1457–1460 – Fra Mauro, Mappa mundi


Zu Beginn der Frühen Neuzeit fasst die Karte das damalige europäische Wissen über die Welt zusammen. Ausführliche Marginalien erklären u. a., wo die Grenzen der bewohnbaren Erde verlaufen. Die kreisförmige, auf einzelne Pergamentblätter gemalte Karte hat einen Durchmesser von 197 cm und wurde auf eine quadratische Holzplatte (223 × 223 cm) aufgezogen. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Berg, Thomas Reinertsen: Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder, München: dtv 2020, S. 96–99

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Zugleichspräsentation

ca. 1410 – Heinrich Wittenwiler, Ring

Der Autor, wahrscheinlich adliger Jurist am Konstanzer Bischofshof, legt die Intention des Werks im Prolog nach dem Horazischen Motto des prodesse und delectare dar. Seine satirische Präsentation der bäuerlichen Sphäre will er freilich nicht sozial verstanden wissen, sondern im Hinblick auf ethisches Fehlverhalten schlechthin. Die komischen Effekte sollen der menschlichen Schwäche Rechnung tragen, seriöse Belehrung, auf die es eigentlich ankomme, schwerlich in reiner Ausprägung goutieren zu können. Damit den Rezipienten die jeweilige Bezugsebene deutlich wird, kündigt der Verfasser an, die seriös gemeinten Partien mit einer roten Farblinie zu kennzeichnen, die komischen mit einer grünen – was in der einzigen erhaltenen Handschrift auch so durchgeführt ist. Den Titel Ring leitet er aus einem doppelten, materiale All-Erfassung mit formaler Geschlossenheit verbindenden Anspruch ab: nämlich den Belangen des Daseins in der Welt (orbis) umfassend gerecht zu werden und dabei zugleich – im Bild eines edelsteinbesetzten Kleinods (anulus) – einen kostbaren Wissensschatz zu vermitteln. Diesbezüglich werden, der Dreigliederung der Handlung folgend, drei Lebenssphären durchmessen: zunächst die höfische Sphäre, sodann die persönliche Sphäre in ihrer religiösen, ethischen, sozialen und physischen Ausprägung als die gewichtigste, sowie schließlich die politische Konfliktsphäre von Gewalt und Krieg.

Die Erzählung entfaltet in 9699 Versen die Geschichte des plumpen bäuerlichen Helden Bertschi Triefnas. Am Anfang steht seine zwar ungeschickte, letztlich aber doch erfolgreiche Werbung um ein ebenso plumpes Bauernmädchen, in deren Zusammenhang ein Turnier veranstaltet wird, welches, den Voraussetzungen entsprechend, grotesk missrät. Das Hochzeitsfest endet in einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Gästen aus der Nachbargemeinde, die sich ausweitet zu einem großen Krieg. Auf beiden Seiten werden Verbündete gesucht: die großen Städte der damaligen Welt, andere Gemeinden und Regionen, aber auch mythologische Gestalten wie Hexen, Zwerge, Riesen, Personal der Heldenepik. Am Ende steht die Vernichtung von Bertschis sozialer Gemeinschaft. Er selbst rettet sich aus der Katastrophe mit einer radikalen Lebenswende, indem er sich, wie später Grimmelshausens Simplicissimus, als Eremit in den Schwarzwald zurückzieht, wodurch er das ewige Heil gewinnt.

In diesen epischen Rahmen ist eine Fülle von oft weit ausgreifenden didaktischen Sequenzen eingebettet, meist explizit, gelegentlich aber auch indirekt als Umkehrbild der normwidrigen Situation. Bezüglich der höfischen Lebenssphäre werden das traditionelle Ethos, das ästhetische Ideal und die kulturellen Rituale der höfischen Liebe ausgebreitet, ferner die Regeln des ritterlichen Kampfes und speziell des Turniers. Bezüglich der allgemeinen Lebensführung geht es maßgeblich um Wissensinhalte, die von den Grundsätzen des christlichen Glaubens her bestimmt sind: Trinitätsdogma, Erlösungsgedanke, die zehn Gebote, die sieben Sakramente, sieben Todsünden, die Pflichten des Kirchgangs, Beichte, Kommunion, Weisheit und Tugend. Es schließen ausführlichste Ratschläge zur praktischen Lebensführung an. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne weitere Differenzierung seien hinsichtlich der lebenspraktischen Orientierung angeführt: Anzeichen von Schwangerschaft, Für und Wider des Ehestands, richtige Partnerwahl, Arbeit und Vergnügen, Achtsamkeit auf gute Gesundheit, ökonomisches Handeln. Didaktische Aspekte bezüglich der Kriegsführung in der Schlusspartie betreffen vornehmlich die Gesichtspunkte Opportunität, Rechtmäßigkeit, Taktik sowie den Umgang mit Gefangenen.

Höchst signifikant für die Spannweite der Didaxe im Ring ist insbesondere der Umstand, dass in völliger Kontraposition zum Postulat ethisch geleiteten Handelns für den sozial diskreditierenden Fall außerehelicher Defloration detailreich und somit nachvollziehbar eine Praktik des Kaschierens dargelegt wird. Der opportunistische Zweck, den Anschein von Unberührtheit zu simulieren, verschafft in diesem Kontext dem Mittel des Betrugs eine, freilich dubiose, Rechtfertigung. Mit solcher Expansion bis in existenzielle Niederungen konstituiert Wittenwilers Dichtung ein nach spätmittelalterlichen Maßstäben annähernd vollständiges, sogar die Grenze zur Diskrepanz überschreitendes didaktisches Universum – dargeboten als auch formal paradoxer, aber in sich stimmiger ‚Faden-Ring-Gesamtquerschnitt‘ der materialen und moralischen Welt. – Rudolf Voß

Literatur / Quellen:

  • Voss, Rudolf: „Weltanschauung und poetische Totalität in Heinrich Wittenwilers Ring“. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 93 (1971), S. 351–365.
Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, offen, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung

1308 – Raimundus Lullus, Ars brevis

Über mehrere Jahrzehnte hinweg entwickelt der mallorcinische Gelehrte Raimundus Lullus (Ramon Llull) seine Ars combinatoria oder Ars magna: einen philosophisch-theologischen Kalkül, der „die Beantwortung aller Fragen, vorausgesetzt, was man überhaupt wissen kann, ist formulierbar im Begriff“ (Künzel/Bexte, Allwissen und Absturz, S. 34), ermöglichen soll. Am wirkmächtigsten wird die unter dem Titel Ars brevis (1308) bekannte Version. Ernst Bloch hat das damit verfolgte Programm in Das Prinzip Hoffnung so charakterisiert: „Die Lullische Kunst wollte […] eine Anleitung geben zur Auffindung des an jedem Gegenstand kategorial Bestimmbaren, wissenschaftlich Unterscheidbaren, Verbindbaren, Beweisbaren. Und die Hoffnung des Lullus eben war: die Kombinationsmaschine des Wissens umzirkelt und erschöpft jede überhaupt nur sinnvoll mögliche Abwandlung der Erkenntnis. Sie demonstriert buchstäblich ad oculos, dergestalt, daß der Wißbegierige die erzrationalistische Ableitung der Einzelbestimmungen aus Ideen auch sehen, nicht nur einsehen kann.“ (Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 2/761) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974
  • Künzel, Werner/Bexte, Peter: Allwissen und Absturz. Der Ursprung des Computers, Frankfurt am Main/Leipzig: Insel 1993
  • Lullus, Raimundus: Ars brevis [1308], Hamburg: Meiner 2001

Weblinks:

🖙 Deutsches Historisches Museum

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Buch, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, geschlossen, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Laufpräsentation, Mythos/Religion, offen, Organisation, panoramatische Diskursform, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, visuell, Wissenschaft, Zeichnung, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 1300 – Hereford-Karte


Mappa mundi, die eine christlich überformte Draufsicht auf den Erdkreis bietet: in der Mitte Jerusalem, am Außenrand Groteskes und Fiktives. Durch die Anordnung zahlreicher heilsgeschichtlicher Stationen in der Kreisfläche entsteht eine Art Gesamtschau und zugleich Gesamtchronik der Welt. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Map. Karten. Die Welt Entdecken, Hamburg: Edel Books 2015, S. 13

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Zugleichspräsentation

ca. 1300 – Ebstorfer Weltkarte


Größte und bekannteste der mittelalterlichen mappae mundi; im Zentrum wie stets Jerusalem. Die im Benediktinerinnenkloster Ebstorf gefundene Karte bildet mehr als 2300 Text- und Bildeinträge ab. Das Original der im Durchmesser ca. 3,57 m großen Radkarte verbrannte im Zweiten Weltkrieg 1943. Überliefert sind aktuell nur unvollständige Reproduktionen. – Hannah Rex

Literatur / Quellen:

  • Kugler, Hartmuth (Hg.): Die Ebstorfer Weltkarte, Berlin: Akademie Verlag 2007
  • Map. Karten. Die Welt Entdecken, Hamburg: Edel Books 2015, S. 148

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Großtableau, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, Rundbild, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Weltkarte, Zugleichspräsentation

ca. 1250 – Rudolf von Ems, Weltchronik


Erster, unvollendet gebliebener Versuch einer deutschsprachigen Gesamtgeschichtschronik. Grundlage ist die biblische Weltzeitalterlehre. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Rudolf von Ems: Weltchronik, 2. Aufl., Dublin: Weidmann 1967
  • Gamper, Rudolf/Fuchs, Robert/Oltrogge, Doris u. a.: Die Weltchronik des Rudolf von Ems – und ihre Miniaturen, Oppenheim am Rhein: Nünnerich-Asmus Verlag & Media 2022

Weblinks:

🖙 Digitalisat im bavarikon

Schlagwörter: Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik

1247 – Sternkarte von Wang Zhiyuan

Die in Granit gestochene Planisphäre verzeichnet 1436 Sterne in 280 Konstellationen. Sie beruht auf einer ca. 50 Jahre älteren, verschollenen Vorlage, die den gesamten von China aus wahrnehmbaren Sternenhimmel zeigt. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Stephenson, F. Richard: „Chinese and Korean star maps and catalogs“. In: The History of Cartography, Bd. 2, hg. von J. B. Harley und David Woodward, Chicago: University of Chicago Press 1994, S. 511–578
Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Diagramm, Didaktik, Draufblick, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Halbkugel, Karte, Leporello, Medialpanoramatik, mimetisch, Organisation, Rundbild, schematisch, symbolisch, Technik, Weltkarte, Wissenschaft, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. 1150 – Muhammad al-Idrisi, Buch des Roger


Das im Auftrag des Normannenkönigs Roger II. auf Sizilien angefertigte Kompendium (Das Vergnügen dessen, der sich nach Durchquerung der Länder sehnt) enthält 70 Teilkarten sowie Erläuterungen, die das gesamte damals zugängliche geografische Wissen synthetisieren sollen. Die darauf beruhende, auf eine Silberscheibe gravierte Weltkarte (ca. 3,5 × 1,5 m) ist nicht erhalten. – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 73–86
Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtkompendium, Gesamtprojektion, Karte, Leporello, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Unterhaltung, Weltatlas, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. 900–999 – Josua-Rolle


Die im 10. Jahrhundert in Konstantinopel entstandene Schriftrolle zeigt auf 27 Bildern das Leben Josuas. Sie wird der kaiserlich-byzantinischen Hofschule, womöglich Konstantin VII., zugeordnet. Die 10 m lange Schrift befindet sich heute als Cod. Vat. Palat. gr. 431 in der Biblioteca Apostolica Vaticana. Es handelt sich um eine hagiografische Übersicht zum Leben Josuas zwischen Tableau und Laufrolle. Obwohl die Grisaillien von mehreren Händen erstellt wurden, ergeben sie eine zusammenhängende Erzählung. Ungewöhnlich ist, dass dieses Werk der byzantinischen Kunst auf die Form der antiken Schriftrolle zurückgreift und nicht als Codex umgesetzt wurde. Durch die Art der Präsentation ergibt sich ein panoramatischer Lebensüberblick. Zudem gehen die Szenen z. T. fließend ineinander über und zeigen mit Himmelskörpern Tag- und Nachtwechsel an. – Antje Schilling

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: (Aus-)Faltung, Ästhetik, Bild, bildvisuell, Buch, Denkmal, Didaktik, Draufblick, fiktional, geordnet, Gesamtprojektion, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, Panoramabild, Rahmenexpansion, schematisch, symbolisch, Text, textuell, Überbreite, Unterhaltung, Zeitensynopse, Zugleichspräsentation

ca. 630 – Isidor von Sevilla, Etymologiae sive Origines


In der Abtei von Sevilla, im westgotischen Reich rund um Toledo, stellt Isidor das gesamte verfügbare Wissen seiner Zeit in dem „Grundbuch des ganzen Mittelalters“ zusammen, das „nicht nur den Wissensbestand für acht Jahrhunderte gültig festgelegt, sondern auch deren Denkform geprägt“ hat (Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, S. 487). Die zwanzig Bücher des Kompendiums umfassen neben den sieben artes liberales auch die verschiedensten ‚unfreien‘ Wissenschaften und Handwerke, die mit der Verfertigung von Gebrauchsgegenständen und vielen anderen alltagsrelevanten Dingen befasst sind: Medizin, Theologie, Baukunst, Landwirtschaft usw. Die Enzyklopädie trägt den, wenngleich nicht auktorial verbürgten, Titel Etymologiae zurecht, weil das etymologische Verfahren das gesamte Wissen organisiert. Leitende Prämisse: Kann man den Ursprung der Wörter erklären, so versteht man auch den der mit ihnen bezeichneten Sachen. Der Überblick über das Ganze der Sprache ist damit eo ipso auch einer über das Ganze der Welt. – Robert Stockhammer

Literatur / Quellen:

  • Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen/Basel: Francke 1993
  • Isidor von Sevilla: Etymologiae sive Origines. Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, Wiesbaden: Marix 2008
Schlagwörter: Ästhetik, Buch, Didaktik, Enzyklopädie, faktual, Gesamtkompendium, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, Text, textuell, Zugriffspräsentation