you can hear Dagmar Krause, Lindsay Cooper, Chris Cutler, Tim Hodginson, Geoff Leigh, Johnn Greaves, Anthony Moore, and Peter Blegvad.“ Einzelnes herauszuhören ist jedoch schwierig, weil in Friths Mikro-Pansonorama zwar ‚alles da‘, doch zwischen Maximalverdichtung und (Selbst-)Vernichtung so gut wie nichts mehr zu erkennen ist. – Johannes Ullmaier
ca. 1980 – David Hockney, Joiners

In den 1980er Jahren erschafft der britische Maler und Fotograf David Hockney seine aus mehreren Bildern zusammengefügten Fotocollagen, die er Joiners nennt. Dafür benutzt er die nebeneinander liegenden Polaroid-Snaps und später auch 35-mm-Filmabzüge. Solche Collagen, die aus von verschiedenen Perspektiven aufgenommene Fotos eines Gegenstandes zusammengefügt sind und darin strukturelle Prallelen zum analytischen Kubismus in der Malerei zeigen, firmieren als fotografische Technik allgemein unter der Bezeichnung Panografie. Hockneys Motive sind häufig Landschaften, Räume oder auch Porträts. Mit seinen Joiners erforscht Hockney, wie das Sehen und das Wahrnehmen funktionieren. Außerdem möchte er einen anderen Zugang zur Perspektive und Komposition in der Fotografie finden. So hinterfragt etwa seine im Februar 1983 geschaffene Collage Walking In The Zen Garden At The Ryoanji Temple die westliche Sicht auf die fotografische Kunst. Das Bild entsteht aus mehreren einander überlappenden Fotos des japanischen Steingartens, die aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen wurden. Diese Technik, die er später weiterentwickelt, bricht die gewöhnliche Weise, ein Kunstwerk zu betrachten, und zieht den Rezipienten in das Bild hinein. Hockney selbst sagt dazu: „It was an attack on perspective — it was all about the spectator’s being in the picture, not outside it — an attack on the window idea, that Renaissance notion of the painting’s being as if slotted into a wall, which I’d always felt implied the wall and hence separation from the world.“ – Alina Keim / Sofya Sinelnikova
Weblinks:
🖙 The David Hockney Foundation
🖙 David Hockney, Wikipedia Englisch
1977 – Cosmic Zoom in Powers of 10
Der naturwissenschaftsdidaktische Kurzfilm Powers of 10 (USA 1977, R: C. Eames/R. Eames) bewegt sich in einem Zoom bis zu den Enden des Makro- und des Mikrokosmos. Die Kamera blickt von oben auf eine Picknickszene und entfernt sich auf vertikaler Achse in die Höhe. Eine Erzählstimme erklärt, dass das Herauszoomen in Zehnerpotenzen erfolgt (10 m, 100 m, 1000 m, schließlich zehn hoch 24 m). Die aufeinanderfolgenden Bilder führen von den Straßen Chicagos über den Kontinent, die Erde, das Sonnensystem und die Milchstraße bis in die dunkle, leere Weite des Universums. An diesem Wendepunkt angelangt, zoomt der Film rasch zurück an den Ausgangspunkt und beginnt dann in die Haut des Mannes einzutauchen, der auf der Picknickdecke schläft: durch das Gewebe und die Zellen bis zur subatomaren Ebene, wo die virtuelle Kamera die Zoomrichtung erneut ändert und zur Ausgangsszene zurückführt. Da sich der kontinuierliche Zoom über verschiedene ineinanderlaufende Bilder bewegt, ist die dargestellte Welt virtuell und kein realer Raum. So stellt der Film durch sein spielerisches und didaktisches Verfahren für das menschliche Auge unsichtbare Orte dar und ermöglicht eine sukzessiv verlaufende, panoramatische Wahrnehmung der Proportionen des Universums. – Johannes Noss
Literatur / Quellen:
- Tollmann, Vera: Sicht von oben. „Powers of Ten“ und Bildpolitiken der Vertikalität, Leipzig: Spector Books 2023, S. 59–70
Weblinks:
🖙 YouTube
1977 – Magnetresonanztomografie

Magnetfeldbasiertes Bildgebungsverfahren zur Transparentmachung und Erfassung innerkörperlicher Strukturen, das im Unterschied zur Röntgentomografie keine Strahlenbelastung impliziert. Theoretische Grundlegung 1971 durch Paul C. Lauterbur. Die erste MRT-Aufnahme eines menschlichen Körpers gelingt 1977 dem Schotten Raymond Damadian. – Lea-Sophie Dettmann | Johannes Ullmaier
Weblinks:
1977 – Theory of Everything
In einem Vorlesungsskript des Physikers Harald Fritzsch, der zu dieser Zeit am CERN wirkt, findet sich die erste bekannte Erwähnung des auf eine physikalische Gesamtbeschreibung der Welt zielenden, wenngleich nicht auf eine einzelne ‚Weltformel‘ beschränkten Terminus. Anfangs oft skeptisch-ironisch, später aber immer ernsthafter gebraucht, etabliert sich die all-um- und -begreifende Wortchiffre in der Folge für die ausstehende Symbiose der bislang unvermittelten physikalischen Grundlagentheorien. Seit John Eills’ Verwendung in einem Nature-Artikel 1986 scheint sie sich indes zunehmend auf die Vereinigung von starker und schwacher Wechselwirkung zu verengen und den zuvor dafür gebräuchlichen Ausdruck „Grand Unified Theory“ im populären Gebrauch zu verdrängen. Unter panoramatik-begrifflichem Aspekt ist daran vor allem die fließende kognitive Skalierbarkeit der Wendung auf in der Sache äußerst verschiedene Phänomene, Konzepte und Größendimensionen signifikant. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Ellis, John: „The Superstring: Theory of Everything, or of Nothing?“. In: Nature 323 (1986), H. 6089, S. 595–598
Weblinks:
1976 – Saul Steinberg, View of the World from 9th Avenue
Karikaturistische Parodie auf egozentrische Erdansichten: In der US- bzw. New-York-situierten Metropolen-Perspektive auf ‚die ganze Welt‘ erscheinen die 9th und 10th Avenue sehr groß, dahinter aber alles immer grotesker verkleinert und verkürzt, vergleichsweise ‚winzig‘ u. a. „China“, „Japan“ oder „Russia“. – Johannes Ullmaier
Weblinks:
1976 – Computerspiel Colossal Cave Adventure (ADVENT)
Prototypisches Adventure-Spiel: Die Spieler:innen müssen ein Höhlensystem erforschen und ihre Handlungen dabei durch Textbefehle innerhalb einer textbasierten Welt steuern. Effektives Navigieren und das Lösen von Rätseln werden mit Punkten belohnt. ADVENT gilt als eines der ersten Open-World-Spiele, da der Spielablauf für jeden Durchgang einzeln generiert wird und das Auswählen eines anderen Szenarios im Spiel jeweils wieder neue Spielszenarien generiert. Die endlose Erweiterung der Spielwelt wie der Spielstruktur erscheint so als Programm. – Hannah Bartölke
Literatur / Quellen:
- Jerz, Dennis: „Somewhere Nearby is Colossal Cave: Examining Will Crowther’s Original „Adventure“ in Code and in Kentucky“. In: Digital Humanities Quarterly 1 (2007), H. 2
Weblinks:
1975 – Dieter Roth, Zeitschrift für Alles / Review for Everything / Tímarit fyrir Allt
Programmatisch heisst es in der ersten Nummer: „Review For Everything accepts and publishes everything that is submitted. Up to 4 pages from each contributor.“ Ohne Ansehen von Inhalt, Form, Sprache, Qualität oder Prominenz publiziert Dieter Roths Printorgan ab 1975 über zehn prallvolle Ausgaben hinweg (so gut wie) alles, was dort eingesandt wird – und liegt damit gemessen am Schnitt dessen, was zeitgleich oder später insgesamt an Zeitschriften erscheint, auf der Qualitätsskala weit oben. Nachdem die Nummer 10 (1987) schon zwei Teilbände braucht, wird selbst Roth – als wohl größter Copia-Künstler der Moderne – der Fülle nicht mehr Herr und muss die Zeitschrift einstellen. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Roth, Dieter (Hg.): Zeitschrift für Alles / Review for Everything / Tímarit fyrir Allt, Basel/Stuttgart: Dieter Roth Verlag/Edition Hansjörg Meyer 1975
1974 – Heinz Emigholz, Arrowplane
Der Film „stellt die Multiplikation eines Kameraschwenks mit sich selbst dar, angewandt auf drei Landschaften – Wiesenhügel, Stadt und Strand. Die Kamera ist während der Aufnahmen fest an einem Ort montiert. Der Schwenkwinkel beträgt in allen drei Teilen 180 Grad. Auf jedem dritten Grad liegt ein Einstellungspunkt für die Kamera. Fotografiert wurde nur von diesen, auf dem Stativ vorgegebenen Einstellungspunkten aus. Es wurden nur einfach belichtete Einzelbilder aufgenommen.“ Schon die aus Tausenden Einzelbildern zusammengesetzten Filme Schenec-Tady I– III (1972–1974), dem „Great Birnam Wood“ (Macbeth) gewidmet, wenden ein strikt panoramatisches Verfahren an, wobei der Filmemacher allerdings eher an (simultaner) Zeit- als an Raumrepräsentation interessiert ist. Auch Tide (1974) erfasst zur Darstellung von Ebbe und Flut einen „horizontalen Schwenkbereich von 180 Grad“. Er zeigt „eine Simulation zweier symmetrisch entgegengesetzter Schwenkbewegungen, die sich gleichzeitig im Nullpunkt treffen“. – Stefan Ripplinger
Literatur / Quellen:
- Franke, Anselm (Hg.): Counter Gravity. Die Filme von Heinz Emigholz, Köln: König 2022, S. 14–29
1974 – Jean-Marie Straub / Danièle Huillet, Moses und Aron
Der Panoramaschwenk ist ein in den Filmen von Straub und Huillet häufig angewandtes Stilmittel. Am Ende des ersten Aktes von Moses und Aron nach Arnold Schönberg folgt nach Moses’ Worten „Ich kann denken, aber nicht reden“ ein dreiminütiger Schwenk um fast 360 Grad, der die Natur über dem Amphitheater von Alba Fucense zeigt, in dem die Oper spielt. Darauf folgt eine zweiminütige fixe Einstellung auf Berge der Umgebung. Straub sagte, in Moses und Aron sei der „Schwenk stets mit der Idee des Volkes verbunden“. In diesem Fall könnte man in dem Generalschwenk auch einen Verweis auf die Idee von der Allheit Gottes vermuten. – Stefan Ripplinger
Literatur / Quellen:
- Bontemps, Jacques/Bonitzer, Pascal/Daney, Serge: „Conversation avec J.M. Straub et D. Huillet (Moïse et Aron)“. In: Cahiers du cinéma 258/259 (1975), S. 6–24, S. 12 f.