
Die im 10. Jahrhundert in Konstantinopel entstandene Schriftrolle zeigt auf 27 Bildern das Leben Josuas. Sie wird der kaiserlich-byzantinischen Hofschule, womöglich Konstantin VII., zugeordnet. Die 10 m lange Schrift befindet sich heute als Cod. Vat. Palat. gr. 431 in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Es handelt sich um eine hagiografische Übersicht zum Leben Josuas zwischen Tableau und Laufrolle. Obwohl die Grisaillien von mehreren Händen erstellt wurden, ergeben sie eine zusammenhängende Erzählung. Ungewöhnlich ist, dass dieses Werk der byzantinischen Kunst auf die Form der antiken Schriftrolle zurückgreift und nicht als Codex umgesetzt wurde. Durch die Art der Präsentation ergibt sich ein panoramatischer Lebensüberblick. Zudem gehen die Szenen z. T. fließend ineinander über und zeigen mit Himmelskörpern Tag- und Nachtwechsel an. – Antje Schilling
112–113 – Trajanssäule

35 m hohe Ehrensäule von 3,7 m Durchmesser für den römischen Kaiser Trajan (98–117). Auf deren 190 m langem Schraubenreliefband sind in 23 Rundwindungen wimmelbildartige Szenen aus zwei zeitgenössischen Eroberungsfeldzügen gegen die Daker in rahmenlos fortlaufender Aufwärts-Chronologie dargestellt. In seinem monumentalen Selbstverherrlichungs-Panorama erscheint Trajan unter den insgesamt etwa 2500 Figuren selbst 58 mal, mithin teils mehrfach zugleich. Anstelle der den Säulengipfel ursprünglich zusätzlich krönenden Trajanstatue steht seit 1587 eine Bronzestatue des Apostels Petrus. – Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Mithoff, Fritz/Schörner, Günther (Hgg.): Columna Traiani – Trajanssäule. Siegesmonument und Kriegsbericht in Bildern. Beiträge der Tagung in Wien anlässlich des 1900. Jahrestages der Einweihung, 9.–12. Mai 2013, Wien: Holzhausen 2017
- Stefan, Alexandre Simon (Hg.): Die Trajanssäule. Dargestellt anhand der 1862 für Napoleon III. gefertigten Fotografien. Mit einem Beitrag von Hélène Chew, Darmstadt: wbg / Philipp von Zabern 2020
Weblinks:
ca. 8 – Argus in Ovids Metamorphosen
Im ersten Buch von Ovids Metamorphosen wird Argus, Sohn Arestors, als Bewacher der Io eingeführt. Sein Haupt ist von hundert Augen bedeckt, die sich abwechselnd ausruhen und Wache halten, sodass ihm nichts entgehen kann und er zum ultimativen Wächter wird. Nach seiner Ermordung durch Merkur im Auftrag Jupiters werden seine Augen laut der Metamorphose in das Gefieder des Pfaus eingesetzt. Das Pfauenaugenmotiv läuft seither durch die Kunstgeschichte, prominent etwa bei Peter Paul Rubens (1610) oder Salvador Dalí, der das Bild im Zuge der Suite Mythologie 1963/65 radiert und koloriert. – Lea Müller
Literatur / Quellen:
- Ovid: Metamorphosen, Stuttgart: Reclam 1994, Buch I, V 568–688
Weblinks:
ca. -60 – Bildfries, Villa dei Misteri (Pompeji)

Womöglich frühester Beleg einer 360°-Bilddarstellung. Das Fresko in der Villa dei Misteri in Pompeji um 60 v. Chr. ist im reifen Zweiten Stil pompejianischer Malerei gestaltet, 2 m hoch und 20 m lang und deckt alle vier Wände des großen Saals ab. Überlebensgroße menschliche Körper bevölkern verschiedene Szenen, die dem Althistoriker Paul Veyne zufolge eine Einweihung in den bacchantischen Dionysoskult darstellen. – Rebecca Rasp
Literatur / Quellen:
- Veyne, Paul: Das Geheimnis der Fresken. Die Mysterienvilla in Pompeji, Darmstadt: WBG/Philipp von Zabern 2018, S. 13–56
Weblinks:
ca. -375 – Platon, Höhlengleichnis

Zu Beginn des siebten Buchs von Platons Politeía verheißt Sokrates in einprägsamer Gleichnisform den befreienden philosophischen Erkenntnisweg aus der Schattenwelt bloß scheinhafter Gewissheiten ins helle Sonnenlicht unmittelbar erschauter Wahrheit. Ziel ist der Ausgang aus der sinnlich wahrnehmbaren, mit einer unterirdischen Höhle verglichenen Welt der vergänglichen Dinge in die (über)irdische Höhe der unwandelbaren platonischen Ideen. Der individuell zu begehende, aber fortwährend sozial rückgebundene Pfad dorthin umfasst in Platons exemplarischer Beschreibung mehrere Stationen anfänglicher Überforderung und anschließender Sehstärkung durch die im Aufstieg zunehmende Lichtfülle. Am Ende steht die Schau auf das hell erstrahlende Universum der – qua Gleichnislogik mit höchster sinnlicher Eindrücklichkeit und Wirkmächtigkeit bedachten – geistigen Entitäten. In profanerer Ausprägung erscheint das Verlaufsschema des Höhlengleichnisses in vielen, zumal massenkulturellen Medientechniken als einfache Abfolge von verdunkelter Empfangs-, Eingangs- bzw. Aufstiegsphase unter temporärer sensueller Deprivation hin zur momenthaft-lichtvollen Überwältigung beim Betreten bzw. Beginn der jeweils präsentierten Attraktion. Nur dass hier fast nie die Wirklichkeit, sondern gerade deren Illusion enthüllt wird. – Kira Gass | Johannes Ullmaier
Literatur / Quellen:
- Platon: Politeia. Werke in 8 Bänden, Bd. 4, Darmstadt: WBG 1990, S. 554–569