Überblick der Überblicke – Info


Alles von vorn

Aus fächerübergreifenden Seminarkooperationen von Roman Mauer, Johannes Ullmaier und Clara Wörsdörfer erwuchs 2022 die Idee zu einer interdisziplinären Tagung, die im Frühjahr 2023 an der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität stattfand. Daraus resultierte 2025 der Sammelband Alles im Blick. Perspektiven einer intermedialen Panoramatik. Wie im Titel angezeigt, geht es dort nicht nur um das traditionelle Panorama, wie es von Robert Barker 1787 als 360°-Gemälde patentiert und popularisiert wurde, sondern vor allem darum, diese Medientechnik und das bald damit verknüpfte Label ‚Panorama‘ als Kristallisationspunkt einer medienübergreifenden Panoramatik oder auch Pan-Präsentatorik zu sehen, die alle Manifestationen eines hypothetisch anzunehmenden Begehrens nach All-Umfassung einschließt. Deren Entwicklungsspur reicht weit zurück und mäandert breit in die Gegenwart.

Alles wollen

Dass dieser Pan-Impuls eine anthropologische Konstante oder gar ein Urtrieb sei, scheint eher zweifelhaft, denn augenscheinlich ist er in verschiedenen Menschen(gruppen), Medien und Epochen nach Art und Grad sehr unterschiedlich ausgeprägt. Doch wo immer er aktiv scheint, zeigen sich zwei spannungsvolle Dualitäten: erstens eine (allzu)menschliche von Rationalität und Mythos und zweitens eine medienphänomenologische des Alles-Registrieren-&-Zeigen(wollen)s einerseits und des Total-Eintauchen(wollen)s andererseits. Je nach funktionalem und historischem Kontext können sich so nicht nur Praxissinn, Schönheitssinn und Wahnsinn, sondern auch Allpräsentation und Immersion in unterschiedlichen Gewichtungen und zu ganz verschiedenen Koalitionen und Antagonismen ausformen. Was davon sichtbar wird, wirkt auf den ersten Blick so kunterbunt wie der reale ‚Panorama‘-Wortgebrauch, der von Anfang an zu allem drängt, was Perspektiv(er)weite(rung) verspricht. Indes rückt so auch vieles, was nie ‚Panorama‘ hieß, mit in den Blick, sofern es via Rahmen-Ausweitung oder All-Einrahmung perspektivisch auf (ein) Alles zielt.


Alles auf Papier

Im Zuge der redaktionellen Arbeit am Tagungsband lag es nah, panoramatische Erscheinungen, zumal solche, die im Buch sonst nirgends vorkommen, en passant zu notieren – erst bloß kursorisch, bald aber koordiniert, kooperativ und in der Absicht, sie in einer eigenen Sektion zu präsentieren. Als Attraktor dieser heuristischen Bestandsaufnahme schälte sich alsbald das (selbst panoramatische und entsprechend unerreichbare) Ziel heraus, die bislang nie oder nur vereinzelt zusammengesehenen Resultate, Ereignisse und Verläufe menschlichen Alles-in-den-Blick-Bekommen(wollen)s, wenn schon nicht vollständig, so doch in ihrer Fülle und Diversität zu dokumentieren. Als Präsentationsstruktur empfahl sich eine chronologische Auflistung von Wegmarken und Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der All-Präsentation(skunde). Dabei teilen sämtliche Beiträge, so verschieden sie sonst sind, folgende Basiselemente: (möglichst) jahres-genaue Datierung, kompakte Phänomencharakterisierung und Quellenverweise. Der bis Ende 2024 erreichte (Zwischen-)Stand findet sich am Schluss des Buchs unter dem Titel „Überblick der Überblicke. Erstversuch einer Chrono-Enzyklopädie zur allgemeinen Panoramatik“ auf den Seiten  653–778. Er umfasst ca. 350 Einträge: von einer zu vermutenden Sternwarte um 5000 v. Chr. über die Bibliothek von Alexandria, die Schedelsche Weltchronik und den Laplaceschen Dämon bis zur Eröffnung des Georama-Spektakels The Sphere in Las Vegas im Jahr 2023.


Alles im Netz

Selbst einem panoramatischen Impuls entsprungen, war das Projekt von Anfang an im Doppelsinn hybrid: einmal, weil sein All-Präsentationsversprechen (wie fast alle, die es kompiliert) real nie einzulösen ist; vor allem aber, weil es von Beginn an nicht nur für den Druck gedacht war, sondern auch für eine online-mediale Darstellung. Konkret soll(te) der Datensatz in die Herodot-Version der Synchronoptischen Weltgeschichte von Arno Peters integriert werden, die ihrerseits in eine Wiki eingebettet ist. So würde er als Spur in der allgemeinen Weltgeschichte sichtbar und mit dieser korrelierbar, was markante Perspektiverweiterungen mit sich brächte, nicht nur bezüglich der jeweiligen historischen Epochenkontexte, sondern auch durch die Verbindung mit einer umfangreichen Verschlagwortung, Geodaten u.v.m. Diese Integration steht weiterhin an, erfordert jedoch mehr Zeit und Ressourcen, als im Zuge der Projektfortschreibung und Buchpublikation (bis Oktober 2025) verfügbar waren. Als Zwischenlösung wird der Überblick deshalb der hier als Liste präsentiert. Vom Buch behält er einstweilen die sukzessive Form, bietet jedoch ein Mehr an Material, Bewegung und Struktur: mehr Einträge, mehr Informationen und Erkundungswege mithilfe von Links und Schlagwörtern, dazu dynamische Erweiterungs- und Verbesserungsoptionen.


Aller Anfang ist schwer

Auch in ihrer digitalen Fortentwicklung wird die Sammlung, gleich in welchem Stadium, Einwände hervorrufen, wirkt sie doch – auch über das konzeptionell Unausbleibliche hinaus – sehr heterogen: Erwartbares und Allbekanntes findet sich neben Erklärungsbedürftigem und Entlegenem, Kanonisches neben Pop- und Alltagskulturellem, eingehende Beschreibungen und Mikroessays wechseln mit knappen Fingerzeigen. Das rührt nicht zuletzt aus der dezentralen Bearbeitung, die sich einer Verkettung glücklicher Umstände verdankt, aber unter uneinheitlichen Bedingungen stattfand (und wohl weiterhin stattfinden wird). Zwar entspricht die bunte Fülle, die sich so ergeben hat (und weiter wächst), durchaus dem Gegenstand, doch bleiben allfällige Desiderate nach wie vor akut: Wichtige Großbereiche wie Politik, Verwaltung, Philosophie, Mystik, Musik, Fotografie, Mnemotik, Innendesign etc. sind ebenso unterrepräsentiert wie außerokzidentale Kulturen. Datierungen, Prioritäten, Klassifikationen, Standards und Begrifflichkeiten schwanken. Einschlägige Phänomene, die im Sammelband behandelt werden, sind teils (noch) nicht integriert. Andererseits wird sich derzeit kaum ein breiterer „Überblick der Überblicke“ finden. Und solange er einen wachsenden Eindruck davon gibt, was alles auf (ein) ‚Alles‘ zielen kann, bleibt sein Zweck laufend erfüllt.


Später war alles besser

Jeder Stand, den man hier vorfindet, ist zugleich Ausgangspunkt für Verbesserungen und Ergänzungen, die online periodisch vorgenommen werden. Konkrete Vorschläge zur Behebung vorhandener Mängel und Schließung substantieller Lücken sind jederzeit willkommen: von punktuellen Korrekturen und Literaturhinweisen über die Einbringung zusätzlicher Aspekte oder Überarbeitung auf verbesserter Kenntnisgrundlage bis hin zur vollständigen Erstellung neuer Einträge oder gar ganzer Sektionen. Zwar bleibt die vollständige Allschau aller Allschauen für immer Aufgabe des jeweils nächsten Updates, doch ist derzeit noch Luft nach überall.