ca. -150 – Globus


Römischen Quellen zufolge baut Krates von Mallos um 150 v. Christus erstmals ein überschaubar verkleinertes Modell der Erdkugel und damit den ersten Erdglobus, wobei es Kugelrepräsentationen erdnaher Planeten, sogenannte Planetgloben, schon zuvor gegeben haben soll. Bis ins 19. Jahrhundert werden Erdglobus und zugehöriger Himmelsglobus oft paarweise her- und aufgestellt. Im Unterschied zur Welt- bzw. Himmelskarte ist der Globus form-, flächen-, winkel- und längengetreu, erlaubt dafür aber nicht, die gesamte Erdoberfläche bzw. Himmelsbreite auf einmal in den Blick zu nehmen. – Naemi Dittes

Literatur / Quellen:

  • Stockhammer, Robert: Erdliteratur. Zur kritischen Beobachtung von Weltkonstruktionen, Göttingen / Konstanz: Wallstein / UVK 2023, 92–95

Weblinks:

🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Globus, haptisch, Karte, Kugel, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Medientechnik, mimetisch, Organisation, schematisch, Skulptur, Technik, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

-200 – König Philipp von Makedonien besteigt den Haemus

Der makedonische König Philipp habe, so berichtet Livius in seiner römischen Universalgeschichte Ab urbe condita, den Haemus besteigen wollen, „weil er der allgemeinen Meinung Glauben beimaß, man könne dort zugleich das Pontische und Hadriatische Meer, die Donau und die Alpen sehen; und er versprach sich von dieser Übersicht für seinen Plan zu einem Römischen Kriege Winke von Entscheidung“ (Livius 40,21). Doch je höher Philipp und seine Begleiter kommen, desto weniger können sie offenbar sehen; sie geraten in immer dichteren Wald, werden zudem von Nebel überrascht, und der Weg wird so beschwerlich, „als machten sie ihn bei Nacht. Erst am dritten Tage gelangten sie auf den Gipfel. Nach ihrer Herabkunft ließen sie den gemeinen Glauben ohne allen Widerspruch; vermuthlich mehr, um einem Spotte über ihre vergebliche Reise zu entgehen, als dass sie wirklich die Meere, Gebirge und Ströme auf so entgegengesetzten Punkten zugleich von diesem einzigen Standorte hätten sehen können.“ (Livius 40,22). Somit kulminiert diese Urszene der Realpanoramatik – noch Petrarca wird sich von Livius’ Textstelle zu seiner Besteigung des Mont Ventoux inspiriert sehen – in signifikanter Bedeutungslosigkeit. Dass Philipp den bald darauffolgenden Krieg gegen die Römer verlieren würde, wer hätte es kommen sehen? – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Livius, Titus: Römische Geschichte, Braunschweig: Friedrich Vieweg 1821

Weblinks:

🖙 Projekt Gutenberg

Schlagwörter: faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Naturpanorama, Organisation, Realpanoramatik, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, visuell, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation

ca. -250 – Turmbau zu Babel im Alten Testament

Der biblische Bericht vom Turmbau zu Babel (Gen 11, 1–9) ist eine der bekanntesten Erzählungen des Alten Testaments. Darin beginnt ein Volk aus dem Osten, welches „die eine“ heilige Sprache spricht, in der Ebene des Landes Schinar einen Turm zu bauen, der mit seiner Spitze bis zum Himmel reichen soll, was traditionell als Versuch der Menschheit gedeutet wird, sich Gott gleichzustellen, indem man sich zu dessen himmlischer Überschau-Perspektive hocharbeitet. Gott sabotiert dieses Vorhaben durch die babylonische Sprachverwirrung: Wo zuvor alle Menschen ein gemeinsames Zentrum und eine universale Verständigungsbasis hatten, sind sie nun in alle Welt verstreut und verstehen einander nicht mehr. Realgeschichtlich wird der Turmbau heute am ehesten mit der Zikkurat Etemenanki in Verbindung gebracht. – Caroline Klein

Literatur / Quellen:

  • Wadler, Arnold: Der Turm von Babel [1935], Wiesbaden: Fourier Verlag 1980
  • Katholische Bibelanstalt (Hg.): Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Freiburg im Breisgau: Herder 2016, Gen 11, 1–9
Schlagwörter: Bauwerk, Denkmal, Didaktik, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, Organisation, Rundbau, symbolisch, Technik, Text, textuell

ca. -250 – Maya-Kalender

Bevor die mächtigsten monotheistischen Kulturtraditionen sich für lange Zeit dogmatisch auf eine lineare und beidseitig geschlossene Gesamtweltzeitordnung in der Größenordnung einiger Jahrtausende festlegen, beginnen die Maya, ein Kalendersystem mit mehreren, im Prinzip offnen Zyklen (Tzolkin/Haab/Long Count) zu entwickeln, deren ausgreifendste Kombination sich nur alle 374.152 Jahre wiederholt. Ihre idealpanoramatische Differenziertheit und größere Nähe zu den heute bekannten kosmischen Zeitdimensionen bleibt gegen die reale Barbarei der christlichen Conquistadoren jedoch machtlos. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Lenz, Hans: Universalgeschichte der Zeit, Wiesbaden: Marix 2005, S. 326–332

Weblinks:

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🖙 Kurzeinführung

Schlagwörter: Denkmal, Diagramm, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtdiagramm, geschlossen, Idealpanoramatik, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, offen, Organisation, schematisch, symbolisch, Technik, textuell, Universalchronik, Wissenschaft, Zeitensynopse, Zugriffspräsentation

ca. -285 – Bibliothek von Alexandria

Bedeutendste antike Bibliothek und Urbild einer Universalbibliothek. Angelegt wird sie gegen Anfang des dritten Jahrhunderts vor Christus im Palastbezirk der Stadt, als deren Weltwunder ca. zeitgleich der höchste Leuchtturm der Antike errichtet wird. In ihrer Blütephase verfügt sie über den wohl umfangreichsten vor der Neuzeit je zusammengetragenen Bestand an Schriften und Schriftrollen, auch wenn dessen Größe, da bis heute keine Überreste der Bibliothek identifiziert werden konnten, nicht genau zu ermessen ist. Dass sie aber existiert haben muss, geht aus vielen antiken Zeugnissen hervor. Antike und mittelalterliche Autoren sprechen von 400.000 bis 700.000 Schriftrollen, die US-amerikanischen Althistoriker und Papyrologen Roger S. Bagnall und Rudolf Blum gehen von um die 50.000 aus. Institutionell ist die Bibliothek eng mit dem Museion, dem Wissenschaftszentrum von Alexandria, verknüpft und dient vor allem Forschungszwecken, aber auch zur Machtdemonstration der Ptolemäer, welche sie im Zuge des Ausbaus von Alexandria zum neuen Zentrum der griechischen Wissenschaft maßgeblich mitfinanzieren. Mit obsessiver, teils bis zu Raub und Täuschung reichender Wucht manifestiert sich hier über Generationen hinweg das Begehren, das Gesamtschrifttum der Welt einschließlich aller Sprachen, Disziplinen, Gattungen und Epochen sowie in allen verschiedenen Fassungen und Versionen zu vereinen und zu verwalten. In gemäßigter Form trägt es seither alle Großbibliotheks-Unternehmungen, paradigmatisch etwa die Library of Congress, und kulminiert von 2004 bis 2019 online-digital erneut in Google Books. Die in Alexandria unter Schirmherrschaft der UNESCO neu errichtete und 2002 eröffnete Bibliotheca Alexandrina bietet acht Millionen Buchstellplätze und spiegelt zudem das Internet Archive. – Caroline Klein | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Casson, Lionel: Bibliotheken der Antike [2001], Düsseldorf/Zürich: Artemis & Winkler 2002, S. 49–71

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🖙 Wikipedia Leuchtturm

Schlagwörter: Bauwerk, Bild, Buch, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtarchiv, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Karte, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Medientechnik, offen, Organisation, schematisch, Speicher, symbolisch, Technik, Text, Unterhaltung, Wissenschaft, Zugriffspräsentation

ca. -375 – Platon, Höhlengleichnis


Zu Beginn des siebten Buchs von Platons Politeía verheißt Sokrates in einprägsamer Gleichnisform den befreienden philosophischen Erkenntnisweg aus der Schattenwelt bloß scheinhafter Gewissheiten ins helle Sonnenlicht unmittelbar erschauter Wahrheit. Ziel ist der Ausgang aus der sinnlich wahrnehmbaren, mit einer unterirdischen Höhle verglichenen Welt der vergänglichen Dinge in die (über)irdische Höhe der unwandelbaren platonischen Ideen. Der individuell zu begehende, aber fortwährend sozial rückgebundene Pfad dorthin umfasst in Platons exemplarischer Beschreibung mehrere Stationen anfänglicher Überforderung und anschließender Sehstärkung durch die im Aufstieg zunehmende Lichtfülle. Am Ende steht die Schau auf das hell erstrahlende Universum der – qua Gleichnislogik mit höchster sinnlicher Eindrücklichkeit und Wirkmächtigkeit bedachten – geistigen Entitäten. In profanerer Ausprägung erscheint das Verlaufsschema des Höhlengleichnisses in vielen, zumal massenkulturellen Medientechniken als einfache Abfolge von verdunkelter Empfangs-, Eingangs- bzw. Aufstiegsphase unter temporärer sensueller Deprivation hin zur momenthaft-lichtvollen Überwältigung beim Betreten bzw. Beginn der jeweils präsentierten Attraktion. Nur dass hier fast nie die Wirklichkeit, sondern gerade deren Illusion enthüllt wird. – Kira Gass | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Platon: Politeia. Werke in 8 Bänden, Bd. 4, Darmstadt: WBG 1990, S. 554–569

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🖙 Wikipedia

Schlagwörter: Allwahrnehmung, bildvisuell, Didaktik, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. -425 – Herodot, Historien


Erster überlieferter Versuch, die ganze bis dato bekannte Geschichte aller bis dato bekannten Völker zu vermitteln. Der „Vater der Geschichtsschreibung“ (Cicero) ist damit zugleich der erste Global- und Universalgeschichtsschreiber. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Herodot: Historien, Zürich: Artemis Winkler 1994

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Schlagwörter: Buch, Denkmal, Didaktik, faktual, geordnet, Gesamtkompendium, Idealpanoramatik, Laufpräsentation, Medialpanoramatik, Organisation, symbolisch, Text, textuell, Universalchronik, Unterhaltung, Wissenschaft

ca. -600 – Allsicht Gottes (Altes Testament)

Der Psalm 139 handelt von der Allgegenwärtigkeit und Allsicht Gottes. „HERR, du erforschest mich und kennest mich. 2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. 4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Als Transzendenz-Pol totaler Panoramatik birgt die –– hier egozentrisch pointierte, aber später in jede Richtung ausdifferenzierte – Idee der Allumfänglichkeit göttlicher All-Gegenwart heikle, doch zugleich produktive Paradoxien bzw. Redundanzen: Gott registriert ‚alles‘ sowohl sinnesmodal von außen („siehst alle meine Wege“) wie von innen („verstehst meine Gedanken“), „von ferne“ wie aus nächster Nähe („umgibst […] mich von allen Seiten“). Die hierin angelegte Spannung zwischen tendenziell panoptischen und tendenziell pantheistischen Zuschreibungen entfaltet sich in der weiteren Geschichte der Gottes-Konzeptionen zu faszinierender Vorstellungs- und Meinungsbreite, die sich, wenngleich zunehmend mittelbar, auch in der Mediengeschichte panoramatischer Registratur- und Präsentationsformen niederschlägt. – Lara Schüler | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Katholische Bibelanstalt (Hg.): Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Freiburg im Breisgau: Herder 2016, Ps 139,1–5
Schlagwörter: Allwahrnehmung, audiovisuell, bildvisuell, Blicktransparenz, Didaktik, faktual, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, haptisch, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. -600 – Augenübersäter Thronwagen Gottes, Altes Testament

Im Buch Ezechiel (1,15–18) wird der Thronwagen Gottes beschrieben. Er hat vier Räder, die überall Augen haben: „Ich schaute auf die lebenden Wesen und siehe: Neben den lebenden Wesen mit ihren vier Gesichtern war je ein Rad auf dem Boden. 16 Die Räder sahen aus, als seien sie aus Chrysolith gemacht. Alle vier Räder hatten die gleiche Gestalt. Sie waren so gemacht, dass es aussah, als laufe ein Rad mitten im andern. 17 Sie konnten nach allen vier Seiten laufen und brauchten sich nicht umzuwenden, wenn sie gingen. 18 Und ihre Felgen waren hoch und Furcht erregend; ihre Felgen waren voller Augen, ringsum bei allen vier Rädern.“ – Lara Schüler

Literatur / Quellen:

  • Katholische Bibelanstalt (Hg.): Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Freiburg im Breisgau: Herder 2016: Ez 1,15–18
Schlagwörter: Allwahrnehmung, Ästhetik, Draufblick, Fernblick, fiktional, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, Skulptur, symbolisch, Text, textuell

ca. -650 – Babylonische Weltkarte


Die auf einer Tontafel überlieferte Karte zeigt erstmals das Bild der Welt in einer Art Draufsicht. Trotz ihrer geringen Abmessung (12,2 × 8,2 cm) enthält sie bereits „alle Aspekte der Darstellung, die auch für spätere Weltkarten charakteristisch sind: die Ordnung der Welt in einem planimetrischen Muster aus Kreisen, Rechtecken und Linien, die Beschreibung des Unbekannten an ihren Rändern als mystisch und bedrohlich und die Verbindung des Weltbildes mit einer Kosmogonie, der Entstehung und Schaffung der Erde“. (Oswalt, Weltkarten – Weltbilder, S. 33) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 33–43

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Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation