ca. -375 – Platon, Höhlengleichnis


Zu Beginn des siebten Buchs von Platons Politeía verheißt Sokrates in einprägsamer Gleichnisform den befreienden philosophischen Erkenntnisweg aus der Schattenwelt bloß scheinhafter Gewissheiten ins helle Sonnenlicht unmittelbar erschauter Wahrheit. Ziel ist der Ausgang aus der sinnlich wahrnehmbaren, mit einer unterirdischen Höhle verglichenen Welt der vergänglichen Dinge in die (über)irdische Höhe der unwandelbaren platonischen Ideen. Der individuell zu begehende, aber fortwährend sozial rückgebundene Pfad dorthin umfasst in Platons exemplarischer Beschreibung mehrere Stationen anfänglicher Überforderung und anschließender Sehstärkung durch die im Aufstieg zunehmende Lichtfülle. Am Ende steht die Schau auf das hell erstrahlende Universum der – qua Gleichnislogik mit höchster sinnlicher Eindrücklichkeit und Wirkmächtigkeit bedachten – geistigen Entitäten. In profanerer Ausprägung erscheint das Verlaufsschema des Höhlengleichnisses in vielen, zumal massenkulturellen Medientechniken als einfache Abfolge von verdunkelter Empfangs-, Eingangs- bzw. Aufstiegsphase unter temporärer sensueller Deprivation hin zur momenthaft-lichtvollen Überwältigung beim Betreten bzw. Beginn der jeweils präsentierten Attraktion. Nur dass hier fast nie die Wirklichkeit, sondern gerade deren Illusion enthüllt wird. – Kira Gass | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Platon: Politeia. Werke in 8 Bänden, Bd. 4, Darmstadt: WBG 1990, S. 554–569

Weblinks:

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Schlagwörter: Allwahrnehmung, bildvisuell, Didaktik, Gesamtprojektion, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, Rahmenexpansion, symbolisch, Text, textuell, unbegrenzte Allheit, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. -600 – Allsicht Gottes (Altes Testament)

Der Psalm 139 handelt von der Allgegenwärtigkeit und Allsicht Gottes. „HERR, du erforschest mich und kennest mich. 2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. 3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. 4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht alles wüsstest. 5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Als Transzendenz-Pol totaler Panoramatik birgt die –– hier egozentrisch pointierte, aber später in jede Richtung ausdifferenzierte – Idee der Allumfänglichkeit göttlicher All-Gegenwart heikle, doch zugleich produktive Paradoxien bzw. Redundanzen: Gott registriert ‚alles‘ sowohl sinnesmodal von außen („siehst alle meine Wege“) wie von innen („verstehst meine Gedanken“), „von ferne“ wie aus nächster Nähe („umgibst […] mich von allen Seiten“). Die hierin angelegte Spannung zwischen tendenziell panoptischen und tendenziell pantheistischen Zuschreibungen entfaltet sich in der weiteren Geschichte der Gottes-Konzeptionen zu faszinierender Vorstellungs- und Meinungsbreite, die sich, wenngleich zunehmend mittelbar, auch in der Mediengeschichte panoramatischer Registratur- und Präsentationsformen niederschlägt. – Lara Schüler | Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Katholische Bibelanstalt (Hg.): Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Freiburg im Breisgau: Herder 2016, Ps 139,1–5
Schlagwörter: Allwahrnehmung, audiovisuell, bildvisuell, Blicktransparenz, Didaktik, faktual, Fernblick, fiktional, Gesamtprojektion, haptisch, Idealpanoramatik, Inhaltspanoramatik, Konzept/Idee, Mythos/Religion, symbolisch, Text, textuell, Überwachung, unbegrenzte Allheit, Zugleichspräsentation, Zugriffspräsentation

ca. -650 – Babylonische Weltkarte


Die auf einer Tontafel überlieferte Karte zeigt erstmals das Bild der Welt in einer Art Draufsicht. Trotz ihrer geringen Abmessung (12,2 × 8,2 cm) enthält sie bereits „alle Aspekte der Darstellung, die auch für spätere Weltkarten charakteristisch sind: die Ordnung der Welt in einem planimetrischen Muster aus Kreisen, Rechtecken und Linien, die Beschreibung des Unbekannten an ihren Rändern als mystisch und bedrohlich und die Verbindung des Weltbildes mit einer Kosmogonie, der Entstehung und Schaffung der Erde“. (Oswalt, Weltkarten – Weltbilder, S. 33) – Bernd Klöckener

Literatur / Quellen:

  • Oswalt, Vadim: Weltkarten – Weltbilder. Zehn Schlüsseldokumente der Globalgeschichte, Stuttgart: Reclam 2015, S. 33–43

Weblinks:

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Schlagwörter: Bild, bildvisuell, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Karte, Medialpanoramatik, Mythos/Religion, schematisch, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. -3900 – Himmelsscheibe von Nebra


Älteste bekannte Abbildung des Himmels. – Johannes Ullmaier

Literatur / Quellen:

  • Berger, Klaus/Beinert, Wolfgang/Wetzel, Christoph u. a.: Bilder des Himmels. Die Geschichte des Jenseits von der Bibel bis zur Gegenwart, Freiburg i. B.: Herder 2006, S. 55

Weblinks:

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Schlagwörter: Ästhetik, Bild, bildvisuell, Denkmal, Didaktik, Draufblick, faktual, Gesamtprojektion, Inhaltspanoramatik, Karte, Medialpanoramatik, mimetisch, Mythos/Religion, schematisch, Weltkarte, Wissenschaft, Zugleichspräsentation

ca. -4900 – Erste „Sternwarte“


Die 1991 entdeckte Kreisgrabenanlage von Goseck in Sachsen-Anhalt gilt als frühester archäologisch belegter Ort systematischer Himmelsbeobachtung. Sie besteht aus einem kreisförmigen Graben mit einem Durchmesser von ca. 70 m und ist von einem Wall umgeben. Im Inneren des Grabens befinden sich vier Tore, die in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. 2005 wurde das Bauwerk rekonstruiert und als Besichtigungsort eröffnet. – Maureen Seyfarth | Johannes Ullmaier

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🖙 Sonnenobervatorium Goseck

Schlagwörter: Bauwerk, bildvisuell, Denkmal, faktual, Fernblick, Gesamtprojektion, geschlossen, Medientechnik, Mythos/Religion, Naturpanorama, Realpanoramatik, Rundband, Rundbau, Technik, Zentralblickpunkt, Zugleichspräsentation